Geistesgeschichte (Romanprojekt)

Dienstag, 28. Juli 2009

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 24

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Roman von Anfang an lesen


An Satoko gab es weiterhin nichts Bemerkenswertes außer der Angst, die wie eine transparente Art von Akne auf ihrem Gesicht lag und die Linien ihrer Lippen, die Nasenwinkel und die wassergrünen Ringe um die Augen mit einem strengen, häßlichen Ernst schraffierte. Da wir einander wenig zu erzählen hatten und unsere beiden Leben nur durch Mahlzeiten und Fernsehabende verknüpft waren, wollte ich wenigstens diese Angst besser kennenlernen. Ich stellte mir vor, daß ein Durchschnittsmensch auch eine durchschnittliche Angst empfinden müsse – eine kleine, fest zusammengepreßte Finsternis irgendwo am Rand der sonst gleichmäßigen teppichbeigen Helle des Alltäglichen, ein klebriger schwarzer Klumpen unter dem Sofa, eher jedenfalls als der Staub, der in meiner Welt auf den Oberflächen der Dinge glitzerte und mich mit dem Eindruck erschreckte, ein Briefumschlag, eine Uhr, ein Handschuh oder eine Klinke könne jeden Augenblick wie das gepuderte Lid einer alten Tunte nach oben fahren und das ädrige Weiß eines Blickes freilegen, der mich mit der ekelhaften Intensität des Begehrens fixierte.

Satoko setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, als ob sie befürchte, daß sich unter der nächsten Diele ein Loch auftat und sie mitsamt der Frucht ihres Leibes verschlang. Während sie nachmittags kurz aus dem Schlaf erwachte, redete sie einmal über einen Roman, in dem es um einen tiefen, dunklen, von Ratten und Schlangen bewohnten Brunnen ging. Sie lächelte beim Sprechen, und die schmalen Augenschlitze schienen vor Müdigkeit unendlich breit, aber ich nahm an, daß so für sie die Quelle des Grauens aussah: es gab da irgendwo im Garten einen Brunnen...

Am Ende der ersten Woche, die Satoko und ich zusammen wohnten, kam Tomo zu Besuch. Er trug ein großes braunes Paket mit Schlitzen, in dessen Innerem es kratzte. Er stellte es auf den Treppenabsatz und begann Jacke, Pullover und Sweatshirt auszuziehen.

„Sie ist da“, sagte ich leise und bohrte meinen großen Zeh in einen der Schlitze.

Tanjôbi omodetô “, platzte Tomo heraus. „Zum Geburtstag viel Glück!“

Schwere stampfende Schritte zeigten an, daß Satoko oben aufstand. Das Klingeln hatte sie vermutlich neugierig gemacht, oder sie mußte pissen. Sie trank und pißte ohne Unterlaß, solange sie nicht schlief.

„Geburtstag?“ Tomo strahlte. Er kniete sich auf eine Treppenstufe oberhalb des Pakets. „Ich habe im Juni Geburtstag. Wie kommst du darauf?“

Hinter den Schlitzen blitzte etwas Gelbes auf. Das Rascheln und Kratzen erstarb. Für eine Sekunde war es so still, daß der aufgedrehte Wasserhahn im Badezimmer in den Mauern widerhallte wie ein langgezogenes Stöhnen.

„Erinnerst du dich nicht mehr an unseren ersten gemeinsamen Abend?“ fragte Tomo, während er den Bewohner des Kartons mit kleinen schmatzenden Küssen anlockte.

„An das Kino?“ Es miaute, und das Kratzen setzte wieder ein, diesmal schneller und kräftiger, feindselig oder freudig erregt. „Wird langsam wild, das Teil.“

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Es war ein japanischer Film gewesen, und ich hatte von der Handlung nichts verstanden, was die unbekannten Darsteller nicht mit pantomimischer Deutlichkeit in einer internationalen Sprache der Gefühle von der Leinwand brüllten. Infolgedessen tauchte der cineastische Strang jenes Abends als eine zusammenhanglose Folge von übermenschlicher Trauer, Wut, Stolz, Romantik, Furcht und berstendem Gelächter aus meinem Gedächtnis auf – während das Nackenhaar meines verspannten Nachbarn immer noch ganz realistisch zwischen meinen Fingern knirschte und seine kaugummikauende Kußangst wie ein scharfer pfefferminziger Geschmack auf meiner Zunge lag. Aber eine Katze war dabeigewesen. Ich erinnerte mich an die wildentzückten Rufe aus dem Publikum: „Mite...neko – kawaiiii!“ War sie nicht am Ende das einzige Erbe gewesen, das die frischverliebte Tochter von ihrem bankrotten Vater erhielt?

Tomo bog die Pappen auseinander und holte das Geschenk heraus. Es war ein Katzenjunges – kaum ein paar Monate alt und so winzig, daß man es in zwei hohlen Händen verstecken konnte, wenn man dicke lange Finger wie mein Besucher hatte. Es miaute zum Herzerweichen. Selbst meins ächzte genervt.

Als wisse er genau, daß mich der bloße Anblick des Geschöpfs nicht hinreichend schwächte, ließ Tomo das Kätzchen entwischen. Ohne sich auch nur umzuschauen und über die neue Umgebung zu wundern, hüpfte es mit niedlichen, ein bißchen kurz gezielten Sprüngen rutschend und holpernd die Treppe hinauf.

„Hoppla“, sagte der Geburtstagsgratulant mit fünf Sekunden Verspätung. Babys und Kätzchen! Meine Liebhaber beschenkten mich. Fehlte nur noch ein Stricher, der mir Untersetzer häkelte.

Ich wußte nicht, was das sollte. Ich hatte nicht Geburtstag, und ich hatte mir keine Katze gewünscht. Ich mochte Katzen lieber als Hunde, aber nachdem ich Hunde haßte, bedeutete das für die Katzen kein besonderes Lob. Ich war grundsätzlich überhaupt nicht der Typ, um ein Haustier zu halten, und Tomo, der mich in mancher Hinsicht besser kannte als S., wußte das sehr gut.

Die Katze schaffte mit einem deutlich geschmeidigeren Sprung den Rest der Treppe, und einen angehaltenen Atemzug später hörten wir ihre Krallen über die Tatami schrappen.

„Was bitte hast du dir dabei gedacht, Tomo? Nimm die Katze wieder mit!“

„Welchen Namen willst du ihr geben?“

„Ich werde ihr gar keinen Namen geben.“

„Aber sie braucht einen Namen. Jedes Wesen auf der Welt verdient einen Namen.“ Er spielte mit seinem Handy herum.

„Ich werde sie Tomoko nennen. Und nun nimm sie bitte wieder mit und verschwinde.“

Ein spitzer Schrei unterrichtete uns, daß die Katze ihr Ziel erreicht hatte. Satokos Stimme überschlug sich. Wir hörten einen Rumms. Sie war, ohne an ihren empfindlichen Zustand zu denken, auf die Knie geplumpst. Weiche, schmeichelnde Katzenbabylaute imitierend, robbte sie über die Matten – das Kinn auf den Boden gesenkt, die platte Nase gegen die Spitze des Tieres drückend, Augenbrauen, Wangen, das ganze Gesicht hin zu diesem nya-nya-nyaaa...! zusammengezogen, für das sich japanische Frauen auch auf der Straße nirgends zu schade waren. Wir wußten beide, was geschah. Die Katze schnurrte. Satokos Fingerspitzen schlichen sich wie Wichtel unter ihren Bauch und hoben das kleine Ding zu seinem quietschenden Vergnügen hoch, hoch, hoch in die Luft...

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Ich ließ mich auf die Treppenstufe fallen und gab dem Karton einen Tritt. Tomo sah zerknirscht drein. Oben näherte das Spiel sich seiner wilden Phase. Satoko mutierte selbst zum Kind. Das andere in ihrem Bauch war völlig vergessen.

Nach einigen Gläsern Wein in der Küche, während der Geburtsbesuch im ersten Stock durch alle Ecken tobte, einigten wir uns darauf, daß Tomo die Katze bei sich zu Hause halten und ich ihn dort ab und zu besuchen kommen würde.

Er wirkte erleichtert, daß es so glimpflich ausging, und legte, vielleicht durch den Alkohol begünstigt, eine selbst für ihn beinah groteske Unterwürfigkeit an den Tag. „Du kannst mit ihr spielen, ohne Arbeit zu haben. Ich verstehe, daß dir die Arbeit lästig ist, das Füttern und der Dreck und die Schäden am Teppich. Es genügt mir, wenn ich dich ab und zu mit ihr spielen sehe.“

„Ich und Tomoko im Zoo.“

„Es fällt mir irgendwie leichter, deine Gegenwart zu ertragen, wenn da noch ein anderes Wesen ist, das zu dir gehört. Verzeihung...“

Weinte er? Er wischte mit dem Ärmel über seine Augen.

„Es ist nur, weil ich dich liebe. Ich denke ständig daran, daß du stirbst.“

Als Tomo sich verabschiedete und sein wackelndes Fahhrad mit dem kreischenden Karton bestieg, blieb Satoko lange in der Tür stehen und winkte. Ich sagte ihr, sie würde sich erkälten, aber ihre Hand fiel erst herab, nachdem der kleine rote Punkt des Rücklichts vom Verkehr der Hauptstraße verschluckt worden war. Danach ging sie wortlos zu Bett.


Fortsetzung folgt

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Freitag, 8. August 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 23

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Roman von Anfang an lesen

4.

„Weil du nicht weißt, ob ich etwas ernst meine oder nicht?“

„Ja“, sagte Tomo. Er klang traurig, nahm aber dann seine Kraft zusammen und rettete sich in eine Art verzweifelten Humor, den ich sehr an ihm mochte. „Ja, das ist eine sehr genaue Beschreibung meines Problems.“

Ich piekste mit einem Zahnstocher in die drei Löcher, die Mikrofoneinheit des Telefons. Nur so aus Blödsinn und um eine Pause zu machen. Es gab im Grunde nichts nachzudenken.

„Darüber haben sich schon einige beklagt. Ich kann dir leider nur sagen, was ich ihnen gesagt habe: Ich selbst weiß es wirklich auch nicht. Wüßte ich es, würde ich es dir sofort erklären. Glaube mir.“

„Ob ich dir das glauben kann, bin ich mir eben nicht so sicher.“

Armer Tomo. Schon während ich noch mit Tomoko zusammen war, hatte er sich unsterblich in sie verliebt, und nach unserer Trennung freute es mich außerordentlich, daß gewissermaßen schon ein Nachfolger auf der Schwelle stand und Tomoko sich nur noch überwinden mußte, ihn hereinzulassen.

Die Nachricht von ihrer Heirat hatte mich dann etwas erschreckt. Es waren kaum zwei Monate vergangen. Nach dem, was ich wußte, befand sich Tomoko durch meine aufwendige Affaire mit S. in einer ziemlichen Verwirrung, hin und her gerissen von Mordgelüsten oder sowas und dem Wunsch, mich aus dem Schlund der Hölle zurückzugewinnen, als der ihr die Liebe zwischen zwei Männern zweifellos erschien. Daß das junge Paar mich nicht informiert hatte, verstand ich wohl. Immerhin stellte ich ein nicht ungefährliches Hindernis zwischen ihnen dar. Wenn es schon schwer genug werden würde, in ihrer Ehe darüber hinwegzukommen, daß die Beziehung aus dem Scheitern einer anderen herausgekrochen war, wollten sie sich vermutlich wenigstens am Hochzeitstag sicher und ohne Bürde fühlen.

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Ich beneidete Tomo nicht. Tomoko auch nicht, aber die ernste und noch sehr naive Tochter eines Bankdirektors hatte einen leichten Vorteil darin, daß sie von der entscheidenden Komplikation unserer Dreiecksbeziehung über Anwesenheit und Abwesenheit hinweg gar nichts wußte. Schon bevor ich Tomoko kennengelernt hatte, war Tomo eines Abends an meine Haustür gekommen. Er hatte eine Weile herumgedruckst, war schließlich widerstrebend hereingetrottet und hatte mir nach einer halben Stunde beharrlichen Schweigens und einiger dummer Bemerkungen über Ausländer in Japan gestanden, daß er mich liebte.

Tomo wußte von meiner Bisexualität. Er selbst betrachtete sich jedoch als „normal“, wie er mir auf Englisch immer wieder sagte. Die Gefühle für diesen komischen Fremden, der zu alt war für das, was er tat, und offenbar Spaß daran hatte, sein eigenes Leben und das anderer Menschen durcheinanderzubringen, schickten ihn Abend für Abend mit ernsthaften Schwierigkeiten ins Bett. Er erzählte mir, daß ich in seinen erotischen Träumen die Rolle des verführerischen Schurken spielte – und daß sie fast regelmäßig mit einer Szene endeten, in der ich ihm den Kopf abbiß. Wir schliefen in dieser Nacht im selben Bett. Ich nahm ihn fest in die Arme, aber weder mir noch ihm war nach Sex zumute, und als wir nebeneinander aufwachten, schien es, als seien wir Geschwister geworden. Dann trat Tomoko in unser Leben.

Tomo war in jedem Fall der bessere Mann für Tomoko. Nicht nur weil er Japaner war und ihre Grenzen kannte – seine Liebe hatte jene Ergebenheit, jenen bedingungslosen Respekt für das, was Tomoko als Mensch darstellte. Im Vergleich kam mir meine eigene Leidenschaft wie das Spielen mit einem Tierchen vor, dessen Intelligenz einen reizt, das man neckt, um es zu mehr herauszufordern, letztlich aber ebensowenig begehren wie verabscheuen kann, weil es einfach zu süß ist. Mit einem gewissen Instinkt für die Quelle von Widersprüchen hatte Tomoko in mir zugleich Gefahr und Schutz gesucht. Ich konnte sie vor allem schützen, außer vor mir selbst. So war sie nach einem wunderbaren halben Jahr schließlich das Opfer einer dieser Taten geworden, die bewiesen, daß die Offenheit, die sie an mir bewunderte, auf Skrupellosigkeit beruhte.

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„Bist du noch da?“ fragte Tomo, und seine Angst war so klar hörbar wie früher ihre. „Ich wollte dich nicht beleidigen damit.“

„Es geht mir nicht darum, dich auszutricksen, indem ich dir falsche Informationen über mich gebe“, sagte ich. „Eher im Gegenteil – ich möchte meine Unsicherheit mit dir teilen.“

Meine Stimme wurde weich. Ich spürte, wie er am anderen Ende der Leitung zu zittern begann.

„So erkläre ich mir selbst mein Verhalten“, setzte ich etwas nüchterner fort, aber die Wirkung würde dadurch nur stärker werden. „Es ist ein Versuch, Nähe zu erzeugen. Ich mache es immer so: Ich ziehe jemanden in eine gemeinsame Verwirrung, in der er durch ein unlösbares Problem auch an mich gefesselt bleibt.“

Tomo blieb stumm auf dem Bett hocken. Ich wußte, daß er auf der miefenden Matratze saß und ins Wohnzimmer des Hauses gegenüber spähte. Die beiden jüngeren Kinder lagen wahrscheinlich auf dem Bauch und spielten mit ihrer Playstation, während die Mutter ab und zu im Hintergrund auftauchte, um etwas an seinen Platz zu rücken oder zu Reiningungszwecken kurz zu entfernen. Womöglich kam gerade der Großvater, in eine Polarjacke gehüllt, aus dem kleinen Badehaus auf dem Dach, und in dem kurzen Augenblick, bevor er die Tür zuzog, schoß eine Dampfwolke in den grauen Oktoberabend und verpuffte in einer halben Sekunde um seinen runzligen Kopf.

„Bist du zu allen Menschen so oder nur zu bestimmten?“ stieß mein schwieriger Verehrer schließlich hervor. Er konnte nicht lügen. Er konnte es nicht, und ich wollte es nicht.

„Es ist ein Verhalten, das mittlerweile wohl ein fester Bestandteil meines Charakters geworden ist. Aber es gibt sicher Menschen, gegenüber denen meine Ambivalenzen stärker ans Tageslicht treten. Vielleicht auch deshalb, weil sie empfänglicher sind. Du zum Beispiel bist sicher ein dankbares Opfer.“

„Oh, ja.“

„Du hast selbst eine große Sehnsucht, Unsicherheiten zu teilen.“

„Du glaubst ja gar nicht, wie groß.“

„Es ist leicht, jemanden in den Hals zu beißen, wenn er schon den Kopf in den Nacken legt.“

„Mit dieser Vorstellung werde ich schwer einschlafen können“, seufzte Tomo. Ich konnte hören, wie er irgendetwas mit dem Fuß verschob. „Schon deshalb, weil es nazu notwendig ist, den Kopf zurückzulegen.“

„Träum trotzdem süß, wenn der Schlaf dich dann doch übermannt! Bis demnächst.“
Fortsetzung folgt

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Freitag, 11. Juli 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 22

langeweile

Roman von Anfang an lesen


Ich fummelte den mitgelieferten Umschlag auf, der wahrscheinlich eine englische Version des Handbuchs enthielt. Gammas Antworten wurden länger, nachdem sie sich warmgeredet hatte, und verloren ihre unfreiwillige Prägnanz. Auf die Frage nach den menschlichen Beziehungen reagierte sie mit einer langen Liste von Namen, die angeblich zu komplexen, aus Nicht-Können und Nicht-Wollen zusammengesetzten Biographien gehörten. Ich kannte einige der betreffenden Personen und wußte, daß es sich um reine Phantasiegespinste handelte. Genauer gesagt, erfand Gamma, fast schon gewohnheitsmäßig, psychologische Widerstände, die den anderen daran hinderten, sie liebevoll oder freundlich oder wenigstens fair zu behandeln. In einer Art von emotionaler Notwehr zog sie grausame Mütter, schizophrene jüdische Identitäten und mißglückte Schwangerschaften wie Kaninchen aus den Andeutungen, mit denen diese sogenannten Freunde ihre Neugier irgendwann befriedigt hatten, und erklärte so das Unerträgliche weg: die niederschmetternde Möglichkeit, daß sie einfach nicht liebenswert war.

>>>Frage: Gibt es etwas Kontinuierliches in deinem derzeitigen Leben, was dir Halt gibt?

Antwort (zuerst lachend): Naja, das konsequente Fehlen eines Privatlebens, an das man sich allmählich gewöhnt. Na, und natürlich meine Tütensuppen. Ich packe ja einmal die Woche beim asiatischen Supermarkt meinen Korb bis obenhin voller Instant Ramen. Das ist mein Mittagessen auf der Arbeit, jeden Tag. Hat wahrscheinlich keine müde Kalorie, aber dieses Brennen in der Kehle gibt mir Kraft.>>>

Konnte es das überhaupt geben: einen Menschen, der nicht liebenswert war? Während ich den Finger unter die Lasche des Umschlags schob und ihn langsam aufriß, suchte ich in Gammas aufgeschwemmten, von den Medikamenten wie mit einem speckigen Radiergummi bearbeiteten Zügen nach den Anzeichen eines Liebesobjekts. Seit Platons Symposion hatten wir uns daran gewöhnt, die Ursache der Liebe allein im Liebenden zu finden – sein Begehren, jener rätselhafte Mangel im Herzen seiner selbst, der ihn unwillkürlich auf die Suche schickte und aus jeder kleinen Ähnlichkeit mit dem Unmöglichen ein verlockendes Trugbild formte, auf das er, zumindest für eine Nacht oder für ein paar Jahre, hereinfiel. Der Geliebte war nur ein mehr oder weniger zufälliges Opfer, und so gesehen konnte, sollte, ja mußte jeder geliebt werden. Was für eine Perfidie im Grunde – das höchste Glück, die existenzielle Vervollkommnung des Menschen ganz in die Hände des Zufalls zu geben, während doch das Ausbleiben desselben Zufalls mit immer schlimmeren Argumenten dem Unglücklichen selbst zur Last gelegt wurde. Gamma sah man das Ungeliebtsein schmerzhaft deutlich an, und das monströse Bedürfnis, das beim leisesten Vorzeichen einer Begegnung in ihrer tiefen, weichen, immerzu um Verzeihung bittenden Stimme hochzuklettern begann und den anderen anstarrte wie durch Gitterstäbe, reichte aus, um auch die wenigen Gutherzigen in die Flucht zu schlagen, an die sie sich wandte.

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Der Umschlag enthielt einen handgeschriebenen Brief und eine selbstgebrannte CD. Ich mußte zweimal lesen, ehe mir aufging, daß sich hinter den Namenskanji (Miyairi wurde das vermutlich ausgesprochen) der toupierte Verkäufer aus Akihabara verbarg, der mich so verantwortungsvoll betreut hatte. Die CD enthielt drei Songs, die er erst in der letzten Woche geschrieben und in seinem Zimmer aufgenommen hatte. Der letzte sei durch unser Gespräch inspiriert.

Ich legte die CD in den Player. Gamma redete unerschütterlich weiter. Zwischendurch fragte sie selbst ihren unsichtbaren Interviewer: „Wollen wir mal Schluß machen, du schaust schon so müde?“ – mußte aber dann doch noch irgendeinen Gedanken über ihre Mutter zu Ende bringen, der es wegen eines tatsächlichen oder tatsächlich unterbliebenen Anrufs aus Budapest nicht gut ging und die ein paar kranke tatenlose Tage damit verbrachte, ihre Allergien zu differenzieren. Die ersten Takte des ersten Songs namens The People Who Know verwandelten Gammas Sorgen in ein cooles Krautrock-Intro. Miyairi spielte Gitarre und bastelte offenbar den Rest am Computer zusammen. Wie so viele Japaner sang er gut, aber anders als sein glattes Verkaufsgezwitscher hatte die Singstimme einen rauhen, spröden und sehr verletzlichen Klang. Er formte die englischen Worte wie zu große Brocken eines harten Gebäcks, von dem man nicht weiß, wie man es zerbeißen soll. Exotisch, aber ohne japanischen Akzent.

Soweit ich ihn beim ersten Mal verstand, handelte der Song von einem Schulfreund, den man nach Jahren wiedertrifft und der in seiner alten Verweigerungspose unangenehm vergreist und verbittert ist. Didn’t you say: Take me off the list? Now don’t you complain that you won’t be missed – by the people who know who is yes and who’s no...? Der zweite Song variierte dieses Thema, indem er aus der Perspektive eines vergangenen Ichs (des Fünfzehnjährigen, der damals am Ende einer langen Nacht beschlossen hatte, sich nicht umzubringen) Fragen an das gegenwärtige Ich formulierte. School’s over, what did you expect? ging der Refrain – And am I, am I, am I anything but talented, talented, talented now? Und im Hintergrund, wie jemand, der zufällig ins Zimmer kommt, flüsterte dieselbe Stimme schüchtern: Tender! – und, beinahe noch zarter, von der andern Seite: Proud!

Der letzte Song klang wie eins der LoFi-Homerecordings von Lou Barlow. Miyairi begleitete sich nur mit der Gitarre, er beschränkte sich darauf, einen traurigen schrägen Akkord mit zwei, drei Intervallen zu einer melancholischen Hookline auszubauen, und der Gesang bekam dadurch die Intensität einer Verzweiflung, die totale Gleichgültigkeit trägt. Das Lied hieß Elegy. Ich hörte es zweimal, dreimal. Gamma war schon lange fertig, als ich es noch immer hörte, Satoko war mit bekleckerter Schürze aus der Küche gekommen und saß neben mir auf der Couch. Der Lautstärkeregler stand kurz vor dem Anschlag.
Don’t believe I’m pleading, angel, and even if I did –
you don’t come. And my calling is always
full of a single direction. Against such a strong current
you cannot walk. Like a stretched out arm is my calling.
And its hand, fit to grasp, open on top, stays open
before you, like defense and warning.
Inconceivable, wide open.
Zum Schluß (wide open, wide open...) setzten verzerrte, auf dem Keyboard bewußt billig programmierte Streicher ein und bewegten sich in einem langsamen, auf der Stelle bleibenden Schreiten wie bei Mahler durch unverbundene, einander fremde harmonische Welten.

Ich hätte weinen mögen. Satoko summte. Das Telefon klingelte los. Der Song begann von vorn, ich hatte auf REPEAT gestellt. „Das Essen wird kalt“, sagte Satoko, ohne aufzustehen. „Der Apparat hält den Reis warm, aber das Nikujaga wird kalt.“ Ich überlegte, ob ich S. dazu überreden konnte, die Produktion einer professionellen CD zu finanzieren, auf die man dieses Lied in genau der Wohnzimmerversion, die wir hörten, als letzten Track packen würde. Aber Miyairi wollte nicht berühmt werden. Er hatte es sehr ernst gemeint, dessen war ich mir sicher (oder wollte es sein). Selbst wenn jemand ein paar Millionen Yen spendierte, würde er keinen Vertrag unterschreiben, der ihn zu Marathon-Interviews, Fernsehauftritten in Koch-Shows und Signierstunden bei HMV Shibuya verpflichtete. Was mich an Elegy beeindruckte, war vielleicht gerade der einfache, unaufgeregte Ernst, mit dem es komponiert und eingespielt war. Bei allem Pathos strahlte die Musik eine sehr erwachsene Ruhe aus, so als sei der Jugendliche auf seiner Reise durch die Zeit einem hundertjährigen Ebenbild begegnet, und die beiden hätten sich für fünf Minuten zusammengesetzt. Ich ließ den Song noch ein letztes Mal laufen, ehe wir zum Essen in die Küche gingen. Das Klingeln hatte unterdessen aufgehört.
Fortsetzung folgt

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Dienstag, 1. Juli 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 21

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Deprimiert von der Einsicht in meine Konfliktlosigkeit, machte ich mich auf die Suche nach dem entscheidenden Ereignis, das mein Leben auf die Bahn eines großangelegten Scheiterns zurückwerfen würde. Als am nächsten Morgen das Paket mit dem Videorecorder angeliefert wurde, versuchte ich eine Hürde darin zu erkennen. Was war der dazugehörige Selbstentwurf? Welche Hoffnung gefährdete dieser überraschend leichte Karton, dieses Styropor, diese wohldurchdachte Plastikverpackung? Die einzigen echten Widerstände, gegen die ich während der nächsten Viertelstunde kämpfte, waren Stecker, unbeschriftete Anschlüsse und Programmieranweisungen in Japanisch. Dann funktionierte alles tadellos.

Satoko hatte voller Begeisterung den Reiskocher ausgepackt und sich in die Küche verzogen. Sie übernehme das Mittagessen. Obwohl sie schlecht geschlafen hatte, schien die Müdigkeit wie weggeblasen.

Nach dem zähen Termin im Hotel überlegte ich ernsthaft, ob ich die Kommissionsarbeit sausen und mich ganz von S. aushalten lassen sollte. Nachdem seine Scheckkarte (eine von den weniger wichtigen) sich einmal in meinem Besitz befand, fiel es gar nicht so leicht, sie wieder aus der Hand zu geben. Verglichen mit dem, was er für meine Eskapaden ausgab, stellte mein Lebensunterhalt eine lächerliche Summe dar, zumal ich ohnehin in seinem Haus wohnte, aber das entspannte Glück unsrer Beziehung schien doch davon abzuhängen, daß sie auf Verschwendung beruhte. S. warf Geld für etwas zum Fenster hinaus, was ich zu genießen wußte und trotzdem nicht brauchte – und ich legte meine Bereitschaft, geliebt zu werden, ganz in seine Hände, ohne ihm auch nur den kleinsten Knochen meines Begehrens zu geben. Das empfindliche Gleichgewicht würde durch eine solide ökonomische Abhängigkeit durcheinandergeraten.

Andererseits – konnte ich nicht ganz gut ein kaltblütiger Betrüger sein? Konnte ich vielleicht ein Vergewaltiger sein? Konnte ich nicht sogar ein Mörder sein? Die Antwort lautete auf alle Fragen ja, aber ich war bereits zuviele meiner Möglichkeiten. Was fehlte, würde kaum in einer weiteren Chance zum Leben erwachen. Es mußte mir vielmehr gelingen, wenigstens mit einer meiner Reaktionen bis zum Ende zu gehen. Bis zu irgendeinem Ende. Dort erst würde das Reale warten.

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>>>Gamma sitzt auf dem schwarzen, wackeligen Stuhl am Küchentisch, wo sie immer sitzt, wenn sie mir bei meinem Abendessen gegen Mitternacht Gesellschaft leistet. Sie raucht nicht, weil mich das beim Essen stört, aber der verschließbare kugelförmige Aschenbecher, den sie letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hat, steht auf dem Tisch neben einer Vase mit (vermutlich selbstgeschenkten) blaßgelben Rosen. Das Licht der Deckenlampe kriecht über die halboffenen Knospen, macht einen großen weißen Fleck auf den Tisch und schafft es von dort bis zu ihren nackten dicken Oberarmen. Das Gesicht bleibt weitgehend im Dunkeln, die Züge verwischt.

Sie wirkt bedrückt, doch das mag an der Kamera liegen. Gibt es einen Kameramann, oder ist das Gerät in dieser Einstellung fixiert? Ihre Finger spielen mit den letzten Marzipankartoffeln, die ich bei meiner Abreise vor einem Jahr zurückgelassen habe. Die müssen hart wie Kieselsteine sein. Eine Männerstimme aus dem Off stellt die erste Frage. Berliner Akzent. Einer ihrer Waschbären, wie sie die Typen nennt, die sie irgendwann sitzengelassen haben und die sie noch liebt. Man merkt, daß er vom Blatt abliest.

Frage: Wie fühlst du dich jetzt?

Anwort: Och, geht so. Nix Besonderes im Büro (ironisch auf der ersten Silbe betont), und das ist eigentlich gut. Chef war freundlich, obwohl er den ganzen Tag vielleicht drei Sätze mit mir gewechselt hat. Die Chefeline hat mir zwischendurch anvertraut, daß er Anfang des Jahres die nächste Operation hat, und danach wird er sechs Wochen, ja, volle sechs Wochen gar nicht arbeitsfähig sein, und wir haben die Einreichungen für alle wichtigen Filmförderungen im März. Na, und jetzt bist du da und stellst Fragen, was natürlich den Höhepunkt des Tages darstellt, wenn nicht der letzten Wochen.

Frage: Was ist zur Zeit dein schwierigstes Problem im Leben?

Antwort (nach längerem Nachdenken): Einsamkeit.

Frage: Worauf bist du am meisten stolz?

Antwort: Auf welche Leistung in der letzten Zeit..., müßte es eigentlich heißen. Ja, worauf? Darauf, daß ich mit Michaels Abwesenheit relativ gut zurechtkomme. Er ist natürlich immer hier, der werte Herr – in der geruchsdichten Verschlossenheit dieses Aschenbechers, in all den Dingen, die er hier zurückgelassen hat und die ich natürlich sorgsam hege und pflege... Aber es hat mich jetzt nicht sooo schlimm mitgenommen, wie ich befürchtet hatte. Weißt du, ich werde ja immer in Situationen psychotisch, wo es ums Abschiednehmen geht, ja. Das erste Mal damals mit Verwoert. Im Grunde hat er mich in den Wahnsinn getrieben, als wir zusammen waren, mit diesen widersprüchlichen Signalen, die mich unentwegt zwischen den Rollen der Begehrten und der Verabscheuten hin und her geschubst haben. Aber ausgerastet bin ich amüsanterweise erst, nachdem er weg war. Wie bei einem Migräneanfall, der einsetzt, wenn die Durchblutungsstörung im Gehirn vorbei ist und das Blut wieder strömt.

Frage: Wie hoch ist zur Zeit die Tablettendosis, die du nimmst?

Antwort: Mit der Grunddosis bin ich bei zweihundert Miligramm täglich. Man kann sie bis auf hundertfünfzig reduzieren – das habe ich kurze Zeit getan, damit wurde es aber schlechter. Und sechshundert sind das Maximum, was man sich selbst verabreichen kann. Wenn die nichts mehr helfen, geht es in die Klinik. Dann gibt es noch Extrapillen, die nehme ich, wenn ich merke, daß es mir nicht gut geht und die Dinge so anfangen zu schwimmen, weißt du...wenn es anfängt, so an einen Trip zu erinnern, von dem man nicht wieder runterkommt...>>>

Ich spulte ein Stückchen vor. Im Zeitraffer fiel auf, daß Gamma beim Reden ziemlich heftig auf ihrem Stuhl herumruckelte. Sie trug ein khakibraunes Unterhemd, und bei manchen Bewegungen rutschte ihre linke Brust unter dem Träger heraus und baumelte halb im Hellen, halb im Dunkeln.

Fortsetzung folgt

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Sonntag, 4. Mai 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 20

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Roman von Anfang an lesen


Als Satoko diese Meldung auf der Titelseite las, stieß sie einen Schrei aus. Ich mußte nochmal zum Convenience Store zurück und alle übrigen Tageszeitungen kaufen, und wir verbrachten den Vormittag damit, den Fall bis in die letzte zugängliche Einzelheit zu rekonstruieren. Meine (zugegeben etwas halbherzigen) Versuche, das Gespräch auf die Berichterstattung selbst, die unterschiedlichen Reportagestile und den Kampf des Seriösen mit der Schönheit des Skandals zu lenken, prallten erfolglos an ihrer Erregung ab.

„Wie können Menschen so etwas tun?“ sagte sie.

Ich stimmte zu. Wie hätte ich ihr eingestehen sollen, daß sich dieses Ereignis nur durch einige skurrile Details von dem unterschied, was mich abends vor dem Einschlafen entspannte.

„Wie können Menschen so etwas tun?“

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Das allgemeine Interesse an beinahe jedem sogenannten Thema enthält stets die Beimengung eines moralischen Empfindens. Auch wenn sie in manchen Fällen sehr gering ist, beruht das Kollektive, das unsichtbare Band, das die Aussagen eines Einzelnen über gewisse Schwingungen im Hintergrund der Worte, Gesten und Tätigkeiten mit denen aller anderen verbindet, im Grunde seines Wesens auf der Einigkeit oder Uneinigkeit bei moralischen Urteilen.

Natürlich sind Gewaltverbrechen nur deshalb so populär, weil die Lust, die es verschafft, sich die vielen schmutzigen Einzelheiten vorzustellen, zu einer mächtigen Verurteilung im Widerspruch steht, die unser Gewissen verkörpert – und aus dieser Spannung richtet sich das Entsetzen auf. Aber genauso interessiert man sich für die Liebe außerhalb des eigenen Gefühls nur dort, wo sie jemanden in Konflikte stürzt (Konflikte sind immer moralischer Art). Tomos Liebe zu mir hätte ein gutes Thema abgegeben, da er zugleich verheiratet war und seine Frau zumindest in Gedanken mit mir betrog. S. dagegen lebte in einer leeren, undefinierten Welt, die ihm alles erlaubte. Sein Begehren konnte scheinbar durch nichts gefährdet werden, und so gut ich ihn kannte, hatte ich bisher auch den Punkt nicht entdeckt, wo es sich selbst mit dem Verrat der letzten, existenziellen Lüge bedrohte. Satokos Liebe zu einem Unbekannten wäre mitreißender gewesen, hätte sie selbst eine aktivere Rolle darin gespielt. Nachdem S. sie von der Todeslinie fort quasi ins Abseits gezogen hatte, schienen die Konflikte zu schlafen. Wenn in der Sache irgendwo ein Drama steckte, lief es sehr weit innen, irgendwo in der Nähe des Selbstverständlichen ab.

Am langweiligsten in der Ordnung des kollektiven Interesses aber war ich selbst. „Jede dumpfe Umkehr der Welt hat solche Enterbten, denen das Frühere nicht und noch nicht das Nächste gehört“, heißt es einmal bei Rilke. Unter all den Schicksalen, die in der imaginären Bibliothek der Gegenwart gesammelt waren und von denen ab und zu ein Zeitungsartikel, ein Roman oder ein Spielfilm eines hervorzog, um es durch das Allgemeinverständliche zu schicken, hätte meins die schlechtesten Chancen, dachte ich.

Meine Mitleidlosigkeit ärgerte mich bis zu diesem Punkt, wo sie mir selbst als Mittelpunkt einer großen überkomplexen Ödnis erschien: Was fängt man an mit einem jungen Mann, der kein Gewissen hat – der nicht böse ist, sondern einfach auf eine freundliche Weise gewissensfrei? Dessen Bereitschaft, die Welt zu genießen, wie sie ihm zufällt, in seiner eigenen Seele auf keinerlei Widerstand trifft? Für den das Unmögliche wie eine Sänfte ist, in der man ihn den Berg hinaufträgt – für den jedoch nichts, einfach nichts zu einem wirklichen Hindernis wird, weil er keine Herausforderung annimmt und keinen Plan für sein Leben verfolgt? Was, um Himmels Willen, fängt die Welt an mit einem jungen Mann, der sich weigert, eine Zukunft herauszugreifen und stattdessen den Abgrund zwischen Früherem und Nächstem wie eine gläserne Zelle, eine Klause des verschlafenen Zusammenhangs bewohnt?

Das biographische Material meines Lebens war weit spektakulärer als Satokos banale kleine Angestelltentragödie. Dennoch, soviel wurde mir in dieser langen halben Stunde klar, hätte der Autor, der durch das Schieferdach unseres gemeinsamen Häuschens lugte und nach einem Thema suchte, unfehlbar sie ausgewählt. Mit den schwebenden perversen Teilchen in der trüben Flüssigkeit meines Daseins ließ sich keine Geschichte erzählen. Obwohl ein einflußreicher Mann Millionen Yen für mich ausgegeben hatte, war ich in den Augen der interessiert nickenden Gegenwart einfach nicht da.

Ich blickte zu Satoko herüber, die zum werweißwievielten Mal denselben Artikel studierte. Bisher war das Verhältnis zu ihrem Kind von dem Willen bestimmt gewesen, ihrem gemeinsamen Leben ein Ende zu setzen, bevor das Schickalhafte daran über sie hinauswuchs. Als sie sich nun bei mir wiederfand, gerettet und zugleich von einer fremden Hand verschoben, waren zunächst nur Enttäuschung, Fassungslosigkeit und eine träge, gleichmütige Stille übriggeblieben. Doch mit der schockierenden Nachricht von einem anderen, weitaus schlimmeren Schicksal kehrte auf einmal die Zukunft in Satokos Leben zurück. Ab diesem Tag begann sie sich ernstlich Sorgen zu machen.

Fortsetzung folgt


Evil Kids Abuse and Humiliate a Girl in Romania
She shouldn't complain. She got a free haircut out of it.
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Mittwoch, 16. April 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 19

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Roman von Anfang an lesen


An diesem Abend wurde im Hafen von Tokyo, am Ufer von Odaiba, unweit der Rainbow Bridge, ein grausamer Mord an einer schwangeren Vierzehnjährigen begangen. Sieben Jugendliche stopften eine Mitschülerin gefesselt in den Kofferraum eines Nissan, der dem Vater von einem der Jungen gehörte, und transportierten sie nach Einbruch der Nacht an den verwaisten Strand.

Das Mädchen war unter ungeklärten Umständen schwanger geworden. Gerüchte nannten den Vater oder sogar einen der Lehrer als Verantwortlichen; fest stand, daß irgendein gräßliches Geheimnis um die Sache lag. Gegen das Drängen von Eltern, Schuldirektorin und Freunden hatte die Minderjährige sich offenbar geweigert, einer Abtreibung zuzustimmen. Sie wollte das Kind bekommen – die Yomiuri Shimbun vom übernächsten Tag zitierte einen Psychologen mit der Ansicht, es habe sich bei ihrer uneinsichtigen Entschlossenheit wahrscheinlich um einen stummen Protest gehandelt: »Sie wollte, daß ein Beweis des furchtbaren Verbrechens existierte, das man ihr angetan hatte. Da sie es selbst nicht hinausschreien konnte, sehnte sie das Kind als lebendige Anklage gegen den Vater herbei.«

Seltsamerweise hatte dieser Protest die anderen Mädchen in ihrer Klasse so erzürnt, daß sie eine berüchtigte Jungsgang aus dem Jahrgang über ihnen zu einer Entführung aufstachelten. Die Jungen zerrten die im fünften Monat Schwangere aus dem Auto und legten das strampelnde Paket in den Sand. Das indirekte, verschämte Japanisch der Zeitungsmeldungen in den folgenden Passagen stand im auffälligen Kontrast zur Ausführlichkeit der Beschreibung:
Jemand löste die Schnüre mit einem Messer und zerschnitt die Bluse ihrer Schuluniform (sie war nach der letzten Stunde mit zu einer Freundin gefahren, um dort Hausaufgaben zu machen, hatte den Rest des Nachmittags vor dem Fernseher verbracht, verbotene Videos gesehen, Zitronencremetorte gegessen und war dann mit Hilfe eines starken Schlafmittels in ihrer Cola betäubt worden).

Die Gruppe machte anzügliche Witze über ihre dicken, angeschwollenen Brüste. Während zwei oder drei Jungen sie am Boden festhielten, drückten die Mädchen die Brustbeutel mit den Fingern zusammen und versuchten Milch herauszuquetschen, und als nichts kam, hackten sie mit den Absätzen ihrer Schuhe und dem Messer darauf herum.

Danach wurde das Opfer mit zugehaltener Nase gezwungen, den Urin und das Menstruationsblut eines anderen Mädchens zu trinken, das gerade seine Tage hatte. Einige der Jungen vergewaltigten sie, vaginal und anal, und daraufhin entwickelte sich die Sache offenbar zu einem irrsinnigen, kindisch hemmungslosen Spiel, in dessen Verlauf man ihr alle möglichen Sachen in die Scheide steckte – Steine, Sand, abgebrochene Zweige, Ameisen, Eisstiele, Zigarettenkippen... Der obduzierende Mediziner hatte sogar die Überreste eines toten Vogels in der Bauchhöhle gefunden. Das Ganze war mit solcher Gewalt und vermutlich mit Hilfe eines dicken langen Astes in das wehrlose Mädchen hineingestopft worden, daß es den Gebärmutterhals förmlich zerfetzte.

Zum Abschluß hatte man ihr den Schädel eingetreten. An der resultierenden Gehirnblutung war sie schließlich gestorben, obwohl ein wenig Wasser in ihrer Lunge darauf hinwies, daß der Kreislauftod erst eingetreten war, nachdem ihr verwüsteter Körper schon eine Weile durchs Meer glitt.

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Die bereits am nächsten Vormittag festgenommenen Täter gaben an, am Tatort auch miteinander Sex gehabt zu haben, während die Leiche von der Strömung abgetrieben wurde. Im Rausch des Mordes hatten sich die beiden Mädchen bereitwillig allen hingegeben, und sogar die Jungen hatten sich aufeinander gestürzt. Diese Szene war von einem heimkehrenden Liebespaar beobachtet worden, die Leiche einen halben Kilometer entfernt im Yachthafen angeschwemmt. Der Vater hatte zu diesem Zeitpunkt schon die Polizei alarmiert und sein Auto als gestohlen gemeldet. In der Schule lief die Nachricht von der Tat am nächsten Morgen als offenes Geheimnis um.

Die Zeitungen brachten Fotos von fünf der Beteiligten, den beiden Mädchen und drei sehr ähnlichen, hübsch und ein bißchen dumm aussehenden Jungen. Darunter faßten jeweils wenige Zeilen zusammen, was das japanische Erziehungssystem von ihrem Leben bisher mitbekommen hatte: durchschnittliche Schüler, gut in Sport, gut bis sehr gut in Musik (Chor, Trompete, eine Auszeichnung in japanischer Flöte); Rügen wegen Rauchens und gefärbter Haare.

Zwei Wochen danach erschien in der Asahi Shimbun noch ein ironischer Nachtrag: Eins der beiden Mädchen war von einem der Mittäter in dieser Nacht schwanger geworden. Und auch sie weigerte sich standhaft, den Fötus preiszugeben. In einem kurzen Interview erzählte sie, daß sie das Baby im Jugendgefängnis zur Welt bringen und dort mit ihm leben wolle. Ihr Anwalt rechnete mit der Überführung in eine psychiatrische Klinik. Über die Chancen, dort ein Kind großzuziehen, herrschte Uneinigkeit.

Fortsetzung folgt

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Mittwoch, 12. März 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 18



Roman von Anfang an lesen


Das Erdgeschoß war dem Verkauf von Handys vorbehalten, da sich hier, mit einem Vorbau, der weit auf die Straße reichte, und einem abstellkammergroßen Service-Point hinter der Treppe, der Ansturm der Masse noch am ehesten bewältigen ließ. In der ersten Etage warteten Reiskocher.

Ich fragte mich, ob es Satoko Freude machen würde, wenn wir auch einen der klotzigen Apparate zu Hause hätten, ohne die Reis, egal wie gut er schmeckte, nicht als echt japanisch zubereitet galt. Genauer gesagt, war ich sicher, daß sie mit ihren fünfundsiebzig Kilo einen Luftsprung vollführen würde, überlegte aber, ob sie im derzeitigen Stadium unserer Annäherung ein solches Geschenk verdiente.

Ein Sonderangebot für tausendzweihundert Yen überzeugte mich ansatzlos. Der zwinkernde Mann mit der dicken Brille, der mir in seinem schnellen, durch die aufwändig höflichen Formen schwer verständlichen Angestelltenjapanisch die technischen Details erklärte, hätte vom Alter her Satokos Vater sein können. Er verströmte jenen herben, bräunlichen Geruch, den alle älteren Männer hier hatten, und seine Firmenuniform, eine weinrote Weste zum weißen Hemd und eine merkwürdig glitzernde Chintzhose, schien den Schweiß und die schlechte Luft der vielen Dienstjahre in diesen vollgestopften gelbgrauen Fluren aufgesogen zu haben. Ich stellte ein paar Fragen, die er vermutlich schon lange beantwortet hatte, um den Vortrag zu verlängern. An der Oberlippe, nahe dem linken Nasenloch, hatte er beim Rasieren ein paar Bartstoppeln übersehen. Die Zähne waren gelb und ungepflegt. Ob er ahnte, was mit seiner Tochter geschah?





An billigen Computern, Digitalkameras und Klimaanlagen vorbei gelangte ich über zwei weitere Etagen zur TV-Abteilung. Bei den Videorecordern gab es nur ein einziges Modell, das europäische Bänder akzeptierte, was die Sache kurz und schmerzlos machte. Bei einem Telefonat mit der Hauptkasse erfuhr der Verkäufer, daß ich bereits einen Reiskocher erstanden hatte, und teilte mir strahlend mit, daß das Kaufhaus mir fünf Prozent Rabatt auf beide Geräte gewähre. Obwohl die Scheckkarte in meiner Tasche S. gehörte und es mir vollkommen egal sein konnte, wieviel der Kram kostete, tat ich angemessen erfreut. Ich fragte den jungen Mann, der sich offenbar noch in der Ausbildung befand und den sein eigener Eifer euphorisierte, was denn sein Traum im Leben sei.

Er stockte beim Ausfüllen des Lieferscheins. Sein Haar war auftoupiert, er trug ein hochgeschlossenes schwarzes Hemd unter der obligatorischen Weste, und auf seinem bleichen Gesicht schien eine Schicht Puder zu liegen. Ich warf ein, er spiele vielleicht in einer Band.

„Du erinnerst mich an die Jungs von The Jesus and Mary Chain. Gehörten in den Achtzigern zu meinen Lieblingsbands.“

Ein geschmeicheltes Grinsen huschte durch sein Gesicht, verschwand aber sofort wieder und hinterließ ein unkoordiniertes Nebeneinander widersprüchlicher Züge.

„Ich mache gern Musik, aber ich möchte kein Star werden“, sagte er ohne Unterbrechung, als sei dies das schlimmste Klischee, das es sofort auszuräumen galt.

„Es geht dir um die Musik – nicht ums Berühmtsein“, probierte ich.

„Jeder kann heute berühmt werden, als Musiker oder Schauspieler oder Künstler.“ Er schaute mich skeptisch an, ob ich auch diesen zweiten Gedanken verstand. „Ich glaube, Berühmtwerden ist ein eigener Beruf, nicht anders als Verkäufer auch, nur viel anstrengender. Ich glaube, es zehrt einen auf, weil man seine ganze Kraft verbraucht, um zu beweisen, daß man da ist. Es geht immer nur darum, da zu sein, und mehr ist am Ende nicht übrig. Ich bin vielleicht nicht da, aber ich mache Musik. Das gefällt mir besser.“

Damit drückte er mir den Durchschlag in die Hand und verabschiedete sich höflich.

Fortsetzung folgt

Donnerstag, 6. März 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 17




Roman von Anfang an lesen


Satoko teilte mir mit, daß der Postbote ein Paket für mich abgeliefert hatte. Es lag neben der Couch im Wohnzimmer, wo sie eine Kochsendung verfolgte. Ein junger Star, den ich nicht kannte, offenbar ein Schauspieler, versuchte ungeschickt, der Moderatorin bei einem französischen Gericht zur Hand zu gehen. Er verstand gar nichts vom Kochen und hackte sich beim Karottenschneiden beinahe den Nagel ab. Das Kichern der modernen jungen Hausfrau mit der gestreiften Bluse war schwer zu ertragen. Schließlich überließ er das Gemüse ihr und spielte den kleinen Jungen, der verschiedene am Rand der Arbeitsplatte aufgereihte Töpfchen öffnete, um mit dem Finger den Inhalt zu kosten. Sein dicker weißer Finger glänzte schmerzhaft im Scheinwerferlicht, und selbst das Einstippen vollzog er so plump, daß man Angst hatte, er werde durch den Boden des Gefäßes stoßen.

Das Paket war an meine alte Hoteladresse geschickt worden und von dort aus nach Deutschland zurückgegangen. Es war ein weiteres Mal an dieselbe Adresse geschickt worden, größer, fetter und mit kindlich runden Buchstaben beschriftet, und diesmal hatte man sich im Hotel die Mühe gemacht, meine neue Anschrift in Tokyo zu recherchieren. Zwischen dem Datum der ersten Poststempels und dem aktuellen lagen drei Wochen. Der Absender war überklebt.

Das Paket stammte von Gamma und enthielt eine Videocassette. Der beiliegende Brief verriet, daß es sich um den Modellversuch eines Interviews handelte. Ihr Film über das Wesen der Psychose sollte auf zwölf solchen Interviews basieren, in denen sie sich im Abstand von zwei Monaten von verschiedenen Personen aus ihrem Leben dieselben Fragen stellen ließ. Es ging darum, die Kontinuitäten, Verschiebungen und Sprünge bei den Antworten zu dokumentieren. Ich bewunderte, daß jemand sich soviel Zeit für ein Projekt nehmen konnte. Ich hätte immer Angst gehabt, Ende nächster Woche tot zu sein oder im folgenden Monat nicht einmal den Sinn der Fragen mehr zu verstehen. Ich hätte immer Angst gehabt, ein zu kleines Fragment meiner selbst zu hinterlassen. Gamma war da cooler. Oder einfach träger, schwer zu sagen.

Satoko protestierte, als ich die Cassette in den Recorder schob. Ihre Sendung näherte sich dem Höhepunkt – das Gemüse brutzelte in der Pfanne, die gestreifte Hausfrau schüttete mit tänzerischer Ausgelassenheit weiße und schwarze Pulver hinein, und der Schauspieler rührte so heftig um, daß ein Teil des Inhalts zischend in der Gasflamme verbrannte.

„Bloß noch fünf Minuten!“

Ich drückte auf PLAY.

Es funktionierte nicht. Der japanische Recorder akzeptierte das deutsche Tape nicht. Die Systeme waren inkompatibel, wie ich im Grunde auch wußte. S. würde mir einen neuen, euro-asiatischen Videorecorder schenken müssen.

„Du hast Glück“, sagte ich, ließ mich auf den Rücken fallen und schaltete wieder um.

Der Werbeblock ging gerade zu Ende, und da waren sie wieder (eine lustig klingelnde Musik). Das Gericht lag fertig auf dem Teller – aber es war nicht zu identifizieren, jedenfalls für mich nicht. Das Gemüse war dunkelgrau geworden und mit einer Flüssigkeit gesprenkelt, die ich in Verdacht hatte, Soyasauce zu sein. Dazwischen anonyme hellbraune Flecken. Ich fragte Satoko, worum es sich handle, aber der französische Name, der in japanischer Aussprache über ihre Lippen kam, blieb mir ebenso unverständlich. Sie wiederholte ihn zweimal, dreimal. Keine Ahnung.

„Ratatouille?“ Satoko schüttelte den Kopf.

Fortsetzung folgt

Sonntag, 24. Februar 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 16

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„Reiskocher“, lautete das Wort, mit dem Satoko mich zu Hause empfing. Sie hockte auf den Fersen vor der Glastür zum Garten. Das Zimmer lag im Dunkeln. Mit der winzigen Taschenlampe im Anhänger ihres Handys leuchtete sie in den einsamen Innenhof des Hauses hinaus.

Ich trat neben sie und preßte meine Nase an die Scheibe. Der Abend war kalt. Ihr dünner zittriger Lichtfinger ertastete einzelne Steine, die wie schlafende Reptilien aus dem Moos aufragten und leise zu atmen schienen. Die Oberfläche des Teiches wurde von unsichtbaren Insektentritten gespannt.

„Du wolltest wissen, was ich am liebsten mag. Ich glaube, es sind Reiskocher. Findest du das doof?“

Auf einmal machte das Handy ein kurzes Geräusch, der Anfang eines bekannten Klavierstücks, aber nicht einmal der ganze erste Takt. Es erschreckte mich, als sei die Lampe heruntergefallen.

„Eine E-Mail.“ Sie bat um Verzeihung. „Ich schalte es immer auf laut, aus Angst, ich könnte...jemanden verpassen. Mein Bruder.“ Sie drückte wiederholt auf eine Taste, und durch das grüne Quadrat huschten Kanji. „Er fragt, ob ich morgen abend mit ihm auf ein Konzert gehen will. Im Liquid Room in Shinjuku. Ist es schlecht für ein Baby, wenn die Mutter, äh – hüpft?“ Sie machte eine Kaugummiblase und ließ sie zerplatzen.

„Es wird völlig plemplem von dem Gerüttel“, antwortete ich lachend und stapfte mit meinen Taschen in die Küche. „Und nachher muß es kotzen, und du hast dann die Grütze im Bauch!“

Ihr schrilles, spitzes Kichern drang herüber. Wir lachten beide mehr, als notwendig gewesen wäre, jeder in seinem eigenen Raum. Niemand wollte dieses erste bißchen Wärme zwischen uns verschenken.

„Was symbolisiert ein Reiskocher für dich?“ fragte ich Satoko, die mir schnell gefolgt war, ehe die Heiterkeit verflog. „Ich meine, abgesehen davon, daß er mit deinem Vater verknüpft ist. Als Symbol scheint er mir eher etwas Mütterliches zu sein.“

Satoko nickte lebhaft, und ich staunte, daß ihr diese psychoanalytische Sicht so einleuchtete. Aber in einer Kultur, deren Sprache für Mutterkomplex sogar eine eigene Abkürzung hatte und in der verheiratete junge Männer sich als „homosocial“ (Tomo) bezeichneten, als sei der Begriff aus der Titelstory der neuen GQ, war die Popularisierung Freuds wahrscheinlich sogar noch weiter vorangeschritten als bei uns. „Meine Mutter hat natürlich immer das neueste und beste Modell zu Hause“, sinnierte sie schmatzend und nahm jetzt auf dem Küchenstuhl die alte Hockstellung ein. „Manchmal streitet sie sich mit meinem Vater, weil sie den alten Reiskocher behalten will und er schon wieder einen anderen anschleppt. Er ist immer der Techniker, und sie ist die Hausfrau. Sie liebt die Dinge in ihrer Küche. Sie sagt, sie kennt die Töpfe, das Geschirr und die Instrumente, mit denen sie täglich umgeht, wie ihre Familie, aber für meinen Vater sind es nur seelenlose Maschinen.“

Sie tippte nebenbei eine Antwort an ihren Bruder. Der Inhalt der dritten Tüte paßte nicht mehr in den Kühlschrank. Ich nahm alle Dosen und Gläser wieder heraus und untersuchte die Etiketten nach dem Haltbarkeitsdatum und dem Hinweis auf Konservierungsstoffe.

„Ja, vielleicht lieber als Reiskocher mag ich alte Reiskocher“, sagte Satoko mit einem kurzen Flackern in ihrer Stimme, nachdem die Nachricht abgeschickt war. „Ein alter Reiskocher – das ist ein Symbol für die Liebe. Ziemlich kindisch, was?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe übrigens keinen. Ist dir wahrscheinlich schon aufgefallen.“

Sie nickte und spuckte den Kaugummi in das Loch ihrer oben geöffneten Faust.

Fortsetzung folgt

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Donnerstag, 24. Januar 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 15

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Roman von Anfang an lesen

3.

Der penetrante Lärm des Telefons quälte mich aus dem Vormittagsschlaf. S.‘s Stimme klang warm und freundlich wie immer. Er entschuldigte sich allerdings nicht.

„Bist du aufnahmefähig? Ich habe eine Bitte. Sie betrifft das Haus.“

***

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Die Geschichte setzte sich nach und nach bei einer Tasse Kaffee zusammen, die ich gegen meine Gewohnheit in winzigen Schlückchen trank. Eine sehr junge Kollegin aus der Buchhaltung war schwanger geworden. Schon im siebten Monat angekommen, ohne daß bislang jemand etwas gemerkt hatte, war sie ihrem Chef gestern abend auf dem Dachgarten des Firmenhochhauses aufgefallen, wie sie mit einer Unkrautschere am Drahtnetz der Sicherheitsumzäunung herumschnippelte. Nach mehreren Gläsern Whisky gestand die Frau schließlich, sie habe vorgehabt, sich umzubringen, weil es unmöglich werde, ihren körperlichen Zustand länger geheimzuhalten, und andererseits für eine Abtreibung viel zu spät sei. Der Vater, ein verheirateter Mann aus derselben Firma, dessen Namen sie nicht preisgab, hatte sie über ein halbes Jahr hingehalten – versprochen, sich von seiner Frau zu trennen, ihr eine Existenz im Verborgenen nahegelegt, taktiert, ihr Verliebtsein und ihre Unerfahrenheit ausgenutzt, um sein Doppelspiel zwischen Ehe und einer weiteren Geliebten auf die Spitze zu treiben. Dann hatte er sich plötzlich ins Ausland versetzen lassen und das arme, völlig verängstigte Mädchen mit einem bösen Abschiedsbrief zurückgelassen, in dem er drohte, für ihre Entlassung zu sorgen, falls sie jemandem von der Affäre erzähle. Nun saß sie da mit einem dicken Bauch und konnte weder zur Arbeit noch zu ihren Eltern, bei denen sie wohnte, zurück. Ob es in Ordnung sei, ihr für die Zeit bis zur Entbindung das freie Zimmer zu geben, fragte S. Ja, das Teezimmer. Inzwischen werde er sich um ein kleines billiges Apartment kümmern und ihr einen Telearbeitsplatz verschaffen.

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Satoko stand noch am selben Abend vor der Tür. S war beim Haus ihrer Eltern vorbeigefahren, hatte die Mutter beruhigt, vermutlich diskret die Möglichkeit ins Spiel gebracht, daß er nicht nur der Chef, sondern auch der heimliche Geliebte der Tochter und der angehende Schwiegersohn sei, die Verwirrung ausgenutzt und ein paar Sachen für die nächste Zeit in eine große Sporttasche gepackt. Das jedenfalls erzählte er später. Das erste, was ich sah, waren Satokos schiefe Schultern – die Tasche stellte ein zu großes Gewicht dar. Das sanfte Scharren, das sich hinter den Pinien der Nachbargärten entfernte, schien mir zu S.‘s Mercedes zu gehören. Satoko trug einen schwarzen Mantel. Ihre Hände hingen schlaff an den Gelenken. Der Kopf war gesenkt. Es sah jämmerlich aus. Wahrscheinlich hatte sie nicht einmal selbst auf die Klingel gedrückt.

Es dauerte einen Augenblick, bis sie meiner Aufforderung folgte und eintrat. Ich lachte ein bißchen und schimpfte auf S. – er hätte sich wirklich die Zeit nehmen können, uns einander vorzustellen, usw. Sie sagte ernst und und beinahe feierlich, er habe ein Geschäftsessen und sich bereits verspätet. Sie schäme sich deswegen. Dann folgten eine Menge Entschuldigungen an meine Adresse. Und dann weinte sie und hörte wieder auf.

Satoko ließ sich aus dem Mantel helfen und auf einen Stuhl eskortieren. Sie war wie eine durchschnittliche, langweilige Angestellte gekleidet. Sie verhielt sich auch so. Unter Aufbietung all meiner japanischen Konversationskenntnisse mühte ich mich während der ersten Stunde unseres Zusammenwohnens, ein Gespräch über Allerweltsthemen am Leben zu erhalten, während wir uns am Küchentisch gegenübersaßen und mein Abendessen teilten. Sie war in einem kleinen Ort in Kansai in der Nähe von Nagoya geboren und mit sechs Jahren nach Tokyo gekommen. Ihr Vater arbeitete als Verkäufer in einem großen Warenhaus für Elektrogeräte. Sie hatte zwei ältere Schwestern und einen jüngeren Bruder, der davon träumte, Sänger zu werden, und die Eltern mit schlechten Zeugnisses quälte. Sie war siebzehn Jahre alt.

„Kochst du gern?“

Sie schüttelte entschuldigend den Kopf.

Keine besonderen Hobbys. Kein Interesse an Literatur. Abends nach dem Büro sah sie fern oder blätterte in Illustrierten. Kino war ihr ein bißchen zu teuer. Im ersten Jahr verdiene sie noch nicht soviel. Wieder Tränen, wieder eine kleine, überschaubare Portion.

„Was magst du am liebsten?“ fragte ich resigniert, so allgemein wie möglich, in der schwachen Hoffnung, vielleicht irgendetwas in der Weite unsres Universums zu entdecken, an das sie einen Hauch von Begehren knüpfte.

Satoko leerte ihr Schälchen mit Sesamgemüse sorgsam bis zum letzten Spinatblatt und trank auch den verbliebenen Saft. Die Augen, die über dem blauen Rand auftauchten, verrieten Hunger. Natürlich, sie war schwanger. Ich bot an, noch einmal zum Convenience Store zu gehen, sofern sie inzwischen ihr neues Zimmer inspizieren und vielleicht im Wandschrank nach Futons und Bettzeug sehen wollte. Sie willigte dankend ein.

„In welchem Sinne mögen?“ hielt sie mich auf der Türschwelle zurück – und wie sie langsam die enge Treppe heruntergestakst kam, mit dicken, wackligen Beinen, denen man die Last der letzten Wochen ansah, ein Laken beschnupperte, ganz unbewußt, als suche eine verdrängte Hoffnung in ihr nach dem vertrauten Geruch eines Mannes, wurde mir auf einmal seltsam warm und behaglich zumute. Ich hatte nie daran gedacht, eine Familie zu gründen. Solche Pläne lagen mir auch jetzt völlig fern, aber für eine gewisse Zeit würde es zwangsläufig so sein, als ob dieses Mädchen und ich die Eltern wenn nicht des Kindes in ihrem Leib so zumindest eines Problems wären, das der gemeinsamen Pflege bedurfte. Ihre Verlassenheit, ihr seelisches Elend, das wie überdehnte Haut in Falten hängende Mittelmäßige des schon verbrauchten Teenagerlebens war geradezu mit Händen zu greifen. Doch es fühlte sich irgendwie weich und ganz interessant an – etwas eklig, etwas, als ob man Pizzateig knetet. Mal sehen.

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Satokos stille Verzweiflung, schien mir, war nur eine etwas intensivere Trägheit. Es lag etwas häuslich Gemütliches in ihrem Leiden. Während ich den Einkaufskorb mit Eiern, eingelegten Gurken, Thunfisch aus der Dose, Schokoladenriegeln und so ziemlich allem füllte, worauf eine Schwangere in meiner Phantasie Appetit bekam, sah ich uns beide vor dem Fernseher liegen, schwachsinnige Spielshows gucken und fressen. Mit einem leisen Rülpser fischte Satoko die letzten Cheese-and-onion-Chips aus der Rolle. Ihre hochgerutschte Bluse entblößte dabei den sonderbarsten Nabel, der mir je begegnet war. Der Junge an der Kasse mußte zweimal die Summe ausrufen. Es handelte sich in der Tat um eine Begegnung – der Anblick verwirrte mich wie ein Wasserstrudel, der sich in die falsche Richtung dreht. Der Unterschied war zu gering, um aufzufallen, aber da ich ihn versehentlich bemerkt hatte, schien er auf einmal die Welt aus den Angeln zu heben.

Fortsetzung folgt

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