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    <title>In denselben Fluss (Erzählungen, Kurzgeschichten, Roman in progress...) : Rubrik:Erzählungen</title>
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    <title>In denselben Fluss</title>
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    <title>Wie sie mit mir lebte</title>
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    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;332&quot; alt=&quot;damaskus&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/damaskus.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Seither empfinde ich&lt;/b&gt; es als besonders unheimlich, für andere eine bleibende Erinnerung geworden zu sein. In sechs oder sieben Fällen ist das wieder passiert. Womöglich noch öfter, ohne dass ich es bemerken wollte  oder wo die Verdrängung im Anschluss besser gelang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich spreche selbstverständlich nicht von denen, für die ich der Geliebte gewesen bin. Dass man im Leben seiner ehemaligen Partner einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, dass die eigenen Worte, Gesten, körperlichen Tics, ein Schlafgeruch oder so etwas wie ein eigenartiges Schmatzen beim Küssen im Gedächtnis der Verlassenen haften, sich in den Fasern ihrer neuen Beziehungen irgendwie mit weiter bewegen (und, wahrscheinlich, ihren Sinn verändern), das erscheint mir nur zu verständlich, das dürfte niemanden überraschen. Schließlich gibt es dieses Unvergessliche auf beiden Seiten, meistens jedenfalls. (Und wenn nicht  beweist das nicht nur, dass ihm, dem angeblich alles entfallen ist, der Mut fehlt, um sich zu erinnern: dass ihm das Gewesene zu viel bedeutet, als dass er die Kraft aufbrächte, sein Gedenken auf ein paar Details zu beschränken?) Was ich meine, ist etwas ganz anderes. Es ereignete sich nach meiner Premiere in der Kampnagelfabrik im September 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Nach Damaskus&lt;/i&gt;, ein Traumspiel von August Strindberg  selten aufgeführt, und es war uns, glaube ich, geglückt, diese lange Reise eines Fremden in das Zentrum seiner Schuld (und auf demselben Weg zurück) in suggestiven, starken Bildern in Szene zu setzen. Um das Zeitgefühl des Publikums von der Normalität wegzurücken, hatte ich alle Bewegungen auf der Bühne langsamer oder schneller gemacht: Ein Bettler schleifte seinen platten, wie von einem Riesenfuß zerquetschten Unterleib in quälend gedehnten Zügen über einen sandigen Kirchplatz, während er über das Auseinanderfallen der Mittagsstunde lamentierte. Die Schwester eines Arztes trippelte mit akrobatischer Geschwindigkeit auf flaschenhohen Stöckelschuhen (den Hochzeitssandaletten meiner Mutter). Eine Alte, die ihr Leben über eine Waschschüssel gekrümmt verbrachte, fand sich von ihrer wild gestikulierenden Tochter umschwirrt. Gottesdienstbesucher rannten atemlos nach Hause, ein Leichenzug marschierte in eisernem Gleichschritt mitten hindurch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich selbst hatte am Rand der zweiten Reihe gesessen und die Aufgabe des Souffleurs übernommen. Unser Budget erlaubte keinen echten, und da ich als Regisseur praktisch alle Rollentexte auswendig kannte, blieb mir nichts übrig, als dem Vorschlag meiner Assistentin Sara mit ihrem unwiderstehlichen Gespür für das Machbare zu folgen. Die Vorstellung war aber vollkommen glatt gegangen. Ohne ein einziges Mal laut werden zu müssen, hatte ich das Stück innerlich mitgesprochen, und vielleicht deshalb hatten sich die extremen Rhythmen der Sprache, die Verzögerungen und Beschleunigungen, die meine Anweisungen über Strindbergs Sätze verhängten, mir besonders eindringlich mitgeteilt. Der mehr als freundliche Applaus reichte nicht aus, um diese Wirkung zu unterbrechen. Als ich nachher im Foyer am Bartresen lehnte, die Gratulationen von Bekannten und Unbekannten entgegennehmend, nickend, ein paar herzliche Repliken murmelnd, vor allem wartend, dass J. F., der Intendant des T-Theaters, mit seiner Chefdramaturgin und seinem Bühnenbildner sich zu mir herüberbemühte  da hatte ich das Gefühl, mit sehr, sehr schleppenden Schritten auf ein draußen im Regen stehendes Pferd zuzulaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Pferd war der einzige Regieeinfall, den ich schließlich nicht hatte durchsetzen können. Tiere auf der Bühne sind unberechenbar, wie Sara zutreffend einwandte, oder wenn sie es nicht sind, sehen sie zahm und unsäglich doof aus. Das Bild des Pferdes kam daher nicht unerwartet, aber dass es sich in seinem Kranz aus prasselnden Tropfen so natürlich bewegte, dampfend Luft aus beiden Nüstern stieß, die Mähne schüttelte, mit der Schwanzspitze eine spätsommerliche Mücke verscheuchte, wohingegen es mir unmöglich war, schneller voranzukommen, meine Beine in diesen Bleistiefelschritten gefangen blieben, außerstande, zu der lässigen Natürlichkeit des Tieres aufzuschließen  das versetzte mich in eine plötzliche Gereiztheit, eher schon Wut, und meine wutverzerrte Grimasse muss bei Stefanie den enthemmenden Schock ausgelöst haben. Obwohl sie eben nicht deren Ursache war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stefanie fragte, ob ich lieber ungestört sein wolle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sagte: Grundsätzlich ja, aber du störst nicht. Hallo. Wir haben uns eine halbe Ewigkeit nicht gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sind drei Jahre und acht Monate her, erwiderte sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hast du dir das Stück angesehen? fragte ich. Danke. Fürs Kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie beglückwünschte mich zu der Inszenierung mit einem kurzen, die Nackenwirbel vorschiebenden Nicken. Dann schmunzelte sie breit, als sei sie froh, das hinter sich gebracht zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das hatte sie nicht. Irgendetwas bewog sie, noch einmal neu anzusetzen. Es begann wiederum mit einem Kompliment  sie lobte die große Schlüsselszene im Kloster, das Kostüm der Äbtissin, ihre klaffende Kutte, die den Zuschauern einen steinernen, von grauen Falten und Geschwüren übersäten Rücken präsentierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist angelehnt an eine barocke Allegorie der Zeit, erklärte ich. Oder geklaut, wenn du so willst: Die Vorderseite der Zeit zeigt das schöne Gesicht einer jungen Frau. Ihre Kehrseite dagegen sind Verfall, Krankheit, Altern und Tod.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß, sagte Stefanie. Ich bin Kunsthistorikerin. Schon vergessen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hoffe, &lt;i&gt;du&lt;/i&gt; warst es nicht, die mich auf das Foto mit der Zeitskulptur aufmerksam gemacht hat, versuchte ich einen Scherz, der aber wenig erreichte. Also kramte ich in meinem Gedächtnis und förderte alles zutage, was ich von ihr und unsern paar Begegnungen noch wusste: Es ist jammerschade, dass du nicht auch ans Theater gegangen bist. Wir beiden auf den Treppenstufen des Rheinhardt-Seminars in diesem grauenhaft verkitschten Schönbrunn, beim Warten auf das Urteil nach der letzten Runde der Aufnahmeprüfung. Wir waren beide so glücklich, dass sie uns nicht genommen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mich zurecht nicht, entgegnete sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Zufallstreffen in der Hafenbar...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
...war nicht ganz so zufällig. Du hattest in Wien erwähnt, dass du da gern hingehst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Waren wir nicht auch später mal zusammen in meinem Apartment?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie nickte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Parallelstraße?  Was für ein Name!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie nickte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wir haben, warte..., die Kastrierten Philosophen gehört!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie nickte lächelnd.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Love Factory. Mit dem grandios deprimierenden Elvis-Cover. Ich hörte mich singen. Feeling so lonely, baby. Feeling so lonely, baby. I could die.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der zweite Dramaturg vom T-Theater hatte sich drüben zu seinen Kollegen gesellt. Er grüßte in seiner verklemmten Art aus der Ferne, blätterte, ohne hineinzuschauen, im Programmheft, das größtenteils aus meinen Bühnenbildskizzen bestand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast darauf bestanden, dass wir diese Platte hören. Du meintest, etwas anderes käme gerade nicht in Frage. Sie folgte meinem Blick und identifizierte die prominente Gruppe. Du weißt immer sehr genau, was du willst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Och, nein  im Theater. Im Leben keineswegs...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch von da ab stürzte unsre Unterhaltung wie eine Gerölllawine in einen Abgrund. Einen Abgrund, der nur existierte, weil diese Lawine irgendwohin fallen musste. Ein aus dem Reflex geborener Abgrund, aber für mich wurde er binnen weniger Sekunden ebenso real wie für sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stefanie machte erst Anstalten zu gehen  sie packte den Riemen ihrer Umhängetasche, zerrte einen Autoschlüssel daraus hervor. Sie flüsterte: Ich sollte nicht in deiner Nähe sein, das ist gar nichts für mich  und drehte sich um. Doch dann sprudelte es auf einmal aus ihr heraus, ohne dass ihr flüchtender, mit allen freien Gliedern weg wollender Körper etwas dagegen ausrichten konnte: Wie sie seit drei Jahren und acht Monaten unausgesetzt an mich dachte. Wie sie meinen arroganten Jungencharme vergötterte und mich für mein beiläufiges Nettsein hasste. Wie meine Erfolge ihre Selbstachtung zerstörten. Wie sie beim Betrachten meines Bildes in der Taz masturbierte. Wie sie ernsthaft geplant hatte, mich wegen Vergewaltigung anzuzeigen, nur um ein Zeichen dieses verdammten Schmerzes hervorzubringen, den meine Missachtung ihr eingepflanzt hatte. Wie sie jeden Tag dasselbe Gespräch neu mit mir führte, nach den richtigen Worten suchte, die den Ausgang abändern würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich glaube, meine dumme kleine Bemerkung über Robert Wilson hat damals die erotische Stimmung zerstört. Meinst du nicht? Dabei sollte es ein Scherz sein. Danach warst du rätselhaft nüchtern und desinteressiert...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, dass ein Teil von mir aus der Zeit ihres Lebens bestand. Bewusst ist das falsche Wort  ich spürte diese Zeit leibhaftig in meinen Geweben vergehen, spürte, wie sie Eigenschaften an mir zum Verschwinden brachte, andere verwischte und noch andre mit der Knochenhärte einer fest geballten Faust umklammert hielt. Nicht ich, sondern sie da würde diesen Teil von mir ruinieren  sie würde ihn hinaus in den Regen schleifen, ihn durch Städte und Wüsten zerren, ihn abnutzen, ihn krank machen, ihn zu Tode pflegen und sich mit ihm begraben lassen. Als Stefanie endlich doch, als eine der letzten, die Premierenparty verließ, konnte ich mich selbst, den rätselhaften gleichgültigen Zwilling, an ihrer Seite durch das Fabriktor hinaushumpeln sehen. Mein linkes Bein schien mit ihrem rechten verwachsen. J. F., der uns beobachtet haben musste, zwinkerte mir durch seine dicken Brillengläser verschwörerisch zu. Er war ein alter Hase. Er schien solche Abgänge zu kennen.</description>
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    <dc:subject>Erzählungen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 allesfliesst</dc:rights>
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    <title>Dünnes Gebüsch (5)</title>
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    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;267&quot; alt=&quot;AYOR_02_Siegessaeule&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/AYOR_02_Siegessaeule.jpg&quot; /&gt;

&lt;p align=&quot;right&quot;&gt;Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Weil er darum&lt;/b&gt; gebeten hat, habe ich angefangen, ihn zu treten. Weil er verlangt hat, dass ich mich nicht beirren lasse, wenn er versucht, mir einzureden, es sei genug, höre ich nicht damit auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sind hier da, wo ich mich allein niemals hingetraut habe  am oberen Ende des Flüsschens, oberhalb selbst der oberen Brücke, auf einem Stück Pfad, das von der Brücke vielleicht bis zu jener Stelle führt, wo das Flüsschen in den Kanal mündet, wahrscheinlich aber vorher abbiegt, wohin auch immer. Wäre er nicht einem andern hinterhergegangen, wäre ich ihm nicht gefolgt. Es war dieser Dritte, der das hier möglich gemacht hat, ein Zufälliger, einer von denen, durch deren Kommen und Gehen die Vorsehung Dinge einfädelt. Er war dann hinter zwei sich aneinander reibenden Birken verschwunden und hatte seinen Leib in einen sauerscharfen Geruch aufgelöst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zuerst wollte er, dass ich mich auf seinen Bauch stelle. Er schob das Hemd hoch und machte die Hose auf wie beim Arzt. Obwohl er nicht dick war, wackelte es, und ich musste um mein Gleichgewicht kämpfen. Mag sein, dass es nur dazu diente, mich wütend zu machen. Je länger ich trete, desto besser verstehe ich, was für ein genialer Stratege er ist: jemand, der den Kontrollverlust mit der Präzision eines Schachgroßmeisters herbeiführt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Überraschungszug, als mir irgendwann doch Skrupel kommen, ist das schwule Äquivalent eines Damenopfers. Er dreht sich so überraschend um  ich rutsche ab und wäre gefallen, geht auf alle Viere wie ein Hündchen, wackelt mit dem Arsch und fordert mich auf, ihm mit voller Wucht in die Eier zu treten, bis nichts Männliches mehr übrig sei. Er nennt das Geschlechtsumwandlung. Er zeigt zwischen den gespreizten Beinen durch und sagt: Mach das weg!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über das nachtglatte Wasser trippelt das Knirschen der oberen Brücke wie ein Schwarm hässlicher, aber leichtfüßiger Tiere. Es ist eine Hängebrücke, federnd. Wenn Männer auf und ab laufen, um einander im Mondschein aus dem Augenwinkel zu bewerten, entsteht jedes Mal so ein Schwarm.</description>
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    <dc:subject>Erzählungen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 allesfliesst</dc:rights>
    <dc:date>2009-01-10T15:31:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/5351612/">
    <title>Dünnes Gebüsch (4)</title>
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&lt;p align=&quot;right&quot;&gt;Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Ein Urinstrahl schwappt&lt;/b&gt; dampfend durch die Kälte. Der Morgen kommt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das erste Violett an den Rändern der Blätter hat noch kaum Kraft. Aber man ahnt, wie sich etwas verändert. Das Warten verliert seinen Sinn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das gute Dutzend Männer, das noch hinter dem Unterstand herumstreicht, wird von dem einsickernden Licht überrascht. Und wie Vampire bei der Berührung mit dem Tag zu Asche verbrennen, glüht auf ihren Schatten das Phantastische weg. Zurück bleiben Halsbänder, schwule Frisuren, mit Bartstoppeln gespickte Kinne, Hände in Jeanstaschen, mehrere Sorten von Karos, blutunterlaufene Augen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein kreidesaurer Schweißgeruch umweht die Drei, von denen einer pisst, einer an den Wurzeln einer Buche hockt und den Mund aufsperrt, einer wichsend daneben steht und den Schluckenden spielerisch tritt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wird vielleicht das Letzte gewesen sein, was sich für heute ereignet. Die anderen kommen näher, wie man etwas zugibt und es lieber direkt tut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schluckende ist der jüngste von allen. Mitte zwanzig. Das kurz geschorene Haar ohne dünnere Stellen. Sein Adidas-Tshirt und seine Turnhose werden nass. Fußballstrümpfe bis zu den Knien, sie kriegen ein paar Sprenkel ab. Und gar keine Schuhe: die dreckigen aufgerissenen Strümpfe  er ist die ganze Nacht so herumgelaufen...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich kriege einen Steifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Gesicht gehört zu denen, die unfreiwillig immer ein bisschen ironisch dreinblicken. Es liegt an der Oberlippe. Oder am Mundwinkel. Oder der Stellung der Augenbrauen: dichte, haselnussbraune, wie mit der breiten Schönschreibfeder gedrückte und dann gezogene. Mit den geschlossenen Lidern das Schönste an ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Zweite die letzten Tropfen abschüttelt, ist der Dritte zum Organisator geworden. Er streckt die freie Hand nach denen aus, die nahe genug sind. Einer lässt sich von ihm die Hose aufmachen. Ein Weiterer macht es selber. Ein Kreis bildet sich. Dann ein Klumpen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Wanderweg, in dem engen Bretterverschlag, hält die Nacht sich am längsten. Selbst in stockfinsteren Nächten ist es hier drinnen noch schwärzer, ein Darkroom mitten im Park, und die atembare Nähe des rauen, firnissgetränkten Holzes, der von den Tritten vibrierende Dielenboden, die Kanten der aus rohen Klötzen gezimmerten Tische, an denen Spaziergänger bei Regen belegte Brote verzehren  dieser ganze Kasten voll Materie, aus dem das Dunkel besteht, verleiht jeder Bewegung hier eine eigenartige Übergröße: als hätte man zwei oder drei Mal so viel Körper und ragte mit Armen, Knien und Haarspitzen zwei oder drei Mal so weit in den gemeinsamen Raum mit den andern hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ältesten und Hässlichsten unter den Cruisern machen sich dieses schwer kontrollierbare Wachstum der Leiber zunutze. Der Unterstand ist ihr Domizil. Wer unter das Dach taucht, muss darauf gefasst sein, von ledernen Händen in Beschlag genommen zu werden, Händen, die keine Scheu kennen, die alle Zurückhaltung abgelegt haben, deren Leben aus &lt;i&gt;trial and error&lt;/i&gt; besteht. Es geht direkt an die Hose. Lediglich die Aftershaves und Duftwässerchen wirken wie eine Entschuldigung für das, was sie jetzt mit mir tun und mit jedem andern genau so getan haben würden.</description>
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    <dc:subject>Erzählungen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 allesfliesst</dc:rights>
    <dc:date>2008-11-28T14:41:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/5351497/">
    <title>Dünnes Gebüsch (3)</title>
    <link>http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/5351497/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;267&quot; alt=&quot;AYOR_03_Grunewald&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/AYOR_03_Grunewald.jpg&quot; /&gt;

&lt;p align=&quot;right&quot;&gt;Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Sein Meister hat&lt;/b&gt; ihn zwischen zwei Stämme gebunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Junge, schlanke Bäume. Jünger als er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ist nackt. Bis auf die Stiefel und graue Strümpfe. Einige Meter entfernt, als ordentlicher Haufen auf einem Rucksack, liegt seine Wäsche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bist jetzt ist nichts passiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Teil des Parks sind die ausgetretenen Wege schmal und nicht sehr zahlreich. Die Männer streifen durch die dichte Laubschicht auf der Suche nach neuen. Sie gehen halb vorsichtig, tastend, halb wühlen sie die Blätter auf, um ihren Schritten einen souveränen Charakter zu geben. Dadurch entsteht dieses &lt;i&gt;schrapp-schrapp-schrapp&lt;/i&gt;, das das Mondschattenraster des Waldes wie ein Netz von Signalen durchzieht, und dass so Viele sich so weit von den Gruppen wegbewegen, muss an der Sicherheit liegen, in der Hörenkönnen Menschen wiegt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine etwas trügerische Sicherheit. Ab und zu hört man einen umkehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist immer noch nichts passiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Angebundene wirkt klein. Drahtig. Trainiert, wenn auch ohne jene letzte Konsequenz, die einen Körper aus seiner gewachsenen Form in etwas Idealähnliches hebt. Unter der tätowierten Haut bleibt eine feine weiche Schicht wie ein symbolisches Reservoir der Trägheit. Das Spiel der Schultermuskeln, als er an den Seilen zerrt, gerät zugleich zu einer Pantomime dessen, was am Körper immer bloß herabsinken will und endgültig unten bleiben. Seine Beine sind wirklich sehr kurz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Meister trägt Leder. Eine mehrschichtige Kombination, von der das Mondlicht nur die Kanten, Säume, Nähte und Reißverschlüsse erhellt. Etwa vier Meter hinter seinem Sklaven steht er. Er zieht an einem Zigarillo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts passiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwerer und mächtiger als der einer Zigarette, aber ohne die dickblättrige Süße von Zigarrentabak, verbreitet der eigentümliche Geruch des Rauches sich zwischen den Stämmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemand in einer glänzenden Bomberjacke tritt von vorn dicht an den Sklaven heran.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So weit das seine Fesseln erlauben, schiebt der Sklave sich ihm entgegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Meister rührt sich nicht. Das Ende seines Stumpens glüht auf, und man hat das Gefühl, dass er besonders langsam, besonders gleichmäßig einatmet, um jeden Verdacht auf eine Erregung gleich vorweg zu bestreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hinzugetretene mustert den Sklaven. Wäre es eine andere Situation, würde ich sagen: sie stecken die Köpfe zusammen. Ein irgendwie kritisches Dunkel verschluckt, was an der Brust probiert wird. Vielleicht ist es auch gar nichts  als der andere sich abwendet und ebenso verlangsamt davonraschelt, wie der Meister weiterhin raucht, ist der Gefesselte unverändert. Sein wurstiger Schwanz baumelt ohne Vorhaut. Die abgeschnürten Eier scheinen die Hauptsache zu sein. Überhaupt ist für eine Weile das ganze Kollektiv wie abgebunden. Angesteckt von einer Angst, wer sich jetzt normal schnell bewegte, verriete Schwäche, werden alle von derselben Stockung erfasst. Jemand, der mir auf dem sehr schmalen Pfad mitten durch einen Brennnesselstreifen entgegengewankt kommt, fällt fast, weil er die kleinen Rucke, mit denen man aneinander vorbei kommt, vermeidet. Eckiges und Spitzes ist verboten. Ob er es beabsichtigt hat oder nicht  der durch die Asche seines Zigarillos fahrende Atem des Meisters ist hier auf einmal Gesetz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur der Sklave zappelt, wie es ihm gefällt. Und als er damit aufhört, geschieht es aus Müdigkeit oder Langeweile.</description>
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    <title>Dünnes Gebüsch (2)</title>
    <link>http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/5293795/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;343&quot; alt=&quot;AYOR_07_Zitadellpark&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/AYOR_07_Zitadellpark.jpg&quot; /&gt;

&lt;p align=&quot;right&quot;&gt;Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Er kniet auf&lt;/b&gt; dem Felsbrocken, hat seine Jeans bis auf die Knie heruntergelassen. Er reckt den Arsch in die Luft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre es dunkel gewesen, hätte man sagen können: &lt;i&gt;er hält ihn hin&lt;/i&gt;. Und er hätte dann wahrscheinlich mehr Erfolg gehabt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist erst kurz vor acht. Auf der Straße sind Besucher, die in den Filmpalast strömen. Die Helligkeit des Sommerabends lässt das seltsam widersinnig erscheinen. Ich denke, dass der Film, in den sie wollen, etwas &lt;i&gt;sehr Wichtiges&lt;/i&gt; sein muss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Brücke, auf der man von der Bahnhofsseite her die sechsspurige Fahrbahn überquert, sieht auch merkwürdig aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Typ wackelt nicht mit seinem Hinterteil, was tatsächlich lächerlich wäre. Er kniet still, den Kopf hängend, das orangefarbene T-Shirt mit der Zahl Zwölf in dicken Falten auf den Nacken gerutscht, und wenn jemand zu lange oder zu provozierend vor ihm stehen bleibt, mit der Pose eines Museumsbesuchers, der eine Statue betrachtet, schaut er ihn aus großen brauenlosen Augen an, bis der andere abhaut. Ein Pärchen reißt Witze über ihn. Das ignoriert er. Es scheint ihm weder um Werbung noch ums Irritieren zu gehen. Er weigert sich, der Verfügbarkeit, die sein freigelegtes Loch demonstriert, die passenden Gesten oder Worte hinzuzufügen. Aber er hat auch keine Lust (oder kein Talent), widersprüchlich zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich frage mich, wie dieser große Stein wohl herkommt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was macht so ein Stein &lt;i&gt;im&lt;/i&gt; Gebüsch? Die Ecke, gebildet aus der Rückwand des Kinos und dem Bahndamm, wo Züge zwischen Hauptbahnhof und Dammtor hin und her rattern, ist niemals dazu gedacht gewesen, dass Menschen sich einfinden. Außer im Winter, wenn die Äste kahl sind und der schmale, sich einen flachen Hang hinabziehende Hain vor Armut transparent wird, wäre sein Inneres für einen Passanten, der im Park auf einem der angelegten Wege spazierte, niemals zu sehen. Kann es sein, dass der Architekt das tonnenschwere Ungetüm für diesen kurzen, aus dem Augenwinkel kullernden Effekt hat herbeischleppen lassen: Plötzlich  aufgeschreckt durch etwas Fremdes in der Öde einer matschfarbenen Februarlandschaft, bleibt der Blick an diesem Menhir hängen  und der Menhir, wie durch Zauberwort dort abgelegt, scheint in der Waagerechte über der schrägen Erde zu schweben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemand traut sich, den Arsch zu inspizieren. Schnell haben sich Fünf oder Sechs hinter ihm versammelt. Ich gehe auch hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ist rasiert. Nicht überraschend (aber in diesem Fall etwas enttäuschend). Die Rosette sieht normal aus. Wer von uns eine extreme Öffnung erwartet hatte, für den schweigt sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo ich einmal den Abstand überwunden habe, gehe ich um den Stein mit dem Mann drauf herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für einen Augenblick überkommt mich die Erinnerung an die Flüstergalerie im Dom von St. Pauls, wo man ein leise gesprochenes Fuck! von der andern Seite über dreißig oder vierzig Meter hört, als gehe der andere direkt neben einem. Ich muss dort dreizehn oder vierzehn gewesen sein. Das Absurde war, dass keiner von den Touristen es wagte zu flüstern. Wissend, was mit ihren zu privaten Stimmen passieren würde, lachten sie entweder oder husteten oder riefen ihre Kumpane wie in einer überfüllten Bahnhofshalle (worauf noch mehr und noch lauteres Lachen folgte). Die Stille um den Mann auf dem Stein hat entfernte Ähnlichkeit mit jener Stille. Es war gar keine richtige Stille. Aber doch Stille. Und sie hätte nicht sein sollen. Und hier ebenso, obwohl der Mann sie vielleicht heimlich genießt.&lt;br /&gt;


&lt;p align=&quot;center&quot;&gt;***&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;


Wochen später, nachdem ein Regenschauer eben lange genug aufgehört hat, damit ein Abstecher sich lohnen könnte, sehe ich zufällig mit an, wie jemand denselben Mann fickt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Gummi. Der Türke, der aussieht, als ob er hier seine Mittagspause verbringe, bedauert vielleicht schon, sich darauf eingelassen zu haben. Der andere hat die Stirn auf die gekreuzten Unterarme gelegt, so dass seine Mimik versteckt bleibt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außer mir und ihnen ist niemand hier, und mir kommt es vor, als ob ich ihrem Treiben Sinn gebe: ein Zuschauer. Der Fickende, ein untersetzter Kerl mit dickem Brusthaar (er hat den Saum des Hemdes irgendwie festgesteckt), streckt den Bauch vor und versetzt seinem Partner einen neckischen Klaps, der mehr Ärger verrät, als er will. Er gibt sich Mühe, einen Rhythmus zu halten, ihn allmählich zu steigern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als zwischendurch seine Spannung nachlässt, nickt er mir zu und ruft: Fick die Sau doch ins Maul!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin unschlüssig. Im Grunde würde ich ablehnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Türke schenkt mir ein gequältes Lächeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den Mund zu mustern, muss ich das Kinn hochheben. Es ist schlecht rasiert, an einer Spitze glatt, daneben voller Stoppeln. Es gibt einen nachgiebigen Pickel. Da keine Reaktion erfolgt, drücke ich die Lippen mit zwei Fingern auseinander. Wie man ein Pferd auf einer Auktion prüft oder wie das Klischee davon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja  ja  ja  ja...!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hat uns beobachtet. Er bringt sich in Fahrt. Anscheinend reicht ihm das schon. Ich warte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geil  !&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es dauert nicht lang, bis er kommt. Der krause Bauch wabbelt unter den Stößen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Gesicht glänzt, als er das Condom abzieht, wie bei der Karikatur eines Schlemmers, dem der fettige Dampf des Bratens das selige Lächeln poliert. Aber auch ich spüre die Nässe der Regenluft auf der Stirn und die mikroskopischen Veränderungen in meinen Haaren, die bewirken, dass sie sich kringeln.</description>
    <dc:creator>allesfliesst</dc:creator>
    <dc:subject>Erzählungen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 allesfliesst</dc:rights>
    <dc:date>2008-11-02T12:04:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/5281256/">
    <title>Dünnes Gebüsch (1)</title>
    <link>http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/5281256/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;343&quot; alt=&quot;AYOR_06_Zitadellpark&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/AYOR_06_Zitadellpark.jpg&quot; /&gt;

&lt;p align=&quot;right&quot;&gt;Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Er entdeckt mich&lt;/b&gt; erst, als ein anderer mit mir fertig ist. Er trägt nur einen Herbstpullover, keine Jacke, und darauf einen Schal. Meine Fingerspitzen zupfen vorsichtig die Haarfransen in seinem Nacken über der straff geknoteten Wolle heraus (je länger wir uns umarmen, desto mehr scheint seine Frisur sich aufzulösen  nicht wie eine Ordnung, die durcheinander gerät, sondern wie eine Illusion).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hat ein weiches breites Gesicht, das zum Anschmiegen gemacht ist, und wir stehen lange so Wange an Wange, während er etwas an meinen Gürtelschlaufen versucht und Acht gibt, unten nicht zu schnell zu nahe zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl es dunkel ist in dieser Nacht, erkenne ich das Muster seines Pullovers. Es kommt mir vertraut vor. Ein paar Jahre früher, und ich hätte einen ähnlichen gekauft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehrere bleiben neben uns stehen, warten, ob das, was wir machen, sich öffnen wird. Als es sich nicht öffnet, bleiben sie erst recht stehen, schieben sich heran. Zwischendurch muss ich kichern, weil mein Rücken unten, wo er nackt ist, ihre Blicke spürt und die Mischung aus Neid und Misstrauen etwas Kitzelndes hat. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was er missversteht  er fragt: Was?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So zärtlich wie möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese hörbare Anstrengung, mich mit der Frage auf keinen Fall zu verscheuchen, ist zutiefst rührend. Ich hätte ihn beinahe geküsst oder tue es ein bisschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Weile kriecht die Kälte durch die dünnen Jeans. Die Füße tun weh, und ich bin müde. Die Zeit ist ohne Symptome vergangen, solange mein Körper auf den Pfaden der andern hat mitwandern können; jetzt, wo er mich festhält, wird das schwer; meine Hüften kommen mir dünn vor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Vorüberstrauchelnder klatscht ihm auf den Arsch. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich muss allmählich mal nach Hause, flüstere ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Worauf er erst nicht reagiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich kurz davor bin, es zu wiederholen, sagt er: Nein. Leise. Wie ein Kind, das bereits weiß, wie wenig solche Widerworte bringen, aber nicht anders kann als sich zu weigern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Lachen macht, dass unsere Brustkörbe einander abstoßen, in kurzen schnellen Intervallen, und als ich ihn wie eine Wiedergutmachung enger an mich heranziehe, fällt mir erst auf, dass er die ganze Zeit steif gewesen ist und die enge Hose fast platzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entschuldige.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt lacht er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die restlichen Fragen werden nicht mehr gestellt. Er hätte wissen wollen können, wohin ich gleich gehen werde, wo ich wohne, ob wir nicht vielleicht an derselben Uni studieren, ob wir uns wiedersehen, ob ich öfter hier bin. Ich hätte Ausreden erfinden müssen oder ihn schweigend stehen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trennen wir uns in etwas anderem als Schweigen. Etwas Besserem.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gehe wirklich direkt nach Hause, nachdem er weg ist. Das tue ich selten.</description>
    <dc:creator>allesfliesst</dc:creator>
    <dc:subject>Erzählungen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 allesfliesst</dc:rights>
    <dc:date>2008-10-27T08:50:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/5137069/">
    <title>Ayameike</title>
    <link>http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/5137069/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;279&quot; alt=&quot;2&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/2.gif&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;1&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
He should have been used to the fact that encounters like this one happened to the body at its most unfit time.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
He was certain to be particularly unsightly right now: an overtired tourist, his hair mazy, dried blind as there had been neither a socket in the bathroom nor a mirror in his room, a cement-grey jacket sagging over his arm, and a gait, uphill, which had to be reeking of cheesy feet. Whence the words hit him by total surprise. Shanghaied him.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
He stood there like someone whod been attempted to trip up, who saw it but didnt dare to react. He stood there like a conscious fool, silentno, worse, &lt;i&gt;mute&lt;/i&gt;, at a loss for the simplest of commonplace phrases in the countrys language. Every second turned him into even more of a fool.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
But that as well, like the gross heaviness of his limbs, might only be an interior view. The woman suddenly looked scared. Her almost aggressive glance when she had squinted at him in passing yielded to an expression of terror, or shame. She slapped her own mouth with her hand as though she had committed an unpardonable &lt;i&gt;faux pas&lt;/i&gt;. Which she had.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Now the evening would depend on composing a more or less accurate sentence. On composing and pronouncing it without mistake. Or he could answer her in English, of course. She had asked in English.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
He considered. Someone in his blood calculated.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
The woman was in her early twenties. Quite smallish (which made her look, according to ones point of view, even younger or a little like an object: one couldnt help moving her between ones fingers, twiddling her to and fro). Her outgrown perm added a slutty charm to her face.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Additions and subtractions left something extreme as their result. He finally replied, though he felt neither up to her nor to the situation. When she lifted her bag, along with her eyelids, he caught a glimpse of her wristwatchs dial. It was shortly after six. For her the evening must have been just about to begin. She smiled now.&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;89&quot; alt=&quot;images3&quot; width=&quot;118&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/images3.jpg&quot; /&gt;&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;2&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
After an overstretched journey with pick-up trains, confusion in Yamato where he had to change, confusion searching for the suburban line in Nara, and a half hour waiting at the station forced upon him by a droning downpour, hed made it to the ryokan. Surprisingly slim, like a discrete private home, the hotel stood vis-à-vis an impressive four-storey wooden building he had first mistaken for it. The owner, an old hunched matron who crawled up the stairs because she couldnt walk them anymore, welcomed him with an excitement that he wondered was cordiality or merrymaking. She explained to him that the huge black block at the other side of the street was a clinic. A specialized clinic. Specialized on what, he didnt understand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
As he kept repeating to himself, the house had a nice cozy atmosphere. With its six-mat size, the room wasnt luxurious, but neatly furnished and in any case better than the depressing cells of the standard Western style accommodation where you had to scrape by the bed and didnt even find a closet to unpack your suitcase. Using the toilet required some acrobatic exercise. He removed his briefs from under the yukata before he hushed trough the corridor, and not without a certain pride did he peer between his legs at the fat, light-brown turd which didnt break off until its tip touched the faintly yellowed surface of the narrow bowl embedded in the ground.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Back in his room, he realized there was no alarm clock. No clock at all. He intended to get up at seven again the next day. Hed have to if he didnt want to miss the train Reiko had picked for him. Shed be waiting for him in Ise on the platform.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
It was probably okay to ask the owner for a waking call. He postponed that conversation, only cheered a jovial good-bye while lacing his shoes, and almost crashed into two ladies in old-fashioned travel attire at the doorstep. Their disenchanted gaze crawled up the houses front. Behind them, a happy-faced man, whose type was that of the one womans cousin and the others husband, carried an immensely heavy-looking, somehow brutally deformed sports bag on top of two trunks.&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;89&quot; alt=&quot;images3&quot; width=&quot;118&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/images3.jpg&quot; /&gt;&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;3&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
After he had fumbled around between books, cookie boxes, his and her clothes and others from her whose crumpled innocence delighted him and raised a little jealousy, he found a sort of egg that told the time.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
6:03 said the saucer eyes of an indefinable aniline-blue creature, apparently the mascot of a pharmaceutical corporation. He turned the egg and opened it. A dozen tiny white pills came rolling into his palm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
She seemed to be sound asleep. Her arm and a corner of the blanket held each other tight as though each was ready to replace a part of the other in case of an emergency. The toes of her left foot (she lay more or less on her stomach) had dug into the slit between mattress and frame.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Outside, a birds monotonous rasping chirp sounded like an overlarge cicada. When he slid back one of the shutters and the mosquito screen, his attention was caught by the mop-sized wet leaves of a shrub whose branches had been creeping out over most of the roof. Their almost white blaze reflected the rain-laden sky.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
He stuck out his head through the crack and cocked his ears. Yes, it was true: a fine, nearly invisible drizzle was drumming mildly onto the shingles, supplying the bushes and small trees in the garden with a ... rustle. He spent a long time searching for an adjective. He could find none. It was a very earthly, quite specific, but in no way extraordinary rustle. Nothing alien to language. His mind was simply too dull, or he didnt want this splendid gravity of standing and searching to fade.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
He stood unchanged, face covered with a layer of driblets, when the egg-clock started to beep. He could hear the duvet fissle. Her hair and her skin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Somewhere behind the ocean of roofs and the strangely isolated green balls of the Japanese pines, which floated above them as though the residents had thrown them in the air and then forgotten there, a commuter train sped past on its way to the center of town.

&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;b&gt;***&lt;/b&gt;&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;z20050627_ayameike8_ledflashbulb2sse&quot; width=&quot;300&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/z20050627_ayameike8_ledflashbulb2sse.jpg&quot; /&gt;&lt;/center&gt;
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    <dc:creator>allesfliesst</dc:creator>
    <dc:subject>Erzählungen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 allesfliesst</dc:rights>
    <dc:date>2008-08-20T23:05:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/5127273/">
    <title>The Consequences</title>
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&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lord, sureas far as I am concerned. What I cannot explain to myself is: how I could become a father without at least a moments hesitation. It is one of those mysteries others call the way things go, for they dont dare admit that the unhesitating conceals the evillest secret of man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Julia was a bright, bold little student when I met her. She fucked up her BA for the two us to have time. We lived at her mothers apartment, who had to spend the autumn in a cardiac clinic. Everywhere, between the standard items of a bourgeois existence, Julias things lay scattered and signaled the discontinuance of something: barely smoked cigarettes; undrunk coffee with cirrus of curdled milk; chocolate stains from collapsed Nutella-spread slices of bread; a VHS cassette that was stuck aslant in the recorders slot and amazed us with holding its position for weeks. Although we aired the rooms until our teeth chattered, the whole flat reeked of sex. One day, after wed returned from a futile attempt to see a movie, the bathmat was floating in the tub on top of a green-yellow sludge. A memo from the cleaning-lady clung to the mirror: &lt;i&gt;Had to soak this first b. o. the stains.&lt;/i&gt; Julia wanted to die of shame, while I found nothing wrong in having become a decadent pervert in the eyes of a lower employee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
When I shot my load just so, without pulling it out first...&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;100&quot; alt=&quot;Foetus&quot; width=&quot;150&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/Foetus.jpg&quot; /&gt;&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


She admired my indifference. She understood that indifference was what it was, that I was fine and that I didnt care what would become of it, but she converted it into love by loving me for it: a sublime indifference, like a single lacquer-black cloud floating above life in whose shadow we moved ahead. From that day on we fucked without a contraceptive and without wasting a thought on what we never, not until the very end termed the consequences. This, we knew, would have trivialized it more than we could bear, and the causal nexus was clear anyway. When the doctor calculated days back after the test, it became apparent that the weeks-long rapture, this endless discharge of semen and semen and semen, had had no effect whatsoever. With a probability bordering on certainty, Julia had got pregnant right at the very first time.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
I went through a period of fear, while she considered whether she should have an abortion or have the baby. She changed her opinion daily, several times a day, and after it had looked as if the matter was doomed to end up at the clinic and she just needed sufficient time in order to have nothing to blame herself for, I gradually started to realize that the scale was about to tilt to the other side. Julia listed the reasons: She loved me, and once the wild times of this initial phase were gone I sure wouldnt muster the imprudence to knock her up anymore. Hence, this was her only chance to elicit a scion from me, the man with the most crazy DNA in the world. Moreover, having graduated, she, no doubt, would focus on her career and postpone the wish to have children.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
And maybe for too long. You know how slowly time passes at universities, and how it seeps away between book pages. I dont want to end up as an old spinster, who lacks a family though she never renounced the ideology of family life. And thats why...Id rather have it too early.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Could be she just waited for some genuine resistance from my part. Sometimes I believed that she wished for nothing more urgently than for me to put my foot down and forbid her to play with our future.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Youve arranged yourself entirely in this state of uncertainty about my decision, she once said, smiling. I get the impression that among the two of us you are the woman. Dont you think?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
That evening I declared that I would leave her did she insist on carrying the child full term. I used this expression full term. I remember how her face contorted in disgust.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
A friend came to stay overnight in Julias room. Anne and I remained at the kitchen table at the far end of an evening spent with watching videos and smoking weed. We emptied a bottle of bitter Hungarian herbal liqueur, discussed the imminent students strike, and incidentally stacked up the dishes, while Julias sonorous snoring broke in cable car-like tremors through the wall. For someone like me, I tried hard to seduce Anne. I even attempted to slip through the closing door crack after having said good-night but of her former interest in me little seemed left. She&apos;d either smelled that something which poisoned the air between me and Julia, or Julia had already told her everything on the phone. Anyhow, I found myself standing on the bathmat at four in the morning, regarding, full of sadness and anger, the pale yellow rings that the extra soaking hadnt erased.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
I struggled to figure out how much obedience a threat would extract from her. More than once Julia had assured me shed rather die than lose me. Yet, though that had sounded honest and reliable like a childs oath, it occurred to me now I was likely to depend on it that she didnt mean the same with dying as I. Her dying was something quite practicalsomething like kissing, sucking, crying, wiping your ass, not the great unfathomable death that encircled my world in its tiny spot of trying to go on. She would, as I was loath to comprehend, react &lt;i&gt;reasonably&lt;/i&gt;, even when the death concerned the fortune of our love, and it didnt surprise me at all when she explained shed have the baby all the same.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anne is going to be the godmother. She said, shell start knitting the christening robe right away, so itll be ready by September. With her thoroughness that might be an adequate schedule. I ordered her to make something that suits a terribly agnostic christening at the wet dock. And, will you leave me now?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
She really did expect me to. She considered it perfectly likely.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Do you think that if...&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;100&quot; alt=&quot;Foetus&quot; width=&quot;150&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/Foetus.jpg&quot; /&gt;&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


I left Julia. It hit her harder than I had thought. She made an admirably large number of admirably inventive attempts to win me back, promised to do everything in her power to rescue me from the hell I was in, concocted fictions of our living together that couldnt fail to please me (she knew me repellently well). At some point there even arrived a sort of slave contract with the mail, where she covenanted to be available for any kind of sexual abuse and earn my living through prostitution. The child she didnt mention. She sacrificed her dignity to me, her body, the part of her soul that she ownedbut all for the price of a decision made, whose sovereignty outbalanced the offered humiliation, and rendered it worthless in my hands. Wherefore, after a period of contemplation, I declined.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Julia betrayed me with other men. I betrayed her with staying alone, celebrating my solitude like a great foreplay, admitting to the casual insinuations that would have me as the lover of &lt;i&gt;her&lt;/i&gt; (...) or &lt;i&gt;him&lt;/i&gt; (...). If we both felt it was betrayal, our own behavior as much as the others, it only showed to what extent we still misconceived of our relation as something existing. The news about her marriage reached me in...&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;100&quot; alt=&quot;Foetus&quot; width=&quot;150&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/Foetus.jpg&quot; /&gt;&lt;/center&gt;
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    <dc:creator>allesfliesst</dc:creator>
    <dc:subject>Erzählungen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 allesfliesst</dc:rights>
    <dc:date>2008-08-16T14:57:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/5113816/">
    <title>Connecting with »no«</title>
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    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;145&quot; alt=&quot;sebastian1&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/sebastian1.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Its literal translation would be the taste of first love, Mr. Nakayama, the more Japanese of the two Japanese teachers, said.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
They so visibly pleased him, those digressions that were at first a little frivolous and then exposed a soft romantic something of a joke. The group knew. We laughed as we were expected. Mrs. Shump, the oldest student and the one with the hardest troubles to memorize what shed learned, joined in loudest as always.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
While he enjoyed the success, Mr. Nakayama picked at the silk scarf patterned in mint green and gray which had been carefully tied and folded into his collar. He threw a quick glance sideways, searching for his partner. Mr. Miyahira acknowledged the content or the effect of the words with an equally well-practiced nod. Then the lesson went on.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
The particle &lt;i&gt;no&lt;/i&gt; connects two, well, nouns, Mr. Nakayama explained, returning to the regular examples in the book: &lt;i&gt;jugyô no owari&lt;/i&gt;, the end of class; &lt;i&gt;chûshoku no jikan&lt;/i&gt;, the time for lunch; &lt;i&gt;taikutsu no musô&lt;/i&gt;, the daydream out of boredom...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
As you will have realized, we use a variety of prepositions, which define the relation between the first word and the other one rather clearly. In Japanese, however, the relation remains indefinite. &lt;i&gt;A no B&lt;/i&gt;  this can take on every possible meaning. Sometimes it becomes apparent from the context of conversation, but for most of the time the Japanese dont care about it at all. Which is likely to confuse the non-Japanese.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
I wasnt confused. Not by indetermination, at any point. What had arrested my attention was how desperately most examples in our Japanese primer tried to bond with a students desire to be relieved from the tedious and frustrating labors of learning. Was that an attempt to chum up with us by the authorsa team of 20 experts from Tsukuba who, if one could trust the introduction, had spent seven years of research on this straight way to real Japanese? Or was it just a symptom of their resistance against that deadly stupidity rehearsing a foreign tongue imposed upon adult humans when it forced them to beg for something to eat, a handful of stamps, or the description of a route with the words of a three year-old child? To read those inadvertently offensive phrases had been most painful for me from the very beginning. And even more so having to invent one by myself, because when Nakayamas frisky finger came to rest on one of us we unmistakably came up with the same type of silly insubordination. We outperformed each other with demonstrations of how little we were willing to be here. Although it was by our free will that we were. In case of the college students at least.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mr. Nakayama and Mr. Miyahira would not be impressed. They were too much of a pro as teachers, and professionals no less it seemed as Japanese. The Internet communities on education praised their summer classes as the best you could get for your money. And in fact, the little man with the dandy-like white strand in his hair, the elegant blue suit (the same one though every day), the thin fingers and the subdued, almost whispered Japanese, which at times rippled like creased paper, and his plump, usually checkered collaboratorthey worked on us from opposite angles in the most effective manner, formed, through power of the words they made each of us repeat dozens of times, complexions and gestures I had never observed with myself. On the evening of the third day I caught my upper half bowing while giving my name on the phone. The woman on the other end (a secretary at the branch office Id be transferred to in autumn) hesitatedprobably just caught off-guard by being greeted in her mother tongue, but to me it was as if she had sensed the jerk through my spine like a flickering in the noise of the ether.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
What did first love taste like? asked Sebastian.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mr. Nakayama flipped backwards through the textbooks pages looking for the dialogue in order to remind us of the connections with &lt;i&gt;no&lt;/i&gt; it contained. Which left a few seconds after the laughter had faded off unattended. Sebastians question hadnt been bold; hed rather posed it to himself, slowly, almost holding back, as if there was something that had to follow, which he didnt want to block or run away from. In all its casualness the query sank into my mind like a warm drop of liquid trickling down a throat in a very fine line. IAaronMarleenaMrs. Shumpthe junior CEOand Ken, the Japanese-American: we hadnt so much as perceived the questions meaning when we found ourselves permeated by a physical pleasure. Or displeasure. How had first love tasted? Mr. Miyahira, too, looked up from his brochure which concealed the answers to todays drills, slightly bent his head, stayed silent, and seemed to hunt for something this side, as it were, of words, in English or in Japanese.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strange how one may have a precise memory of past emotions without feeling them anymore, maybe was what I thought. And even more strange when the feeling is there but no memory. The taste? I tried and changed the searchs keyword: the flavor, the ... &lt;i&gt;aroma&lt;/i&gt; of my first love, of Myrja? The scent, a piercing scent of...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cigarettes, Sebastian answered his own question, after time for another three or four examples with &lt;i&gt;no&lt;/i&gt; had elapsed.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
The laughter that followed differed terribly from that Nakayamas joke had evoked. It revealed a lack in strength before it had fully set in, and not until its fading did it take on a certain pat emphasis. But worst of all, it was no common, choric reaction. Every one seemed to imply something else with his laughing, or hers, even Mrs. Shump.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laughter is but a reflex, I wondered. Has a reflex, something made of cheek muscles and phrenic contractions, such a power as to turn people away from each other, every one towards his own single-minded forgetting, inaccessible to anyone else? My eyes scanned the corner for Marleenas reaction. She polished her glasses, shaking her head, oblivious to my stare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All the same (or precisely because of that), the laughter echoed inside me for quite a while. Before the usual trip down to the language lab, as we spent our morning break performing the Japanese radio gymnastics at the corridor of the so-called Philosophers Tower, I gigglingly fucked up the lateral steps (which earned me an extra turn with the help of Nakayamas commands). At the cafeteria table, while Sebastian and Miyahira debated the Kyoto protocol in a somewhat funny moralistic tone, a piece of turkey breast slipped from my mouth as if the lip had been numbed by a dentist. And when we said good-night and lingered for a second at the stormiest spot on the campus, Ken asked what made me, me who always looked annoyed and whose face moved at the constant edge of a yawning, beam. Cause youre beaming, man. I dont know what it means, if its good or bad, but youre beaming.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
When I fell asleep, still an echo of that laughter, with the quiet, patient thoroughness of the words that had effected it, ran along my ice-cold legs. It accompanied me through a dream where, on a panic escape through gassed subway shafts and sewer tunnels crawling with cockroaches, I continued to hum the name &lt;i&gt;Myrja Modersson&lt;/i&gt;. Myrja Modersson had been my first love, and her first and only kiss had tasted of weird Swedish toothpaste. Which was not true, as I immediately knew waking up.&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;b&gt;***&lt;/b&gt;&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


Thus Sebastian perpetuated his slower rhythm of asking questions and giving answers within my life: a pale-haired ethnology student with gray eyes, shaved eyebrows and long, curled-up fingernails you strangely wouldnt recognize until he touched you.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Surprisingly he flew off to Japan before me. He stayed two semesters at Nagoya University while my company sent a colleague to Tokyo first, and when I finally secured another free position at our Japanese branch he was already packing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Youll get used to it, he repeated on several occasions during the afternoon we met after all. A chewy sort of afternoon, too short for what Marleena had called a fresh start. His plane home would depart on the same evening eight-ish. We spent hours at Nagoya Station lifting plushies with a crane from labyrinthian mini jungle landscapes until theyd get stuck at some twig and bump down. At the machine next to ours one could try the same with living crab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Did you meet anyone from the class? I asked him. The world is small, they say.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
The junior CEO, last December. Gathered with a few Japanese co-workers in a restaurant. Must ve been their Xmas party. Spoke not a word of Japanese, but seemed to do fine. They were all loaded, yelled &lt;i&gt;White Christmas&lt;/i&gt;. Had a lot of fun.</description>
    <dc:creator>allesfliesst</dc:creator>
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    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 allesfliesst</dc:rights>
    <dc:date>2008-08-09T14:43:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/4486414/">
    <title>Die Verbindungen mit »no«</title>
    <link>http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/4486414/</link>
    <description>&lt;object width=&quot;425&quot; height=&quot;355&quot;&gt;&lt;param name=&quot;movie&quot; value=&quot;http://www.youtube.com/v/1yISNrXRHDc&amp;rel=1&quot;&gt;&lt;/param&gt;&lt;param name=&quot;wmode&quot; value=&quot;transparent&quot;&gt;&lt;/param&gt;&lt;embed src=&quot;http://www.youtube.com/v/1yISNrXRHDc&amp;rel=1&quot; type=&quot;application/x-shockwave-flash&quot; wmode=&quot;transparent&quot; width=&quot;425&quot; height=&quot;355&quot;&gt;&lt;/embed&gt;&lt;/object&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die wörtliche Übersetzung&lt;/b&gt; dieser Formulierung laute der&lt;br /&gt;
Geschmack der ersten Liebe, sagte Herr Nakayama, der japanischere der beiden Japanischlehrer. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie machten ihm Spaß, diese etwas anzüglichen oder romantischen Scherze. Die Gruppe wußte es mittlerweile. Wir lachten. Frau Schump, die älteste unter den Teilnehmern und die mit den größten Problemen beim Lernen, stimmte wie immer am lautesten ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr Nakayama zupfte das grüngrau gemusterte Seidentuch zurecht, das sorgfältig gebunden in seinem Hemdkragen steckte, während er den Erfolg der Pointe genoß. Er warf seinem Kollegen einen raschen Seitenblick zu. Herr Miyahira bestätigte den Inhalt oder den Effekt der Bemerkung mit einem ebenso routinierten Nicken. Dann ging der Unterricht weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Partikel &lt;i&gt;no&lt;/i&gt; verbindet zwei beliebige Substantive, erklärte Herr Nakayama und kehrte zu den regulären Beispielen im Lehrbuch zurück: &lt;i&gt;jûgyô no owari&lt;/i&gt;, das Ende der Lehrveranstaltung; &lt;i&gt;chûshoku no jikan&lt;/i&gt;, die Zeit zum Mittagessen; &lt;i&gt;taikutsu no musô&lt;/i&gt;, der Tagtraum aus Langeweile...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Ihnen auffällt, gebraucht man im Deutschen den Genitiv oder ganz verschiedene Präpositionen, die jeweils die Beziehung zwischen dem einen Wort und dem andern genau definieren. Im Japanischen bleibt die Beziehung dagegen unbestimmt. &lt;i&gt;A no B&lt;/i&gt;  das kann alles Mögliche bedeuten. Manchmal wird es aus dem Kontext klar, aber oft interessiert es die Japaner auch gar nicht. Für Nichtjapaner ist das verwirrend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich war nicht verwirrt. Jedenfalls nicht von der Unbestimmtheit. Mir fiel auf, daß die meisten Beispiele in unserm Sprachlehrbuch sich mit der Sehnsucht des Schülers verschworen, von den lästigen und frustrierenden Mühen des Lernens befreit zu werden. Ob es eine bewußte, anbiedernde Geste der Autoren war  ein zwanzig Mann starkes Expertenteam aus Tsukuba, das dem Vorwort zufolge sieben Jahre geforscht hatte, um die neue Einführung in realistisches Alltagsjapanisch zu entwickeln? Oder ein Symptom ihres eigenen inneren Widerstands gegen diese Dummheit, in die das Üben einer Fremdsprache erwachsene, des Denkens fähige Menschen einschließt, wenn es sie zwingt, mit dem Vokabular eines dreijährigen Kindes um etwas zu essen, ein paar Briefmarken, eine Wegbeschreibung zu bitten? Es war mir von Anfang an peinlich gewesen, diese aufmüpfigen Beispielsätze zu lesen. Und noch peinlicher, selber welche erfinden zu müssen, denn wir alle verfielen, wenn die Reihe an uns kam, fast zwanghaft auf denselben Typ von mehr oder weniger albernen Unverschämtheiten. Wir gaben Beispiele unserer Unlust an dem, was wir hier seit zwei Wochen freiwillig taten. Die Studenten zumindest.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr Nakayama und Herr Miyahira ließen sich davon nicht aus der Rolle bringen. Sie waren Profis als Lehrer und Profis als Japaner. Die Internet-Communities zum Thema Weiterbildung priesen ihre Intensivkurse während der Semesterferien als das Beste, was man für Geld bekommen konnte. Und tatsächlich bildeten der kleine Mann mit der weißen Strähne im Haar, dem eleganten dunkelblauen Anzug (immer demselben), den schlanken Fingern und dem leisen, wie Papier raschelnden, manchmal nur gehauchten Japanisch und sein untersetzter, normalerweise karierter Kollege nicht nur ein kurioses, faszinierend widersprüchliches Paar  sie bearbeiteten uns von zwei Seiten auf sehr wirksame Weise, formten mit den Worten, die sie jeden Dutzende von Malen wiederholen ließen, Haltungen und Gesten, die ich niemals zuvor an mir beobachtet hatte. Am Abend des dritten Tages erwischte ich meinen Oberkörper dabei, wie er sich am Telefon beim Nennen meines Namens verbeugte. Die Dame am anderen Ende (eine Sekretärin der Abteilung, in die ich im Herbst versetzt werden würde) stutzte  wohl bloß überrascht, von einem Ausländer in ihrer Landessprache begrüßt zu werden, aber es schien mir, als habe sie den Ruck durch meine Wirbelsäule wie ein Flackern im Rauschen des Äthers bemerkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;object width=&quot;425&quot; height=&quot;355&quot;&gt;&lt;param name=&quot;movie&quot; value=&quot;http://www.youtube.com/v/-EBa31S5Sis&amp;rel=1&quot;&gt;&lt;/param&gt;&lt;param name=&quot;wmode&quot; value=&quot;transparent&quot;&gt;&lt;/param&gt;&lt;embed src=&quot;http://www.youtube.com/v/-EBa31S5Sis&amp;rel=1&quot; type=&quot;application/x-shockwave-flash&quot; wmode=&quot;transparent&quot; width=&quot;425&quot; height=&quot;355&quot;&gt;&lt;/embed&gt;&lt;/object&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie hat die erste Liebe denn geschmeckt?, fragte Sebastian.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr Nakayama blätterte in seinen Unterlagen zum Dialogtext zurück, um uns die Verbindungen mit &lt;i&gt;no&lt;/i&gt; darin noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Dadurch blieben einige Sekunden nach dem Abklingen des Lachens unbesetzt. Sebastians Frage war nicht laut, er stellte sie eher sich selbst, langsam, fast wartend, als müßte da noch etwas hinterherkommen, dem er nicht weglaufen wollte. Aber das Dahergesagte sank mir ins Bewußtsein wie ein warmer Tropfen, der in einer langen feinen Spur die Kehle hinunterrinnt. Ich  Karsten  Regina  Frau Schump  der Juniorchef  und Ken, der deutsche Japaner: wir hatten es nicht nur gehört, wir alle wurden nach dieser Frage von einem physischen Wohlbehagen durchrieselt. Oder Unbehagen. Wie hatte die erste Liebe geschmeckt? Selbst Herr Miyahira blickte von dem Lehrerheft hoch, legte den Kopf schräg, schwieg und schien auf Deutsch oder Japanisch nach irgendetwas diesseits von Worten zu fahnden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist befremdlich, dachte ich, daß man sich an vergangene Gefühle präzise erinnert, ohne sie noch zu empfinden. Und noch befremdlicher, wenn Empfindungen noch da sind, ohne sich erinnern zu lassen. Der Geschmack? Ich wechselte die Suchbegriffe: Das...&lt;i&gt;Aroma&lt;/i&gt; meiner ersten Liebe  Mirja...? Der Duft, ihre Schärfe  sie schmeckte...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Zigaretten, beantwortete Sebastian die eigene Frage, nachdem noch einmal Zeit für drei oder vier Beispiele mit &lt;i&gt;no&lt;/i&gt; verstrichen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Gelächter, das diesmal folgte, unterschied sich erschreckend deutlich von dem über Nakayamas Scherz. Es fiel an Heftigkeit ab, noch ehe es recht eingesetzt hatte, und nahm erst im Abklingen eine gewisse hartnäckige Prägnanz an. Doch vor allem war es keine gemeinsame, chorische Reaktion. Jeder schien mit seinem Lachen etwas anderes zu meinen. Sogar Frau Schump.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lachen ist doch bloß ein Reflex, wollte ich mich wundern. Hatte ein Reflex, etwas aus Mundwinkeln und Zwerchfellkontraktionen, Macht, um Menschen derart voneinander wegzudrehen, jeden in sein eigenes, den andern unbekanntes Vergessen? Meine Augen suchten Regina. Sie polierte kopfschüttelnd die Brille und registrierte mich nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem (oder deshalb) hallte dieses Lachen lange in mir nach. Vor dem Wechsel ins Sprachlabor, als wir auf dem Korridor des Philosophenturms die japanische Radiogymnastik nachturnten, patzte ich kichernd bei den seitlich versetzten Sprüngen (was mir einen Extradurchgang mit Nakayamas Kommandos eintrug). Am Mensatisch, während Sebastian und Karsten studentisch moralisch über das Kyoto-Protokoll debattierten, rutschten Fetzen meines Putenschnitzels aus dem Mund, als sei die Unterlippe vom Zahnarzt betäubt, und beim Abschied auf dem toten, windgepeitschten Campus fragte Ken, was mich eingefleischten Gähner und Genervtausseher so fröhlich mache. Noch im Einschlafen kroch ein Echo jenes Lachens mit der ruhigen, abwartenden Gründlichkeit der Worte, die es ausgelöst hatten, von den Zehenspitzen her meine eiskalten Beine entlang. Es begleitete mich durch einen Traum, wo ich auf einer panischen Flucht durch vergaste U-Bahnschächte und von Kakerlaken wimmelnde Abwassertunnel immer wieder den Namen &lt;i&gt;Mirja Moderson&lt;/i&gt; summte. Mirja Moderson war meine erste Liebe gewesen, und ihr erster und einziger Kuss hatte nach einer komischen schwedischen Zahnpastamarke geschmeckt. Was nicht stimmte, wie ich sofort nach dem Aufwachen erkannte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;object width=&quot;425&quot; height=&quot;355&quot;&gt;&lt;param name=&quot;movie&quot; value=&quot;http://www.youtube.com/v/1L6LilZ9gWc&amp;rel=1&quot;&gt;&lt;/param&gt;&lt;param name=&quot;wmode&quot; value=&quot;transparent&quot;&gt;&lt;/param&gt;&lt;embed src=&quot;http://www.youtube.com/v/1L6LilZ9gWc&amp;rel=1&quot; type=&quot;application/x-shockwave-flash&quot; wmode=&quot;transparent&quot; width=&quot;425&quot; height=&quot;355&quot;&gt;&lt;/embed&gt;&lt;/object&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So verewigte Sebastian seinen ungleich bedächtigeren Rhythmus des Fragens und Antwortgebens in meinem Leben: ein weißblonder Ethnologiestudent mit grauen Augen, abrasierten Brauen und langen, aufgerollten Fingernägeln, von denen man eigenartigerweise nichts merkte, bis er einen berührte. Sebastian flog überraschend vor mir nach Japan. Er studierte zwei Semester in Nagoya, während meine Firma zunächst einen Kollegen nach Tokyo schickte, und als ich schließlich die nächste frei gewordene Stelle in der japanischen Vertretung bekam, packte er schon wieder die Koffer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du lebst dich schon noch ein, sagte er mehrmals an dem zähen, für einen Neuanfang zu kurzen Nachmittag, an dem wir uns dann doch trafen. Sebastians Maschine nach Frankfurt ging am selben Abend, und wir hievten in einer Spielhalle nahe dem Hauptbahnhof von Nagoya stundenlang mit einem Kran Plüschtiere aus labyrinthischen Dschungellandschaften, bis sie irgendwann an einem Ast hängenblieben und wieder herunterplumpsten. Nebenan konnte man dasselbe mit lebenden Krebsen versuchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hast du einen von den andern aus dem Kurs hier wiedergesehen?, fragte ich. Die Fremde ist ja angeblich klein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Juniorchef  letzten Dezember. Er hockte mit ein paar japanischen Kollegen in einem Restaurant. War wohl ne Art Weihnachtsfeier. Konnte kein Wort Japanisch, aber er schien sich wohl zu fühlen. Die waren alle sehr besoffen, sangen &lt;i&gt;White Christmas&lt;/i&gt; und hatten viel Spaß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
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    <dc:creator>allesfliesst</dc:creator>
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    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 allesfliesst</dc:rights>
    <dc:date>2007-11-27T12:25:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/4411471/">
    <title>Verschiedene Himmel</title>
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    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;300&quot; alt=&quot;himmel005c4dartde&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/himmel005c4dartde.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Es wäre wichtig&lt;/b&gt;, wie dann der Himmel aussieht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jesus hängt am Kreuz. Er hebt den Kopf. Ich bin mir nicht sicher, ob er in seiner Position, mit verdrehten Armen und einem von den Schmerzen der Nägel und den Strapazen der vergangenen Stunden halb tauben Körper noch imstande wäre, den Kopf zu heben  ich glaube eher, seine Augen erreichen den Himmel durch einen tiefen, seitlichen Schwenk, indem sie in ihren Höhlen rollen und die wenigen Zentimeter verlängern, die ihnen der schlaffe, kraftlose Hals noch verschaffen kann. Es ist ein Himmel, wie man ihn beim Start eines Flugzeugs aus den Fenstern der gegenüberliegenden Seite sieht: eine schwankende schräge stahlblaue Fläche, eine blankpolierte Platte, die auf den Horizont aufgesetzt ist und die jemand mit Mühe festhält, während die Erde sich dreht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Worte sind bekannt. Man sollte sie den Jesus nicht mit zuviel Pathos sagen lassen. Auch nicht mit zu wenig, das wäre feig. Man sollte einen einfachen, ehrlichen Frageton wählen, den es einem Synchronsprecher ohne schlimme Verluste zu imitieren gelingt: &lt;i&gt;Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?&lt;/i&gt; Und daraufhin nichts als der Himmel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre ich der Filmregisseur, dachte ich, würde ich diesen Himmel, der für vier, fünf lange Sekunden allein im Bild ist, sehr genau aussuchen. Die ganze Sequenz steht und fällt mit dem Himmel (in meinem damaligen Gedanken  ich war acht oder neun  kam das Wort Sequenz ziemlich sicher nicht vor). Der Hollywood-Schinken präsentierte an Stelle des schweigenden Gottes eine gleißende Nachmittagssonne. Ich glaube, es gab sogar Musik dazu. Die Kamera hielt direkt in die Sonne (meine Mutter hatte mir erklärt, daß man das selber niemals tun dürfe)  und sogar durch die Gelatine meiner Tränen hindurch wirkte dieses Strahlen protzig und aggressiv und ganz und gar nicht wie ein Schweigen. Ein Gummibärchen klemmte unerreichbar hinten am Gaumen, eins von den ekligen weißen. Die Sonne war fehl am Platz. Diese Sonne ärgerte mich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während ich am Küchentisch saß und mir langsam ein Glas Milch eingoß, hoffend (wie sich bald herausstellte, vergeblich), daß meine Eltern von den Tränen nichts bemerkt hatten, zogen vor meinem inneren Auge verschiedene Himmel dahin. Der? brüllte ein Ausstattungsleiter mir zu, der hinter einem gigantischen Apparat mit Firmamentvorhängen an der Steuerungskonsole zu stehen schien und aus seinem Archiv die verheißungsvollsten Exemplare hervorholte. Soll doch sonnenfrei sein, oder? Ich brummte zustimmend. Oder der?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Himmel, der mich umspannte, bestand aus einer zerfetzten Wolkendecke. Er ähnelte der grauen Badezimmermatte an jenem Abend, als meine Schwester mit mir allein zu Haus geblieben war, und statt auf mich aufzupassen, während unsere Eltern bei irgendwelchen Geschäftsfreunden aßen, hatte sie eine Art panischer schlechter Laune bekommen und die Kosmetikwatte aus dem Spendersäckchen herausgerissen und in Dutzenden von Knäueln verstreut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich verlangte etwas Leeres. Etwas, was nach Atmosphäre aussah. Im Archiv gab es nur Sonnenauf- oder Untergänge, vom Tieforangen ins Silberblaue zerlaufene Farbspektren von zehn Minuten, bevor der Rand der brennenden Scheibe sich über den Horizont schob, oder von zwanzig Minuten, nachdem er dahinter hinabgetaucht war. Und eine ermüdend lange Serie von Nachthimmeln, mit und ohne Mond, doch ausnahmslos von Sternbildern mit Wiedererkennbarem bestickt. Bei einem, dessen Sterne besonders aufdringlich glühten, fragte ich nach der Technik. Lassen Sie mich raten  phosphoreszierende Farbe? Ich selbst besaß ein Schlaf-T-Shirt mit einem grünweiß leuchtenden Hammer und einer grünweiß leuchtenden Sichel. Sie absorbierten das Tageslicht und strahlten es nachts wieder ab (die Helligkeit reichte, um unter der Bettdecke ein Kartenspiel durchzublättern). Habe ich recht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ausstattungsleiter stieß einen Pfiff aus. Das sind sternenförmige Schlitze, vom Bühnenbildner eigenhändig mit dem Messer in die Leinwand gemacht. Sie werden von hinten mit den stärksten Scheinwerfern beleuchtet. Brutal einfacher, aber effektvoller Trick.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;300&quot; alt=&quot;Im_Himmel&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/Im_Himmel.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;An diesem Abend&lt;/b&gt; versagte meine Phantasie vor der Aufgabe, die ich oder der schlechte Film ihr stellte. Es ist die erste Niederlage, von der ich erzähle, wenn man mich fragt. Viele Jahre später  mein Austritt aus der Kirche lag schon länger zurück, und von meiner Konfirmation zeugte nur noch die Musikanlage, die ich von dem eingesammelten Geld gekauft hatte  kam auf einem Plattencover der richtige Himmel zum Vorschein. Zuerst dachte ich, es sei ein Meer. Dann, als der letzte Song auf der A-Seite lief, ein Liebeslied, das eine verpaßte Liebe mit dem Kondensstreif eines Jets vergleicht, verwandelte das glatte, gleichmäßige, mit nichts als mit sich erfüllte und doch zugleich an seiner eigentlichen Stelle abwesende Blau des Meeres sich in das Blau eines Himmels.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts störte an diesem Himmel. Nichts brach sich in seiner schichtlos kompakten, wie aus dem absoluten Gegenteil von Gas bestehenden Dichte. Der Name der Band war ohne Farbe in die Pappe geprägt, und wer nicht danach suchte und die Hülle schräg unter die Lampe hielt, hätte niemals etwas davon bemerkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Andere sagen, sie hätten Gott gefunden. Das zu wiederholen ist nicht meine Aufgabe im Leben. Unter den Seiten, auf die ich schreibe, liegt eine leere Hülle aus Pappe. Und auf deren Vorderseite ist mit einer handelsüblichen Auflösung die Unübersehbarkeit Seines Schweigens gedruckt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;300&quot; alt=&quot;himmel-verdunkelt&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/himmel-verdunkelt.jpg&quot; /&gt;</description>
    <dc:creator>allesfliesst</dc:creator>
    <dc:subject>Erzählungen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 allesfliesst</dc:rights>
    <dc:date>2007-11-26T12:01:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/3710257/">
    <title>Das Herz von Bekannten. Erzählung (Teil 2)</title>
    <link>http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/3710257/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;300&quot; alt=&quot;DrunkAlready&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/DrunkAlready.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/2450411&quot;&gt;Die Erzählung von Anfang an lesen&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Den mit dem&lt;/b&gt; Löwen und dem Elefanten und den Affen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schickt sich nicht in den Rahmen dieser Veranstaltung, lehnte Mirko würdevoll ab. Er versuchte, woandershin zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder den mit den Australiern und den Schafen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder den mit der Frau, die Sperma auf der Brille hat!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, wirklich. Heute abend nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich würde den mit den Affen erzählen, aber ich kann die Geräusche nicht imitieren, sagte Tilly. Das mußt du machen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte Nathalie mit Spaßvögeln wie Mirko verkehrt, hätte einer von diesen sympathischen Unverschämten die Geschichte dieses Abends in ihrem Tagebuch wiederentdeckt. Es lag meistens offen auf dem Schreibtisch oder neben dem Bett herum, und während sie das Zimmer verließ, um Kaffee aufzusetzen, oder einen Anruf entgegennahm, konnte man bequem die Notizen überfliegen  vorausgesetzt, man wollte etwas mehr über Nathalies Leben erfahren, etwas Intimes, etwas Zweifelhaftes, Tratschbares. Niemand von ihren Freunden tat es. Vielleicht hatte niemand so einen losen Charakter, vielleicht war aber auch niemand Freund genug, um die Neugier und das bißchen Wagemut dafür aufzubringen. Letztlich glaubte niemand, daß Nathalies private Welt mitteilenswerte Geheimnisse barg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei wäre Mirko schon deshalb der ideale Verräter gewesen, weil sein Studium der Editionswissenschaft ihn zum Spezialisten für Handschriften gemacht hatte. Nathalies Klaue blieb den meisten eine Ansammlung von Hieroglyphen. Ihre Briefe (sie fand ausgedruckte Briefe stillos) kosteten sie Stunden für die Reinschrift und ähnelten denen von Grundschülerinnen. Ich erinnere mich an den Test, den Michael einmal erfand, nachdem Mirko im germanischen Café behauptet hatte, ihm bleibe keine Handschrift dauerhaft fremd. Er hatte von der Wohnung Freuds in Wien berichtet, seinem Konsultationszimmer, wo die Wände (die Möbel waren verloren) mit gerahmten Originalen, von ihm selbst verfaßten angeblichen Analyseprotokollen bedeckt waren  Kritzeleien, die für normale Menschen natürlich unleserlich sind, und deshalb glaubt man den Schildern, es handle sich um die Diagnose im berühmten Fall Dora oder um eine besonders aufschlußreiche Tagebucheintragung. Ich habe mir die Mühe gemacht, einige der Texte zu entziffern. Was da herauskam, war einfach köstlich: Eine launische Bemerkung zu seiner latenten Homosexualität. Eine Beschwerde über jemanden, der nicht zur Sitzung erschienen war. Und die vorformulierte Absage an jemanden, der sich darum bewarb, sein Schüler werden zu dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand hatte damit gerechnet, daß dieser typische Schwule in Elke verliebt war. Am allerwenigsten sie. Michael zückte sein Notizbuch und produzierte rasch eine halbe Seite Text, den er Mirko reichte. Der ließ sich damit in einen Sessel fallen  er zückte seinerseits einen Bleistift, um sofort ein paar einzelne Buchstaben oder Silben über die Zeilen zu schreiben; dann wandte er die ersten Hypothesen offenbar auf den Rest des Textes an und vermerkte die entsprechenden Zeichen überall dort, wo sich die Formen wiederholten, so daß gut ein Drittel des Textes nach kurzer Zeit in Mirkos schöner Schreibschrift transkribiert da stand. Mit dem Rest allerdings tat er sich schwer. Susanne, Martin und Thorsten versammelten sich hinter der Lehne und trieben ihn an. Ich bekomme eine Erektion, wenn ich dich weinen sehe, hatte er Elke gestanden. Es dauerte. Mirko stieß erste Laute des Mißfallens aus, während Michael provokativ ein Buch aus seinem Rucksack zog und meinte, die Frist sei abgelaufen, wenn er mit dem folgenden Kapitel fertig sei: vielleicht zwanzig Seiten zwischen Zeige- und Mittelfinger. Mirko kämpfte schnaufend gegen &lt;i&gt;The Egyptian Cross Mystery&lt;/i&gt;. Thorsten flüsterte Gutgemeintes in Mikros Ohr, bis der sich über die Ablenkung beklagte. Kirsten kam hereingehuscht und wurde angezischt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich gab es eine Anzahl von Haken und lang ausgeschwungenen Linien in Michaels Schrift, die prinzipiell alles bedeuten konnten, Bögen, die fast ganze Wörter vertraten und beliebig zu wechseln schienen. Mirko bezweifelte, ob Michael seine eigenen Notizen fließend vorlesen könne, aber der versicherte, er werde nach Ablauf von vier Seiten genau das tun. Mirko streckte schließlich die Waffen. Er las laut, was er herausbekommen hatte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das erste heißt hoffnungslos, ich hoffe nicht hoffentlich, und das zweite vielleicht intellektuelle. Einzelner Buchstabe, ich vermute U oder V, Zahlen vierundzwanzig, hundertsechsundsiebzig, irgendwas mit schl, schlaff, und schön, unbekannt, unbekannt, schüchtern, unbekannt, deshalb, unbestimmbare Präposition, bestimmter Artikel, Weg einen, unbekannt, drei Wörter völlig unlesbar, davor, währenddessen und danach, hm. Jetzt kommt etwas Unterstrichenes, ich denke &lt;i&gt;reden&lt;/i&gt;, und mit dem, hm, trotzdem, tja, die zweite Unterstreichung bleibt mir rätselhaft. Vom nächsten Satz habe ich die Zahlen Fünfundzwanzig und Fünfunddreißig und sonst nichts, und vom letzten hmhafte, vielleicht ekelhafte Nacht und ironische Ewigkeit, das allerletzte Wort heißt länger. Was für philosophische Nuancen auch immer hier zum Ausdruck kommen, mir bleibt der Sinn verborgen. Verfügen Sie über meine Kopf, Sire. Und er gab das Notizbuch mit einer Miene tiefster Zerknirschung zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gar nicht so schlecht, sagte Michael großmütig. Hoffnungslos intellektuelle W, 24, 176, schlank und schön, leider etwas schüchtern, sucht deshalb auf diesem Weg einen Mann, mit dem man davor, währenddessen und danach reden kann und mit dem es trotzdem ekstatisch ist. Du solltest zw. 25 und 35, ohne Bart und Bauch sein. Eine ernsthafte Nacht ist besser als eine ironische Ewigkeit, aber es darf auch für länger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was soll das? fragte Martin verärgert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oh, ein Inserat, das mir gefiele. Falls mir eine Frau fehlen würde, aber leider scheint es eher zuviel davon zu geben, und ich weiß nicht, ob ich mir das noch anhängen soll  obwohl es interessant klingt, nicht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Glück ist Tilly gerade nicht hier, dachte ich und meinte, es in den Gesichtern der andern zu lesen. Aber Michael setzte noch eins drauf: Wie wäre es dagegen mit dir? Ich suche dir gern auch die Chiffre-Nummer raus, falls du antworten magst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martin lief rot an, und wir alle hätten Michael gern umgebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also, ein Löwe liegt auf einer Lichtung, setzte Mirko an, und kann nicht schlafen, weil aus dem Urwald ständig Geräusche dringen. Es macht &lt;i&gt;Öchöchöchöch-rrummrrummrrummrrumm-zosch!&lt;/i&gt; Ein Elefant kommt vorbei, und in der Ferne macht es schon wieder &lt;i&gt;Öchöchöchöch-rrummrrummrrummrrumm-zosch!&lt;/i&gt; Der Löwe hält den Elefanten an und fragt ihn: Sag mal, was macht da hinten immer &lt;i&gt;Öchöchöchöch-rrummrrummrrummrrumm-zosch&lt;/i&gt;? Und der Elefant antwortet: Wir ficken die Affen. Wieso? meint der Löwe irritiert: Das tun wir doch auch. Ja, sagt der Elefant, aber bei euch platzen sie nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mirko lächelte gequält. Nachdem Martin bekräftigt hatte, Das tun wir doch auch sei der eigentliche Höhepunkt des Witzes, erzählte er noch den mit den Australiern und den Schafen und den mit der Frau, die Sperma auf der Brille hat, aber vor seinen Pointen hing seine massige Gestalt wie eine herabgelassene Schalousie. Daß Elke das Land verließ, um ein Jahr in den USA zu verbringen, stimmte ihn trauriger als die meisten von uns. Daß sie es tat, ohne seine Liebe mehr als &lt;i&gt;flüchtig&lt;/i&gt; abzulehnen, schmerzte zu stark. Michael saß still neben Tilly und beobachtete ihn mit seltener Direktheit. Sie unterhielten sich den ganzen Abend nicht, trotzdem schien es so etwas wie ein schweigendes Einvernehmen zu geben. Ich spürte deutlich, daß Michael den Komiker an diesem Tiefpunkt &lt;i&gt;mochte&lt;/i&gt; (ich registrierte immer mit großem Erstaunen, wenn etwas oder jemand seine Zustimmung fand  und mit einer Spur von Besorgnis). Er verachtete die Klischees unsrer Konversation, aber ich las auf seinem Gesicht den allergrößten Respekt für die Tragik des Clowns. Es reizte mich, dagegen zu protestieren und darauf hinzuweisen, daß es doch kein übleres Klischee gab als diese Figur mit den aufgeschminkten Tränen auf dem lächerlich weißen Gesicht. Einen Moment sah es aus, als werde er weinen, weshalb ich mir die Bemerkung verkniff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mirko interessierte auch Nathalie. Der skurrile Typ, der stets im Anzug herumlief und seine Herkunft aus einem Vorstadtghetto mit den übertriebenen Manieren eines Dandys pointierte, entsprach ihrem Sinn für den &lt;i&gt;Spleen&lt;/i&gt;. War Mirko nicht auf eine liebenswerte Weise das britische Element in dieser ansonsten so deutschen Gruppe, wo sich die kleinen Seltsamkeiten eher gegenseitig wegzukürzen schienen als einander zum Leben zu bringen? Sie hätte gern ein Gespräch mit ihm angeknüpft, und an jedem andern Abend wäre es einfach gewesen. Nur diesmal nicht. Seine Melancholie stieß sie ab. Auch sie empfand Respekt dafür, aber im Gegensatz zu Michael verängstigte sie dieser sirnbreit klaffende Riß neben sich, und Mirkos Leiden drängte sie noch tiefer in das übrige Gespräch.

&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;300&quot; alt=&quot;12-24-05-selfport-4-794409&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/12-24-05-selfport-4-794409.jpg&quot; /&gt;
&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;War Michael eigentlich&lt;/b&gt; schwul? Wäre nicht diese Geschichte mit Martin damals passiert und wäre Martin nicht ein Freund von Thomas und Matthias gewesen, die dazu verhalfen, das Gerücht nach überallhin auszustreuen, wären Nathalie niemals Zweifel gekommen. Sie wußte, daß er Tilly verlassen hatte, nur sie dachte: wie man jemanden verläßt, nach Jahren, weil die Leidenschaft erlischt, weil man sich zu gut kennt, weil die Langeweile gesiegt hat. Weder sie noch er waren seither an der Seite eines anderen Partners aufgetaucht, das konnte es nicht sein. Aber dann erfuhr sie durch eine Freundin, die Matthias und auch Tilly kannte, Michael sei schwul geworden, oder vielmehr er habe jetzt endlich mal zugegeben, daß er es sei. Martin schließlich war dasselbe widerfahren, wenn auch das Geständnis auf sich warten ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nathalie ertappte sich dabei, wie ihr der Gedanke pervers gut gefiel. Sie begrüßte es als einen Schicksalsschlag, als einen objektiven und unpersönlichen Grund, warum er sie niemals erkennen würde. Sie gehörte zum verlassenen Geschlecht. Ein gewisses Mitleid und eine Kollegialität für Tilly ergriff sie bisweilen, für Tilly, die sie haßte wegen ihres Selbstbewußtseins, wegen ihrer offenen, geselligen Art, die ihren Abstand zur Gruppe verhüllte. Tilly paßte kaum besser zu den übrigen als sie, und ihre jahrelange Allianz mit Michael war wie ein ungeheures Lachen über die Gemeinschaft gewesen. Seltsamerweise grollten ihr die andern nicht dafür  im Gegenteil schien ihre Attraktivität mit diesem abseitigen Zug zu wachsen. Hand in Hand mit Michael, war sie stets auf der Innenseite der Welt gegangen. Nathalie hätte ihn gern heimlich an der freien Hand, von hinten, auf der Außenseite berührt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehrmals zögerte sie abends an der Schwelle zu einem absurden Abenteuer. Am letzten Augusttag, einem Tag, der den Herbst schon in der Luft bewegte, brach sie wirklich auf und fuhr mit der U-Bahn zum Kiez. (Hätte sie gewußt, daß Michael den Duft der Jahreszeit genau wie sie genoß und bis in die Nacht nichts besseres tat, als langsam, in Gedanken, durch sein Wohnviertel zu schlendern...) Die Menschenmenge, die zu dieser Zeit auf der bunten Meile flanierte, strapazierte normalerweise bloß ihre Nerven. Es war erst kurz nach zehn, noch viele Touristen unterwegs, fette Pfälzer und auch welche aus dem Osten, sie schoben sich in Grüppchen auf dem Bürgersteig voran und lugten neugierig und schüchtern in die Auslagen der Sex-Geschäfte. Andere strömten vom Dom herüber. Im Vorübergehen musterte sie jeden Mann daraufhin, ob er schwul oder hetero sei, und sie meinte, es genau zu unterscheiden: nur die Schwulen sahen wirklich gut aus, das heißt fein und irgendwie sensibel; nur sie sahen aus, als ob man sie berühren konnte, während etwas Grobes, Dumpfes, Ungeschlachtes die echten Männer wie eine Fettschicht umgab. Diese Klarheit widerte sie an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab eine Nebenstraße, in der schwule Kinos, Bars und Clubs sich drängten. Solang sie dort hinlief, war ihr das als deutlich abgestecktes Ziel erschienen. Nun stand sie an der Kreuzung und starrte auf eine lange Reihe von Leuchtreklamen: etwa zwanzig Läden, und in einem wäre er vielleicht. Sie hatte sich keine Gedanken über das weitere Vorgehen gemacht. Sie registrierte die Anonymität der Läden hier im Kontrast zur menschlichen Einfalt der Gesichter. Jemand streifte ihren Arm, und ihre Hand fuhr reflexartig in die Tasche, um zu prüfen, ob das Geld da war. Diese Orte erschienen ihr verlockend. Dunkel und verschlagen, waren sie doch ganz und gar transparent, für die reine Begegnung eingerichtet, Kontaktanzeigen gleichsam ohne Beschreibung, nur mit Praktiken, mit nichts als dem, was sich ereignen sollte. Mitten zwischen den Gay-Shops und Stundenhotels entdeckte sie zu ihrer Erleichterung ein Café, in dem ein paar Frauen saßen. Durch die Panoramafenster hatte man einen guten Blick auf die Straße. Sie bezog dort Stellung und bestellte Bailey&apos;s und einen langen Espresso.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So unwahrscheinlich es wirkte, hätte sie im Grunde eine Chance gehabt. Einer der Typen in Jeans und weißem T-Shirt, Jeans und Lederjacke, schwarzen Jeans, kariertem Hemd hätte Michael sein können, der das Kino gegenüber besuchte, um sich dort im Keller ohne Umschweife einen blasen zu lassen. Sie fragte sich, was dann geschehen würde  ob sie aufspringen und zufällig in seine Arme laufen sollte, ob sie ihn lieber erst nachher abfing. Am liebsten wäre sie ihm wohl gefolgt. Solche Etablissements waren ihr nur vom Hörensagen bekannt, aber sie stellte sich vor, durch ein Loch in der Wand seinen Schwanz im Mund eines Jungen zu sehen. Der Junge war achtzehn, wenn nicht minderjährig. Er ähnelte dem kleinen Bruder ihres Ex-Freunds, der immer so niedlich bestritten hatte, auf Männer zu stehen. Er bediente Michael und ließ sich führen, sein Kopf gehorchte dem Druck dieser langen, grausam filigranen Hände. Er ließ es zu, daß Michael an seinen Locken zog. Er nahm eine leichte Ohrfeige hin. Er würgte, als der Ältere ihm den Schaft bis zum Ansatz hineinstieß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Könnten Menschen sich in Träumen treffen, wäre es ein angenehmes Chaos mit der Welt. Nathalie kippte ihren Bailey&apos;s herunter. Keinen Moment kam ihr der Gedanke, sein Erscheinen hier bewiese, daß er schwul sei und für sie verloren. Die Erotik dieser abgewandten Zone hatte sie eigentümlich gepackt. Sie fühlte sich selbst dort drinnen wie ein Mann, durch ihren Körper schoß die wasserklare, abgebrühte Geilheit des anderen Geschlechts: Sie hätte ihm ihren Knabenarsch hingestreckt und sich, unter Schmerzen, von ihm schänden lassen. Ihr gefiel dieses Wort schänden geradezu wahnsinnig gut.

&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;jenna_bush_drunk&quot; width=&quot;356&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/jenna_bush_drunk.jpg&quot; /&gt;
&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;L&apos;amour, sagte Lacan&lt;/b&gt; pathetisch und machte dann eine Pause, ehe er ausrief: L&apos;a&lt;i&gt;mur&lt;/i&gt;!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arroganz eines Priesters, sagte Michael, und die bissige Inbrunst eines Mannes, der im Innersten vom Glauben abgefallen ist. Niemand hat der Liebe so wenig vertraut wie Lacan, und niemand hat sich, schweigend oder so wie hier, verzweifelter auf sie berufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Mann stand da, inmitten einer Gruppe von Studenten, und verharrte in der Stille nach dem letzten Wort. Die Situation war so überspannt theatralisch, daß es fast grotesk wirkte. Michael machte eine Bemerkung über das, was gleich passieren würde, aber mein Blick hing an der riesigen Schleife, die vom Hals des großen Meisters herabbaumelte und die seiner Erscheinung etwas Tuntiges, Divenhaftes verlieh. Findest du nicht, daß er aussieht wie ein Schwuler? fragte ich. Er, der die Homosexualität so kompetent herabgewürdigt hat. Ich könnte schwören, daß er unter seiner Bluse einen Büstenhalter trägt. Michael grinste, als ich das Video anhielt und mit dem Finger auf dem Bildschirm die Kontur seiner imaginären Brüste nachfuhr. Hier... und hier, siehst du&apos;s nicht auch?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keine Frage, laß mal weiterlaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Erkundungen des Schwulseins verpufften auf genau diese Art und Weise. Ein recht gezwungener Versuch, mich in Matthias zu verlieben, weil es bei uns allgemein angesagt und in gewisser Weise politisch korrekt war, wenigstens bisexuell zu sein, scheiterte jämmerlich, an einer körperlichen Unlust, die bei mir fast bis zum Ekel ging. Matthias war ein langer, dürrer Sinologe, jemand, der sich überall kalt anfühlte wegen der schlechten Durchblutung und beim Küssen irritierend kratzte. Bei Michael bemerkte man, daß er seinen schmalbrüstigen Körper mit einem gewissen Trotz trainierte. Wenn er den Kopf drehte, sprangen am Hals leicht die Sehnen hervor. Er hatte sich ganz zu Petra vorgebeugt, ziemlich dreist an Tilly vorbei. Ab und zu traf solch ein Seitenblick die Ecke, wo auch Nathalie saß, aber er schien eher ungerichtet. Sein Gesicht drückte, wie gewöhnlich, Gleichgültigkeit aus. Ein böses, wissendes Gesicht, wenn man so wollte, dessen Erotik in einer äußerst dezenten Drohung bestand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann. Tilly und Petra schienen eine Adresse auszutauschen, Tilly jedenfalls vergrub den Kopf in ihrer Tasche, Petra blätterte in ihrem Kalender vor und zurück. Das Licht flackerte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe keine Ahnung, wie weit Nathalie in den Gedanken fortgeschritten war, wieviele Glieder ihre Assoziationskette enthielt. An diesem Punkt wurde sie auf alle Fälle geschlossen. Aus dem Netz des Hinsehens, das beide mit den anderen verknüpfte, löste sich ein erster Blick. Es blitzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist ein Blick? Irgendeine Koinzidenz von Sehen, Gesehenwerden, aber was heißt er? Hätte es so etwas wie eine Sprache der Augen gegeben, hätte Nathalie vielleicht etwas gesagt und Michael hätte es verstanden und erwidert. Es mag sein, daß eine solche Sprache existiert; es war sogar vorstellbar, daß sie bis dato ganz regulär zur Verfügung stand, aber jetzt, in diesem Augenblick, in dem es zwischen ihnen geschah, existierte sie nicht. Und so geschah es quasi, ohne daß eine Botschaft die Oberfläche dieses Augenblicks durchstieß. Nathalie legte eine große Intensität in den Blick, ihre klaren grauen Augen schienen förmlich aufzugehen, aber es war ein Ja auf eine Frage, die noch gestellt werden mußte, und es konnte irgendeine, die banalste oder die äußerste Frage gemeint sein. Michael reagierte mit einer Art dunkler Emphase; seine Augenbrauen zogen sich zusammen, in die gelblichbraune Iris trat ein weißes Glitzern, das mich an den Werwolf auf einer alten Radierung denken ließ, es war, als reflektiere (oder eher: zitiere) dieses Auge den Mond. Und die Reaktion war insgesamt so schön und so verschwommen wie eine Metapher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rings um mich drängten die Leute zusammen. Hände legten sich auf meine Schultern, und ich wurde in die Mitte genommen. Ich stellte fest, daß Elke dastand und versuchte, mit einer Kamera unsere Ecke zu erfassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Komm, Kai, reiß die Augen auf! Ich möchte euch in voller Schönheit in Erinnerung behalten. Komm, guck nicht so schläfrig!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Blitz fuhr mir in die Augen. Das Bild kam sofort heraus, und die helle Folie wanderte von Hand zu Hand, während sie sich langsam entwickelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber was für ein Blick...!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nathalie wiederholte den Blick, und auch Michael sah mit Inständigkeit wieder hin. Aber es kam mir vor, als ob sich jemand mit großer Freude eines unbekannten Fleckens irgendwo im Herzen der Stadt erinnert, von dem ein andrer behauptet, daß es ihn gar nicht gebe oder daß er nichts Besonderes sei. Obwohl die Form ihrer Begegnung immer wieder neu entstand, schien ihr Gegenstand auf einmal völlig fern zu liegen. Und über den Ort der Ferne herrschte keine Einigkeit, sie suchten an ganz verschiedenen Enden.

&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;286&quot; alt=&quot;heffsey1&quot; width=&quot;363&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/heffsey1.jpg&quot; /&gt;
&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;i&gt;&lt;b&gt;Hätte einer von&lt;/b&gt; ihnen die Erfahrung von Ja oder Nein besessen, hätte sich hier bloß etwas wiederholt. Jemand hätte Ja gesagt, weil er immer Ja sagt, oder Nein, aus demselben Grund. Jemand hätte Ja als Ja verstanden oder Nein als Ja, weil die Abweisung nur als Taktik, nur als Mittel der Verzögerung gilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte einer von beiden eine Idee des Idealen gehabt, hätte er jetzt verglichen. Michael wäre mehr oder weniger überirdisch erschienen, mehr oder weniger die vollendete Balance zwischen Jüngling und Mann. Er wäre sich seiner Perfektion bewußt gewesen und hätte aus ihrer Mitte gelebt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte einer von beiden die Liebe zur Liebe besessen, hätte die Gewalt des Augenblicks gereicht. Nathalie wäre als vollendete Gelegenheit erschienen, mehr oder weniger das unwiederbringliche Selbst eines Zwecks. Ihr Körper hätte die Form einer Öffnung angenommen, einer Erhebung und einer Bestätigung. Sein Verhalten wäre galant gewesen, zuerst und zuletzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte einer von beiden den Wahnsinn des Paradoxen gehabt, wäre aus dem Abstand zwischen ihnen eine Welt des Mitleidens und Mitgenießens sonderbar entsprungen. Eine Art Kampf hätte sich abgespielt, in dem der Einzelne auf jeden Fall unterlegen wäre. Michael hätte sich wütend auf sie geworfen, und Nathalie hätte, unter Schmerzen, fast unhörbar Tu es! geflüstert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder hätte einer von beiden eine sportliche Einstellung zum Leben gehabt, er hätte sich in diesem heiklen Stadium zusammengerissen und den Blick begradigt und los. Der andere hätte eine faire Chance erhalten, und die Fairness dieser Chance wäre die Schönheit einer jugendlichen, aufgeweckten, erfolgreichen  Liebe gewesen, für mehrere Jahre oder wenigstens für eine Nacht.&lt;/i&gt;

&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;IMG_09511&quot; width=&quot;300&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/IMG_09511.jpg&quot; /&gt;
&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Muß der Mensch&lt;/b&gt; an der Liebe beteiligt sein? Diese Frage resümiert ein Jahr der Unentschlossenheit. Die gewöhnliche Antwort ist ein gewohnheitsmäßiges Ja. Wenn sie keinem von ihnen über die Lippen wollte, so nicht, weil sie abgestumpft oder zu wenig enthusiastisch waren. Sie dachten eher zuviel als zu wenig darüber nach.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre Erotik etwas, das man nur von einer bestimmten Frau und nicht von mehr oder weniger jeder bekommen könnte, dachte Michael. Wäre die Liebe noch das, was der Mensch mit den Engeln gemein hat, dachte Nathalie. Oder wahrscheinlich in festeren, für die Liebe und Erotik nicht so schmeichelhaften Worten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte ihm nicht Bernd mit seinen Weisheiten über die Frauen in den Ohren gelegen, Michael hätte einen Abgrund von Hingabe in Nathalies Blick wahrgenommen. An dem Punkt, wohin sie endlich gelangt war, hätte Nathalie alles für ihn getan (wie Tilly, vielleicht rückhaltloser, noch verzweifelter als sie). Bernds Pessimismus färbte indes auf ihn ab. Er verwandelte sich in ein Lächeln, ein fatalistisches Na gut!, das mittlerweile fast ein Urteilsspruch geworden war. Seit Bernd allein lebte, lag er uns allen mit diesen bitter ironischen Reden in den Ohren: Du siehst sie dir an, diese Mädchen an der Universität, und du weißt mit absoluter Sicherheit: die da hat keine Sexualität; die da hat einen Mann, dem sie treu ist; die ist häßlich; die ist lebenslang verletzt. Glaubt man den Medien nur die Hälfte dessen, was sie in den Sex-Magazinen verbreiten, dürften wir vor Aufgeregtheit kaum zum Atmen kommen. Aber die Straßen sind kalt und tot, und die wenigen Begegnungen sind vielleicht sozial verbindlich  erotisch sind sie nicht.&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;257&quot; alt=&quot;emmajon1&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/emmajon1.jpg&quot; /&gt;
&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Dabei wohnte die&lt;/b&gt; Erotik einen Katzensprung entfernt. Hätte Brit nicht schon vor Monaten den Kontakt zu Janina und ihrer Clique abgebrochen, wäre ihr früher oder später von den beiden tatenlos Entflammten berichtet worden und sie hätte sie verkuppelt, weil das ihre Leidenschaft war und ein besonderes, schwer erklärliches Talent ihr das Recht gab, Schicksal zu spielen  wie fast jeder hier akzeptierte. Ihr Wesen bestand im Grunde aus nichts als einem Überschuß an Berührbarkeit und Mitteilsamkeit. Sie lief gleichsam mit offenen Schenkeln herum und schien die ganze Welt dazu einzuladen, mit ihr zu schlafen. Sie hatte Zuneigung, Zutrauen, Achtung und Aufregung für eine ganze Stadt und übertrug davon freimütig auf Dritte, die es brauchten. Thomas und Daniela waren auf ihr Betreiben zusammengekommen, obwohl sie beide nur einmal im Bus traf. Das leiseste Gerücht über zwei angesägte Herzen hätte sie auf den Plan gerufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Elke hatte gleich auch Tilly, Michael und Brit zu einem Dreiergrüppchen arrangiert. Tom fragte, ob ich Gunila gesehen hätte. Eben zuckte ich die Schultern und wollte ihm die Sache erklären, da kehrte sie mit Petra (der großen Petra) vom Türken zurück und wurde gleich abgelichtet: letzter Happen Döner noch im Mund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter noch günstigeren Umständen hätte Brit sogar Nathalie selbst an diesem Abend kennengelernt. Eine Stunde früher, ein paar winzige Verschiebungen im Gleichgewicht der Gruppe hätten genügt. So dagegen hatte sie keinen Grund, die unscheinbare Frau am anderen Ende zu beachten, und machte nur Michaels Bekanntschaft. Brit wohnte mit der großen Petra zusammen, Elkes bester Freundin (mehr ein Titel als eine Beschreibung, aber ein durch viel Geduld verdienter). Tilly hatte mit Elke zusammen gewohnt, und Brit und sie hatten sich von Anfang an gemocht. Tilly war fasziniert von der offensiven Sinnlichkeit dieser Frau und hatte angekündigt, wenn Elke sie verlasse, werde sie mit Brit schlafen. Es war eine dieser Ankündigungen, die die metrosexuelle Atmosphäre in der Gruppe erzeugten (obwohl das Wort erst viel später aufkam), denen allerdings selten Taten folgten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michael saß neben seiner alten Freundin und beäugte Brit, verschmitzt, offenbar wissend, und Nathalie hörte über den Lärm an den Tischen mit an, wie sie ihn mit einem: Wer ist denn dein charmanter Begleiter? begrüßte. Die Worte rissen ihr das letzte Stück des Abends aus den Händen. Schnell entspann sich drüben eine angeregte Unterhaltung. Michael schien erst nicht so begeistert von der korpulenten, ziemlich aufdringlichen Erscheinung Brits zu sein, aber zwischen Tilly und ihr kam allmählich die Stimmung auf, die dem Abend sonst fehlte. Michael neigte sich vor und genoß offenbar diese übersprudelnde Fröhlichkeit, und er gab die unverschämten Blicke Brits genauso unverschämt zurück. Tilly mochte an der frivolen Situation Gefallen finden. Sie stürzte sich auf alles, was sie Michael an Spektakel bieten konnte. Man munkelte, sie hätten es schon früher auch zu dritt getan. Nathalie war wochenlang dagegen machtlos, daß sie der Gedanke daran vorm Einschlafen plagte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte Michael nicht mit die Japanerin gefickt, hätte er in Nathalie das kleine Mädchen mit den perversen Albträumen wiedererkannt. Durch ihr erwachsenes Gehabe hätte eine Fünfzehnjährige gestarrt, ein ernstes, frühreifes Kind, das auf eine lebensfremde Weise begehrte, mißbraucht und dann vom Verbrecher persönlich getröstet zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielleicht macht Reisen dumm. Vielleicht vernagelt es durch Erfahrungen, trübt die Wahrnehmung durch ein Gefühl des Außergewöhnlichen, vielleicht macht es unempfindlich gegen die einzige Fremde  des Selben (so Matthias in einem Artikel über Peking, in dem er erklärte, warum er China haßte  abgelehnt von der Uni-Zeitung und dann als Kopie in der Clique verteilt). Michael hatte vor ein paar Wochen in Tokyo eine Gruppe von Studentinnen kennengelernt. Er hatte sich die beste herausgepickt. Harue war neunzehn gewesen, ihr Verhalten hatte dagegen dem einer pubertierenden Neuntkläßlerin geglichen, und in ihrem Körper hatte er die Strecke vom einen zum anderen Alter zurückgelegt und war wieder zurückgeglitten, zwei- oder dreimal. Mittendrin hatte sie ihm gestanden, daß sie ihn liebe; sie hatte gefragt, und er hatte gelogen, er sie auch usw. Er hatte sie entjungfert; sie hatte es bereitwillig hingenommen, willig oder sogar lustvoll (oder ängstlich, mit der Aggressivität der echten Angst  er wußte es nicht). Er dachte: Das also fühlt ein Päderast. Und er blieb für eine Weile in dem Bild dieses Verbrechens eingeschlossen, wurde blind gegen andere Kinder. Nathalie blieb erwachsen. Ihr Blick hatte ihn ergriffen, aber es blieb für ihn ein erwachsener, ein wachsamer, nicht zu überraschender Blick.&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;ding-dong&quot; width=&quot;337&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/ding-dong.jpg&quot; /&gt;
&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;An einem glitschigen&lt;/b&gt; Herbstabend wurde Nathalie angefahren. Der junge Mann am Steuer des Sportwagens war angetrunken; er torkelte benommen aus dem Fahrzeug, er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und stieß einen markerschütternden Schrei aus, der weit durchs halbdunkle Viertel hallte. Angezogen von dem namenlosen Grauen, das dort auf offener Straße hervorbrach, stürzten Passanten herbei. Einige erwiesen sich als nüchtern genug, um die notwendigen Schritte einzuleiten, und als Nathalie zum dritten oder vierten Mal aus ihrer Serie von Ohnmachten erwachte, fand sie sich auf einem Röntgentisch. Außer einer leichten Gehirnerschütterung waren zwei Rippen gebrochen. Sie verbrachte mehrere Wochen im Krankenhaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab einen besonderen Ort, an den sich Michael zurückzog, wenn er aufhören wollte zu denken  einen Ort mitten in der Stadt zwischen Bürotürmen und öffentlichen Gebäuden. Von vorn sah man hauptsächlich eine Einfahrt, aber die Schranke lag unten, und das Unkraut, das sie überwucherte, verriet, wie lange sie nicht mehr geöffnet worden war. Zwischen den Stahlpilastern eines postmodernen Bankgebäudes und der roten Backsteinfront des Hafenkrankenhauses blinkte das Grün von ein paar Bäumen und Sträuchern. Niemand kam auf die Idee, dort mehr zu vermuten als ein notdürftig hineingequetschtes Gärtchen für die Zigarette zwischendurch (in den Großraumbüros der Bank herrschte zweifellos Rauchverbot, und Patienten legen mit ihrer Sucht bekanntlich eine große Zähigkeit an den Tag). Aber jemandem, den Michael dorthin geführt hätte, wäre kein Rauchender aufgefallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Garten war ein alter jüdischer Friedhof  denkmalgeschützt, deshalb in dieser Nische erhalten. Zwei bis drei Dutzend verwitterter Grabplatten lagen planlos in die Erde versenkt und erzeugten ein respektloses Durcheinander. Die Stelle wirkte nicht ruhig, sie behauptete sich gegen die Betriebsamkeit und den Verkehr, der sie umschloß, mit ihrer eigenen Wildheit. Jene Toten schliefen nicht friedlich. Der Moder hielt sie gegen ihren Willen im Zustand der Auflösung fest, aber wäre es ihnen möglich gewesen, wären sie herausgekommen und hätten gezetert. Die Stelle war eng und dicht besetzt, sie war ohne lebende Menschen vollständig, weshalb Michael sie so schätzte und sich sonst niemand hierher verirrte. Man konnte hier sein, ohne grübeln zu müssen, ohne Besinnlichkeit, ohne Trauer oder Melancholie, ohne Einsamkeit, aber auch ohne Kommunikation. Bäume und Sträucher standen dicht, und wenn man sich auf eine Bank setzte, waren die Häuser zu allen Seiten verschwunden. In dem nach außen hin so gut wie unsichtbaren Garten gab es den Garten und sonst nichts. Nur der Straßenlärm, der von oben wie eine atmosphärische Störung hereinbrach, erinnerte an die Stadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nathalies Genesung verlief zäh und im Wechsel lapidarer und einsamer Phasen. Zuerst dauerte es ein paar Tage, bis die Nachricht von ihrem Unfall sich herumsprach, denn sie wollte kein Telefon und niemanden anrufen, um es ihm aufzudrängen. Ihre Mutter und ihr kleiner Bruder saßen hilflos an ihrem Bett. Anschließend rollte eine Welle von Besuchen über sie hinweg. Maren und Janina kamen, Michaela, Tom, Andreas, sogar Kerrin und ihr Freund. Alle wußten schon von dem Schrei, und sie mußte das Geräusch für jeden nochmal imitieren  dabei war sie ohnmächtig gewesen, doch sie tat es mit wachsender Kunst. Einmal platzte die Schwester herein, weil sie dachte, es sei etwas Schlimmes passiert. Von da an interessierte sich Nathalie ernsthaft für das Grauen. Nachts fragte sie sich, was den Mann so erschreckt haben mochte. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß der Aufprall eines Körpers, noch dazu im betrunkenen Zustand, etwas sehr Spektakuläres war. Die Sache wurde ein bißchen unheimlich, zumal die Besuche nach einer Woche nachließen und sie tagsüber keine Gelegenheit mehr bekam, den Schrei zu parodieren. Stumm setzte er sich in der Kehle fest  nicht dramatisch, nicht mit Druck, aber so, daß sie ihn jederzeit hätte ausstoßen können. Später kehrten noch ein paar Freunde aus dem Urlaub zurück, und es war drei, vier Tage was los. Der Arzt bot ihr an, sie vorzeitig zu entlassen, wenn sie sich zu Haus noch schonen wollte; aber sie lehnte ab, denn sie hatte dort niemanden, der sie pflegte, und wollte auch niemandem lästig sein.&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;300&quot; alt=&quot;Domi021&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/Domi021.jpg&quot; /&gt;
&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Der einzige Trost&lt;/b&gt;, der im Leben zählt, dachte sie, ist die Gewißheit, sich nicht zum Narren gemacht zu haben. Und der Brief verschwand in ihrem Tagebuch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen zwei Seiten, die einen gewissen Blick dokumentierten und ein Geständnis bargen, das sich darauf bezog, klemmten zwei Seiten gewöhnliches weißes Kopierpapier, gefüllt mit einer lockeren, schwer lesbaren Handschrift und einer fast hinreißend einfachen Signatur. Sie blieben dort stecken und markierten einen Punkt in der Vergangenheit, während etwas anderes Blatt für Blatt mit der Gegenwart wanderte  dabei handelte es sich um die Kopie eines Fotos, die Nathalie wie ein Lesezeichen benutzte: Die gute, auf dem Abzug leicht verschwommene Portraitaufnahme zeigte einen jungen Mann, der, den Kopf auf seine Hand gestützt, in einem Sessel hing. Die dunklen Locken fielen über die Finger, alles fiel, das Bild wirkte nicht improvisiert, sondern wirklich wie eine Überraschung. Er sah ernst drein, fast entrückt, in einer unsichtbaren Konsequenz gefangen, halb verärgert, halb verliebt in dieses Auge, das sich auf ihn stürzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nathalie befürchtete, Tilly habe das Foto gemacht. Es war offenbar einige Jahre alt; die Zeit seither hatte an den Augen ein paar Fältchen eingefügt und die Linien um den Mund verstärkt, trotzdem schien er nicht im üblichen Sinne gealtert. Ein romantisches Bild, aber anders als auf idealisierenden Gemälden lief ein Zug von Härte über die Lippen, den sie kannte  diese Oberlippe hob und senkte sich obszön, genau wie damals. Ehe sie kam, hatten wir an dem bewußten Abend mit angehört, wie Gunther am Nebentisch eine Szene aus einem Film nacherzählte. Er imitierte den Türsteher eines Striptease-Schuppens, der eine reichhaltige Kollektion von Pussies anpries: ...hairy pussies, velvet pussies...chicken pussies... Sein Kichern quoll über vor kindlicher Anstößigkeit. Smelly pussies, pissy pussies... Hätte Michael gewußt, was für eine &lt;i&gt;Pussy&lt;/i&gt; Nathalie hatte! Er liebte Frauen mit großen, fleischigen, lebendigen Mösen, Mösen, die patschnaß wurden, wenn die Feuchtigkeit austrat. Und so war sie, wenn es ihr auch niemand ansah: die Erregung ruinierte ihren Slip, und sie wollte manchmal lieber Schläge als angefaßt werden. Die Japanerin hatte einer kleine, aber sehr feuchte Möse gehabt. Sie zum ersten Mal in ihrem Unterhöschen zu berühren, war der aufregendste Moment ihrer Begegnung gewesen. Und als er in sie hineinstieß, hatte es nicht geblutet, nur wehgetan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Brief war von unerhörter Gelassenheit. Nathalie hatte einen Nachmittag und einen Morgen damit hingebracht, den kurzen Text für die Kontaktanzeige abzufassen. Fünf Zeilen umsonst, dreiundzwanzig waren es schließlich geworden, zuzüglich der Chiffre-Gebühr: &lt;i&gt;Hoffnungslos intellektuelle W, 24, 176, schlank und schön, leider etwas schüchtern, sucht deshalb auf diesem Weg einen Mann, mit dem man davor, währenddessen und danach reden kann und mit dem es trotzdem ekstatisch ist. Du solltest zw. 25 und 35, ohne Bart und Bauch sein. Eine ernsthafte Nacht ist besser als eine ironische Ewigkeit, aber es darf auch für länger.&lt;/i&gt; Er dagegen hatte seine Antwort, dessen war sie sicher, im Café geschrieben, während er auf einen Freund wartete. Sie redete sich Abfälligkeiten ein, gerade weil sie den Brief im Grunde wunderbar fand  wunderbar in jeder Hinsicht, leicht, gefühlvoll, elegant, und mit einer furchtbaren Pointe: Das einzige, was mich beinah am Schreiben gehindert hätte, flocht er nebenbei so ein, ist der Gedanke, wir könnten uns kennen. Jemand in mir (ein ängstlicher Typ, der mit dem Unwahrscheinlichen rechnet und der häufig meine Phantasien kontrolliert) stellt sich vor, du wärest vielleicht X, die mir noch kürzlich begegnet ist und mich womöglich für einen begehrten Mann hielt. Und nun enttarne ich mich mit der Antwort auf eine Kontaktanzeige: unwohles Gefühl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michael sprang auf, um eine Idee zu verwirklichen, die, typisch für ihn, von unauffälliger Gemeinheit war. Er entwand Elke die Kamera und machte einen Schnappschuß von Nathalie, wie sie ihr eigenes Foto betrachtete. Ein Ausdruck von Unglaube wurde festgehalten. Niemand lachte. Nathalie bekam gar nichts davon mit.&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;300&quot; alt=&quot;EcclestonParty086&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/EcclestonParty086.jpg&quot; /&gt;
&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Es gab nur&lt;/b&gt; zwei Menschen, die Michael mit in sein Refugium auf dem Friedhof genommen hatte. Der eine war Tilly, allerdings erst spät, als ihre Liebe sich zum ersten Mal gefährlich senkte. Der andere konnte als Unfall oder Versehen gelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie waren frohgemut zu dritt aufgebrochen, Michael noch am wenigsten enthusiastisch, Tilly und Brit in ein zärtliches Sichnäherkennernlernen vertieft. Ihre erste Station war ein jüngst eröffneter Club beim &lt;i&gt;Edward&lt;/i&gt; um die Ecke, der sich als plauschige Kifferhöhle erwies. Brit erzählte, wie sie die Scheidung ihres Geliebten organisierte und unter der Trennung von ihrem Freund litt. Michael versank in einen heimlichen Humor, der ihn mit Tilly verband: Während Brit begann, ganz ungeniert mit ihm zu flirten, liefen die beiden zusammen in einer schlafwandlerischen Kommunikation auf dem Dachfirst irgendeines Hauses entlang. Tilly wurde müde, und Michael führte sie heim.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brit wollte tanzen gehen. Michael wollte einfach Musik. Tilly schlug vor, eine Nachtvorstellung zu besuchen (sie konsumierte Hollywood-Fiktionen wie Brausebonbons). Sie machten sich auf den Weg Richtung Kiez. Roman, der die drei vor seinem Haus um die Ecke biegen sah, als er sein Fahrrad anschloß, berichtet von einer höchst skurrilen Prozession: Brit hatte Spaß daran, mit einem Fuß auf dem Bürgersteig, mit einem auf der Straße lang zu laufen. Tilly hatte die Schuhe ausgezogen und redete laut über ihren Schmerz und die Ungerechtigkeit des Universums. Michael kicherte wie ein Kobold in sich hinein. Niemand nahm von Roman Notiz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Kino wirkte wie ausgestorben. Nur ein Husten oder Glucksen ab und zu verriet, daß noch andere vor ihnen in den tiefen speckigen Sesseln hingen. Der Film, er hieß &lt;i&gt;Hexenclub&lt;/i&gt;, erzählte von ein paar Teenagern, die sich auf schwarze Magie einließen. Sie würden zu büßen haben, dachte Michael, aber er erlebte das Ende nicht mehr, denn Tilly, die breit in der Mitte saß, wurde von der Müdigkeit übermannt. Ein leises Schnarchen zeigte an, daß sie tatsächlich eingeschlafen war. Brit zögerte nicht; sie winkte und strahlte. Eine Minute später fanden sie sich auf der Straße wieder, auf dem Weg zu einem ungestörten Ort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da im Hinterhof war ich mal, das war eine wahrhaftige Séance. Der Geist meines Vaters hat zu mir gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laß es uns miteinander machen, sagte Brit. Die Gelegenheit macht Liebe. In dem Hinterhof oder hier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hieß Charon, fuhr Michael schwerfällig fort. Er wollte nicht sofort mit ihr schlafen, obwohl ihm die Situation schmeichelte. Er gab vor, einen Einfall zu haben. Ich weiß einen wunderbaren Platz, der verdient es, entweiht zu werden. Ungefähr eine Viertelstunde von hier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brit stampfte los. Michael überlegte, ob er ihre Hand nehmen oder seinen Arm um ihre Schulter legen sollte, aber solche scheuen Gesten des Verliebtseins schienen nicht zu ihrer groben fleischlichen Verbindung zu passen. Als er mit der kleinen Japanerin aus einem Pachinko Parlor getreten war, hatte es nur eines leichten Drucks mit der Hand bedurft, und die Nacht war gestaltet gewesen. Harue hatte sich an ihn geschmiegt, fast unwirklich in ihrer schmalen schwarzen Eleganz (wie ein Pinselstrich, ein kitschiger und schwer vermeidbarer Vergleich); sie hatte ihren Kopf an seinen Hals gelehnt und gewartet. Brit jagte voran durch die immer einsamer werdenden Straßen, zwischen grauen Schaufenstern und abgeschalteten Büros entlang, und stieß ihn ab und zu mit der Hand oder Schulter an wie jemand, der bald die Kontrolle verliert. Er plazierte seine Hand auf ihrem Arsch. Es sollte alles so ordinär wie möglich werden, das war das Beste, das relativ Beste. Er wollte den Ort möglichst gräßlich und gewalttätig profanieren, aus keinem besonderen Grund (oder etwa, um die Besonderheit selbst zu zerstören). Er grub die Finger tief in Britts Schritt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er fragte sich, ob sie etwas von dem ahnte, woran sein Herz hing, ob sie unterschwellig merkte, daß er bei so vielen anderen war, denn die Atmosphäre zwischen ihnen schien auf einmal aufgeladen mit häßlichen Dingen, mit Neid und mit Eifersucht, mit Ironie und mit Haß. Seine Hand rieb an der Hosennaht entlang, sie krallte sich mit ganzer Kraft in eine weiche Stelle. Sie blieben mitten auf der Straße stehen, und anstatt sie zu küssen, biß er sie in den Hals. Harues Körper erinnerte an eine Zuckerschote, wenn man zubiß (wieder einer dieser delikaten Vergleiche); er hatte ihr sicherlich wehgetan, aber sie hatte es nicht gezeigt, oder vielmehr war ihr ganzes Atmen und Keuchen und Stöhnen irgendwo zwischen Erregung und Schmerz auf einer unbestimmbaren Grenze entlanggeglitten. Die Elastizität von Nathalies Fleisch zwischen seinen Zähnen hätte ihn irritiert und entzückt. Bei Tilly glich das Beißen einem Zusammendrücken  ihr Körper war locker, fast formlos wie eine Wolke, und jede Berührung diente dazu, ihn zu modellieren, ihren Busen zu Brüsten, ihren Arsch zu einem Po, ihre Extremitäten zu Schenkeln und Waden zu machen. Es gab einen Punkt, wo das Fleisch nicht mehr nachgab, wo die Masse Festigkeit bekam: das war der Schmerz. Michael wußte, wo Tilly anfing, er wußte, wie weit er gehen durfte, aber bei Nathalie hätte er zu seiner großen Verwunderung nichts dergleichen erreicht. Wenn sie sich hingab, schien sie vollkommen formbar zu sein, nahm bereitwillig jeden Druck, jede Prägung entgegen, ohne jedoch irgendetwas beizubehalten. Es war wie eine Art erotischer Bulimie; der Körper gierte nach einer Solidität, die er sofort wieder abstieß. Nathalie empfand keinen Schmerz, sondern nur eine süße Ohnmacht dort, wo sich jemand ganz vergebens ihrer bemächtigte. Und vielleicht wäre Michael der Richtige gewesen, um in diesem Wachsleib seine Leere zu genießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der Hof mit seinen Gräbern sich vor ihnen auftat, wirkte Brit auch kein bißchen beeindruckt. Sie schien auf den Platz überhaupt nicht zu achten, sondern war nur froh, endlich angekommen zu sein. Ihre Haltung fragte: Wo denn nun? Auf den nassen Platten, auf dem matschigen Rasen? Michael zog sie zur Bank. Auch das Holz war naß und klamm, aber Michael erregte die Vorstellung, daß Brits warme Möse auf den kalten Brettern saß und ein heißer Urinstrahl daraufprasseln würde. Ihn erregte der Anblick des Dampfes, und er dachte an den Fischmarkt in Tokyo, wo in großen Hallen Tausende von Thunfischen am Boden lagen, tiefgefroren, überzogen von einer weißen Kruste, wie Geisterfische, die unter den ersten Strahlen der Morgensonne verdampften. Sonya und er hatten anschließend in einer kleinen Bar am Rand des Marktes Sushi gegessen  ihm war übel geworden, als eins der kleinen länglichen Filets sich auf dem Reisbett zwischen seinen Fingern plötzlich bewegte, und Harue, als er ihr am Morgen nach dem zweiten Mal davon erzählte, war fast gestorben vor Lachen. Michael wünschte sich, sein steifer Schwanz wäre ein tiefgefrorener Fisch, der in Brit eindrang und sie zum Schreien brachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brit packte sein Gerät aus, ohne Zeit mit Küssen zu verschwenden. Am Ende würde er Brit nicht ein einziges Mal auf den Mund geküßt haben Sie nahm seinen Schwanz in den Mund. Harue hatte ihn wirklich geküßt, als er sie dazu aufgefordert hatte. Erst auf das barschere Take it in your mouth! hatte sie angefangen zu blasen, aber Brit fing sofort damit an, und sie machte es gut, gut wie eine erfahrene Frau, aber Michael wünschte doch, daß er aus Eis sei. Er legte seine Hand auf ihren Kopf und drückte. Holger würgte. Tilly machte es von selbst so, bis sie würgte, sie wußte, wie gern er es mochte (einmal hatte sie es nicht mehr kontrollieren können und drübergekotzt). Holger hatte nur mit Widerwillen seinen Schwanz geschluckt, obwohl er sich ihm sonst für alles überließ, er hatte sich schlagen und mißhandeln und mit der Hand in den Arsch ficken lassen. Es hatte bestialisch gestunken, und an seinen Fingern waren Durchfallreste geklebt, aber Brit roch einfach kräftig nach Frau, sauber oder jedenfalls nicht wirklich dreckig, einfach kräftig nach Geschlecht. Sie schälte sich aus ihrer Latzhose, damit er besser an sie herankommen konnte. Er schob drei Finger hinein und preßte seinen Daumen auf Britts Blase. Keine hundert Meter Luftlinie von hier entfernt hatte Nathalie einmal nachts ins Bett gepißt, als sie jäh aus einem Traum aufschreckte und dem Harndrang nicht standhalten konnte. Oder wollte, sie hatte nicht auf die Klingel gedrückt, damit die Nachtschwester ihr die Bettpfanne unterschob, sondern neugierig und irgendwie verachtungsvoll die Schenkel aufgestellt und losgelassen und dann sanft gepreßt. Es war durch die Unterhose und das Krankenhausnachthemd ins Laken gesickert, warm und untenherum kühl und oben wieder warm, sehr lange, und sie war für einen Moment der Versuchung erlegen, sich dabei zu streicheln. Die Zuckungen schmerzten im Brustkorb, sie hatte Angst um ihre gebrochenen Knochen; sie beließ es dabei und schlief ein, und Michael kämpfte gegen die Müdigkeit an, während Brit jetzt schon entnervend munter wurde, scherzte, ihren Sex mit Scherzen streckte, neckisch hing sie da eingeklemmt zwischen ihm und dem Ende der Bank, eine Hand an seinem Sack und den Rest des Körpers in einer komischen Pose verrenkt. Michael schlug sie zwischen die Schenkel. Ihm war egal, ob es ihr gefiel oder ob es sie störte. Es ging schief, wie es hatte schiefgehen sollen. Er hoffte noch auf den Beistand der Toten, die argwöhnisch unter dem Rasen horchten, möglicherweise sah auch sein Vater von oben zu und war&apos;s zufrieden, daß er wieder eine Frau erobert hatte. So wie diese Nacht stellte Michael sich das Leben des Vaters vor, nachdem er mit knapper Not lebend aus dem Krieg zurückgekommen war: ein Sichtreibenlassen, Mitnehmengenießen, was auch immer, ein kalkulierter Exzeß des Hineingeratens, ein Getragenwerden durch dieses geschenkte Leben nach dem Tod. Als Junge hatte er den Saufundfickgeschichten ungern, niemals richtig zugehört. Der Vater hatte ihn wahrscheinlich für sensibel, für ein bißchen feig gehalten, jedenfalls war er sehr aufmerksam gewesen, bis die erste Freundin über Nacht im Zimmer blieb. Und über allen Erlebnissen seiner Jugendzeit hing ein stur vergleichendes, gutgemeintes: In deinem Alter...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In meinem Alter, fragte Michael, hast du schon einmal eine Frau auf diesen Spalt geschlagen, da? Er schlug saftig zu, und Brit kreischte, ein heiseres Wimmern ersetzte das Stöhnen. Sie mochte bedauern, worauf sie sich eingelassen hatte. Holger hatte sich unter seinen Gürtelschlägen gekrümmt, aber nicht gewagt, ihn ums Aufhören zu bitten wie bei einer Geißelung hatte er ihm das Böse ausgetrieben, hatte die unterwürfige, kriecherische, speichelleckende Lust aus seinem Körper herausgetrieben, bis sie rot und fleckig in der Luft stand und fluchte. Michael versuchte zu verstehen, was sie sagte; allein darauf kam es ihm an, aber diese Mischung aus Klage und Schimpf blieb ein ungebildes, wimmerndes Gezeter, etwas so wie Brit jetzt, falls es Brit war, etwas wie das Klischee eines erregten Juden, eines gequälten oder wahnsinnigen Menschen am Ende seiner Kultur. Von irgendwoher schlug eine Kirchturmuhr drei. Michael wunderte sich, warum es nicht später war. Das Kino, der Weg, ihre Zeit auf der Bank hier kamen ihm endlos vor, und Brit war noch immer nicht verschwunden. Er drückte ihre Brüste, als könne man sie dadurch wegbekommen, in ein leeres Täschchen Raum einzwängen und versiegeln und vergessen. Er ließ sich auf sie fallen, überließ es ihr, den Rest zu tun, und sie tat es, sie schob sein Ding in sich rein. Ohne Condom, die drei Grundrechte des Mannes, hatte Sonya gesagt, seien Pinkeln im Stehen, Hundertachtzig auf der Autobahn und Sex ohne Condom, und ja, so fühlte man natürlich mehr, hähä, man fühlte überhaupt etwas, eine Art von etwas in der Nässe, einen abgewetzten und löchrigen Pelz. Hast du wenigstens ein Condom benutzt? hatte Sonya nach der Nacht mit Harue gefragt. Und er hatte verneint, er hatte Tilly geschwängert in der ersten Zeit, weil sie beide sich geweigert hatten, über Verhütung auch nur nachzudenken, er hatte ihr zwei Abtreibungen beschert, und ja, ehrlich: Was für ein Spaß! Brit wehrte sich gegen seine Bewegung, vielleicht war es auch nur ihre Art mitzumachen. Aktiv zu sein, dachte Michael, vielleicht, und es ist auch egal. Er ließ sie mit ihrer Aktivität, das Gewimmer riß nicht ab, und es konnte wirklich nicht Brit sein. Er küßte sie, um sicher zu gehen. Um den Mund herum, im Uhrzeigersinn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Geräusch vom Regen hing weiter oben in den Baumkronen fest, das war es nicht. Der Wind mochte in dem engen Hof eine seltsame Wendung nehmen, irgendwo vibrieren, aber das war unwahrscheinlich, eine Theorie. Die Toten mochten schließlich heraufgeschlichen sein und den Akt hier in ihrem Garten in ihrer eigenen Sprache kommentieren, das war immerhin eine Angst, das war immerhin da, vielleicht war es das, dachte Michael, während er Brits dicken Hals umfaßte. Neben vielen Dingen hatte ihm Tilly beigebracht zu kommen, während er sie würgte. Während er jemanden würgte, denn es war jetzt egal, wer es war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war schuldlos. Hatte seinen Auftrag für diese Nacht erfüllt. Die Hand des Vaters löste sich von seiner Schulter, noch mit einem letzten Druck anstelle eines Klopfens. Tote klopfen nicht, es sind die Lebenden, die noch von unten klopfen; Tote drücken. So oder so ähnlich dachte Michael, als er den Friedhof wieder verließ.&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;scottchair1&quot; width=&quot;300&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/scottchair1.jpg&quot; /&gt;
&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Der Mond brach&lt;/b&gt; sich in einer Urinlache (wahrscheinlich bloß Bier). Michael vergewisserte sich rasch, ob niemand schaute, bevor er das Bild von den Frauen und sich selbst unauffällig unter eine Bank warf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich ihn einmal beiläufig darauf ansprach, meinte Michael sehr barsch, er habe mit dem ganzen Abend im &lt;i&gt;Edward&lt;/i&gt; nichts zu tun. Er sei nur dabei gewesen, mitgekommen als ein Fremder, der Elke im Grunde nur als Tillys Freundin kannte. Die Ereignisse seien an ihm vorbeigezogen, und er habe ihnen den notwendigen Respekt gezollt. Am nächsten Morgen sei er mit dem Gedanken Ich bin schuldlos erwacht und mit dem Gefühl, einen Auftrag erledigt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Andrerseits konnte er es durchaus als seine Aufgabe empfinden, Nathalie oder die Liebe an sich auf diese quälende träge, allzu problembewußte Weise zu lieben. Es sind Menschen wie ich, konnte er sich sagen, die die Zeit als Beispiele aussucht, Typen, die gerade deshalb irgendwie zurückgeblieben wirken, weil die gegenwärtigen Strukturen rein in ihnen wirklich sind. Nur daß er kein Interesse für dieses Schicksal fand  und sich ungeschickt und halbherzig dagegen wehrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tilly, Brit und Michael wurden abwechselnd beim Essen von Keksen gesehen. Sicher kein ganz harmloses Gebäck. Brit bekam ein etwas meckerndes Lachen, über Tillys und Michaels Gesicht schien sich dasselbe Grinsen und dieselbe Seligkeit zu legen. Recht benebelt brachen die drei schließlich auf; Brit tat, als wanke sie, um die Schulter ihres charmanten Begleiters zu streifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre ich nicht zu dieser Abschiedsparty gegangen, sagte wieder Nathalie sich manchmal am Tiefpunkt ihrer Laune, die Chance einer Liebe zwischen uns wäre größer gewesen als so. Der fast gelungene Beginn hat sich schließlich als das größte Hindernis entpuppt. In meinem großen Warten, dieser Trägheit namens Warten, habe ich mich stets auf ihn bezogen. Wenn ich nicht einfach etwas unternahm, so um nicht das eine, was uns schon verband, durch eine überstürzte Handlung wieder zu zerstören. Dieser Blick hat mich lahm gemacht. Sein Versprechen wirkt in mir wie eine tiefe innere Blockade. Die allgemeine Unwahrscheinlichkeit, sich zu begegnen, wäre durchlässiger gewesen als das.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie wünschte sich, daß sie beide wie Karten in einem Stapel wären, den man nach Ablauf eines Jahrs zusammenschieben und neu mischen könnte. Ein Unbekannter würde abheben und geben, die Hand eines Herbstes, einer anonymen Besorgnis der Zeit. Und die Patience würde noch einmal von vorn beginnen.&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;Paris-Hilton-Jose-Theodore&quot; width=&quot;344&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/Paris-Hilton-Jose-Theodore.jpg&quot; /&gt;
&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;i&gt;Fortsetzung folgt&lt;/i&gt;&lt;/center&gt;
</description>
    <dc:creator>allesfliesst</dc:creator>
    <dc:subject>Erzählungen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 allesfliesst</dc:rights>
    <dc:date>2007-10-28T14:55:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/4280610/">
    <title>Sein geschmolzener Kern</title>
    <link>http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/4280610/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;262&quot; alt=&quot;FPI607200308AR_b&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/FPI607200308AR_b.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Und nun wartete&lt;/b&gt; er also auf das Fieber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine halbe Stunde nach der Injektion stellte eine Frau, deren Kittelschürze von einer Essenz aus Lavendel getränkt schien, ihm ein gelbes Tablett mit einer Thermoskanne und einer leeren Milchkaffeeschale auf seinen Klapptisch. Dazwischen, halb versteckt, drei Vollkornkekse in Zellophan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Appetit! wünschte sie mit einer hohen, offenbar tschechischen Intonation, stapfte bottenklackernd wieder zur Tür, um sich noch einmal umzudrehen, ihn mit einer Mischung aus Berufsethos und echtem Mitleid zu mustern  ihn oder vielmehr das leere Bett neben seinem  und schließlich hinzuzufügen: Halb fünf kommt anderer Patient. Sie sind nicht mehr allein, geht schneller. Sie preßte Daumen und Zeigefinger fest zusammen wie beim Zeichen für Geldzählen, jedoch ohne die Fingerkuppen aneinander zu reiben. Sie am besten streiten über Politik oder Liebe  dann treibt Temperatur in die Höhe, und zack  geht schneller, als Sie denken! Sie ließ ihm ihr pferdehalsdickes Lachen da und verschwand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz nach vier dachte er schon, der Angekündigte sei verfrüht eingetroffen, schob den Hosenbund herunter, wischte seine dünnen Haare in die Stirn und schlug hastig das GEO-Heft auf, doch es war nur der Assistent des Arztes zum Messen. Er drehte sich auf die Seite, während die weißen Gummifinger des jungen Mannes die silberne Spitze des Thermometers mit Vaseline massierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollen Sie es selber einführen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er bejahte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es piept, wenn die Messung vollständig ist. Ich bin sofort zurück. Wie fühlen Sie sich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das letzte nur so, um etwas beim Gehen zu sagen  keine Spur mehr von ihm, als sein Patient das Kinn über die Decke reckte, auf der Suche nach einem Adjektiv, das das Wohlbehagen eines nachgebenden Schließmuskels beschrieb. Das Thermometer flutschte rein, und nach kurzem inneren Widerwillen (als ob sein Unterleib Scheiße! raunzte) fühlte der Darm sich an, als würde er in voller Länge (sechzehn Meter?) von einer großen, weichen, pazifikwarmen Welle aus Vaseline durchschwemmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Wand, neben dem freien Spind und den Mantelhaken, leuchtete verschwommen ein Plakat mit der Aufschrift &lt;i&gt;Die heilende Hitze&lt;/i&gt;. Der flammendrote Querschnitt eines androgynen Körpers wurde von einem Kranz aus Pfeilen umrahmt. Die Pfeile stellten &lt;i&gt;das Chronische&lt;/i&gt; dar  einen unbewältigten Rest, der nicht in den Körper gehörte, und das Fieber kratzte diesen Rest aus den inneren Falten und Furchen, es verbrannte die Schlacken, ließ die Toxine verschmoren. Wir ziehen eine neue, verläßliche Grenze zwischen Ihrem Ich und den anderen Tierchen, hatte Doktor Parm die Therapie wortgewaltig erklärt. Mehr ein kichernder Philosoph als ein Mediziner (Ärzten, die gut reden können, traut man nicht). Jetzt änderten die ersten Pfeilspitzen schon ihre Farbe: das abstrakt organfarbene Blaßrosa lief dunkelrot an, und Sekunden später begann es orangegelb zu glühen. Die Poren (gestrichelte Linie  man mußte nur sehr nah heran, um die Unterbrechungen zu erkennen) öffneten sich weit, und heraus trat ein stinkendes Flimmern, eine Art totaler, den Leib zu einer einzigen großen Blähung zusammenziehender Furz, der, als er sich im Zimmer verteilte, die Zahnputzgläser und Blumenvasen und herumliegenden Kugelschreiber und Lichtreflexe wie lauter kleine Glöckchen zum Klingeln brachte. Chronische Leiden, sagte der Doktor (oder das glühende Neutrum auf dem Plakat)  chronische Leiden sind das Übel unserer Zeit. Der Körper gewöhnt sich an das halbe Leben, das wir ihn führen lassen. In seinen Kern sickert immer mehr von einer nicht wirklich kranken, nicht wirklich gesunden Peripherie, bis dieser Unterschied für ihn selbst jede Bedeutung einbüßt. Er versteht buchstäblich nicht mehr, was es an der Anwesenheit jener fremden Zellen auszusetzen gäbe. Er verliert seine Immunidentität...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn es gelänge, die ganze Welt nur um wenige Grad zu erwärmen (zwei bis zweieinhalb sollten ausreichend sein)? Wenn man im Pentagon oder in der Wüste Nevadas eine Waffe entwickelte, die in den Köpfen der Menschen ein künstliches Fieber entfachte, die ihre Gedanken und Gefühle einer sanften Hyperthermie unterzog? Wenn dort eben jetzt (oder in einem nahen Futur zwei) der neue Oppenheimer seinen Milzextrakt für die Gehirne in Geschenkpapier gewickelt einem muskulösen, frisch rasierten General übergab? Du fängst an zu spinnen, dachte er, aber es gefiel ihm. Das Poster gewann an Volumen, der Körperquerschnitt quoll wolkig auf. Sonderbarerweise war der Kopf ausgelassen, der Kopf war frei von Pfeilen, eine nackte Kugel, nichts als etwas auf dem Hals  und dennoch  dennoch (dieses &lt;i&gt;dennoch&lt;/i&gt; schmeckte irgendwie nach fremder Männerspucke), dennoch war die Macht über das Fieber...der Schlüssel...wozu?

&lt;p&gt;
&lt;center&gt;***&lt;/center&gt;
&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;
&lt;center&gt;&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;375&quot; alt=&quot;how-to-reduce-a-fever-1&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/how-to-reduce-a-fever-1.jpg&quot; /&gt;&lt;/center&gt;
&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;Er hatte hoffentlich&lt;/b&gt; nicht gestöhnt. Er wußte wirklich nicht, wie lange er so dagelegen hatte, und der Mann, der eine Antwort auf sein freundliches N Abend erwartete, mochte sich schon damit abgefunden haben, daß er einen Vollidioten oder Sonderling als Zimmergenossen bekam. Seine Zunge klebte eingetrocknet am Gaumen. Der Geruch von schwelendem Torf stieg von ihrer Oberfläche hinauf in die Nasenhöhlen. Ein kalimantanischer Moorwald schien bis in die tiefsten Schichten seiner Schleimhäute zu Asche verkohlt. Mikroskopisch kleine Tiere flitzten panisch durch den beißenden Gestank und retteten sich mit Todessprüngen in die letzten Speichelbläschen oder gärende Essensreste. Unter großer Mühe brachte er ein lallendes Hallo... heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Machen Sie sich keine Umstände, ich kenne das maddelige Gefühl, rief der Neuankömmling, während er seine Regenjacke über einen der Bügel hängte. Habe schon fünf dieser Fiebertherapie-Sitzungen hinter mir. Aber Sie müssen was trinken!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne sich weiter auszukleiden, mit Mütze und Schal, griff er nach der Thermoskanne, ließ den Deckel aufschnappen, wischte die aufsteigende Dampfwolke zur Seite und goß mit einem lauten Plätschern die Schale randvoll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier  durch den Lindenblütentee wird sich Ihr Schweißausbruch noch verschlimmern, aber es verstärkt die Wirkung, und ihr Körper braucht Flüssigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er trank, dankbar, in winzigen Schlucken. Einige Konturen wanderten wieder an die Außenkanten der Dinge. Der Andere setzte sich auf das andere Bett.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kärner mein Name. Ich nutze die Zeit, die Sie noch nicht reden können, um Ihnen meine Geschichte zu erzählen. War der Thomas, Parms Assistent, schon bei Ihnen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Mann mit der Mütze und dem Schal war Erdkundelehrer gewesen. Er hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er hatte sein Leben ohne Chemie verbracht und wollte auch ohne sie sterben, wie er mit einem häßlichen Lacher ergänzte (dieser zynische, dabei irgendwie selbstmitleidige Lehrerhumor). Er glaubte nicht unbedingt an den Erfolg der Hyperthermie  aber nach diesen Stunden hier in der Klinik, wenn ich so richtig leergeschwitzt bin und das Blut leise summt, während es zu seinen sechsunddreißigkommafünf Grad zurückkehrt, da fühle ich mich auf einmal wie ich. Verstehen Sie, ich habe gar nicht vor, dieses Ich-selbst-Sein zu idealisieren. Es ist eher das Erlebnis einer schwachen, ausgelaugten Hülle, das mich meiner festen Form versichert und mich irgendwie doch beruhigt.  Man muß wohl sehr verzweifelt sein, um sich über eine solche Ruhe zu freuen, fügte er mit einem schmatzenden Zähneblecken hinzu, und die schnellen Schritte von Thomas erstickten eine lange, sicher oft wiederholte Erklärung im Keim.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Thomas marschierte ohne Halt an sein Bett und griff nach der Decke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oh ! Er fummelte nach Worten. Warte, warte!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Pfleger war da schon am Ziel. Er spürte den eiskalten Luftzug an seinen Oberschenkeln, unter dem Hemdsaum. Seine Arme fuhren abwehrend und zugleich hilfesuchend nach hinten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo haben Sie das Thermometer? wollte Thomas wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verzeihung! Kärner wandte sich ab und gab vor, seine Sachen zu ordnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieso denn?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorsichtig, ganz vorsichtig, damit der andere es nicht merkte, spannte er die rektalen Ringmuskeln an. Das Thermometer mußte dort sein. Es mußte dort sein, wo er es gelassen hatte. Es gab etwas Hartes, irgendwo im Kern der Vaseline. Das mußte es sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jessesmaria, was haben Sie denn da angestellt...! Der Assistent schien jetzt zu einem unartigen Kind zu sprechen oder zu einem altersdebilen Greis, den man wie ein Kind behandelt und der einen trotzdem immer wieder schockiert. Das passiert mir zum ersten Mal. &lt;i&gt;So&lt;/i&gt; war das nicht gedacht mit dem Heißwerden, Herr Follmer!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hörte das Ratschen neuer Gummihandschuhe. Er entspannte sich, wie angewiesen, falls das überhaupt noch weiter ging. Er schloß die Augen und erduldete es kommentarlos, daß der Assistent zwei Finger mehrere Zentimeter in seinen After einführte, bis er das hintere Ende des Stäbchens zu fassen bekam, und es langsam, wie ein scheues Lebewesen, aus dem Darm herausholte. Er stellte sich den Anblick seiner Rosette vor. Als wäre die Peinlichkeit zu einer wulstigen Blume geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vierzigkommazwei, verkündete Thomas nach dem seufzenden Entfernen der Fettschicht. Gratuliere. Fulminante Temperatur.&lt;br /&gt;
Nachdem er den Raum verlassen hatte, das verschmierte Meßgerät wie einen ekelhaften Fund zwischen den Fingerspitzen schlenkernd, legte sich lähmende Stille über die Betten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man hat mir empfohlen, mit Ihnen über Politik oder über die Liebe zu streiten, wagte er endlich zu sagen. Eine Dame aus der Küche. Sie meinte, es werde das Fieber hochtreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der andere nickte gedankenverloren. Ist nun nicht mehr nötig. Höher, als es ist, sollte es nicht mehr klettern. Ich werde nicht die Verantwortung für Ihren Tod übernehmen. Deshalb gestatten Sie, daß ich lese. Brauchen Sie die GEO noch?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er verneinte. Kärner schnappte das Magazin von der Ecke des Tabletts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe übrigens die Frau, die ich liebte, wegen widriger politischer Umstände verloren, versuchte er es nach zwei, drei Minuten nochmal. Aber der andere studierte mit konzentrierter Miene einen Artikel über die ältesten Gletscher der Erde. Er ignorierte ihn so überzeugend, daß er bald selbst glaubte, er sei wieder allein.</description>
    <dc:creator>allesfliesst</dc:creator>
    <dc:subject>Erzählungen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 allesfliesst</dc:rights>
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  <item rdf:about="http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/2441896/">
    <title>Die andere Hälfte. Erzählung</title>
    <link>http://indenselbenfluss.twoday.net/stories/2441896/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;185&quot; alt=&quot;karte_prenzlauer_berg&quot; width=&quot;225&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/karte_prenzlauer_berg.gif&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;A1&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kommt doch von außen. Wenn man das Schlafzimmerfenster öffnet, hört man, daß es irgendwo im Hof sein muß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kälte der Aprilnacht und der Schneegeruch von Kohlen stechen in die Nase. Elena hat mir beim Einzug gesagt, daß sie im Haus gegenüber noch Ofenheizungen haben. Es fällt schwer, das Geräusch in dem großen stockfinstern Hof zu orten, der vier Häuser miteinander verbindet (oder trennt). Tagsüber haben die Kinder dort herumgetobt, sind auf wackelnden Tieren geritten, und ich vermute, daß es weiter hinten ein verrostetes Karussell gibt, das der Wind zentimeterweise bewegt und das dieses fiese, dissonant metallisch vibrierende Quietschen verursacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist windstill. Die Wolken stehen wie Pakete vor dem Mond. Ein so unscheinbares Lüftchen dürfte niemals ein schweres Metallrad bewegen. Und schwer ist es, so wie das klingt: zehn, fünfzehn Sekunden lang zieht ein sirrender, in sich mehrmals an- und abschwellender Schweif durch den Hof und setzt überall kleine kreischende Kreisel hin, die sich ungleichmäßig zu Ende drehen, jeder für sich und das Ganze wie eine verzerrte Figur. Ein zugleich anonymes und aufdringliches Geräusch, zu leise, um der Dunkelheit unter mir eine konkrete Nähe zu geben, aber viel zu laut, als daß ich es der Ferne überlassen könnte. Ich muß es hören, auch bei geschlossenem Fenster. Schon die dritte oder vierte Nacht jetzt. Es nervt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann dauert es ein paar Minuten, bis es wiederkommt. Ich nehme mir vor, auf die erste Zehntelsekunde zu achten, denn dieser Anfang, habe ich gestern gelesen, verrät am meisten über den Charakter eines Klangs. Dummerweise hat das Geräusch keinen Anfang. Sobald es hier ist, hat es sich bereits zu weit und zu komplex verteilt. Es ist nicht schnell, aber es geht irgendwie sofort über sein Auftauchen hinweg. Andererseits - mein Gehör war nie das beste. Es fällt mir schwer, bei einer Fremdsprache die Wörter zu identifizieren, obwohl ich sie kenne. Mit Birtes Bekanntem aus L.A. wurde das äußerst peinlich: Verliere ich für einen Augenblick den Anschluß, verwandelt sich die Rede meines Gegenübers in einen sinnlosen Strom von Vokalen und Konsonanten  es ist, als sei man vom Karussell abgefallen und warte nun hilflos auf das richtige Stück Sitz, um wieder aufzuspringen, aber alles, was vorbeizieht, sind farbige Schlieren und Kreise aus Eisen, Kreise aus Schlägen, die das Schnelle dem Trägen versetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Karussellhypothese hat mich zuerst beruhigt. Es schien plausibel, daß der Krach, den diese Neuberliner Wohlstandskinder machen, auch der Nacht noch etwas Unbewältigtes zurückläßt. Aber im Grunde ist das Unsinn, und wenn ich ehrlich bin, irritiert es mich nur, daß die Kinder das Geräusch nicht zu hören scheinen. Denn man hört es auch tagsüber. In etwas größeren Abständen, es macht manchmal Pausen, hört aber nie wirklich auf. Ich wüßte gern, ob Elena es hören würde. Oder irgendwer  ich kenne zu wenig Menschen hier in der Stadt. Ich kenne überhaupt das Viertel schlecht, und es ist fast ein halbes Jahr vergangen, ohne daß ich meinen neuen Lebensraum &lt;i&gt;in Besitz genommen&lt;/i&gt; habe, wie man sagt. Ich mag am Wohnen, daß man aufhören kann, sich um das Wo zu kümmern. Diese Haltung rächt sich ab und zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;plan&quot; width=&quot;272&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/plan.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;A1-A2&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Elena meint, daß es sehr wahrscheinlich von einer Baustelle kommt. Drüben auf dem Bahngelände. Sie bleibt bis Ende Mai im Ausland, um ihre Reportage fertig zu recherchieren. Grüß mir die Nachbarn, schreibt sie. Gehst du Freitags zu den Treffen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mahnungen sind verwirrend. Elena scheint gleich zwei Telefonrechnungen nicht bezahlt zu haben, aber selbst mit Hilfe ihrer alten Unterlagen verstehe ich nicht, wie diese Summen zustandekommen. Zahlen gleichen ausradierten Bildern, sie berühren mich an den Schläfen, als ob etwas links und rechts am Auge vorbeigeht. Diese Zahlen besonders schnippend und wie mit dem Fingernagel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachmittags greife ich mir den Stadtplan und stecke ihn in die Einkaufstasche. Kurz vor dem Weggehen überfällt mich jedesmal eine angenehme Hektik: Wenn ich jetzt intensiv nachdenke, wird mir noch etwas einfallen, was ich erledigen kann, versichere ich mir selbst. Ich kehre mehrmals in die Küche zurück und zermartere mir das Hirn, und tatsächlich gibt es immer etwas, und das Weggehen wird dadurch mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Treppe stoppt mich ein Anfall von Schwindel. Die Stufen sind unerhört flach. Draußen atme ich tief ein, bis die Lungenflügel so fest aufgebläht sind, daß sie den Kopf tragen können. Es ist wärmer als erwartet. Das rhythmische Kreischen der Trillerpfeife scheucht ein Fußballteam drüben über die Aschenbahn. Um mich abzulenken, falte ich die Karte auseinander und studiere das Viertel. Langsam gehen und gleichzeitig lesen hilft komischerweise gegen das Drehen im Kopf. Mein Kreislauf meldet sich meistens dann, wenn ich einfach nur in der Welt bin, ohne angestrengt nachzudenken, ohne zu reden, ohne hin und her zu rennen. Das war schon als Kind so: Einmal bin ich die Treppe hinuntergestürzt, weil ich oben stehengeblieben war und vergessen hatte, was ich unten wollte. Das Fehlen eines Ziels führte augenblicklich zum Verlust des Gleichgewichts. Noch während mein Körper auf die Kanten der Stufen knallte, lachte ich darüber, wie wörtlich das Schicksal es meinte. Mein Vater sah mich an wie einen Irren, als ich (Stunden später, es war dunkel) auf dem Flurteppich erwachte. Er kam gerade vom Weihnachtskegeln zurück und trug eine gigantische Mettwurst unter dem Arm. Für den dritten Platz, sagte er. Du siehst ja schrecklich aus, und hör doch auf zu lachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prenzlauer Berg im Maßstab 1 : 27.000 bis 1 : 28.500 unterscheidet sich nicht wesentlich von irgendeinem anderen Bezirk irgendeiner anderen Stadt. Außer der Ringbahntrasse, die das Viertel in Ost-West-Richtung durchschneidet, zieht sich derselbe Rhythmus von rosa Blöcken und weißen Straßen nordwärts, bis er Pankow oder Weißensee heißt. Der ehemalige Verlauf der Mauer ist als rot gestrichelte Linie eingezeichnet, der Park, der zur Zeit requalifiziert wird, in Grün. Es gibt keine Innenhöfe. Wie Malte das Nachtasyl vergeblich auf seinem Pariser Stadtplan suchte, gleitet mein Blick enttäuscht über das flächige Rosa, das mir weismachen will, zwischen hier und der Gleimstraße wölbe sich ein einziges Dach. Es wäre in der Tat schön, eine Glaskuppel zu haben, die unsern Hof vor fremdem Lärm schützt. Sollte ich mich jemals auf ein Freitagstreffen wagen, werde ich das vorschlagen: ein gläsernes Dach.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;259&quot; alt=&quot;lageplan1&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/lageplan1.gif&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;A2&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ecke Rhinower Straße Kopenhagener Straße schaut das alte Umspannwerk aus, als könne es ein solches Geräusch erzeugen. Ist aber lange vom Netz. Ich werfe einen Blick durch die frisch gestrichenen Gitter vor der Einfahrt, auch um vor zwei Jugendlichen auszuweichen, deren Schönheit mich irritiert. Direkt hinter dem Torbogen des dicken Backsteinkastens wölbt sich wie etwas absichtlich Fremdes die ovale Schaltzentrale. Sasao hat vor zwei Semestern, als ich noch nicht hier wohnte, ein Referat über den Architekten gehalten. Die Abbildung in dem einzigen Buch, das sie finden konnte, zeigte einen hohen weißen Schaltraum mit sehr kleinen, in die konkaven Wände eingelassenen Meßinstrumenten. Eine Art heiliger Vase, eine Apsis für die diskreten Messen des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Männer mit ordentlich gekämmten Frisuren und Hornbrillen, die in der Mitte des Raumes standen (das Foto stammte aus den frühen Sechzigern), wirkten dabei so gar nicht wie die Priester der Elektrizität, als die der Baumeister sie geträumt haben mochte. Eher wie eine hilflose Schar von Verwaltern, die nicht wagten, in dieser metaphysischen Zentrale einen Hebel anzufassen, aus Angst, ihn fettig zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenüber dem E-Werk sitzen die ersten Cafégäste draußen. Ich schwanke, als ich an ihnen vorbeispaziere, und bin dankbar für den kleinen roten Ball, den ein Mädchen mir zwischen den Beinen durchschießt. Es ist, als hätte der Regisseur unten im dunkeln Gehen, einfach nur Gehen! gesagt, und da das für einen Laien wie mich zu schwer ist, greift er auf diesen bewährten Trick zurück, um die Bewegung aufzulockern und ins Menschliche zu retten. Man hört übrigens nichts. Seit ich die Wohnung verlassen habe, schweigt das Geräusch. Obwohl ich hier, in der Nähe des Bahngeländes, die Baustelle zu finden hoffe, die Elena erwähnt hat. Ihr aufgeregt pragmatischer, wie hastig in einen Tisch geritzter Tonfall begleitet mich bis zur Mitte der schmalen Fußgängerbrücke, wo man das Gefühl hat, über einem weggebrochenen Stück Stadt zu schweben. Irgendwone Baustelle, sagt sie. ...Baustelle. ...Bahngelände. ...wird ständig gebaut. Kaum hundert Meter entfernt glänzt das Einkaufszentrum in einem milchigen Hellgrün, ein Grün, wie das Meer annimmt, bevor ein Gewitter losgeht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hänge mich über das Geländer. Der Anblick hätte komplizierter sein dürfen. Es hätte zumindest irgendeine Unregelmäßigkeit geben sollen, die der Phantasie gestattet, einen Stollen in das Sichtbare zu graben und Arbeiten darin zu vermuten, aber mir ist sofort klar, daß hier nur gefahren wird und nirgends gebaut. Unmißverständlich ziehen die Gleise sich unter uns hin. Eine S-Bahn hält soeben im Bahnhof Schönhauser Allee, das rote Signal verbietet weiteren Zügen die Einfahrt. Nach den üblichen fünfzehn Sekunden setzt sie sich wieder in Bewegung, wird schneller, verschwindet zwischen den Stahlpfeilern. Zur anderen Seite, Richtung Gesundbrunnen, folgt die Strecke einer sanften Kurve nach links, und wie Finger, die man in die Erde gräbt, schieben die Schienenstränge sich in die Niemandslandbegrünung, ein paar auffällig gepflegte Rasenkeile mit kleinen, an Stöcke gebundenen Bäumchen. Kein Geräusch. Kein Kran am Horizont. Zwischen den Betonblöcken des Siebzigerjahre-Sozialwohnungsbaus Typ West in Wedding und dem klotzigen Kirchturm, der aus der Fassade der Dänenstraße aufragt, sucht mein Blinzeln den Himmel nach hellen metallischen Wimpern ab, die der Wind hin und her biegt. Die berüchtigte Übung zum Unglücklichsein, bei der man solange einen Fleck auf der eigenen Netzhaut fixiert, bis es unmöglich scheint, jemals wieder deutlich zu sehen, könnte jetzt vielleicht helfen: Falls ich mir das Geräusch einbilde (was immer das heißt)  sollte es dann nicht gelingen, eine passende optische Illusion zu erzeugen? Oder wenigstens etwas zu finden, was sich dazu umfunktionieren läßt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei geschobene Fahrräder klingeln leise, während sie über die Planken holpern. Ich denke: Mein Einkaufszettel liegt zuhause neben dem alten Brot auf dem Tisch. Und: Dieser Umweg war der falsche. Er hat nichts gebracht. Und trotzdem besteht etwas in mir darauf, daß es der einzige wahrscheinliche war. Hätte man hier im Viertel in Bodennähe einfach so die Quelle der Vibrationen entdecken können, dann auf diesem Pfad an allen offenen Stellen vorbei. Was jetzt noch bleibt, sind von Menschen beherrschte Zonen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;340&quot; alt=&quot;berlin_pb&quot; width=&quot;382&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/berlin_pb.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;B1&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit den eigenen Daumen den verspannten Nacken zu massieren gibt wahrscheinlich ein gutes Bild für die menschliche Verlorenheit ab. Es ist das klägliche Gegenteil des heroischen Rucks, mit dem Münchhausen sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog  so jedenfalls fühlt es sich an. Während ich fest auf die harten Muskeln drücke und sie dabei gleich noch fester spanne, denke ich abwechselnd zwei Kausalfolgen durch: Entweder gelangt durch den engen harten Ring um meinen Hals zu wenig Blut in den Kopf, und das verursacht den Schwindel, der mich vom Schlafen abhält (nach dem Hinlegen sinke ich immer weiter, als hätte das Bett am Kopfende ein kilometertiefes Loch). Oder die Kreislaufprobleme, die dafür sorgen, daß sich unentwegt alles dreht, bringen umgekehrt meinen Körper reflexhaft dazu sich zusammenzuziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also wäre es gerade gut, heute abend zu trainieren? Oder ich sollte das gerade lassen, um mein strapaziertes Herz nicht noch mehr zu belasten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit drei Jahren gehe ich in dieses Fitneß-Studio am Rosenthaler Platz. Zwei- oder dreimal die Woche mache ich mich dort auf die Suche nach etwas, was die Einheit des Fleisches sein könnte. &lt;i&gt;Orte des Nichtlebens&lt;/i&gt; hat ein Feuilleton diese Zonen genannt, in denen Stadtbewohner die Zeit vor dem Einschlafen vernichten. Wie eine widerwärtig triviale Melodie, die nicht aus dem Kopf geht und nach Jahren noch das erste ist, woran man sich erinnert, wenn man seiner Liebsten auf Kommando etwas vorsingen soll, ist die Formel bei mir hängengeblieben. Seither verläßt mich selten ein beklemmendes Gefühl, wenn ich zwischen den Fahrrädern, Climbern, Stairmastern und Crosstrainern nach etwas zum Aufwärmen suche. Es ist schwer zu übersehen, daß diese Geräte einer mehr als körperlichen Erschöpfung dienen oder daß der Körper hier zur letzten Hoffnung einer rettenden Manipulation wird. Man muß Menschen dabei beobachten, wie sie versuchen, auf Null zu kommen, das Zuwenig und Zuviel mit einer Stunde Strampeln bis zu einem Punkt zu bringen, wo es ineinander sinkt und eine ausgeglichene Bilanz ergibt. Da werden Tagesreste entfernt, um die Leere zu säubern, da man nichts findet, was sie ausfüllen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch habe ich etwas gefunden an diesem Ort, wo mir niemand sympathisch ist und wo kaum einmal einer durch eine oberflächliche Schönheit auffällt. In dem Maschinenpark jenseits des Cardiobereichs gibt es so etwas wie einen festen, leicht verständlich dokumentierten Plan meines Körpers. Ich gehe dorthin, um diesen Plan zu studieren. Ich lese ihn, und ich stelle fest, wie das Verhältnis, das mein Körper heißt, sich während des Lesens verändert: Die weiche Masse, die sich mein halbes Leben lang anfühlte, als wäre eine Flüssigkeit nur einen Augenblick zu träge, um weiterzufließen, dieses formlos Schlanke, schlaksig Hingezogene gibt mit einemmal die Kontur von Muskeln frei. Muskeln  solche wohldefinierten Kerne von Kraft auch an mir zu entdecken, war bislang die größte Überraschung meines verschlossenen, in Form einer Knospe verbrachten Lebens und vielleicht der erste Schritt in ein anderes Alter. Ich befand mich auf dem Weg, mit einem endlichen Selbst zur Deckung zu kommen, einem Selbst, das aufhört, wo ein Arm nicht mehr hinlangt, und mit jeder Anstrengung neu anfängt, ganz selbstverständlich, als sei es dafür gedacht. Ich spürte die Knochen, die Sehnen, die Bänder. Ich lernte meinen Rücken zu dehnen, bis der Rumpf sich von den endlos langen Beinen befreite und eine eigene obere Hälfte aufstellte. Ich wuchs noch einmal völlig neu an dieser Stelle, diesmal als solides Objekt.&lt;br /&gt;
Ich hörte sogar auf, zu Ärzten zu gehen. Meine hypochondrischen Anfälle schienen bewältigt. Und jetzt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;354&quot; alt=&quot;plan_verkehrsanbindung&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/plan_verkehrsanbindung.gif&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;B2&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Geräusch dringt nur nach hier oben, unten auf der Straße existiert es nicht. Die Erkenntnis, daß es sich um die Höhe handelt, erleichtert mich  zuerst dachte ich, das Haus bringe das Geräusch hervor. Dieses Haus ist alt genug, um das Recht auf ein dunkles Geheimnis zu haben, aber die Tatsache, daß der Ton im Hof ist und von dort gegen die Fenster drückt, ohne wirklich hereinzukommen, machte aus diesem klassischen Horror irgendwie etwas irrsinnig Kompliziertes: Was für ein grauenhaftes Ereignis mußte es gewesen sein, das ein Haus dazu bringt, sich so von außen her mit einem Klagelaut zu zerreiben? Was für eine furchtbare Präzision des Wortes &lt;i&gt;Hof&lt;/i&gt; in der Architektur dieses Fluchs!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist vernünftiger anzunehmen, daß es an der Höhe liegt. Man muß im dritten Stock sein, um diese Welle zu empfangen, die wahrscheinlich doch von weiter herkommt, als es den Anschein hat, und über eine Menge Dächer klettert. Ich bilde mir ein, daß das eigenartig Gebrochene, diese clusterartige Spaltung des Klangs nicht nur von der rauhen Stelle eines Metallarms stammt, der irgendwo am Ende des Mauerparks an einer rostigen Führung entlangschrammt, sondern daß darin all die Höfe vibrieren, die zwischen uns liegen  all die seltsam verwinkelten Innenhöfe des Viertels, die renovierten, hübsch pastellgelb getünchten und die grauen mit nackten bröckelnden Mauern, all das Gestrüpp, in dessen Millionen Blättern und Knospen die Frühlingsluft zirkuliert, all die Fahrräder und Fahrradverschläge, die Klettergerüste, Schaukeln und Karussells, die Mülltonnen und Glascontainer, das alles scheint den Klang mit einem kollektiven akustischen Dreck zu beladen, ihn mit unzähligen Vorkehrungen, Umständen und Lebensresten einzufärben, wie ein Spalier von Flaggen den Wind färbt. Es ist, als müßte der Ton in jedem Block etwas abholen, ehe er zu uns kommt. Als würde er es mit sich schleifen und zum Teil wieder fallenlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daher war es so schwer, ihn überhaupt mit der Höhe in Verbindung zu bringen: Obgleich sein Metall nicht den Boden berührt (es hängt irgendwo, und es hängt &lt;i&gt;schräg&lt;/i&gt;), glänzen daran nur die Schrammen und Kerben. Das Wunder des Schwebens ist diesem Schall so fremd wie Malka das der Erlösung durch Liebe. Sie liebt mich, zweifellos, aber ihr Leben wird kein Gramm leichter davon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;prenzlauer-berg-map-04-1&quot; width=&quot;274&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/prenzlauer-berg-map-04-1.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;B3&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe schlecht geschlafen, gehört zu den allgemein akzeptierten Antworten auf die Frage, wie es einem geht. Der andere nickt. Er kennt das. Jeder schläft mal schlecht. Die meisten schlafen ständig schlecht, wenn man den Berichten in Stern oder Spiegel glauben darf, und ich frage mich, was eigentlich guter Schlaf ist. Man steigt erquickt daraus empor, es muß etwas wie eine poetische Reinigung sein, das Eintauchen in einen See, dessen Wasser irgendwie klarer ist als das, was wir den Tag über tun und reden. Guter Schlaf hat diese Intensität der Tiefe, eine andere Intensität als die Verdichtung des Ereignisses tagsüber und anders auch als die des Exzesses. Ich denke mir den guten, tiefen Schlaf wie das genaue Gegenteil eines Orgasmus: die vollkommene Ausdünnung, die den flüchtigsten Moment zu einem weiten, zugleich schweren und leichten Vergessen dehnt. Ein Vergessen, wie wenn man in dem Wasser badet, aus dem man zum größten Teil besteht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einem intensiven Orgasmus bleiben mir gewöhnlich zehn bis fünfzehn Minuten, um einzuschlafen. Ungefähr so lange, wie der Schweiß auf meiner Haut zum Abkühlen braucht. Es versteht sich, daß dieses Zeitfenster nie ausreicht, selbst wenn ich allein bin und keine Freundin darauf wartet, daß man sie streichelt. Heute morgen gegen fünf  die ersten Vögel tschilpten in den Ranken an der Hauswand  habe ich angefangen zu wichsen. Ich tue das nicht gern, zu dieser Zeit, weil ich weiß, daß es lange dauert und die Phantasien dabei etwas Bedrohliches bekommen, aber mir blieb keine Wahl. Das Geräusch heulte regelmäßig alle fünf Minuten und dauerte jedesmal länger als eine halbe. Es hatte die ganze Nacht über nicht aufgehört, war kaum einmal leiser geworden. Draußen mußte völlige Windstille herrschen. Diese Gleichmäßigkeit war nicht zu ertragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich spürte zwischen den Nackenwirbeln einen schmalen weißen Keil, als ich meinen Schwanz packte und die Shorts herunterstrampelte: ein weißer Keil wie aus &lt;i&gt;Palmenfett&lt;/i&gt; (ich weiß nicht, warum dieses Wort, ich nehme an, ich habe es gestern auf einer Packung gelesen). Er steckte dort, wo eigentlich die Freiheit hätte sein sollen. Er war zu weich, um richtig weh zu tun, aber nicht weich genug, um unter einem schrägen Ruck nachzugeben. Ich wichste mit dem Wahnsinn um die Wette  je mehr Bilder von zerfetzten Slips, blutigen Rosetten, erstickenden roten Gesichtern ich mobilisierte, desto stärker glich es einem Wettrennen zwischen meiner panisch geschmeidigen Einbildungskraft und der fettigen Wahrheit des Wahnsinns. Ich gewann um Haaresbreite. Der Orgasmus riß mir fast die Eichel ab, und genau danach, in exakt der Sekunde, wo ich mich endlich entspannte, wo mein wunder Rücken in das nasse Laken einsank, dröhnte das Geräusch mit der Pünktlichkeit eines Weckers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tod klopft an, heißt es. Der Wahnsinn ist schon irgendwo im Haus, er meldet sich wie ein Weckton, der erklingt, bevor man eingeschlafen ist. Sein Rufen verkündet die Überlegenheit der Zeit über alle Versuche, mit ihr im Einklang zu leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;prenzlauerberg&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/prenzlauerberg.gif&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;B4&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe daher schlecht geschlafen, und Birte nickt, als sie es erfährt. Sie nickt am Telefon, ich kann sie nicht nicken sehen, aber ihre Stimme lehnt auf dieser Geste, als sie mich bedauert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum gehst du nicht zum Arzt? fragt sie, und ich heule leise auf, weil ich diese naheliegende Frage befürchtet habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie gelingt es anderen, einem Arzt von ihren Symptomen zu erzählen und dann einfach abzuwarten, was er draus macht? Woher nehmen sie die Überzeugung, daß der Arzt versteht, was sie ihm mitteilen wollen, daß er dieses klebrige Gebräu aus Gurgeln, Stechen, mangelnder Balance, Druck und Unterdruck und perforierten Möglichkeiten irgendwo da drinnen in den paar hilflosen Worten wiedererkennt, die einem als Patienten überlassen werden? Mir ist schwindelig. Seit wann denn? Allein die Angabe des Zeitpunkts brächte mich an den Rand eines verzweifelten Beschwörens, so als müßte ich einen Skeptiker von der Existenz paranormaler Kräfte überzeugen und ihn zugleich bitten, sie mir auszureden. Seit dieses Geräusch in unserm Hof widerhallt, Frau Doktor (ich würde niemals einen männlichen Arzt konsultieren). Dieses...schwer beschreibliche Geräusch. Sie nickt interessiert, etwas bedächtiger als Birte. Seit wann tut es das?  um mit zwei Schritten doch ein Kalenderdatum zu erreichen. Und irgendwann unweigerlich die vernichtende Frage: Stehen Sie in letzter Zeit unter Spannung? Private Probleme, beruflicher Streß? Die Frage, die mich als Psychosomatiker entlarvt, als jemanden, der es nicht geschafft hat, seinen Körper entschieden genug vom Redestrom abzutrennen, um eine medizinisch anerkannte Krankheit zustandezubringen. Das ist doch hocherfreulich, sagt die Ärztin lächelnd über mein EKG. Bei den Blutwerten auch nichts außergewöhnlich. Daß es mit der Bauchaorta zu tun hat, ist unwahrscheinlich. Daß man den Puls dort stark spürt, kommt gelegentlich vor. Bei sehr schlanken Menschen kann man ihn sogar sehen. Für ein Ultraschall sieht sie im Augenblick keinen akuten Bedarf. Achten Sie auf regelmäßigen Schlaf. Und wenn es nicht besser wird, schauen Sie in zwei, drei Wochen einfach nochmal vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einmal habe ich es nicht fertig gebracht, nach dieser Demütigung die Praxis zu verlassen. Ich habe mich der Länge nach auf den Schreibtisch des Arztes geworfen (damals war es noch ein Mann). Ich habe gebrüllt: Lesen Sie mich! Verdammt noch mal, können Sie nicht lesen! Und bin weinend zusammengebrochen, weil er andernfalls wahrscheinlich die Polizei geholt hätte. Es führte immerhin dazu, daß er mir Valium verschrieb, und obwohl das bei mir als Schlafmittel nicht wirkt, hatte ich beim Wachliegen während der folgenden Nächte das Gefühl, auf einer weichen, angewärmten Bahre von geschickten Pflegern durch ein flaches, nach Salz duftendes Gebirge getragen zu werden. Die Adjektive neigten sich zum Angenehmen, woher sie auch kamen. Selbst die Wichsphantasien bekamen dadurch etwas surreal Warmes. Die Körper, die sich aus endlosen dampfenden Bettüchern schälten, atmeten in einer prallen, überwirklichen Lebendigkeit, die sie wie von selbst erotisch machte. Es war gar nicht nötig, sie zu zerstören.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es bis Montag nicht besser geworden ist, werde ich das wohl machen, antworte ich. Birte hat Zeit genug gehabt, mein Zögern zu interpretieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie geht es Malka? fragt sie zum Schluß. Mußt du immer noch vor ihr geheimhalten, daß wir telefonieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis auf weiteres, sage ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verstehe, sagt sie. Gute Besserung. Bis bald.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;p_eld-lageplan-m&quot; width=&quot;289&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/p_eld-lageplan-m.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;C1&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich entscheide mich nach langem Überlegen dagegen, eine von Malkas Schlaftabletten zu nehmen. Sie hat sie mir dagelassen, weil sie bei ihr nicht wirken. Ihr Arzt in Köln legt großen Wert darauf, daß sie ausreichend schläft, und die Antidepressiva scheinen das zu erschweren. Zypiclon heißt das Zeug. Man müßte nur einmal eine versuchen, doch ich habe Angst, sie könnte mich von dem Geräusch befreien. Tief drinnen, obwohl ich weiß, daß es nicht stimmt, lauert weiterhin die Einsicht, das Geräusch würde nur in meinem Kopf existieren. Die akustischen Veränderungen  es wird leiser, wenn man nach vorn ins Arbeitszimmer geht, in Elenas Zimmer noch leiser  weisen deutlich darauf hin, daß es von außen kommt und in der Stadt einen bestimmten Ort hat. Trotzdem wäre es fatal, wenn eine Tablette es wegmacht. Ich habe Malka einmal im Scherz gesagt: Wenn ein bißchen Chemie deine Verzweiflung dämpft und ein bißchen mehr Chemie sie beseitigt, dann ist diese Verzweiflung auch bloß ein bißchen Chemie. Ich sehe nicht ein, weshalb ich Respekt davor haben sollte. Oder warum du es solltest.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie wurde sehr still, nickte, und nach dem Abendessen verließ sie wortlos die Wohnung, kam dann lange nicht zurück. Ich rief ihr Handy an, das direkt neben mir in Malkas Handtasche brummte. Nachts, als sie die Decke hob und neben mir ins Bett glitt, erklärte sie, sie sei zu feige zum Sterben. Ich war auf dem Dach und bin auf das Geländer geklettert. Ich habe sehr klar gesehen, daß ich mich nicht umbringen kann. Scheint, ich muß warten, bis es irgendwann von selbst passiert. Beim Umdrehen flüsterte sie lautlos Scheiße, ein Wort, das in ihrem zarten Mund jedesmal wie ein abgebrochener Zahn klang. Scheiße. Und dann schlief sie ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;324&quot; alt=&quot;lan11&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/lan11.gif&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;C2&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es hat seit Wochen nicht geregnet. Wolken ja  es ist ein durchschnittlicher Frühling , aber nicht einmal um fünf Uhr morgens findet mein Finger Tropfen auf dem Holz des Balkongeländers. Das Weiß vor meinen Augen weicht langsam dem Anblick der halbfertigen Fassade, des Schuttcontainers, des Absperrgitters, das den aufgerissenen Gehsteig vor dem Haus gegenüber umstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Absurd, davon aufzuwachen, daß man dabei ist in Ohnmacht zu fallen. Ich gehe tief in die Hocke und dann zentimeterweise wieder hoch. Mein Hals pocht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Trockenheit verschlimmert das Geräusch. Wenn sie es nicht überhaupt erzeugt. Entstehen nicht alle Geräusche, weil etwas nicht feucht genug ist? Selbst das Plätschern eines Baches scheint mir auf einen Mangel an Flüssigkeit, einen Rest unabgewaschener Sonne auf den Steinen hinzuweisen. In einer vollkommen liquiden Welt wäre es wunderbar still. Im Gegensatz zu London, Tokyo oder auch Hamburg ist Berlin eine trockene Stadt. Die Niederschlagsmengen pro Quadratmeter mögen niedriger sein oder nicht  der Regen hat keine Macht über diese graugelbe Wüste aus staubigen, von einem preußischen Asthmatiker ausgehusteten Bauten, er fällt zwischen den Häusern hindurch in eine Leere aus Haltestellen, abgedeckten Obstkisten, Kapuzen und Kinderwagen, und ein Netz von straffem, fest gespanntem Haar saugt seine Nässe auf, ohne selbst naß zu werden. Der Berliner Regen vermag nicht einmal die Dächer zum Glänzen zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn es mir nach der schlaflosen Nacht schlecht geht, hat dieser Morgen wie jeder Morgen etwas von einer Chance. Wenn es nur für eine Viertelstunde regnen könnte, so daß er einen Hauch von Frische bekäme. Ich bin schon wieder dabei, auf Erlösung zu hoffen. Ich habe mir fest vorgenommen, das zu lassen, mir jeden Morgen vorzusagen, daß es so, wie es jetzt ist, vollständig ist. Nichts wird besser, wenn man den aktuellen Zustand als verbindlich betrachtet, aber wenigstens hört man auf, die Zeit, die einem bleibt, mit dem Warten auf das glückliche Ereignis zu vergeuden, das alles Falsche auseinanderreißt und richtig neu zusammenwirft. So oder so ähnlich sollte der Trick mit dem Leben gehen: Man macht Schluß mit dem Warten. Ich entschließe mich immer wieder dazu, und mittlerweile bin ich entschlossen genug, um die Hoffnung endgültig zu vergessen. Was das für ein Morgen wäre: ohne Hoffnung aufzuwachen, in die nackte Gegenwart des Tages einzusteigen wie in den erstbesten Zug und damit bis zur Endhaltestelle zu fahren. Aber setzt nicht sogar das voraus, daß man geschlafen hat?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;map_3d_13-4_52-5333333_prenzlauerberg&quot; width=&quot;284&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/map_3d_13-4_52-5333333_prenzlauerberg.png&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;D1&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater starb an einer geplatzten Aorta. Aneurysma nennt man das  das Gewebe der Bauchschlagader gibt an einer Stelle nach, paßt sich der Welle zum Herzen zu bereitwillig an, und es bilden sich Taschen, die der Druck des Blutes immer weiter ausbeult. Die Gefäßwände werden dünner, der Blutstrom spült die inneren Schichten allmählich los und reißt sie weg. Der Prozeß bleibt nach außen unbemerkt. Wenn man es merkt, ist es gewöhnlich zu spät.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Woche vor Weihnachten bekam mein Vater plötzlich Kreislaufprobleme. Nach dem Nachmittagskaffee fühlte er sich schlapp und schwindelig und hörte nicht mehr auf zu gähnen. Ein Würfel Zucker mit Korodin half nur vorübergehend. Er schleppte sich mit Nachrichten und Sportschau durch den Abend. Erst lange nachdem er sich ins Bett gelegt hatte, kam plötzlich der Kollaps. Meine Mutter mußte den zitternden Körper stützen, damit er nicht die Treppe hinunterstürzte. Sie rief den Notarzt. Vom Lärm aufgestört, legte ich schließlich mein Buch weg und ging auch nach unten. Wir warteten im Wohnzimmer, ich studierte in der Programmzeitschrift die Sendungen nach Mitternacht und entdeckte nichts. Damals gab es noch einen Sendeschluß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während dieser Viertelstunde, bis der Notarzt eintraf, müssen mein Vater und ich die letzten Worte miteinander gewechselt haben. Es kann nichts Besonderes gewesen sein. In seinem Zustand, zugleich schläfrig und mit jagendem Puls, fiel es ihm schwer sich zu konzentrieren, und ich wußte ja nicht, daß er stirbt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Arzt, der den Nachtdienst versah, stellte einen Blutdruck von 90 zu 40 fest. Nach einer Spritze ging es meinem Vater sofort besser. Die Farbe kehrte in sein bohemienhaftes Gesicht mit den ausgeprägten Wangenfalten zurück. Er ging nach oben ins Bad, um sein Glasauge einzusetzen, und als er wieder das Wohnzimmer betrat, wirkte er ruhig und souverän und scherzte mit dem Arzt, der seine Tasche zusammenpackte. Ich schicke Sie ins Krankenhaus, sagte der Arzt. Nur der Vollständigkeit halber. Sehr wahrscheinlich war das bloß eine kleine altersbedingte Irritation des Herz-Kreislauf-Systems, aber es könnte was Ernsteres sein. Wären Sie mein Vater, würde ich wollen, daß man Sie gründlich untersucht, um jedes Risiko auszuschließen. Deshalb habe ich die Ambulanz gerufen, gebe Ihnen das hier für den Kollegen in der Klinik und sage gute Nacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir fällt erst heute abend auf, daß der Arzt sich mit dieser Formulierung an meine Stelle gesetzt hat. Ich war genau wie mein Vater zufrieden damit, daß es wieder funktionierte, daß die Symptome sich erledigt hatten. Ich hätte nie daran gedacht, mir Sorgen zu machen oder nach weiteren Maßnahmen zu verlangen. Ich ging damals selbstverständlich davon aus, daß ich jung sterben würde (an einer Krankheit, infolge eines Exzesses, durch meine eigene Hand)  aber selbst in diesem Augenblick erinnerte mich nichts daran, daß andere sterben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Krankenhaus stellte man beim Röntgen fest, daß das Aneurysma faustdick und bereits perforiert war. Es brach, während sie die Bauchhöhle öffneten. Ich habe vorhin ein wenig im Internet recherchiert, es mir aber erspart, Details über die Durchführung der OP in Erfahrung zu bringen. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie eine Bauchschlagader platzt. Die Blutfontänen dürften ziemlich spektakulär sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitpunkt der Entdeckung war in jeder Hinsicht schlecht: nicht mehr rechtzeitig, um ihn zu retten, und ein paar Minuten zu früh für einen schnellen Tod. Mit Infusionen und einem in Windeseile gelegten Bypass gelang es, meinen Vater in fünfeinhalb Stunden an den Rand des Lebens zurückzuzerren. Danach lag er fast einen Monat auf der Intensivstation. Zwischenzeitlich sah es sogar so aus, als könne er es schaffen, doch eine endlose Folge von Komplikationen (eine Naht, die sich gelockert hatte, ein abgeklemmtes Stück Darm, ein seltener Pilz in einer der Blutkonserven) machte weitere schwere Eingriffe notwendig, und man sah, wie nach und nach die Kraft aus dem großen, schlanken, auf die letzten Jahre etwas schwammig gewordenen Körper entwich. Er kriegte hohes Fieber. Die Maschine, die für ihn atmete, wirkte auf mich während der leeren, mit nichts als Warten ausgefüllten Stunden an seinem Bett wie ein Blasebalg, mit der dünne, glühende Luft in seine Brust gepumpt wurde. Wenn die Temperatur zweiundvierzig Grad überstieg, blinkte es, und zwei Pfleger kamen und legten Eis auf die Beine.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater starb im Alter von zweiundsiebzig Jahren. Oder waren es dreiundsiebzig? Er war viel älter als meine Mutter. Wenn ich als Kind auf seinen Vertretertouren mit ihm durch die Stadt zog und er mir ein Eis kaufte, erklärten mir Frauen, was für einen netten Opa ich hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;182&quot; alt=&quot;220px-prenzlberg_satellit&quot; width=&quot;220&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/220px-prenzlberg_satellit.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;D2&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweiundsiebzig oder dreiundsiebzig Jahre. Darf man sich darauf verlassen, daß eine solche Krankheit erst im hohen Alter auftritt  oder daß sie erst dann ernsthaft gefährlich wird? Ich will nicht sterben. Nicht jetzt. Eine Stimme in meinem schwindelnden Kopf formuliert überraschend klar diesen Satz, und es fällt mir ganz leicht, eine Reihe von Gründen dafür aufzuzählen: Zuerst eine Liste von Arbeiten, von Projekten, die ich begonnen und noch nicht abgeschlossen habe. Einige sind durchaus fortgeschritten  etwa das Konzept meiner &lt;i&gt;time currency&lt;/i&gt;, die es erlaubt, Zeit direkt als Wert zu verrechnen, und das Geld ersetzen soll , aber es wird mindestens zehn Jahre dauern, bis ich mit allen fertig oder endgültig gescheitert bin. Vielleicht länger. Dann diese Körperarbeit: gar nicht auszuschließen, daß sie bald zu etwas führt, daß mein Fleisch sich schließlich zurechtfindet in der Welt aus Gegenständen, das zu Volle und das zu Leere in seinen Geweben zu einem Gleichgewicht kommt. Auf dem Küchentisch liegt der Prospekt zu einem Taichi-Kurs mit dem ausgefüllten Anmeldeformular. Ich bin mir unsicher, ob es das ist, das bessere Atmen  oder ob ich nicht mit Aikido anfangen sollte, wo man zu fallen lernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und schließlich meine Beziehung zu Malka, die noch nicht einmal annähernd das eingelöst hat, was ich mir davon verspreche. Im Kampf gegen ihre Depression gewinnen wir an Boden. Es gibt Rückschritte hin und wieder, manchmal schwere Rückfälle, wo sich ihr Selbsthaß wie ein Splitterregen gegen mich kehrt und es unmöglich ist, sie nicht dafür zurückzuhassen. Aber ich sehe uns durch diesen Dunst aus Haß hindurch als die künftigen Sieger. Wir brauchen uns genug, und ich weiß, daß wir ein Paar werden können, ein richtiges Paar, wenn es uns nur gelingt durchzuhalten. Leben mit Depressiven ist eine Frage des Durchhaltens. Man muß festhalten und durchhalten, bis die Kraft des Negativen sich verausgabt hat. Fest werden um die Verzweiflung des anderen wie ein Haus, das einen offenen Hof aushält und nichts tut als stehenzubleiben. Eines Tages zieht sie vielleicht nach Berlin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;174&quot; alt=&quot;220px-hoehenprofil_prenzlberg&quot; width=&quot;220&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/220px-hoehenprofil_prenzlberg.png&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;D3-B1&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Habe ich vorhin mein halbes Leben gesagt? Er ist sonderbar, dieser Glaube an die statistische Lebensspanne. Hölderlins Gedicht &lt;i&gt;Hälfte des Lebens&lt;/i&gt;, das ich mit fünfzehn zum ersten Mal gelesen habe, feiert diese irrsinnige Symmetrie: &lt;i&gt;Mit gelben Birnen hänget und voll mit wilden Rosen das Land in den See.&lt;/i&gt; Zäsur vor dem und und vor das Land. Am nördlichen Rand des Bahngeländes (kann man von Ufer sprechen?) stehen die Bäume in erster zartgelber Frühlingsblüte. Ich nehme gewohnheitsmäßig den Umweg zum Einkaufszentrum, obwohl ich die Hoffnung aufgegeben habe, hier doch noch irgendwo eine Baustelle zu finden. Es müßten schon unterirdische riesige Kräne sein, um dieses Geräusch zu erzeugen, aber es liegt ja in der Luft, kommt von oben, irrt vibrierend über die Dächer hinweg. Es ist metallisch und zugleich leicht. Dieser Widerspruch bohrt sich in meinen Kopf, und ich habe das Gefühl, als ob der Ton das Gehirn in meinem Schädel anheben würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich vergesse heute die Hälfte dessen, was ich einkaufen wollte. Ich ernähre mich von der Hälfte, die mir im Gedächtnis gelieben ist. Morgen hole ich die andere Hälfte, denke ich. Und nächste Woche gelingt es mir vielleicht, an beide Hälften zu denken, und dann gibt es ein vollständiges Essen mit allem, was der Körper braucht, um zu leben, und die Seele, um zu genießen. Mit Vitaminen und mit Geschmack.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;168&quot; alt=&quot;220px-strassen_prenzlberg&quot; width=&quot;220&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/220px-strassen_prenzlberg.png&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;E1-A0&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich öffne das Fenster, damit es lauter wird und damit wir uns draußen begrüßen. Dünnes altes Holz und eine einzige Glasschicht  während des Kletterns kommt mir kurz zu Bewußtsein, daß ein modernes Fenster, ein Doppelfenster oder ein Thermopenfenster, das Problem gelöst, ja es gar nicht aufkommen lassen hätte. Wie einem mitten auf der Reise die Replik auf einen Vorwurf einfällt, den vor Jahren jemand in grenzenloser Enttäuschung gemacht hat, kommt es mir zu Bewußtsein, und für eine Sekunde kenne ich den Unterschied zwischen Bewußtsein und Schwindel. Das Bewußtsein ist ein Gedanke an etwas, was ein anderer auch denken könnte. Elena zum Beispiel. Oder Birte. Deshalb hat es diese Zuversicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl das Fenster des Schlafzimmers hoch ist wie in einer gotischen Kathedrale, reicht es nicht, um aufrecht zu stehen. Eine infernalische Kälte herrscht hier, von der man sich keine Vorstellung macht. Mit gebeugtem Nacken nehme ich die Witterung auf. Das Geräusch wartet. Es hört mich kommen. Die Stille unbeschrittener Luft steigt herauf. Mein Herz versucht nicht zu zittern (wörtlich: es empfindet die Kälte am stärksten, stärker noch als meine Füße, die nackt auf den Steinen stehen, die Zehen zwischen den Nägeln des Taubenwehrs). Der erste Schritt erinnert noch an einen Selbstmordversuch. Danach wird es besser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;333&quot; alt=&quot;prenzlauer-berg&quot; width=&quot;400&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/prenzlauer-berg.gif&quot; /&gt;</description>
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    <title>Ayameike</title>
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&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;1&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hätte daran gewöhnt sein sollen, dass Begegnungen wie diese sich zum körperlich ungünstigsten Zeitpunkt ereignen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war sich gewiss, gerade besonders unansehnlich zu sein: ein übermüdeter Tourist mit wirrem, mangels einer Steckdose im Bad und eines Spiegels im Zimmer blind geföhntem Haar, einer schlappen grauen Jacke über dem Arm und einem Gang den Hang hinauf, der nach Schweißfüßen stank. Deshalb trafen ihn die Worte völlig überraschend. Überrumpelten ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stand wirklich da wie jemand, dem man ein Bein gestellt hat, der es sieht, aber nicht wagt zu reagieren. Er stand da wie ein bewusster Idiot, schweigend  nein, viel schlimmer, &lt;i&gt;stumm&lt;/i&gt;, selbst um die einfachsten Floskeln der Landessprache verlegen. Er machte sich mit jeder Sekunde mehr zum Idioten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch das schien wie die ordinäre Schwere seiner Glieder nur eine Innenansicht zu sein. Die Frau wirkte plötzlich verängstigt. Der fast aggressive Blick aus den Augenwinkeln, mit dem sie ihn im Vorübergehen gemustert hatte, wich einem Ausdruck des Entsetzens oder der Scham. Sie schlug die Hand vor den Mund, als habe sie einen unverzeihlichen Faux-pas begangen. Was sie auch hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt hing dieser Abend davon ab, einen einigermaßen korrekten Satz zu bilden. Ihn zu bilden und fehlerfrei auszusprechen. Oder er konnte selbstverständlich auf Englisch entgegnen. Sie hatte auf Englisch gefragt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er überlegte. Jemand in seinem Blut rechnete etwas durch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Frau war Anfang zwanzig. Ziemlich klein (was sie, je nach Perspektive, noch jünger oder ein wenig gegenstandartig aussehen ließ: man bewegte sie unwillkürlich zwischen den Händen, drehte sie hin und her). Ihre rausgewachsene Dauerwelle verlieh dem strengen Gesicht einen schlampigen Charme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Resultat der Additionen und Subtraktionen blieb irgendetwas Extremes. Er antwortete schließlich, obwohl er sich weder ihr noch dieser Situation gewachsen fühlte. Als sie mit den Augenlidern zusammen die Tasche hob, erhaschte er einen Blick auf das Ziffernblatt ihrer Uhr. Erst kurz nach sechs. Für sie war das sicher der Anfang des Abends. Sie lächelte jetzt.&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;89&quot; alt=&quot;images3&quot; width=&quot;118&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/images3.jpg&quot; /&gt;&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;2&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer zerdehnten Reise mit Bummelzügen, Verwirrung beim Umsteigen in Yamato, Verwirrung beim Suchen des richtigen Vorortzuges in Nara und einer erzwungenen halben Stunde am Bahnhof während eines prasselnden Schauers war er schließlich in dem billigen Ryokan eingetroffen. Das Hotel lag, überraschend schmal und niedrig, wie ein unauffälliges Privathaus, gegenüber einem imposanten vierstöckigen Holzgebäude, das er erst dafür gehalten hatte. Die Besitzerin, ein Großmütterchen mit gekrümmtem Rücken, das die steile Treppe hinaufkroch, statt zu gehen, empfing ihn mit einer Art von Begeisterung, von der man nicht wusste, ob es Herzlichkeit oder Belustigung war. Sie erklärte ihm, der große schwarze Holzblock auf der andern Straßenseite sei eine Klinik. Eine Spezialklinik. Er verstand nicht, worauf spezialisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Haus hatte, wie er sich selbst gegenüber mehrfach wiederholte, eine nette persönliche Atmosphäre. Mit seinen sechs Matten war das Zimmer nicht gerade üppig bemessen, aber ordentlich eingerichtet und allemal angenehmer als die bedrückenden Kammern in den Western Style Hotels, wo man sich am Bett vorbeizwängen musste und nicht einmal einen Schrank fand, um den Koffer auszupacken. Die japanische Toilette erforderte Gymnastik beim Kacken. Er zog die Unterhose unter der Yukata aus, ehe er durch den Korridor huschte, und schielte mit einem gewissen Stolz zwischen den Beinen  auf die dicke hellbraune Wurst, die erst abriss, als sie die leicht verfärbte Oberfläche des schmalen, im Boden eingelassenen Beckens erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zurück im Zimmer, fiel ihm auf, dass es keinen Wecker gab. Überhaupt keine Uhr. Er hatte sich vorgenommen, wieder um sieben aufzustehen. Er würde es müssen, um den Zug nicht zu verpassen, den Reiko ihm aufgeschrieben hatte. Sie würde ihn in Ise auf dem Bahnsteig erwarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vermutlich konnte man die Besitzerin bitten, einen zu wecken. Er verschob dieses Gespräch auf später, rief beim Schuheanziehen nur einen Abschiedsgruß und stolperte draußen um ein Haar in die Arme von zwei japanischen Damen in Reisekostümen. Deren enttäuschter Blick glitt die Fassade herauf. Hinter ihnen ächzte fröhlich ein Mann vom Typ Cousin der einen, Ehemann der anderen, der neben zwei Koffern eine schwer aussehende, irgendwie brutal ausgebeulte Sporttasche trug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;89&quot; alt=&quot;images3&quot; width=&quot;118&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/images3.jpg&quot; /&gt;&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;


&lt;b&gt;3&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einigem Unhertappen zwischen Büchern, Kekspackungen, seinen und ihren Klamotten vom letzten Abend und dazu anderen von ihr, deren zerknüllte Unschuld ihn entzückte und ein bisschen eifersüchtig machte, fand er eine Art Ei, das die Zeit anzeigte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
6:03 sagten die Kulleraugen eines undefinierbaren hellblauen Wesens, offenbar das Maskottchen eines Pharmakonzerns. Er drehte das Ei um und klappte es auf. Ein Dutzend kleiner weißer Pillen kullerten in seine Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie schien noch tief zu schlafen. Ihr Arm und ein Zipfel der Decke umschlangen einander fest, als sei jeder bereit, im Notfall einen Teil des anderen zu ersetzen. Die Zehen ihres linken Fußes (sie lag mehr oder weniger auf dem Bauch) hatten sich in den Spalt zwischen Matratze und Bettrahmen gekrallt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Draußen klang ein Vogel mit seinem monotonen ratschenden Zwitschern wie eine zu groß geratene Zikade. Als er eine der Fensterverkleidungen zusammen mit dem Fliegengitter zur Seite schob, fiel sein Blick auf die lappengroßen nassen Blätter eines Strauchs, dessen Zweige das halbe Dach überrankten. Ihr fast weißer Glanz reflektierte den regenverhangenen Himmel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er steckte den Kopf durch den Spalt und spitzte die Ohren. Doch, es stimmte: ein feiner, nahezu unsichtbarer Nieselregen trommelte sanft auf die Schindeln und schenkte den Büschen und Bäumchen des winzigen Gartens ein...Rauschen. Er suchte lange nach einem passenden Adjektiv. Er fand keins. Es war ein ganz irdisches, sehr spezifisches, aber keineswegs ungewöhnliches Rauschen. Nichts, was einer Sprache fremd gewesen wäre. Sein Verstand war einfach zu träge, oder er wollte nicht, dass diese wunderbare Schwere des Stehens und Suchens vorbeiging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stand noch immer so, das Gesicht von einer Schicht aus Tröpfchen bedeckt, als der Eierwecker anfing zu fiepen. Er hörte die Bettdecke hinter sich rascheln. Ihre Haare und ihre Haut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Irgendwo hinter dem Dächermeer und den eigenartig isolierten grünen Kugeln der japanischen Kiefern, die darüber schwebten, als hätten die Bewohner sie in die Luft geworfen und dort vergessen, ratterte ein Pendlerzug in Richtung Stadt.

&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;b&gt;***&lt;/b&gt;&lt;/center&gt;&lt;br /&gt;


&lt;p&gt;
&lt;/p&gt;&lt;center&gt;&lt;img title=&quot;&quot; height=&quot;400&quot; alt=&quot;z20050627_ayameike8_ledflashbulb2sse&quot; width=&quot;300&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/indenselbenfluss/images/z20050627_ayameike8_ledflashbulb2sse.jpg&quot; /&gt;&lt;/center&gt;
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