Erzählungen

Freitag, 6. März 2009

Wie sie mit mir lebte

damaskus


Seither empfinde ich es als besonders unheimlich, für andere eine bleibende Erinnerung geworden zu sein. In sechs oder sieben Fällen ist das wieder passiert. Womöglich noch öfter, ohne dass ich es bemerken wollte – oder wo die Verdrängung im Anschluss besser gelang.

Ich spreche selbstverständlich nicht von denen, für die ich der Geliebte gewesen bin. Dass man im Leben seiner ehemaligen Partner einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, dass die eigenen Worte, Gesten, körperlichen Tics, ein Schlafgeruch oder so etwas wie ein eigenartiges Schmatzen beim Küssen im Gedächtnis der Verlassenen haften, sich in den Fasern ihrer neuen Beziehungen irgendwie mit weiter bewegen (und, wahrscheinlich, ihren Sinn verändern), das erscheint mir nur zu verständlich, das dürfte niemanden überraschen. Schließlich gibt es dieses Unvergessliche auf beiden Seiten, meistens jedenfalls. (Und wenn nicht – beweist das nicht nur, dass ihm, dem angeblich alles entfallen ist, der Mut fehlt, um sich zu erinnern: dass ihm das Gewesene zu viel bedeutet, als dass er die Kraft aufbrächte, sein Gedenken auf ein paar Details zu beschränken?) Was ich meine, ist etwas ganz anderes. Es ereignete sich nach meiner Premiere in der Kampnagelfabrik im September 1993.

Nach Damaskus, ein Traumspiel von August Strindberg – selten aufgeführt, und es war uns, glaube ich, geglückt, diese lange Reise eines Fremden in das Zentrum seiner Schuld (und auf demselben Weg zurück) in suggestiven, starken Bildern in Szene zu setzen. Um das Zeitgefühl des Publikums von der Normalität wegzurücken, hatte ich alle Bewegungen auf der Bühne langsamer oder schneller gemacht: Ein Bettler schleifte seinen platten, wie von einem Riesenfuß zerquetschten Unterleib in quälend gedehnten Zügen über einen sandigen Kirchplatz, während er über das Auseinanderfallen der Mittagsstunde lamentierte. Die Schwester eines Arztes trippelte mit akrobatischer Geschwindigkeit auf flaschenhohen Stöckelschuhen (den Hochzeitssandaletten meiner Mutter). Eine Alte, die ihr Leben über eine Waschschüssel gekrümmt verbrachte, fand sich von ihrer wild gestikulierenden Tochter umschwirrt. Gottesdienstbesucher rannten atemlos nach Hause, ein Leichenzug marschierte in eisernem Gleichschritt mitten hindurch.

Ich selbst hatte am Rand der zweiten Reihe gesessen und die Aufgabe des Souffleurs übernommen. Unser Budget erlaubte keinen echten, und da ich als Regisseur praktisch alle Rollentexte auswendig kannte, blieb mir nichts übrig, als dem Vorschlag meiner Assistentin Sara mit ihrem unwiderstehlichen Gespür für das Machbare zu folgen. Die Vorstellung war aber vollkommen glatt gegangen. Ohne ein einziges Mal laut werden zu müssen, hatte ich das Stück innerlich mitgesprochen, und vielleicht deshalb hatten sich die extremen Rhythmen der Sprache, die Verzögerungen und Beschleunigungen, die meine Anweisungen über Strindbergs Sätze verhängten, mir besonders eindringlich mitgeteilt. Der mehr als freundliche Applaus reichte nicht aus, um diese Wirkung zu unterbrechen. Als ich nachher im Foyer am Bartresen lehnte, die Gratulationen von Bekannten und Unbekannten entgegennehmend, nickend, ein paar herzliche Repliken murmelnd, vor allem wartend, dass J. F., der Intendant des T-Theaters, mit seiner Chefdramaturgin und seinem Bühnenbildner sich zu mir herüberbemühte – da hatte ich das Gefühl, mit sehr, sehr schleppenden Schritten auf ein draußen im Regen stehendes Pferd zuzulaufen.

Das Pferd war der einzige Regieeinfall, den ich schließlich nicht hatte durchsetzen können. Tiere auf der Bühne sind unberechenbar, wie Sara zutreffend einwandte, oder wenn sie es nicht sind, sehen sie zahm und unsäglich doof aus. Das Bild des Pferdes kam daher nicht unerwartet, aber dass es sich in seinem Kranz aus prasselnden Tropfen so natürlich bewegte, dampfend Luft aus beiden Nüstern stieß, die Mähne schüttelte, mit der Schwanzspitze eine spätsommerliche Mücke verscheuchte, wohingegen es mir unmöglich war, schneller voranzukommen, meine Beine in diesen Bleistiefelschritten gefangen blieben, außerstande, zu der lässigen Natürlichkeit des Tieres aufzuschließen – das versetzte mich in eine plötzliche Gereiztheit, eher schon Wut, und meine wutverzerrte Grimasse muss bei Stefanie den enthemmenden Schock ausgelöst haben. Obwohl sie eben nicht deren Ursache war.

Stefanie fragte, ob ich lieber ungestört sein wolle.

Ich sagte: „Grundsätzlich ja, aber du störst nicht. Hallo. Wir haben uns eine halbe Ewigkeit nicht gesehen.“

„Es sind drei Jahre und acht Monate her“, erwiderte sie.

„Hast du dir das Stück angesehen?“ fragte ich. „Danke. Fürs Kommen.“

Sie beglückwünschte mich zu der Inszenierung mit einem kurzen, die Nackenwirbel vorschiebenden Nicken. Dann schmunzelte sie breit, als sei sie froh, das hinter sich gebracht zu haben.

Aber das hatte sie nicht. Irgendetwas bewog sie, noch einmal neu anzusetzen. Es begann wiederum mit einem Kompliment – sie lobte die große Schlüsselszene im Kloster, das Kostüm der Äbtissin, ihre klaffende Kutte, die den Zuschauern einen steinernen, von grauen Falten und Geschwüren übersäten Rücken präsentierte.

„Es ist angelehnt an eine barocke Allegorie der Zeit“, erklärte ich. „Oder geklaut, wenn du so willst: Die Vorderseite der Zeit zeigt das schöne Gesicht einer jungen Frau. Ihre Kehrseite dagegen sind Verfall, Krankheit, Altern und Tod.“

„Ich weiß“, sagte Stefanie. „Ich bin Kunsthistorikerin. Schon vergessen?“

„Ich hoffe, du warst es nicht, die mich auf das Foto mit der Zeitskulptur aufmerksam gemacht hat“, versuchte ich einen Scherz, der aber wenig erreichte. Also kramte ich in meinem Gedächtnis und förderte alles zutage, was ich von ihr und unsern paar Begegnungen noch wusste: „Es ist jammerschade, dass du nicht auch ans Theater gegangen bist. Wir beiden auf den Treppenstufen des Rheinhardt-Seminars in diesem grauenhaft verkitschten Schönbrunn, beim Warten auf das Urteil nach der letzten Runde der Aufnahmeprüfung. Wir waren beide so glücklich, dass sie uns nicht genommen haben.“

„Mich zurecht nicht“, entgegnete sie.

„Und das Zufallstreffen in der Hafenbar...“

„...war nicht ganz so zufällig. Du hattest in Wien erwähnt, dass du da gern hingehst.“

„Waren wir nicht auch später mal zusammen in meinem Apartment?“

Sie nickte.

„In der Parallelstraße? – Was für ein Name!“

Sie nickte.

„Und wir haben, warte..., die Kastrierten Philosophen gehört!“

Sie nickte lächelnd.

„Love Factory. Mit dem grandios deprimierenden Elvis-Cover.“ Ich hörte mich singen. „Feeling so lonely, baby. Feeling so lonely, baby. I could die.“

Der zweite Dramaturg vom T-Theater hatte sich drüben zu seinen Kollegen gesellt. Er grüßte in seiner verklemmten Art aus der Ferne, blätterte, ohne hineinzuschauen, im Programmheft, das größtenteils aus meinen Bühnenbildskizzen bestand.

„Du hast darauf bestanden, dass wir diese Platte hören. Du meintest, etwas anderes käme gerade nicht in Frage.“ Sie folgte meinem Blick und identifizierte die prominente Gruppe. „Du weißt immer sehr genau, was du willst.“

„Och, nein – im Theater. Im Leben keineswegs...“

Doch von da ab stürzte unsre Unterhaltung wie eine Gerölllawine in einen Abgrund. Einen Abgrund, der nur existierte, weil diese Lawine irgendwohin fallen musste. Ein aus dem Reflex geborener Abgrund, aber für mich wurde er binnen weniger Sekunden ebenso real wie für sie.

Stefanie machte erst Anstalten zu gehen – sie packte den Riemen ihrer Umhängetasche, zerrte einen Autoschlüssel daraus hervor. Sie flüsterte: „Ich sollte nicht in deiner Nähe sein, das ist gar nichts für mich“ – und drehte sich um. Doch dann sprudelte es auf einmal aus ihr heraus, ohne dass ihr flüchtender, mit allen freien Gliedern weg wollender Körper etwas dagegen ausrichten konnte: Wie sie seit drei Jahren und acht Monaten unausgesetzt an mich dachte. Wie sie meinen arroganten Jungencharme vergötterte und mich für mein beiläufiges Nettsein hasste. Wie meine Erfolge ihre Selbstachtung zerstörten. Wie sie beim Betrachten meines Bildes in der Taz masturbierte. Wie sie ernsthaft geplant hatte, mich wegen Vergewaltigung anzuzeigen, nur um ein Zeichen dieses verdammten Schmerzes hervorzubringen, den meine Missachtung ihr eingepflanzt hatte. Wie sie jeden Tag dasselbe Gespräch neu mit mir führte, nach den richtigen Worten suchte, die den Ausgang abändern würden.

„Ich glaube, meine dumme kleine Bemerkung über Robert Wilson hat damals die erotische Stimmung zerstört. Meinst du nicht? Dabei sollte es ein Scherz sein. Danach warst du rätselhaft nüchtern und desinteressiert...“

Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, dass ein Teil von mir aus der Zeit ihres Lebens bestand. Bewusst ist das falsche Wort – ich spürte diese Zeit leibhaftig in meinen Geweben vergehen, spürte, wie sie Eigenschaften an mir zum Verschwinden brachte, andere verwischte und noch andre mit der Knochenhärte einer fest geballten Faust umklammert hielt. Nicht ich, sondern sie da würde diesen Teil von mir ruinieren – sie würde ihn hinaus in den Regen schleifen, ihn durch Städte und Wüsten zerren, ihn abnutzen, ihn krank machen, ihn zu Tode pflegen und sich mit ihm begraben lassen. Als Stefanie endlich doch, als eine der letzten, die Premierenparty verließ, konnte ich mich selbst, den rätselhaften gleichgültigen Zwilling, an ihrer Seite durch das Fabriktor hinaushumpeln sehen. Mein linkes Bein schien mit ihrem rechten verwachsen. J. F., der uns beobachtet haben musste, zwinkerte mir durch seine dicken Brillengläser verschwörerisch zu. Er war ein alter Hase. Er schien solche Abgänge zu kennen.

Samstag, 10. Januar 2009

Dünnes Gebüsch (5)

AYOR_02_Siegessaeule

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Weil er darum gebeten hat, habe ich angefangen, ihn zu treten. Weil er verlangt hat, dass ich mich nicht beirren lasse, wenn er versucht, mir einzureden, es sei genug, höre ich nicht damit auf.

Wir sind hier da, wo ich mich allein niemals hingetraut habe – am oberen Ende des Flüsschens, oberhalb selbst der oberen Brücke, auf einem Stück Pfad, das von der Brücke vielleicht bis zu jener Stelle führt, wo das Flüsschen in den Kanal mündet, wahrscheinlich aber vorher abbiegt, wohin auch immer. Wäre er nicht einem andern hinterhergegangen, wäre ich ihm nicht gefolgt. Es war dieser Dritte, der das hier möglich gemacht hat, ein Zufälliger, einer von denen, durch deren Kommen und Gehen die Vorsehung Dinge einfädelt. Er war dann hinter zwei sich aneinander reibenden Birken verschwunden und hatte seinen Leib in einen sauerscharfen Geruch aufgelöst.

Zuerst wollte er, dass ich mich auf seinen Bauch stelle. Er schob das Hemd hoch und machte die Hose auf wie beim Arzt. Obwohl er nicht dick war, wackelte es, und ich musste um mein Gleichgewicht kämpfen. Mag sein, dass es nur dazu diente, mich wütend zu machen. Je länger ich trete, desto besser verstehe ich, was für ein genialer Stratege er ist: jemand, der den Kontrollverlust mit der Präzision eines Schachgroßmeisters herbeiführt.

Sein Überraschungszug, als mir irgendwann doch Skrupel kommen, ist das schwule Äquivalent eines Damenopfers. Er dreht sich so überraschend um – ich rutsche ab und wäre gefallen, geht auf alle Viere wie ein Hündchen, wackelt mit dem Arsch und fordert mich auf, ihm mit voller Wucht in die Eier zu treten, bis nichts Männliches mehr übrig sei. Er nennt das Geschlechtsumwandlung. Er zeigt zwischen den gespreizten Beinen durch und sagt: „Mach das weg!“

Über das nachtglatte Wasser trippelt das Knirschen der oberen Brücke wie ein Schwarm hässlicher, aber leichtfüßiger Tiere. Es ist eine Hängebrücke, federnd. Wenn Männer auf und ab laufen, um einander im Mondschein aus dem Augenwinkel zu bewerten, entsteht jedes Mal so ein Schwarm.

Freitag, 28. November 2008

Dünnes Gebüsch (4)

AYOR_04_Maerchenwald

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Ein Urinstrahl schwappt dampfend durch die Kälte. Der Morgen kommt.

Das erste Violett an den Rändern der Blätter hat noch kaum Kraft. Aber man ahnt, wie sich etwas verändert. Das Warten verliert seinen Sinn.

Das gute Dutzend Männer, das noch hinter dem Unterstand herumstreicht, wird von dem einsickernden Licht überrascht. Und wie Vampire bei der Berührung mit dem Tag zu Asche verbrennen, glüht auf ihren Schatten das Phantastische weg. Zurück bleiben Halsbänder, schwule Frisuren, mit Bartstoppeln gespickte Kinne, Hände in Jeanstaschen, mehrere Sorten von Karos, blutunterlaufene Augen.

Ein kreidesaurer Schweißgeruch umweht die Drei, von denen einer pisst, einer an den Wurzeln einer Buche hockt und den Mund aufsperrt, einer wichsend daneben steht und den Schluckenden spielerisch tritt.

Das wird vielleicht das Letzte gewesen sein, was sich für heute ereignet. Die anderen kommen näher, wie man etwas zugibt und es lieber direkt tut.

Der Schluckende ist der jüngste von allen. Mitte zwanzig. Das kurz geschorene Haar ohne dünnere Stellen. Sein Adidas-Tshirt und seine Turnhose werden nass. Fußballstrümpfe bis zu den Knien, sie kriegen ein paar Sprenkel ab. Und gar keine Schuhe: die dreckigen aufgerissenen Strümpfe – er ist die ganze Nacht so herumgelaufen...

Ich kriege einen Steifen.

Sein Gesicht gehört zu denen, die unfreiwillig immer ein bisschen ironisch dreinblicken. Es liegt an der Oberlippe. Oder am Mundwinkel. Oder der Stellung der Augenbrauen: dichte, haselnussbraune, wie mit der breiten Schönschreibfeder gedrückte und dann gezogene. Mit den geschlossenen Lidern das Schönste an ihm.

Während der Zweite die letzten Tropfen abschüttelt, ist der Dritte zum Organisator geworden. Er streckt die freie Hand nach denen aus, die nahe genug sind. Einer lässt sich von ihm die Hose aufmachen. Ein Weiterer macht es selber. Ein Kreis bildet sich. Dann ein Klumpen.

Am Wanderweg, in dem engen Bretterverschlag, hält die Nacht sich am längsten. Selbst in stockfinsteren Nächten ist es hier drinnen noch schwärzer, ein Darkroom mitten im Park, und die atembare Nähe des rauen, firnissgetränkten Holzes, der von den Tritten vibrierende Dielenboden, die Kanten der aus rohen Klötzen gezimmerten Tische, an denen Spaziergänger bei Regen belegte Brote verzehren – dieser ganze Kasten voll Materie, aus dem das Dunkel besteht, verleiht jeder Bewegung hier eine eigenartige Übergröße: als hätte man zwei oder drei Mal so viel Körper und ragte mit Armen, Knien und Haarspitzen zwei oder drei Mal so weit in den gemeinsamen Raum mit den andern hinein.

Die Ältesten und Hässlichsten unter den Cruisern machen sich dieses schwer kontrollierbare Wachstum der Leiber zunutze. Der Unterstand ist ihr Domizil. Wer unter das Dach taucht, muss darauf gefasst sein, von ledernen Händen in Beschlag genommen zu werden, Händen, die keine Scheu kennen, die alle Zurückhaltung abgelegt haben, deren Leben aus trial and error besteht. Es geht direkt an die Hose. Lediglich die Aftershaves und Duftwässerchen wirken wie eine Entschuldigung für das, was sie jetzt mit mir tun und mit jedem andern genau so getan haben würden.

Dünnes Gebüsch (3)

AYOR_03_Grunewald

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Sein Meister hat ihn zwischen zwei Stämme gebunden.

Junge, schlanke Bäume. Jünger als er.

Er ist nackt. Bis auf die Stiefel und graue Strümpfe. Einige Meter entfernt, als ordentlicher Haufen auf einem Rucksack, liegt seine Wäsche.

Bist jetzt ist nichts passiert.

In diesem Teil des Parks sind die ausgetretenen Wege schmal und nicht sehr zahlreich. Die Männer streifen durch die dichte Laubschicht auf der Suche nach neuen. Sie gehen halb vorsichtig, tastend, halb wühlen sie die Blätter auf, um ihren Schritten einen souveränen Charakter zu geben. Dadurch entsteht dieses schrapp-schrapp-schrapp, das das Mondschattenraster des Waldes wie ein Netz von Signalen durchzieht, und dass so Viele sich so weit von den Gruppen wegbewegen, muss an der Sicherheit liegen, in der Hörenkönnen Menschen wiegt.

Eine etwas trügerische Sicherheit. Ab und zu hört man einen umkehren.

Es ist immer noch nichts passiert.

Der Angebundene wirkt klein. Drahtig. Trainiert, wenn auch ohne jene letzte Konsequenz, die einen Körper aus seiner gewachsenen Form in etwas Idealähnliches hebt. Unter der tätowierten Haut bleibt eine feine weiche Schicht wie ein symbolisches Reservoir der Trägheit. Das Spiel der Schultermuskeln, als er an den Seilen zerrt, gerät zugleich zu einer Pantomime dessen, was am Körper immer bloß herabsinken will und endgültig unten bleiben. Seine Beine sind wirklich sehr kurz.

Der Meister trägt Leder. Eine mehrschichtige Kombination, von der das Mondlicht nur die Kanten, Säume, Nähte und Reißverschlüsse erhellt. Etwa vier Meter hinter seinem Sklaven steht er. Er zieht an einem Zigarillo.

Nichts passiert.

Schwerer und mächtiger als der einer Zigarette, aber ohne die dickblättrige Süße von Zigarrentabak, verbreitet der eigentümliche Geruch des Rauches sich zwischen den Stämmen.

Jemand in einer glänzenden Bomberjacke tritt von vorn dicht an den Sklaven heran.

So weit das seine Fesseln erlauben, schiebt der Sklave sich ihm entgegen.

Der Meister rührt sich nicht. Das Ende seines Stumpens glüht auf, und man hat das Gefühl, dass er besonders langsam, besonders gleichmäßig einatmet, um jeden Verdacht auf eine Erregung gleich vorweg zu bestreiten.

Der Hinzugetretene mustert den Sklaven. Wäre es eine andere Situation, würde ich sagen: sie stecken die Köpfe zusammen. Ein irgendwie kritisches Dunkel verschluckt, was an der Brust probiert wird. Vielleicht ist es auch gar nichts – als der andere sich abwendet und ebenso verlangsamt davonraschelt, wie der Meister weiterhin raucht, ist der Gefesselte unverändert. Sein wurstiger Schwanz baumelt ohne Vorhaut. Die abgeschnürten Eier scheinen die Hauptsache zu sein. Überhaupt ist für eine Weile das ganze Kollektiv wie abgebunden. Angesteckt von einer Angst, wer sich jetzt normal schnell bewegte, verriete Schwäche, werden alle von derselben Stockung erfasst. Jemand, der mir auf dem sehr schmalen Pfad mitten durch einen Brennnesselstreifen entgegengewankt kommt, fällt fast, weil er die kleinen Rucke, mit denen man aneinander vorbei kommt, vermeidet. Eckiges und Spitzes ist verboten. Ob er es beabsichtigt hat oder nicht – der durch die Asche seines Zigarillos fahrende Atem des Meisters ist hier auf einmal Gesetz.

Nur der Sklave zappelt, wie es ihm gefällt. Und als er damit aufhört, geschieht es aus Müdigkeit oder Langeweile.

Sonntag, 2. November 2008

Dünnes Gebüsch (2)

AYOR_07_Zitadellpark

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Er kniet auf dem Felsbrocken, hat seine Jeans bis auf die Knie heruntergelassen. Er reckt den Arsch in die Luft.

Wäre es dunkel gewesen, hätte man sagen können: er hält ihn hin. Und er hätte dann wahrscheinlich mehr Erfolg gehabt.

Es ist erst kurz vor acht. Auf der Straße sind Besucher, die in den Filmpalast strömen. Die Helligkeit des Sommerabends lässt das seltsam widersinnig erscheinen. Ich denke, dass der Film, in den sie wollen, etwas sehr Wichtiges sein muss.

Die Brücke, auf der man von der Bahnhofsseite her die sechsspurige Fahrbahn überquert, sieht auch merkwürdig aus.

Der Typ wackelt nicht mit seinem Hinterteil, was tatsächlich lächerlich wäre. Er kniet still, den Kopf hängend, das orangefarbene T-Shirt mit der Zahl Zwölf in dicken Falten auf den Nacken gerutscht, und wenn jemand zu lange oder zu provozierend vor ihm stehen bleibt, mit der Pose eines Museumsbesuchers, der eine Statue betrachtet, schaut er ihn aus großen brauenlosen Augen an, bis der andere abhaut. Ein Pärchen reißt Witze über ihn. Das ignoriert er. Es scheint ihm weder um Werbung noch ums Irritieren zu gehen. Er weigert sich, der Verfügbarkeit, die sein freigelegtes Loch demonstriert, die passenden Gesten oder Worte hinzuzufügen. Aber er hat auch keine Lust (oder kein Talent), widersprüchlich zu sein.

Ich frage mich, wie dieser große Stein wohl herkommt.

Was macht so ein Stein im Gebüsch? Die Ecke, gebildet aus der Rückwand des Kinos und dem Bahndamm, wo Züge zwischen Hauptbahnhof und Dammtor hin und her rattern, ist niemals dazu gedacht gewesen, dass Menschen sich einfinden. Außer im Winter, wenn die Äste kahl sind und der schmale, sich einen flachen Hang hinabziehende Hain vor Armut transparent wird, wäre sein Inneres für einen Passanten, der im Park auf einem der angelegten Wege spazierte, niemals zu sehen. Kann es sein, dass der Architekt das tonnenschwere Ungetüm für diesen kurzen, aus dem Augenwinkel kullernden Effekt hat herbeischleppen lassen: Plötzlich – aufgeschreckt durch etwas Fremdes in der Öde einer matschfarbenen Februarlandschaft, bleibt der Blick an diesem Menhir hängen – und der Menhir, wie durch Zauberwort dort abgelegt, scheint in der Waagerechte über der schrägen Erde zu schweben?

Jemand traut sich, den Arsch zu inspizieren. Schnell haben sich Fünf oder Sechs hinter ihm versammelt. Ich gehe auch hin.

Er ist rasiert. Nicht überraschend (aber in diesem Fall etwas enttäuschend). Die Rosette sieht normal aus. Wer von uns eine extreme Öffnung erwartet hatte, für den schweigt sie.

Wo ich einmal den Abstand überwunden habe, gehe ich um den Stein mit dem Mann drauf herum.

Für einen Augenblick überkommt mich die Erinnerung an die Flüstergalerie im Dom von St. Pauls, wo man ein leise gesprochenes „Fuck!“ von der andern Seite über dreißig oder vierzig Meter hört, als gehe der andere direkt neben einem. Ich muss dort dreizehn oder vierzehn gewesen sein. Das Absurde war, dass keiner von den Touristen es wagte zu flüstern. Wissend, was mit ihren zu privaten Stimmen passieren würde, lachten sie entweder oder husteten oder riefen ihre Kumpane wie in einer überfüllten Bahnhofshalle (worauf noch mehr und noch lauteres Lachen folgte). Die Stille um den Mann auf dem Stein hat entfernte Ähnlichkeit mit jener Stille. Es war gar keine richtige Stille. Aber doch Stille. Und sie hätte nicht sein sollen. Und hier ebenso, obwohl der Mann sie vielleicht heimlich genießt.

***


Wochen später, nachdem ein Regenschauer eben lange genug aufgehört hat, damit ein Abstecher sich lohnen könnte, sehe ich zufällig mit an, wie jemand denselben Mann fickt.

Mit Gummi. Der Türke, der aussieht, als ob er hier seine Mittagspause verbringe, bedauert vielleicht schon, sich darauf eingelassen zu haben. Der andere hat die Stirn auf die gekreuzten Unterarme gelegt, so dass seine Mimik versteckt bleibt.

Außer mir und ihnen ist niemand hier, und mir kommt es vor, als ob ich ihrem Treiben Sinn gebe: ein Zuschauer. Der Fickende, ein untersetzter Kerl mit dickem Brusthaar (er hat den Saum des Hemdes irgendwie festgesteckt), streckt den Bauch vor und versetzt seinem Partner einen neckischen Klaps, der mehr Ärger verrät, als er will. Er gibt sich Mühe, einen Rhythmus zu halten, ihn allmählich zu steigern.

Als zwischendurch seine Spannung nachlässt, nickt er mir zu und ruft: „Fick die Sau doch ins Maul!“

Ich bin unschlüssig. Im Grunde würde ich ablehnen.

Der Türke schenkt mir ein gequältes Lächeln.

Um den Mund zu mustern, muss ich das Kinn hochheben. Es ist schlecht rasiert, an einer Spitze glatt, daneben voller Stoppeln. Es gibt einen nachgiebigen Pickel. Da keine Reaktion erfolgt, drücke ich die Lippen mit zwei Fingern auseinander. Wie man ein Pferd auf einer Auktion prüft oder wie das Klischee davon.

„Ja – ja – ja – ja...!“

Er hat uns beobachtet. Er bringt sich in Fahrt. Anscheinend reicht ihm das schon. Ich warte.

„Geil – !“

Es dauert nicht lang, bis er kommt. Der krause Bauch wabbelt unter den Stößen.

Sein Gesicht glänzt, als er das Condom abzieht, wie bei der Karikatur eines Schlemmers, dem der fettige Dampf des Bratens das selige Lächeln poliert. Aber auch ich spüre die Nässe der Regenluft auf der Stirn und die mikroskopischen Veränderungen in meinen Haaren, die bewirken, dass sie sich kringeln.

Montag, 27. Oktober 2008

Dünnes Gebüsch (1)

AYOR_06_Zitadellpark

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Er entdeckt mich erst, als ein anderer mit mir fertig ist. Er trägt nur einen Herbstpullover, keine Jacke, und darauf einen Schal. Meine Fingerspitzen zupfen vorsichtig die Haarfransen in seinem Nacken über der straff geknoteten Wolle heraus (je länger wir uns umarmen, desto mehr scheint seine Frisur sich aufzulösen – nicht wie eine Ordnung, die durcheinander gerät, sondern wie eine Illusion).

Er hat ein weiches breites Gesicht, das zum Anschmiegen gemacht ist, und wir stehen lange so Wange an Wange, während er etwas an meinen Gürtelschlaufen versucht und Acht gibt, unten nicht zu schnell zu nahe zu kommen.

Obwohl es dunkel ist in dieser Nacht, erkenne ich das Muster seines Pullovers. Es kommt mir vertraut vor. Ein paar Jahre früher, und ich hätte einen ähnlichen gekauft.

Mehrere bleiben neben uns stehen, warten, ob das, was wir machen, sich öffnen wird. Als es sich nicht öffnet, bleiben sie erst recht stehen, schieben sich heran. Zwischendurch muss ich kichern, weil mein Rücken unten, wo er nackt ist, ihre Blicke spürt und die Mischung aus Neid und Misstrauen etwas Kitzelndes hat.

Was er missversteht – er fragt: „Was?“

So zärtlich wie möglich.

„Was ist?“

Diese hörbare Anstrengung, mich mit der Frage auf keinen Fall zu verscheuchen, ist zutiefst rührend. Ich hätte ihn beinahe geküsst oder tue es ein bisschen.

Nach einer Weile kriecht die Kälte durch die dünnen Jeans. Die Füße tun weh, und ich bin müde. Die Zeit ist ohne Symptome vergangen, solange mein Körper auf den Pfaden der andern hat mitwandern können; jetzt, wo er mich festhält, wird das schwer; meine Hüften kommen mir dünn vor.

Ein Vorüberstrauchelnder klatscht ihm auf den Arsch.

„Ich muss allmählich mal nach Hause“, flüstere ich.

Worauf er erst nicht reagiert.

Als ich kurz davor bin, es zu wiederholen, sagt er: „Nein.“ Leise. Wie ein Kind, das bereits weiß, wie wenig solche Widerworte bringen, aber nicht anders kann als sich zu weigern.

„Doch!“

Mein Lachen macht, dass unsere Brustkörbe einander abstoßen, in kurzen schnellen Intervallen, und als ich ihn wie eine Wiedergutmachung enger an mich heranziehe, fällt mir erst auf, dass er die ganze Zeit steif gewesen ist und die enge Hose fast platzt.

„Entschuldige.“

Jetzt lacht er.

Die restlichen Fragen werden nicht mehr gestellt. Er hätte wissen wollen können, wohin ich gleich gehen werde, wo ich wohne, ob wir nicht vielleicht an derselben Uni studieren, ob wir uns wiedersehen, ob ich öfter hier bin. Ich hätte Ausreden erfinden müssen oder ihn schweigend stehen lassen.

So trennen wir uns in etwas anderem als Schweigen. Etwas Besserem.

Ich gehe wirklich direkt nach Hause, nachdem er weg ist. Das tue ich selten.

Donnerstag, 21. August 2008

Ayameike

2


1

He should have been used to the fact that encounters like this one happened to the body at its most unfit time.

He was certain to be particularly unsightly right now: an overtired tourist, his hair mazy, dried blind as there had been neither a socket in the bathroom nor a mirror in his room, a cement-grey jacket sagging over his arm, and a gait, uphill, which had to be reeking of cheesy feet. Whence the words hit him by total surprise. Shanghaied him.

He stood there like someone who’d been attempted to trip up, who saw it but didn’t dare to react. He stood there like a conscious fool, silent—no, worse, mute, at a loss for the simplest of commonplace phrases in the country’s language. Every second turned him into even more of a fool.

But that as well, like the gross heaviness of his limbs, might only be an interior view. The woman suddenly looked scared. Her almost aggressive glance when she had squinted at him in passing yielded to an expression of terror, or shame. She slapped her own mouth with her hand as though she had committed an unpardonable faux pas. Which she had.

Now the evening would depend on composing a more or less accurate sentence. On composing and pronouncing it without mistake. Or he could answer her in English, of course. She had asked in English.

He considered. Someone in his blood calculated.

The woman was in her early twenties. Quite smallish (which made her look, according to one’s point of view, even younger or a little like an object: one couldn’t help moving her between one’s fingers, twiddling her to and fro). Her outgrown perm added a slutty charm to her face.

Additions and subtractions left something extreme as their result. He finally replied, though he felt neither up to her nor to the situation. When she lifted her bag, along with her eyelids, he caught a glimpse of her wristwatch’s dial. It was shortly after six. For her the evening must have been just about to begin. She smiled now.

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2

After an overstretched journey with pick-up trains, confusion in Yamato where he had to change, confusion searching for the suburban line in Nara, and a half hour waiting at the station forced upon him by a droning downpour, he’d made it to the ryokan. Surprisingly slim, like a discrete private home, the hotel stood vis-à-vis an impressive four-storey wooden building he had first mistaken for it. The owner, an old hunched matron who crawled up the stairs because she couldn’t walk them anymore, welcomed him with an excitement that he wondered was cordiality or merrymaking. She explained to him that the huge black block at the other side of the street was a clinic. A specialized clinic. Specialized on what, he didn’t understand.

As he kept repeating to himself, the house had a nice cozy atmosphere. With its six-mat size, the room wasn’t luxurious, but neatly furnished and in any case better than the depressing cells of the standard Western style accommodation where you had to scrape by the bed and didn’t even find a closet to unpack your suitcase. Using the toilet required some acrobatic exercise. He removed his briefs from under the yukata before he hushed trough the corridor, and not without a certain pride did he peer between his legs at the fat, light-brown turd which didn’t break off until its tip touched the faintly yellowed surface of the narrow bowl embedded in the ground.

Back in his room, he realized there was no alarm clock. No clock at all. He intended to get up at seven again the next day. He’d have to if he didn’t want to miss the train Reiko had picked for him. She’d be waiting for him in Ise on the platform.

It was probably okay to ask the owner for a waking call. He postponed that conversation, only cheered a jovial good-bye while lacing his shoes, and almost crashed into two ladies in old-fashioned travel attire at the doorstep. Their disenchanted gaze crawled up the house’s front. Behind them, a happy-faced man, whose type was that of the one woman’s cousin and the other’s husband, carried an immensely heavy-looking, somehow brutally deformed sports bag on top of two trunks.

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3

After he had fumbled around between books, cookie boxes, his and her clothes and others from her whose crumpled innocence delighted him and raised a little jealousy, he found a sort of egg that told the time.

6:03 said the saucer eyes of an indefinable aniline-blue creature, apparently the mascot of a pharmaceutical corporation. He turned the egg and opened it. A dozen tiny white pills came rolling into his palm.

She seemed to be sound asleep. Her arm and a corner of the blanket held each other tight as though each was ready to replace a part of the other in case of an emergency. The toes of her left foot (she lay more or less on her stomach) had dug into the slit between mattress and frame.

Outside, a bird’s monotonous rasping chirp sounded like an overlarge cicada. When he slid back one of the shutters and the mosquito screen, his attention was caught by the mop-sized wet leaves of a shrub whose branches had been creeping out over most of the roof. Their almost white blaze reflected the rain-laden sky.

He stuck out his head through the crack and cocked his ears. Yes, it was true: a fine, nearly invisible drizzle was drumming mildly onto the shingles, supplying the bushes and small trees in the garden with a ... rustle. He spent a long time searching for an adjective. He could find none. It was a very earthly, quite specific, but in no way extraordinary rustle. Nothing alien to language. His mind was simply too dull, or he didn’t want this splendid gravity of standing and searching to fade.

He stood unchanged, face covered with a layer of driblets, when the egg-clock started to beep. He could hear the duvet fissle. Her hair and her skin.

Somewhere behind the ocean of roofs and the strangely isolated green balls of the Japanese pines, which floated above them as though the residents had thrown them in the air and then forgotten there, a commuter train sped past on its way to the center of town.

***

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Samstag, 16. August 2008

The Consequences




Lord, sure—as far as I am concerned. What I cannot explain to myself is: how I could become a father without at least a moment’s hesitation. It is one of those mysteries others call “the way things go,” for they don’t dare admit that the unhesitating conceals the evillest secret of man.

Julia was a bright, bold little student when I met her. She fucked up her BA for the two us to have time. We lived at her mother’s apartment, who had to spend the autumn in a cardiac clinic. Everywhere, between the standard items of a bourgeois existence, Julia’s things lay scattered and signaled the discontinuance of something: barely smoked cigarettes; undrunk coffee with cirrus of curdled milk; chocolate stains from collapsed Nutella-spread slices of bread; a VHS cassette that was stuck aslant in the recorder’s slot and amazed us with holding its position for weeks. Although we aired the rooms until our teeth chattered, the whole flat reeked of sex. One day, after we’d returned from a futile attempt to see a movie, the bathmat was floating in the tub on top of a green-yellow sludge. A memo from the cleaning-lady clung to the mirror: Had to soak this first b. o. the stains. Julia wanted to die of shame, while I found nothing wrong in having become a decadent pervert in the eyes of a lower employee.

When I shot my load just so, without pulling it out first...

Foetus


She admired my indifference. She understood that indifference was what it was, that I was fine and that I didn’t care what would become of it, but she converted it into love by loving me for it: a sublime indifference, like a single lacquer-black cloud floating above life in whose shadow we moved ahead. From that day on we fucked without a contraceptive and without wasting a thought on what we never, not until the very end termed the consequences. This, we knew, would have trivialized it more than we could bear, and the causal nexus was clear anyway. When the doctor calculated days back after the test, it became apparent that the weeks-long rapture, this endless discharge of semen and semen and semen, had had no effect whatsoever. With a probability bordering on certainty, Julia had got pregnant right at the very first time.

I went through a period of fear, while she considered whether she should have an abortion or have the baby. She changed her opinion daily, several times a day, and after it had looked as if the matter was doomed to end up at the clinic and she just needed sufficient time in order to have nothing to blame herself for, I gradually started to realize that the scale was about to tilt to the other side. Julia listed the reasons: She loved me, and once the wild times of this initial phase were gone I sure wouldn’t muster the imprudence to knock her up anymore. Hence, this was her only chance to elicit a scion from me, the man with the most crazy DNA in the world. Moreover, having graduated, she, no doubt, would focus on her career and postpone the wish to have children.

‘And maybe for too long. You know how slowly time passes at universities, and how it seeps away between book pages. I don’t want to end up as an old spinster, who lacks a family though she never renounced the ideology of family life. And that’s why...I’d rather have it too early.’

Could be she just waited for some genuine resistance from my part. Sometimes I believed that she wished for nothing more urgently than for me to put my foot down and forbid her to play with our future.

‘You’ve arranged yourself entirely in this state of uncertainty about my decision,’ she once said, smiling. ‘I get the impression that among the two of us you are the woman. Don’t you think?’

That evening I declared that I would leave her did she insist on carrying the child full term. I used this expression ‘full term.’ I remember how her face contorted in disgust.

A friend came to stay overnight in Julia’s room. Anne and I remained at the kitchen table at the far end of an evening spent with watching videos and smoking weed. We emptied a bottle of bitter Hungarian herbal liqueur, discussed the imminent students’ strike, and incidentally stacked up the dishes, while Julia’s sonorous snoring broke in cable car-like tremors through the wall. For someone like me, I tried hard to seduce Anne. I even attempted to slip through the closing door crack after having said ‘good-night’ —but of her former interest in me little seemed left. She'd either smelled that something which poisoned the air between me and Julia, or Julia had already told her everything on the phone. Anyhow, I found myself standing on the bathmat at four in the morning, regarding, full of sadness and anger, the pale yellow rings that the extra soaking hadn’t erased.

I struggled to figure out how much obedience a threat would extract from her. More than once Julia had assured me she’d rather die than lose me. Yet, though that had sounded honest and reliable like a child’s oath, it occurred to me now I was likely to depend on it that she didn’t mean the same with dying as I. Her dying was something quite practical—something like kissing, sucking, crying, wiping your ass, not the great unfathomable death that encircled my world in its tiny spot of trying to go on. She would, as I was loath to comprehend, react reasonably, even when the death concerned the fortune of our love, and it didn’t surprise me at all when she explained she’d have the baby all the same.

‘Anne is going to be the godmother. She said, she’ll start knitting the christening robe right away, so it’ll be ready by September. With her thoroughness that might be an adequate schedule. I ordered her to make something that suits a terribly agnostic christening at the wet dock. And, will you leave me now?’

She really did expect me to. She considered it perfectly likely.

‘Do you think that if...’

Foetus


I left Julia. It hit her harder than I had thought. She made an admirably large number of admirably inventive attempts to win me back, promised to do everything in her power to rescue me from the hell I was in, concocted fictions of our living together that couldn’t fail to please me (she knew me repellently well). At some point there even arrived a sort of slave contract with the mail, where she covenanted to be available for any kind of sexual abuse and earn my living through prostitution. The child she didn’t mention. She sacrificed her dignity to me, her body, the part of her soul that she owned—but all for the price of a decision made, whose sovereignty outbalanced the offered humiliation, and rendered it worthless in my hands. Wherefore, after a period of contemplation, I declined.

Julia betrayed me with other men. I betrayed her with staying alone, celebrating my solitude like a great foreplay, admitting to the casual insinuations that would have me as the lover of her (...) or him (...). If we both felt it was betrayal, our own behavior as much as the other’s, it only showed to what extent we still misconceived of our relation as something existing. The news about her marriage reached me in...

Foetus

Samstag, 9. August 2008

Connecting with »no«

sebastian1


Its literal translation would be ‘the taste of first love,’ Mr. Nakayama, the more Japanese of the two Japanese teachers, said.

They so visibly pleased him, those digressions that were at first a little frivolous and then exposed a soft romantic something of a joke. The group knew. We laughed as we were expected. Mrs. Shump, the oldest student and the one with the hardest troubles to memorize what she’d learned, joined in loudest as always.

While he enjoyed the success, Mr. Nakayama picked at the silk scarf patterned in mint green and gray which had been carefully tied and folded into his collar. He threw a quick glance sideways, searching for his partner. Mr. Miyahira acknowledged the content or the effect of the words with an equally well-practiced nod. Then the lesson went on.

‘The particle no connects two, well, nouns,’ Mr. Nakayama explained, returning to the regular examples in the book: jugyô no owari, the end of class; chûshoku no jikan, the time for lunch; taikutsu no musô, the daydream out of boredom...

‘As you will have realized, we use a variety of prepositions, which define the relation between the first word and the other one rather clearly. In Japanese, however, the relation remains indefinite. A no B – this can take on every possible meaning. Sometimes it becomes apparent from the context of conversation, but for most of the time the Japanese don’t care about it at all. Which is likely to confuse the non-Japanese.’

I wasn’t confused. Not by indetermination, at any point. What had arrested my attention was how desperately most examples in our Japanese primer tried to bond with a student’s desire to be relieved from the tedious and frustrating labors of learning. Was that an attempt to chum up with us by the authors—a team of 20 experts from Tsukuba who, if one could trust the introduction, had spent seven years of research on this ‘straight way to real Japanese’? Or was it just a symptom of their resistance against that deadly stupidity rehearsing a foreign tongue imposed upon adult humans when it forced them to beg for something to eat, a handful of stamps, or the description of a route with the words of a three year-old child? To read those inadvertently offensive phrases had been most painful for me from the very beginning. And even more so having to invent one by myself, because when Nakayama’s frisky finger came to rest on one of us we unmistakably came up with the same type of silly insubordination. We outperformed each other with demonstrations of how little we were willing to be here. Although it was by our free will that we were. In case of the college students at least.

Mr. Nakayama and Mr. Miyahira would not be impressed. They were too much of a pro as teachers, and professionals no less it seemed as Japanese. The Internet communities on education praised their summer classes as the best you could get for your money. And in fact, the little man with the dandy-like white strand in his hair, the elegant blue suit (the same one though every day), the thin fingers and the subdued, almost whispered Japanese, which at times rippled like creased paper, and his plump, usually checkered collaborator—they worked on us from opposite angles in the most effective manner, formed, through power of the words they made each of us repeat dozens of times, complexions and gestures I had never observed with myself. On the evening of the third day I caught my upper half bowing while giving my name on the phone. The woman on the other end (a secretary at the branch office I’d be transferred to in autumn) hesitated—probably just caught off-guard by being greeted in her mother tongue, but to me it was as if she had sensed the jerk through my spine like a flickering in the noise of the ether.

‘What did first love taste like?’ asked Sebastian.

Mr. Nakayama flipped backwards through the textbook’s pages looking for the dialogue in order to remind us of the connections with no it contained. Which left a few seconds after the laughter had faded off unattended. Sebastian’s question hadn’t been bold; he’d rather posed it to himself, slowly, almost holding back, as if there was something that had to follow, which he didn’t want to block or run away from. In all its casualness the query sank into my mind like a warm drop of liquid trickling down a throat in a very fine line. I—Aaron—Marleena—Mrs. Shump—the junior CEO—and Ken, the Japanese-American: we hadn’t so much as perceived the question’s meaning when we found ourselves permeated by a physical pleasure. Or displeasure. How had first love tasted? Mr. Miyahira, too, looked up from his brochure which concealed the answers to today’s drills, slightly bent his head, stayed silent, and seemed to hunt for something this side, as it were, of words, in English or in Japanese.

Strange how one may have a precise memory of past emotions without feeling them anymore, maybe was what I thought. And even more strange when the feeling is there but no memory. The taste? I tried and changed the search’s keyword: the flavor, the ... aroma of my first love, of Myrja? The scent, a piercing scent of...

‘Cigarettes,’ Sebastian answered his own question, after time for another three or four examples with no had elapsed.

The laughter that followed differed terribly from that Nakayama’s joke had evoked. It revealed a lack in strength before it had fully set in, and not until its fading did it take on a certain pat emphasis. But worst of all, it was no common, choric reaction. Every one seemed to imply something else with his laughing, or hers, even Mrs. Shump.

Laughter is but a reflex, I wondered. Has a reflex, something made of cheek muscles and phrenic contractions, such a power as to turn people away from each other, every one towards his own single-minded forgetting, inaccessible to anyone else? My eyes scanned the corner for Marleena’s reaction. She polished her glasses, shaking her head, oblivious to my stare.

All the same (or precisely because of that), the laughter echoed inside me for quite a while. Before the usual trip down to the language lab, as we spent our morning break performing the Japanese radio gymnastics at the corridor of the so-called Philosophers Tower, I gigglingly fucked up the lateral steps (which earned me an extra turn with the ‘help’ of Nakayama’s commands). At the cafeteria table, while Sebastian and Miyahira debated the Kyoto protocol in a somewhat funny moralistic tone, a piece of turkey breast slipped from my mouth as if the lip had been numbed by a dentist. And when we said good-night and lingered for a second at the stormiest spot on the campus, Ken asked what made me, me who always looked annoyed and whose face moved at the constant edge of a yawning, ‘beam. ‘Cause you’re beaming, man. I don’t know what it means, if it’s good or bad, but you’re beaming.’

When I fell asleep, still an echo of that laughter, with the quiet, patient thoroughness of the words that had effected it, ran along my ice-cold legs. It accompanied me through a dream where, on a panic escape through gassed subway shafts and sewer tunnels crawling with cockroaches, I continued to hum the name Myrja Modersson. Myrja Modersson had been my first love, and her first and only kiss had tasted of weird Swedish toothpaste. Which was not true, as I immediately knew waking up.

***


Thus Sebastian perpetuated his slower rhythm of asking questions and giving answers within my life: a pale-haired ethnology student with gray eyes, shaved eyebrows and long, curled-up fingernails you strangely wouldn’t recognize until he touched you.

Surprisingly he flew off to Japan before me. He stayed two semesters at Nagoya University while my company sent a colleague to Tokyo first, and when I finally secured another free position at our Japanese branch he was already packing.

‘You’ll get used to it,’ he repeated on several occasions during the afternoon we met after all. A chewy sort of afternoon, too short for what Marleena had called a fresh start. His plane home would depart on the same evening eight-ish. We spent hours at Nagoya Station lifting plushies with a crane from labyrinthian mini jungle landscapes until they’d get stuck at some twig and bump down. At the machine next to ours one could try the same with living crab.

‘Did you meet anyone from the class?’ I asked him. ‘The world is small, they say.’

‘The junior CEO, last December. Gathered with a few Japanese co-workers in a restaurant. Must ‘ve been their Xmas party. Spoke not a word of Japanese, but seemed to do fine. They were all loaded, yelled White Christmas. Had a lot of fun.’

Dienstag, 27. November 2007

Die Verbindungen mit »no«




Die wörtliche Übersetzung dieser Formulierung laute „der
Geschmack der ersten Liebe“, sagte Herr Nakayama, der japanischere der beiden Japanischlehrer.

Sie machten ihm Spaß, diese etwas anzüglichen oder romantischen Scherze. Die Gruppe wußte es mittlerweile. Wir lachten. Frau Schump, die älteste unter den Teilnehmern und die mit den größten Problemen beim Lernen, stimmte wie immer am lautesten ein.

Herr Nakayama zupfte das grüngrau gemusterte Seidentuch zurecht, das sorgfältig gebunden in seinem Hemdkragen steckte, während er den Erfolg der Pointe genoß. Er warf seinem Kollegen einen raschen Seitenblick zu. Herr Miyahira bestätigte den Inhalt oder den Effekt der Bemerkung mit einem ebenso routinierten Nicken. Dann ging der Unterricht weiter.

„Die Partikel no verbindet zwei beliebige Substantive“, erklärte Herr Nakayama und kehrte zu den regulären Beispielen im Lehrbuch zurück: jûgyô no owari, das Ende der Lehrveranstaltung; chûshoku no jikan, die Zeit zum Mittagessen; taikutsu no musô, der Tagtraum aus Langeweile...

„Wie Ihnen auffällt, gebraucht man im Deutschen den Genitiv oder ganz verschiedene Präpositionen, die jeweils die Beziehung zwischen dem einen Wort und dem andern genau definieren. Im Japanischen bleibt die Beziehung dagegen unbestimmt. A no B – das kann alles Mögliche bedeuten. Manchmal wird es aus dem Kontext klar, aber oft interessiert es die Japaner auch gar nicht. Für Nichtjapaner ist das verwirrend.“

Ich war nicht verwirrt. Jedenfalls nicht von der Unbestimmtheit. Mir fiel auf, daß die meisten Beispiele in unserm Sprachlehrbuch sich mit der Sehnsucht des Schülers verschworen, von den lästigen und frustrierenden Mühen des Lernens befreit zu werden. Ob es eine bewußte, anbiedernde Geste der Autoren war – ein zwanzig Mann starkes Expertenteam aus Tsukuba, das dem Vorwort zufolge sieben Jahre geforscht hatte, um die neue Einführung in realistisches Alltagsjapanisch zu entwickeln? Oder ein Symptom ihres eigenen inneren Widerstands gegen diese Dummheit, in die das Üben einer Fremdsprache erwachsene, des Denkens fähige Menschen einschließt, wenn es sie zwingt, mit dem Vokabular eines dreijährigen Kindes um etwas zu essen, ein paar Briefmarken, eine Wegbeschreibung zu bitten? Es war mir von Anfang an peinlich gewesen, diese aufmüpfigen Beispielsätze zu lesen. Und noch peinlicher, selber welche erfinden zu müssen, denn wir alle verfielen, wenn die Reihe an uns kam, fast zwanghaft auf denselben Typ von mehr oder weniger albernen Unverschämtheiten. Wir gaben Beispiele unserer Unlust an dem, was wir hier seit zwei Wochen freiwillig taten. Die Studenten zumindest.

Herr Nakayama und Herr Miyahira ließen sich davon nicht aus der Rolle bringen. Sie waren Profis als Lehrer und Profis als Japaner. Die Internet-Communities zum Thema Weiterbildung priesen ihre Intensivkurse während der Semesterferien als das Beste, was man für Geld bekommen konnte. Und tatsächlich bildeten der kleine Mann mit der weißen Strähne im Haar, dem eleganten dunkelblauen Anzug (immer demselben), den schlanken Fingern und dem leisen, wie Papier raschelnden, manchmal nur gehauchten Japanisch und sein untersetzter, normalerweise karierter Kollege nicht nur ein kurioses, faszinierend widersprüchliches Paar – sie bearbeiteten uns von zwei Seiten auf sehr wirksame Weise, formten mit den Worten, die sie jeden Dutzende von Malen wiederholen ließen, Haltungen und Gesten, die ich niemals zuvor an mir beobachtet hatte. Am Abend des dritten Tages erwischte ich meinen Oberkörper dabei, wie er sich am Telefon beim Nennen meines Namens verbeugte. Die Dame am anderen Ende (eine Sekretärin der Abteilung, in die ich im Herbst versetzt werden würde) stutzte – wohl bloß überrascht, von einem Ausländer in ihrer Landessprache begrüßt zu werden, aber es schien mir, als habe sie den Ruck durch meine Wirbelsäule wie ein Flackern im Rauschen des Äthers bemerkt.





„Wie hat die erste Liebe denn geschmeckt?“, fragte Sebastian.

Herr Nakayama blätterte in seinen Unterlagen zum Dialogtext zurück, um uns die Verbindungen mit no darin noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Dadurch blieben einige Sekunden nach dem Abklingen des Lachens unbesetzt. Sebastians Frage war nicht laut, er stellte sie eher sich selbst, langsam, fast wartend, als müßte da noch etwas hinterherkommen, dem er nicht weglaufen wollte. Aber das Dahergesagte sank mir ins Bewußtsein wie ein warmer Tropfen, der in einer langen feinen Spur die Kehle hinunterrinnt. Ich – Karsten – Regina – Frau Schump – der Juniorchef – und Ken, der deutsche Japaner: wir hatten es nicht nur gehört, wir alle wurden nach dieser Frage von einem physischen Wohlbehagen durchrieselt. Oder Unbehagen. Wie hatte die erste Liebe geschmeckt? Selbst Herr Miyahira blickte von dem Lehrerheft hoch, legte den Kopf schräg, schwieg und schien auf Deutsch oder Japanisch nach irgendetwas diesseits von Worten zu fahnden.

Es ist befremdlich, dachte ich, daß man sich an vergangene Gefühle präzise erinnert, ohne sie noch zu empfinden. Und noch befremdlicher, wenn Empfindungen noch da sind, ohne sich erinnern zu lassen. Der Geschmack? Ich wechselte die Suchbegriffe: Das...Aroma meiner ersten Liebe – Mirja...? Der Duft, ihre Schärfe – sie schmeckte...

„Nach Zigaretten“, beantwortete Sebastian die eigene Frage, nachdem noch einmal Zeit für drei oder vier Beispiele mit no verstrichen war.

Das Gelächter, das diesmal folgte, unterschied sich erschreckend deutlich von dem über Nakayamas Scherz. Es fiel an Heftigkeit ab, noch ehe es recht eingesetzt hatte, und nahm erst im Abklingen eine gewisse hartnäckige Prägnanz an. Doch vor allem war es keine gemeinsame, chorische Reaktion. Jeder schien mit seinem Lachen etwas anderes zu meinen. Sogar Frau Schump.

Lachen ist doch bloß ein Reflex, wollte ich mich wundern. Hatte ein Reflex, etwas aus Mundwinkeln und Zwerchfellkontraktionen, Macht, um Menschen derart voneinander wegzudrehen, jeden in sein eigenes, den andern unbekanntes Vergessen? Meine Augen suchten Regina. Sie polierte kopfschüttelnd die Brille und registrierte mich nicht.

Trotzdem (oder deshalb) hallte dieses Lachen lange in mir nach. Vor dem Wechsel ins Sprachlabor, als wir auf dem Korridor des Philosophenturms die japanische Radiogymnastik nachturnten, patzte ich kichernd bei den seitlich versetzten Sprüngen (was mir einen Extradurchgang mit Nakayamas Kommandos eintrug). Am Mensatisch, während Sebastian und Karsten studentisch moralisch über das Kyoto-Protokoll debattierten, rutschten Fetzen meines Putenschnitzels aus dem Mund, als sei die Unterlippe vom Zahnarzt betäubt, und beim Abschied auf dem toten, windgepeitschten Campus fragte Ken, was mich eingefleischten Gähner und Genervtausseher so fröhlich mache. Noch im Einschlafen kroch ein Echo jenes Lachens mit der ruhigen, abwartenden Gründlichkeit der Worte, die es ausgelöst hatten, von den Zehenspitzen her meine eiskalten Beine entlang. Es begleitete mich durch einen Traum, wo ich auf einer panischen Flucht durch vergaste U-Bahnschächte und von Kakerlaken wimmelnde Abwassertunnel immer wieder den Namen Mirja Moderson summte. Mirja Moderson war meine erste Liebe gewesen, und ihr erster und einziger Kuss hatte nach einer komischen schwedischen Zahnpastamarke geschmeckt. Was nicht stimmte, wie ich sofort nach dem Aufwachen erkannte.





So verewigte Sebastian seinen ungleich bedächtigeren Rhythmus des Fragens und Antwortgebens in meinem Leben: ein weißblonder Ethnologiestudent mit grauen Augen, abrasierten Brauen und langen, aufgerollten Fingernägeln, von denen man eigenartigerweise nichts merkte, bis er einen berührte. Sebastian flog überraschend vor mir nach Japan. Er studierte zwei Semester in Nagoya, während meine Firma zunächst einen Kollegen nach Tokyo schickte, und als ich schließlich die nächste frei gewordene Stelle in der japanischen Vertretung bekam, packte er schon wieder die Koffer.

„Du lebst dich schon noch ein“, sagte er mehrmals an dem zähen, für einen Neuanfang zu kurzen Nachmittag, an dem wir uns dann doch trafen. Sebastians Maschine nach Frankfurt ging am selben Abend, und wir hievten in einer Spielhalle nahe dem Hauptbahnhof von Nagoya stundenlang mit einem Kran Plüschtiere aus labyrinthischen Dschungellandschaften, bis sie irgendwann an einem Ast hängenblieben und wieder herunterplumpsten. Nebenan konnte man dasselbe mit lebenden Krebsen versuchen.

„Hast du einen von den andern aus dem Kurs hier wiedergesehen?“, fragte ich. „Die Fremde ist ja angeblich klein.“

„Den Juniorchef – letzten Dezember. Er hockte mit ein paar japanischen Kollegen in einem Restaurant. War wohl ’ne Art Weihnachtsfeier. Konnte kein Wort Japanisch, aber er schien sich wohl zu fühlen. Die waren alle sehr besoffen, sangen White Christmas und hatten viel Spaß.“


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