Dienstag, 28. Juli 2009

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 24

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Roman von Anfang an lesen


An Satoko gab es weiterhin nichts Bemerkenswertes außer der Angst, die wie eine transparente Art von Akne auf ihrem Gesicht lag und die Linien ihrer Lippen, die Nasenwinkel und die wassergrünen Ringe um die Augen mit einem strengen, häßlichen Ernst schraffierte. Da wir einander wenig zu erzählen hatten und unsere beiden Leben nur durch Mahlzeiten und Fernsehabende verknüpft waren, wollte ich wenigstens diese Angst besser kennenlernen. Ich stellte mir vor, daß ein Durchschnittsmensch auch eine durchschnittliche Angst empfinden müsse – eine kleine, fest zusammengepreßte Finsternis irgendwo am Rand der sonst gleichmäßigen teppichbeigen Helle des Alltäglichen, ein klebriger schwarzer Klumpen unter dem Sofa, eher jedenfalls als der Staub, der in meiner Welt auf den Oberflächen der Dinge glitzerte und mich mit dem Eindruck erschreckte, ein Briefumschlag, eine Uhr, ein Handschuh oder eine Klinke könne jeden Augenblick wie das gepuderte Lid einer alten Tunte nach oben fahren und das ädrige Weiß eines Blickes freilegen, der mich mit der ekelhaften Intensität des Begehrens fixierte.

Satoko setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, als ob sie befürchte, daß sich unter der nächsten Diele ein Loch auftat und sie mitsamt der Frucht ihres Leibes verschlang. Während sie nachmittags kurz aus dem Schlaf erwachte, redete sie einmal über einen Roman, in dem es um einen tiefen, dunklen, von Ratten und Schlangen bewohnten Brunnen ging. Sie lächelte beim Sprechen, und die schmalen Augenschlitze schienen vor Müdigkeit unendlich breit, aber ich nahm an, daß so für sie die Quelle des Grauens aussah: es gab da irgendwo im Garten einen Brunnen...

Am Ende der ersten Woche, die Satoko und ich zusammen wohnten, kam Tomo zu Besuch. Er trug ein großes braunes Paket mit Schlitzen, in dessen Innerem es kratzte. Er stellte es auf den Treppenabsatz und begann Jacke, Pullover und Sweatshirt auszuziehen.

„Sie ist da“, sagte ich leise und bohrte meinen großen Zeh in einen der Schlitze.

Tanjôbi omodetô “, platzte Tomo heraus. „Zum Geburtstag viel Glück!“

Schwere stampfende Schritte zeigten an, daß Satoko oben aufstand. Das Klingeln hatte sie vermutlich neugierig gemacht, oder sie mußte pissen. Sie trank und pißte ohne Unterlaß, solange sie nicht schlief.

„Geburtstag?“ Tomo strahlte. Er kniete sich auf eine Treppenstufe oberhalb des Pakets. „Ich habe im Juni Geburtstag. Wie kommst du darauf?“

Hinter den Schlitzen blitzte etwas Gelbes auf. Das Rascheln und Kratzen erstarb. Für eine Sekunde war es so still, daß der aufgedrehte Wasserhahn im Badezimmer in den Mauern widerhallte wie ein langgezogenes Stöhnen.

„Erinnerst du dich nicht mehr an unseren ersten gemeinsamen Abend?“ fragte Tomo, während er den Bewohner des Kartons mit kleinen schmatzenden Küssen anlockte.

„An das Kino?“ Es miaute, und das Kratzen setzte wieder ein, diesmal schneller und kräftiger, feindselig oder freudig erregt. „Wird langsam wild, das Teil.“

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Es war ein japanischer Film gewesen, und ich hatte von der Handlung nichts verstanden, was die unbekannten Darsteller nicht mit pantomimischer Deutlichkeit in einer internationalen Sprache der Gefühle von der Leinwand brüllten. Infolgedessen tauchte der cineastische Strang jenes Abends als eine zusammenhanglose Folge von übermenschlicher Trauer, Wut, Stolz, Romantik, Furcht und berstendem Gelächter aus meinem Gedächtnis auf – während das Nackenhaar meines verspannten Nachbarn immer noch ganz realistisch zwischen meinen Fingern knirschte und seine kaugummikauende Kußangst wie ein scharfer pfefferminziger Geschmack auf meiner Zunge lag. Aber eine Katze war dabeigewesen. Ich erinnerte mich an die wildentzückten Rufe aus dem Publikum: „Mite...neko – kawaiiii!“ War sie nicht am Ende das einzige Erbe gewesen, das die frischverliebte Tochter von ihrem bankrotten Vater erhielt?

Tomo bog die Pappen auseinander und holte das Geschenk heraus. Es war ein Katzenjunges – kaum ein paar Monate alt und so winzig, daß man es in zwei hohlen Händen verstecken konnte, wenn man dicke lange Finger wie mein Besucher hatte. Es miaute zum Herzerweichen. Selbst meins ächzte genervt.

Als wisse er genau, daß mich der bloße Anblick des Geschöpfs nicht hinreichend schwächte, ließ Tomo das Kätzchen entwischen. Ohne sich auch nur umzuschauen und über die neue Umgebung zu wundern, hüpfte es mit niedlichen, ein bißchen kurz gezielten Sprüngen rutschend und holpernd die Treppe hinauf.

„Hoppla“, sagte der Geburtstagsgratulant mit fünf Sekunden Verspätung. Babys und Kätzchen! Meine Liebhaber beschenkten mich. Fehlte nur noch ein Stricher, der mir Untersetzer häkelte.

Ich wußte nicht, was das sollte. Ich hatte nicht Geburtstag, und ich hatte mir keine Katze gewünscht. Ich mochte Katzen lieber als Hunde, aber nachdem ich Hunde haßte, bedeutete das für die Katzen kein besonderes Lob. Ich war grundsätzlich überhaupt nicht der Typ, um ein Haustier zu halten, und Tomo, der mich in mancher Hinsicht besser kannte als S., wußte das sehr gut.

Die Katze schaffte mit einem deutlich geschmeidigeren Sprung den Rest der Treppe, und einen angehaltenen Atemzug später hörten wir ihre Krallen über die Tatami schrappen.

„Was bitte hast du dir dabei gedacht, Tomo? Nimm die Katze wieder mit!“

„Welchen Namen willst du ihr geben?“

„Ich werde ihr gar keinen Namen geben.“

„Aber sie braucht einen Namen. Jedes Wesen auf der Welt verdient einen Namen.“ Er spielte mit seinem Handy herum.

„Ich werde sie Tomoko nennen. Und nun nimm sie bitte wieder mit und verschwinde.“

Ein spitzer Schrei unterrichtete uns, daß die Katze ihr Ziel erreicht hatte. Satokos Stimme überschlug sich. Wir hörten einen Rumms. Sie war, ohne an ihren empfindlichen Zustand zu denken, auf die Knie geplumpst. Weiche, schmeichelnde Katzenbabylaute imitierend, robbte sie über die Matten – das Kinn auf den Boden gesenkt, die platte Nase gegen die Spitze des Tieres drückend, Augenbrauen, Wangen, das ganze Gesicht hin zu diesem nya-nya-nyaaa...! zusammengezogen, für das sich japanische Frauen auch auf der Straße nirgends zu schade waren. Wir wußten beide, was geschah. Die Katze schnurrte. Satokos Fingerspitzen schlichen sich wie Wichtel unter ihren Bauch und hoben das kleine Ding zu seinem quietschenden Vergnügen hoch, hoch, hoch in die Luft...

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Ich ließ mich auf die Treppenstufe fallen und gab dem Karton einen Tritt. Tomo sah zerknirscht drein. Oben näherte das Spiel sich seiner wilden Phase. Satoko mutierte selbst zum Kind. Das andere in ihrem Bauch war völlig vergessen.

Nach einigen Gläsern Wein in der Küche, während der Geburtsbesuch im ersten Stock durch alle Ecken tobte, einigten wir uns darauf, daß Tomo die Katze bei sich zu Hause halten und ich ihn dort ab und zu besuchen kommen würde.

Er wirkte erleichtert, daß es so glimpflich ausging, und legte, vielleicht durch den Alkohol begünstigt, eine selbst für ihn beinah groteske Unterwürfigkeit an den Tag. „Du kannst mit ihr spielen, ohne Arbeit zu haben. Ich verstehe, daß dir die Arbeit lästig ist, das Füttern und der Dreck und die Schäden am Teppich. Es genügt mir, wenn ich dich ab und zu mit ihr spielen sehe.“

„Ich und Tomoko im Zoo.“

„Es fällt mir irgendwie leichter, deine Gegenwart zu ertragen, wenn da noch ein anderes Wesen ist, das zu dir gehört. Verzeihung...“

Weinte er? Er wischte mit dem Ärmel über seine Augen.

„Es ist nur, weil ich dich liebe. Ich denke ständig daran, daß du stirbst.“

Als Tomo sich verabschiedete und sein wackelndes Fahhrad mit dem kreischenden Karton bestieg, blieb Satoko lange in der Tür stehen und winkte. Ich sagte ihr, sie würde sich erkälten, aber ihre Hand fiel erst herab, nachdem der kleine rote Punkt des Rücklichts vom Verkehr der Hauptstraße verschluckt worden war. Danach ging sie wortlos zu Bett.


Fortsetzung folgt

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