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Ihre Ausbildung

Blackguy


Zu einer Idee durften wir uns besonders gratulieren: sie zu Masseuren ausbilden zu lassen.

Van Flaak war zuerst dagegen gewesen. Er hatte ausgesprochen, was einige im Geheimen weiterhin befürchteten: Wenn sie erst etwas professionell beherrschten, über ein Diplom verfügten, wären die Tage ihres Gehorsams gezählt.

„Qualifikationen machen stolz, Janwillem. Und wer sich etwas einbildet auf das, was er kann...“

„Richtig“, fiel der eierschlürfende Van Wülmen ein, dessen hagere, an einen leeren Fahnenmast erinnernde Gestalt niemals jemand anders als in dem Feinripphemd mit den gelben Flecken gesehen hatte. „Stell dir vor, sie haben zu diesen...Körpern auch noch die Technik. Und die Selbstgewißheit. Sie ahnen doch jetzt schon, daß sie – daß sie uns mit ihrer superb modellierten Rückenmuskulatur... “

„Geben wir ihnen niemals einen Vertrag“, unterbrach Dr. van Hommelen den stockenden Beschreibungsversuch. „Was sie können, was sie wissen, was sie von sich selbst denken – das spielt kein Rolle, solange keiner von ihnen ein Dokument in der Hand hält, das ihm seinen Status schwarz auf weiß bescheinigt.“

Ich pflichtete ihm bei. Wie die meisten meiner kultivierteren Bekannten begann mich unsere Herrschaft zu langweilen. Es war reizlos, sie im Morgengrauen auf die Plantagen zu jagen, wenn da nicht ein kaltes Lüftchen Angst den Nacken hochkroch, während man sich im Bett umdrehte, um weiterzuschlafen. Ich pflegte gegen zehn aus einem wirren flachen Halbschlaf zu erwachen, den Geruch von Hundekot im Mund und das schweißnasse Laken, das ich anstelle einer Decke benutzte, bis über die Schenkel zurückgeschlagen. Ich blieb mindestens eine Viertelstunde so liegen und wartete, ob irgendetwas passierte. Ich stellte mir vor, daß Mowo, unser Hausboy fürs Grobe, in der offenen Tür stand und mit heruntergelassenen Hosenträgern den klebrigen Spalt zwischen meinen Backen begaffte. Ich packte irgendetwas vom Nachttisch, um es aus dem Fenster zu werfen. Beim Frühstück beschuldigte ich eins dieser Mädchen (sie konnten sich sogar gegenseitig nicht auseinanderhalten), sie habe in meine Müslischale gepinkelt, und ließ ihr mit der siebenschwänzigen Katze die Haut von den Schultern abziehen. Während der endlosen Zeit bis zum Sonnenuntergang pöbelte ich in einem Tonfall herum, der mir selbst albern vorkam. Viel schwieriger als ihren Haß zu bezähmen mußte es für unser Personal sein, nicht in lautes Lachen auszubrechen – diese Einsicht machte meine Trägheit, das Gefühl einer übermächtigen Schlaffheit, das meinen ganzen Körper in einen einzigen Hals zu verwandeln schien, noch schlimmer, noch erbärmlicher, noch mehr zu einem jener hohen schmalen Spiegel, vor die ich mehrmals täglich trat, um mich meiner Nacktheit zu schämen. Erfolglos natürlich auch das.

Daß ich zustimmte, eine Gruppe von ausgewählten Männern für drei Wochen aufs Festland zu einem Massage-Workshop zu schicken – daß van Hommelen und seine Anhänger von mir das eine Votum erhielten, das den Ausschlag hab, es lag einfach daran: Ich hätte anders keinen Monat länger durchgehalten, ohne mich erneut von einem dieser Tiere schwängern zu lassen. Und die Komplikationen beim letzten Mal reichen mir fürs Leben.

***

Als sie den schaukelnden Booten entstiegen, wurden ihre Bewegungen auf unserer Seite mit einem neuartigen Misstrauen verfolgt, das mich in Erregung versetzte. Nachdem jeweils drei oder vier ins flache Wasser gesprungen waren, sich das Tau zuwerfen ließen und den Bug mit Schwung die letzten Meter durch die Gischt den flachen Strand hinaufzogen, stapfte einer nach dem andern mit derselben lässigen Behändigkeit durch den weichen, brennenden Sand, die wir an ihnen kannten. Tänzerisch schwer hatte irgendwer (ich glaube, van Rout) als Ausdruck dafür geprägt. Und wirklich – es war keine Leichtigkeit, nicht wie das Trippeln unsrer Mädchen beim Ballettunterricht oder die virtuosen Hüpfer von van Pemmel und van Tannel, wenn sie mit ihren Autowäschern Tischtennis spielten. Das Geschmeidige ihrer Muskeln schien sich einem Pakt mit der Gravitation zu verdanken, einem geheimen Pakt, den ihre Leiber irgendwann nachts im Schatten eines Teufelsfelsens mit dem Mond geschlossen hatten. Man konnte förmlich sehen, wie der Mond die Meeresmassen über ihren gekrümmten Rücken zusammenschob und sie glitzernd wieder entließ als seine Geschöpfe.

Warum fühlt sich ihre schwarze Haut bei dieser gnadenlosen Sonne kühler an als deine weiße? hatte Hannah, die Tochter van Wülmens, mich einmal überraschend gefragt. Wir hatten beide mit angehaltenem Atem geschwiegen. Mir war unklar, in welchem Zusammenhang sie einen von ihnen angefaßt haben mochte – und warum sie mich anfaßte (sie starrte mich an und ließ nicht wieder los). Die Vorstellung von kalten schwarzen Armen in der Mittagsglut gewann in dieser eigenartigen Situation eine fast schmerzhafte Evidenz. Ich zweifelte keine Sekunde länger daran, daß es so war – daß sie kalt blieben bei ihrer Arbeit, daß der feuchte Glanz ihrer Nacken nur ein Trick war, um uns abzulenken, ein täuschender Schimmer des Mondlichts mitten am Tag. Ich zwang die gesamte Belegschaft, zweimal täglich in einem Bottich mit eiskaltem Wasser zu baden, um ihnen zu demonstrieren, daß ich sie durchschaute. Sie mußten eintauchen und warten, bis das Klappern ihrer Zähne mir zu schnell und regelmäßig erschien, als daß man es hätte vorspielen können.

Niemand jedenfalls bemerkte bei dieser Rückkehr von der Weiterbildung eine Veränderung an ihnen. Später behaupteten die üblichen Besserwisser, an der Art, wie sie fortan beim Antworten den Oberkörper wiegten, wie sie sich selbst während des Überlegens mit den Fingerspitzen in die feinen Fettpolster schnippten, die bei entspannter stehender Haltung hinten im Becken auftreten – an der Art vor allem ihres Lachens hätte man es wissen können, hätte denn jemand es wissen wollen. Aber nachträgliche Warnungen gehören immer dazu, wenn es darum geht, Geschichte zu machen. Eine Zeitlang wurde es sogar zu einem beliebten Spiel, in irgendetwas Beispiellosem die ersten Zeichen der bevorstehenden Revolution zu erkennen.

Monsignor van Ralf kam eines Vormittags zum Beispiel zu uns in den Laden gelaufen und berichtete mit hochrotem Kopf und fuchtelnden Händen, Gowo, sein Toilettenboy, einer der Auserwählten, habe auf Lateinisch In nomini Satani gemurmelt, während er ihm mit seinen Riesendaumen das geplagte Steißbein massierte.

Der Priester schien völlig außer sich. Er war offenbar geradewegs vom Massagetisch aufgesprungen, hatte das spärliche weiße Haar wirr in der Stirn und von den zahllosen Knöpfen seiner Soutane kaum ein Drittel geschlossen. Seine Erklärungen wirkten konfus, und je gründlicher wir nachfragten, desto heftiger verwickelte er sich in Widersprüche: Nein, Gowo habe die ketzerischen Worte rückwärts gesprochen, und er habe seine Stimme dabei so weit gesenkt, daß es gegenüber einem schläfrigen Patienten als Räuspern hätte durchgehen können – aber als Geistlicher verstehe er Latein auch von hinten nach vorn, und der Name Satans („Natas...“, murmelte ich) sei für einen Gottesmann in jeder Lautstärke wie ein durchdringender, markerschütternder Schrei.

Wir gaben ihm eine Tüte mit kandierten Ingwerstücken zum Naschen, was sehr dazu beitrug, ihn zu beruhigen. Daß er in drei andere Geschäfte in demselben Aufzug und mit derselben Entrüstung hereingestürzt war, machte die Sache zu einer liebenswerten komischen Anekdote. Es kursierten mehrere ähnliche Anekdoten. Die Menschen genossen den neuen Servicestand, auf den das Ausbildungsexperiment unser Städtchen gehoben hatte. Sie genossen, und da es ihnen schwerfiel, von ihrem Genießen zu sprechen (wer es doch versuchte, kam über wohlige Geräusche wie Aaaaah oder Uhuhuhuuu nicht hinaus), erzählten sie Geschichten, die den verbreiteten Ängsten irgendein phantastisches Gesicht verliehen. Ich selber dachte mir ein paar solcher wirklich grauenhaften Geschichten aus, behielt sie aber für mich.

***

Dann gab es eine Anekdote, bei der mir das Lachen verging.

Ich erfuhr sie an einem Sonntag. Der Rest der Familie war wie üblich zum Gottesdienst aufgebrochen, und für die ungestörte Stunde, die uns das bescherte, bestellte ich Nuwo nach oben ins Schlafzimmer, um die Zeit für eine Reflexzonenmassage zu nutzen. Unter allen Massagen, die wir ausprobiert hatten, war mir die Reflexzonenmassage die liebste.

...

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