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Freitag, 28. November 2008

Dünnes Gebüsch (4)

AYOR_04_Maerchenwald

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Ein Urinstrahl schwappt dampfend durch die Kälte. Der Morgen kommt.

Das erste Violett an den Rändern der Blätter hat noch kaum Kraft. Aber man ahnt, wie sich etwas verändert. Das Warten verliert seinen Sinn.

Das gute Dutzend Männer, das noch hinter dem Unterstand herumstreicht, wird von dem einsickernden Licht überrascht. Und wie Vampire bei der Berührung mit dem Tag zu Asche verbrennen, glüht auf ihren Schatten das Phantastische weg. Zurück bleiben Halsbänder, schwule Frisuren, mit Bartstoppeln gespickte Kinne, Hände in Jeanstaschen, mehrere Sorten von Karos, blutunterlaufene Augen.

Ein kreidesaurer Schweißgeruch umweht die Drei, von denen einer pisst, einer an den Wurzeln einer Buche hockt und den Mund aufsperrt, einer wichsend daneben steht und den Schluckenden spielerisch tritt.

Das wird vielleicht das Letzte gewesen sein, was sich für heute ereignet. Die anderen kommen näher, wie man etwas zugibt und es lieber direkt tut.

Der Schluckende ist der jüngste von allen. Mitte zwanzig. Das kurz geschorene Haar ohne dünnere Stellen. Sein Adidas-Tshirt und seine Turnhose werden nass. Fußballstrümpfe bis zu den Knien, sie kriegen ein paar Sprenkel ab. Und gar keine Schuhe: die dreckigen aufgerissenen Strümpfe – er ist die ganze Nacht so herumgelaufen...

Ich kriege einen Steifen.

Sein Gesicht gehört zu denen, die unfreiwillig immer ein bisschen ironisch dreinblicken. Es liegt an der Oberlippe. Oder am Mundwinkel. Oder der Stellung der Augenbrauen: dichte, haselnussbraune, wie mit der breiten Schönschreibfeder gedrückte und dann gezogene. Mit den geschlossenen Lidern das Schönste an ihm.

Während der Zweite die letzten Tropfen abschüttelt, ist der Dritte zum Organisator geworden. Er streckt die freie Hand nach denen aus, die nahe genug sind. Einer lässt sich von ihm die Hose aufmachen. Ein Weiterer macht es selber. Ein Kreis bildet sich. Dann ein Klumpen.

Am Wanderweg, in dem engen Bretterverschlag, hält die Nacht sich am längsten. Selbst in stockfinsteren Nächten ist es hier drinnen noch schwärzer, ein Darkroom mitten im Park, und die atembare Nähe des rauen, firnissgetränkten Holzes, der von den Tritten vibrierende Dielenboden, die Kanten der aus rohen Klötzen gezimmerten Tische, an denen Spaziergänger bei Regen belegte Brote verzehren – dieser ganze Kasten voll Materie, aus dem das Dunkel besteht, verleiht jeder Bewegung hier eine eigenartige Übergröße: als hätte man zwei oder drei Mal so viel Körper und ragte mit Armen, Knien und Haarspitzen zwei oder drei Mal so weit in den gemeinsamen Raum mit den andern hinein.

Die Ältesten und Hässlichsten unter den Cruisern machen sich dieses schwer kontrollierbare Wachstum der Leiber zunutze. Der Unterstand ist ihr Domizil. Wer unter das Dach taucht, muss darauf gefasst sein, von ledernen Händen in Beschlag genommen zu werden, Händen, die keine Scheu kennen, die alle Zurückhaltung abgelegt haben, deren Leben aus trial and error besteht. Es geht direkt an die Hose. Lediglich die Aftershaves und Duftwässerchen wirken wie eine Entschuldigung für das, was sie jetzt mit mir tun und mit jedem andern genau so getan haben würden.

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