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Freitag, 28. November 2008

Dünnes Gebüsch (3)

AYOR_03_Grunewald

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Sein Meister hat ihn zwischen zwei Stämme gebunden.

Junge, schlanke Bäume. Jünger als er.

Er ist nackt. Bis auf die Stiefel und graue Strümpfe. Einige Meter entfernt, als ordentlicher Haufen auf einem Rucksack, liegt seine Wäsche.

Bist jetzt ist nichts passiert.

In diesem Teil des Parks sind die ausgetretenen Wege schmal und nicht sehr zahlreich. Die Männer streifen durch die dichte Laubschicht auf der Suche nach neuen. Sie gehen halb vorsichtig, tastend, halb wühlen sie die Blätter auf, um ihren Schritten einen souveränen Charakter zu geben. Dadurch entsteht dieses schrapp-schrapp-schrapp, das das Mondschattenraster des Waldes wie ein Netz von Signalen durchzieht, und dass so Viele sich so weit von den Gruppen wegbewegen, muss an der Sicherheit liegen, in der Hörenkönnen Menschen wiegt.

Eine etwas trügerische Sicherheit. Ab und zu hört man einen umkehren.

Es ist immer noch nichts passiert.

Der Angebundene wirkt klein. Drahtig. Trainiert, wenn auch ohne jene letzte Konsequenz, die einen Körper aus seiner gewachsenen Form in etwas Idealähnliches hebt. Unter der tätowierten Haut bleibt eine feine weiche Schicht wie ein symbolisches Reservoir der Trägheit. Das Spiel der Schultermuskeln, als er an den Seilen zerrt, gerät zugleich zu einer Pantomime dessen, was am Körper immer bloß herabsinken will und endgültig unten bleiben. Seine Beine sind wirklich sehr kurz.

Der Meister trägt Leder. Eine mehrschichtige Kombination, von der das Mondlicht nur die Kanten, Säume, Nähte und Reißverschlüsse erhellt. Etwa vier Meter hinter seinem Sklaven steht er. Er zieht an einem Zigarillo.

Nichts passiert.

Schwerer und mächtiger als der einer Zigarette, aber ohne die dickblättrige Süße von Zigarrentabak, verbreitet der eigentümliche Geruch des Rauches sich zwischen den Stämmen.

Jemand in einer glänzenden Bomberjacke tritt von vorn dicht an den Sklaven heran.

So weit das seine Fesseln erlauben, schiebt der Sklave sich ihm entgegen.

Der Meister rührt sich nicht. Das Ende seines Stumpens glüht auf, und man hat das Gefühl, dass er besonders langsam, besonders gleichmäßig einatmet, um jeden Verdacht auf eine Erregung gleich vorweg zu bestreiten.

Der Hinzugetretene mustert den Sklaven. Wäre es eine andere Situation, würde ich sagen: sie stecken die Köpfe zusammen. Ein irgendwie kritisches Dunkel verschluckt, was an der Brust probiert wird. Vielleicht ist es auch gar nichts – als der andere sich abwendet und ebenso verlangsamt davonraschelt, wie der Meister weiterhin raucht, ist der Gefesselte unverändert. Sein wurstiger Schwanz baumelt ohne Vorhaut. Die abgeschnürten Eier scheinen die Hauptsache zu sein. Überhaupt ist für eine Weile das ganze Kollektiv wie abgebunden. Angesteckt von einer Angst, wer sich jetzt normal schnell bewegte, verriete Schwäche, werden alle von derselben Stockung erfasst. Jemand, der mir auf dem sehr schmalen Pfad mitten durch einen Brennnesselstreifen entgegengewankt kommt, fällt fast, weil er die kleinen Rucke, mit denen man aneinander vorbei kommt, vermeidet. Eckiges und Spitzes ist verboten. Ob er es beabsichtigt hat oder nicht – der durch die Asche seines Zigarillos fahrende Atem des Meisters ist hier auf einmal Gesetz.

Nur der Sklave zappelt, wie es ihm gefällt. Und als er damit aufhört, geschieht es aus Müdigkeit oder Langeweile.

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