Dünnes Gebüsch (2)
Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«
Er kniet auf dem Felsbrocken, hat seine Jeans bis auf die Knie heruntergelassen. Er reckt den Arsch in die Luft.
Wäre es dunkel gewesen, hätte man sagen können: er hält ihn hin. Und er hätte dann wahrscheinlich mehr Erfolg gehabt.
Es ist erst kurz vor acht. Auf der Straße sind Besucher, die in den Filmpalast strömen. Die Helligkeit des Sommerabends lässt das seltsam widersinnig erscheinen. Ich denke, dass der Film, in den sie wollen, etwas sehr Wichtiges sein muss.
Die Brücke, auf der man von der Bahnhofsseite her die sechsspurige Fahrbahn überquert, sieht auch merkwürdig aus.
Der Typ wackelt nicht mit seinem Hinterteil, was tatsächlich lächerlich wäre. Er kniet still, den Kopf hängend, das orangefarbene T-Shirt mit der Zahl Zwölf in dicken Falten auf den Nacken gerutscht, und wenn jemand zu lange oder zu provozierend vor ihm stehen bleibt, mit der Pose eines Museumsbesuchers, der eine Statue betrachtet, schaut er ihn aus großen brauenlosen Augen an, bis der andere abhaut. Ein Pärchen reißt Witze über ihn. Das ignoriert er. Es scheint ihm weder um Werbung noch ums Irritieren zu gehen. Er weigert sich, der Verfügbarkeit, die sein freigelegtes Loch demonstriert, die passenden Gesten oder Worte hinzuzufügen. Aber er hat auch keine Lust (oder kein Talent), widersprüchlich zu sein.
Ich frage mich, wie dieser große Stein wohl herkommt.
Was macht so ein Stein im Gebüsch? Die Ecke, gebildet aus der Rückwand des Kinos und dem Bahndamm, wo Züge zwischen Hauptbahnhof und Dammtor hin und her rattern, ist niemals dazu gedacht gewesen, dass Menschen sich einfinden. Außer im Winter, wenn die Äste kahl sind und der schmale, sich einen flachen Hang hinabziehende Hain vor Armut transparent wird, wäre sein Inneres für einen Passanten, der im Park auf einem der angelegten Wege spazierte, niemals zu sehen. Kann es sein, dass der Architekt das tonnenschwere Ungetüm für diesen kurzen, aus dem Augenwinkel kullernden Effekt hat herbeischleppen lassen: Plötzlich – aufgeschreckt durch etwas Fremdes in der Öde einer matschfarbenen Februarlandschaft, bleibt der Blick an diesem Menhir hängen – und der Menhir, wie durch Zauberwort dort abgelegt, scheint in der Waagerechte über der schrägen Erde zu schweben?
Jemand traut sich, den Arsch zu inspizieren. Schnell haben sich Fünf oder Sechs hinter ihm versammelt. Ich gehe auch hin.
Er ist rasiert. Nicht überraschend (aber in diesem Fall etwas enttäuschend). Die Rosette sieht normal aus. Wer von uns eine extreme Öffnung erwartet hatte, für den schweigt sie.
Wo ich einmal den Abstand überwunden habe, gehe ich um den Stein mit dem Mann drauf herum.
Für einen Augenblick überkommt mich die Erinnerung an die Flüstergalerie im Dom von St. Pauls, wo man ein leise gesprochenes „Fuck!“ von der andern Seite über dreißig oder vierzig Meter hört, als gehe der andere direkt neben einem. Ich muss dort dreizehn oder vierzehn gewesen sein. Das Absurde war, dass keiner von den Touristen es wagte zu flüstern. Wissend, was mit ihren zu privaten Stimmen passieren würde, lachten sie entweder oder husteten oder riefen ihre Kumpane wie in einer überfüllten Bahnhofshalle (worauf noch mehr und noch lauteres Lachen folgte). Die Stille um den Mann auf dem Stein hat entfernte Ähnlichkeit mit jener Stille. Es war gar keine richtige Stille. Aber doch Stille. Und sie hätte nicht sein sollen. Und hier ebenso, obwohl der Mann sie vielleicht heimlich genießt.
***
Wochen später, nachdem ein Regenschauer eben lange genug aufgehört hat, damit ein Abstecher sich lohnen könnte, sehe ich zufällig mit an, wie jemand denselben Mann fickt.
Mit Gummi. Der Türke, der aussieht, als ob er hier seine Mittagspause verbringe, bedauert vielleicht schon, sich darauf eingelassen zu haben. Der andere hat die Stirn auf die gekreuzten Unterarme gelegt, so dass seine Mimik versteckt bleibt.
Außer mir und ihnen ist niemand hier, und mir kommt es vor, als ob ich ihrem Treiben Sinn gebe: ein Zuschauer. Der Fickende, ein untersetzter Kerl mit dickem Brusthaar (er hat den Saum des Hemdes irgendwie festgesteckt), streckt den Bauch vor und versetzt seinem Partner einen neckischen Klaps, der mehr Ärger verrät, als er will. Er gibt sich Mühe, einen Rhythmus zu halten, ihn allmählich zu steigern.
Als zwischendurch seine Spannung nachlässt, nickt er mir zu und ruft: „Fick die Sau doch ins Maul!“
Ich bin unschlüssig. Im Grunde würde ich ablehnen.
Der Türke schenkt mir ein gequältes Lächeln.
Um den Mund zu mustern, muss ich das Kinn hochheben. Es ist schlecht rasiert, an einer Spitze glatt, daneben voller Stoppeln. Es gibt einen nachgiebigen Pickel. Da keine Reaktion erfolgt, drücke ich die Lippen mit zwei Fingern auseinander. Wie man ein Pferd auf einer Auktion prüft oder wie das Klischee davon.
„Ja – ja – ja – ja...!“
Er hat uns beobachtet. Er bringt sich in Fahrt. Anscheinend reicht ihm das schon. Ich warte.
„Geil – !“
Es dauert nicht lang, bis er kommt. Der krause Bauch wabbelt unter den Stößen.
Sein Gesicht glänzt, als er das Condom abzieht, wie bei der Karikatur eines Schlemmers, dem der fettige Dampf des Bratens das selige Lächeln poliert. Aber auch ich spüre die Nässe der Regenluft auf der Stirn und die mikroskopischen Veränderungen in meinen Haaren, die bewirken, dass sie sich kringeln.
allesfliesst - 2. Nov, 13:04



