Dünnes Gebüsch (1)
Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«
Er entdeckt mich erst, als ein anderer mit mir fertig ist. Er trägt nur einen Herbstpullover, keine Jacke, und darauf einen Schal. Meine Fingerspitzen zupfen vorsichtig die Haarfransen in seinem Nacken über der straff geknoteten Wolle heraus (je länger wir uns umarmen, desto mehr scheint seine Frisur sich aufzulösen – nicht wie eine Ordnung, die durcheinander gerät, sondern wie eine Illusion).
Er hat ein weiches breites Gesicht, das zum Anschmiegen gemacht ist, und wir stehen lange so Wange an Wange, während er etwas an meinen Gürtelschlaufen versucht und Acht gibt, unten nicht zu schnell zu nahe zu kommen.
Obwohl es dunkel ist in dieser Nacht, erkenne ich das Muster seines Pullovers. Es kommt mir vertraut vor. Ein paar Jahre früher, und ich hätte einen ähnlichen gekauft.
Mehrere bleiben neben uns stehen, warten, ob das, was wir machen, sich öffnen wird. Als es sich nicht öffnet, bleiben sie erst recht stehen, schieben sich heran. Zwischendurch muss ich kichern, weil mein Rücken unten, wo er nackt ist, ihre Blicke spürt und die Mischung aus Neid und Misstrauen etwas Kitzelndes hat.
Was er missversteht – er fragt: „Was?“
So zärtlich wie möglich.
„Was ist?“
Diese hörbare Anstrengung, mich mit der Frage auf keinen Fall zu verscheuchen, ist zutiefst rührend. Ich hätte ihn beinahe geküsst oder tue es ein bisschen.
Nach einer Weile kriecht die Kälte durch die dünnen Jeans. Die Füße tun weh, und ich bin müde. Die Zeit ist ohne Symptome vergangen, solange mein Körper auf den Pfaden der andern hat mitwandern können; jetzt, wo er mich festhält, wird das schwer; meine Hüften kommen mir dünn vor.
Ein Vorüberstrauchelnder klatscht ihm auf den Arsch.
„Ich muss allmählich mal nach Hause“, flüstere ich.
Worauf er erst nicht reagiert.
Als ich kurz davor bin, es zu wiederholen, sagt er: „Nein.“ Leise. Wie ein Kind, das bereits weiß, wie wenig solche Widerworte bringen, aber nicht anders kann als sich zu weigern.
„Doch!“
Mein Lachen macht, dass unsere Brustkörbe einander abstoßen, in kurzen schnellen Intervallen, und als ich ihn wie eine Wiedergutmachung enger an mich heranziehe, fällt mir erst auf, dass er die ganze Zeit steif gewesen ist und die enge Hose fast platzt.
„Entschuldige.“
Jetzt lacht er.
Die restlichen Fragen werden nicht mehr gestellt. Er hätte wissen wollen können, wohin ich gleich gehen werde, wo ich wohne, ob wir nicht vielleicht an derselben Uni studieren, ob wir uns wiedersehen, ob ich öfter hier bin. Ich hätte Ausreden erfinden müssen oder ihn schweigend stehen lassen.
So trennen wir uns in etwas anderem als Schweigen. Etwas Besserem.
Ich gehe wirklich direkt nach Hause, nachdem er weg ist. Das tue ich selten.
allesfliesst - 27. Okt, 09:50



