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Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 23

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Roman von Anfang an lesen

4.

„Weil du nicht weißt, ob ich etwas ernst meine oder nicht?“

„Ja“, sagte Tomo. Er klang traurig, nahm aber dann seine Kraft zusammen und rettete sich in eine Art verzweifelten Humor, den ich sehr an ihm mochte. „Ja, das ist eine sehr genaue Beschreibung meines Problems.“

Ich piekste mit einem Zahnstocher in die drei Löcher, die Mikrofoneinheit des Telefons. Nur so aus Blödsinn und um eine Pause zu machen. Es gab im Grunde nichts nachzudenken.

„Darüber haben sich schon einige beklagt. Ich kann dir leider nur sagen, was ich ihnen gesagt habe: Ich selbst weiß es wirklich auch nicht. Wüßte ich es, würde ich es dir sofort erklären. Glaube mir.“

„Ob ich dir das glauben kann, bin ich mir eben nicht so sicher.“

Armer Tomo. Schon während ich noch mit Tomoko zusammen war, hatte er sich unsterblich in sie verliebt, und nach unserer Trennung freute es mich außerordentlich, daß gewissermaßen schon ein Nachfolger auf der Schwelle stand und Tomoko sich nur noch überwinden mußte, ihn hereinzulassen.

Die Nachricht von ihrer Heirat hatte mich dann etwas erschreckt. Es waren kaum zwei Monate vergangen. Nach dem, was ich wußte, befand sich Tomoko durch meine aufwendige Affaire mit S. in einer ziemlichen Verwirrung, hin und her gerissen von Mordgelüsten oder sowas und dem Wunsch, mich aus dem Schlund der Hölle zurückzugewinnen, als der ihr die Liebe zwischen zwei Männern zweifellos erschien. Daß das junge Paar mich nicht informiert hatte, verstand ich wohl. Immerhin stellte ich ein nicht ungefährliches Hindernis zwischen ihnen dar. Wenn es schon schwer genug werden würde, in ihrer Ehe darüber hinwegzukommen, daß die Beziehung aus dem Scheitern einer anderen herausgekrochen war, wollten sie sich vermutlich wenigstens am Hochzeitstag sicher und ohne Bürde fühlen.

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Ich beneidete Tomo nicht. Tomoko auch nicht, aber die ernste und noch sehr naive Tochter eines Bankdirektors hatte einen leichten Vorteil darin, daß sie von der entscheidenden Komplikation unserer Dreiecksbeziehung über Anwesenheit und Abwesenheit hinweg gar nichts wußte. Schon bevor ich Tomoko kennengelernt hatte, war Tomo eines Abends an meine Haustür gekommen. Er hatte eine Weile herumgedruckst, war schließlich widerstrebend hereingetrottet und hatte mir nach einer halben Stunde beharrlichen Schweigens und einiger dummer Bemerkungen über Ausländer in Japan gestanden, daß er mich liebte.

Tomo wußte von meiner Bisexualität. Er selbst betrachtete sich jedoch als „normal“, wie er mir auf Englisch immer wieder sagte. Die Gefühle für diesen komischen Fremden, der zu alt war für das, was er tat, und offenbar Spaß daran hatte, sein eigenes Leben und das anderer Menschen durcheinanderzubringen, schickten ihn Abend für Abend mit ernsthaften Schwierigkeiten ins Bett. Er erzählte mir, daß ich in seinen erotischen Träumen die Rolle des verführerischen Schurken spielte – und daß sie fast regelmäßig mit einer Szene endeten, in der ich ihm den Kopf abbiß. Wir schliefen in dieser Nacht im selben Bett. Ich nahm ihn fest in die Arme, aber weder mir noch ihm war nach Sex zumute, und als wir nebeneinander aufwachten, schien es, als seien wir Geschwister geworden. Dann trat Tomoko in unser Leben.

Tomo war in jedem Fall der bessere Mann für Tomoko. Nicht nur weil er Japaner war und ihre Grenzen kannte – seine Liebe hatte jene Ergebenheit, jenen bedingungslosen Respekt für das, was Tomoko als Mensch darstellte. Im Vergleich kam mir meine eigene Leidenschaft wie das Spielen mit einem Tierchen vor, dessen Intelligenz einen reizt, das man neckt, um es zu mehr herauszufordern, letztlich aber ebensowenig begehren wie verabscheuen kann, weil es einfach zu süß ist. Mit einem gewissen Instinkt für die Quelle von Widersprüchen hatte Tomoko in mir zugleich Gefahr und Schutz gesucht. Ich konnte sie vor allem schützen, außer vor mir selbst. So war sie nach einem wunderbaren halben Jahr schließlich das Opfer einer dieser Taten geworden, die bewiesen, daß die Offenheit, die sie an mir bewunderte, auf Skrupellosigkeit beruhte.

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„Bist du noch da?“ fragte Tomo, und seine Angst war so klar hörbar wie früher ihre. „Ich wollte dich nicht beleidigen damit.“

„Es geht mir nicht darum, dich auszutricksen, indem ich dir falsche Informationen über mich gebe“, sagte ich. „Eher im Gegenteil – ich möchte meine Unsicherheit mit dir teilen.“

Meine Stimme wurde weich. Ich spürte, wie er am anderen Ende der Leitung zu zittern begann.

„So erkläre ich mir selbst mein Verhalten“, setzte ich etwas nüchterner fort, aber die Wirkung würde dadurch nur stärker werden. „Es ist ein Versuch, Nähe zu erzeugen. Ich mache es immer so: Ich ziehe jemanden in eine gemeinsame Verwirrung, in der er durch ein unlösbares Problem auch an mich gefesselt bleibt.“

Tomo blieb stumm auf dem Bett hocken. Ich wußte, daß er auf der miefenden Matratze saß und ins Wohnzimmer des Hauses gegenüber spähte. Die beiden jüngeren Kinder lagen wahrscheinlich auf dem Bauch und spielten mit ihrer Playstation, während die Mutter ab und zu im Hintergrund auftauchte, um etwas an seinen Platz zu rücken oder zu Reiningungszwecken kurz zu entfernen. Womöglich kam gerade der Großvater, in eine Polarjacke gehüllt, aus dem kleinen Badehaus auf dem Dach, und in dem kurzen Augenblick, bevor er die Tür zuzog, schoß eine Dampfwolke in den grauen Oktoberabend und verpuffte in einer halben Sekunde um seinen runzligen Kopf.

„Bist du zu allen Menschen so oder nur zu bestimmten?“ stieß mein schwieriger Verehrer schließlich hervor. Er konnte nicht lügen. Er konnte es nicht, und ich wollte es nicht.

„Es ist ein Verhalten, das mittlerweile wohl ein fester Bestandteil meines Charakters geworden ist. Aber es gibt sicher Menschen, gegenüber denen meine Ambivalenzen stärker ans Tageslicht treten. Vielleicht auch deshalb, weil sie empfänglicher sind. Du zum Beispiel bist sicher ein dankbares Opfer.“

„Oh, ja.“

„Du hast selbst eine große Sehnsucht, Unsicherheiten zu teilen.“

„Du glaubst ja gar nicht, wie groß.“

„Es ist leicht, jemanden in den Hals zu beißen, wenn er schon den Kopf in den Nacken legt.“

„Mit dieser Vorstellung werde ich schwer einschlafen können“, seufzte Tomo. Ich konnte hören, wie er irgendetwas mit dem Fuß verschob. „Schon deshalb, weil es nazu notwendig ist, den Kopf zurückzulegen.“

„Träum trotzdem süß, wenn der Schlaf dich dann doch übermannt! Bis demnächst.“
Fortsetzung folgt

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