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Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 22

langeweile

Roman von Anfang an lesen


Ich fummelte den mitgelieferten Umschlag auf, der wahrscheinlich eine englische Version des Handbuchs enthielt. Gammas Antworten wurden länger, nachdem sie sich warmgeredet hatte, und verloren ihre unfreiwillige Prägnanz. Auf die Frage nach den menschlichen Beziehungen reagierte sie mit einer langen Liste von Namen, die angeblich zu komplexen, aus Nicht-Können und Nicht-Wollen zusammengesetzten Biographien gehörten. Ich kannte einige der betreffenden Personen und wußte, daß es sich um reine Phantasiegespinste handelte. Genauer gesagt, erfand Gamma, fast schon gewohnheitsmäßig, psychologische Widerstände, die den anderen daran hinderten, sie liebevoll oder freundlich oder wenigstens fair zu behandeln. In einer Art von emotionaler Notwehr zog sie grausame Mütter, schizophrene jüdische Identitäten und mißglückte Schwangerschaften wie Kaninchen aus den Andeutungen, mit denen diese sogenannten Freunde ihre Neugier irgendwann befriedigt hatten, und erklärte so das Unerträgliche weg: die niederschmetternde Möglichkeit, daß sie einfach nicht liebenswert war.

>>>Frage: Gibt es etwas Kontinuierliches in deinem derzeitigen Leben, was dir Halt gibt?

Antwort (zuerst lachend): Naja, das konsequente Fehlen eines Privatlebens, an das man sich allmählich gewöhnt. Na, und natürlich meine Tütensuppen. Ich packe ja einmal die Woche beim asiatischen Supermarkt meinen Korb bis obenhin voller Instant Ramen. Das ist mein Mittagessen auf der Arbeit, jeden Tag. Hat wahrscheinlich keine müde Kalorie, aber dieses Brennen in der Kehle gibt mir Kraft.>>>

Konnte es das überhaupt geben: einen Menschen, der nicht liebenswert war? Während ich den Finger unter die Lasche des Umschlags schob und ihn langsam aufriß, suchte ich in Gammas aufgeschwemmten, von den Medikamenten wie mit einem speckigen Radiergummi bearbeiteten Zügen nach den Anzeichen eines Liebesobjekts. Seit Platons Symposion hatten wir uns daran gewöhnt, die Ursache der Liebe allein im Liebenden zu finden – sein Begehren, jener rätselhafte Mangel im Herzen seiner selbst, der ihn unwillkürlich auf die Suche schickte und aus jeder kleinen Ähnlichkeit mit dem Unmöglichen ein verlockendes Trugbild formte, auf das er, zumindest für eine Nacht oder für ein paar Jahre, hereinfiel. Der Geliebte war nur ein mehr oder weniger zufälliges Opfer, und so gesehen konnte, sollte, ja mußte jeder geliebt werden. Was für eine Perfidie im Grunde – das höchste Glück, die existenzielle Vervollkommnung des Menschen ganz in die Hände des Zufalls zu geben, während doch das Ausbleiben desselben Zufalls mit immer schlimmeren Argumenten dem Unglücklichen selbst zur Last gelegt wurde. Gamma sah man das Ungeliebtsein schmerzhaft deutlich an, und das monströse Bedürfnis, das beim leisesten Vorzeichen einer Begegnung in ihrer tiefen, weichen, immerzu um Verzeihung bittenden Stimme hochzuklettern begann und den anderen anstarrte wie durch Gitterstäbe, reichte aus, um auch die wenigen Gutherzigen in die Flucht zu schlagen, an die sie sich wandte.

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Der Umschlag enthielt einen handgeschriebenen Brief und eine selbstgebrannte CD. Ich mußte zweimal lesen, ehe mir aufging, daß sich hinter den Namenskanji (Miyairi wurde das vermutlich ausgesprochen) der toupierte Verkäufer aus Akihabara verbarg, der mich so verantwortungsvoll betreut hatte. Die CD enthielt drei Songs, die er erst in der letzten Woche geschrieben und in seinem Zimmer aufgenommen hatte. Der letzte sei durch unser Gespräch inspiriert.

Ich legte die CD in den Player. Gamma redete unerschütterlich weiter. Zwischendurch fragte sie selbst ihren unsichtbaren Interviewer: „Wollen wir mal Schluß machen, du schaust schon so müde?“ – mußte aber dann doch noch irgendeinen Gedanken über ihre Mutter zu Ende bringen, der es wegen eines tatsächlichen oder tatsächlich unterbliebenen Anrufs aus Budapest nicht gut ging und die ein paar kranke tatenlose Tage damit verbrachte, ihre Allergien zu differenzieren. Die ersten Takte des ersten Songs namens The People Who Know verwandelten Gammas Sorgen in ein cooles Krautrock-Intro. Miyairi spielte Gitarre und bastelte offenbar den Rest am Computer zusammen. Wie so viele Japaner sang er gut, aber anders als sein glattes Verkaufsgezwitscher hatte die Singstimme einen rauhen, spröden und sehr verletzlichen Klang. Er formte die englischen Worte wie zu große Brocken eines harten Gebäcks, von dem man nicht weiß, wie man es zerbeißen soll. Exotisch, aber ohne japanischen Akzent.

Soweit ich ihn beim ersten Mal verstand, handelte der Song von einem Schulfreund, den man nach Jahren wiedertrifft und der in seiner alten Verweigerungspose unangenehm vergreist und verbittert ist. Didn’t you say: Take me off the list? Now don’t you complain that you won’t be missed – by the people who know who is yes and who’s no...? Der zweite Song variierte dieses Thema, indem er aus der Perspektive eines vergangenen Ichs (des Fünfzehnjährigen, der damals am Ende einer langen Nacht beschlossen hatte, sich nicht umzubringen) Fragen an das gegenwärtige Ich formulierte. School’s over, what did you expect? ging der Refrain – And am I, am I, am I anything but talented, talented, talented now? Und im Hintergrund, wie jemand, der zufällig ins Zimmer kommt, flüsterte dieselbe Stimme schüchtern: Tender! – und, beinahe noch zarter, von der andern Seite: Proud!

Der letzte Song klang wie eins der LoFi-Homerecordings von Lou Barlow. Miyairi begleitete sich nur mit der Gitarre, er beschränkte sich darauf, einen traurigen schrägen Akkord mit zwei, drei Intervallen zu einer melancholischen Hookline auszubauen, und der Gesang bekam dadurch die Intensität einer Verzweiflung, die totale Gleichgültigkeit trägt. Das Lied hieß Elegy. Ich hörte es zweimal, dreimal. Gamma war schon lange fertig, als ich es noch immer hörte, Satoko war mit bekleckerter Schürze aus der Küche gekommen und saß neben mir auf der Couch. Der Lautstärkeregler stand kurz vor dem Anschlag.
Don’t believe I’m pleading, angel, and even if I did –
you don’t come. And my calling is always
full of a single direction. Against such a strong current
you cannot walk. Like a stretched out arm is my calling.
And its hand, fit to grasp, open on top, stays open
before you, like defense and warning.
Inconceivable, wide open.
Zum Schluß (wide open, wide open...) setzten verzerrte, auf dem Keyboard bewußt billig programmierte Streicher ein und bewegten sich in einem langsamen, auf der Stelle bleibenden Schreiten wie bei Mahler durch unverbundene, einander fremde harmonische Welten.

Ich hätte weinen mögen. Satoko summte. Das Telefon klingelte los. Der Song begann von vorn, ich hatte auf REPEAT gestellt. „Das Essen wird kalt“, sagte Satoko, ohne aufzustehen. „Der Apparat hält den Reis warm, aber das Nikujaga wird kalt.“ Ich überlegte, ob ich S. dazu überreden konnte, die Produktion einer professionellen CD zu finanzieren, auf die man dieses Lied in genau der Wohnzimmerversion, die wir hörten, als letzten Track packen würde. Aber Miyairi wollte nicht berühmt werden. Er hatte es sehr ernst gemeint, dessen war ich mir sicher (oder wollte es sein). Selbst wenn jemand ein paar Millionen Yen spendierte, würde er keinen Vertrag unterschreiben, der ihn zu Marathon-Interviews, Fernsehauftritten in Koch-Shows und Signierstunden bei HMV Shibuya verpflichtete. Was mich an Elegy beeindruckte, war vielleicht gerade der einfache, unaufgeregte Ernst, mit dem es komponiert und eingespielt war. Bei allem Pathos strahlte die Musik eine sehr erwachsene Ruhe aus, so als sei der Jugendliche auf seiner Reise durch die Zeit einem hundertjährigen Ebenbild begegnet, und die beiden hätten sich für fünf Minuten zusammengesetzt. Ich ließ den Song noch ein letztes Mal laufen, ehe wir zum Essen in die Küche gingen. Das Klingeln hatte unterdessen aufgehört.
Fortsetzung folgt

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