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Dienstag, 1. Juli 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 21

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Roman von Anfang an lesen


Deprimiert von der Einsicht in meine Konfliktlosigkeit, machte ich mich auf die Suche nach dem entscheidenden Ereignis, das mein Leben auf die Bahn eines großangelegten Scheiterns zurückwerfen würde. Als am nächsten Morgen das Paket mit dem Videorecorder angeliefert wurde, versuchte ich eine Hürde darin zu erkennen. Was war der dazugehörige Selbstentwurf? Welche Hoffnung gefährdete dieser überraschend leichte Karton, dieses Styropor, diese wohldurchdachte Plastikverpackung? Die einzigen echten Widerstände, gegen die ich während der nächsten Viertelstunde kämpfte, waren Stecker, unbeschriftete Anschlüsse und Programmieranweisungen in Japanisch. Dann funktionierte alles tadellos.

Satoko hatte voller Begeisterung den Reiskocher ausgepackt und sich in die Küche verzogen. Sie übernehme das Mittagessen. Obwohl sie schlecht geschlafen hatte, schien die Müdigkeit wie weggeblasen.

Nach dem zähen Termin im Hotel überlegte ich ernsthaft, ob ich die Kommissionsarbeit sausen und mich ganz von S. aushalten lassen sollte. Nachdem seine Scheckkarte (eine von den weniger wichtigen) sich einmal in meinem Besitz befand, fiel es gar nicht so leicht, sie wieder aus der Hand zu geben. Verglichen mit dem, was er für meine Eskapaden ausgab, stellte mein Lebensunterhalt eine lächerliche Summe dar, zumal ich ohnehin in seinem Haus wohnte, aber das entspannte Glück unsrer Beziehung schien doch davon abzuhängen, daß sie auf Verschwendung beruhte. S. warf Geld für etwas zum Fenster hinaus, was ich zu genießen wußte und trotzdem nicht brauchte – und ich legte meine Bereitschaft, geliebt zu werden, ganz in seine Hände, ohne ihm auch nur den kleinsten Knochen meines Begehrens zu geben. Das empfindliche Gleichgewicht würde durch eine solide ökonomische Abhängigkeit durcheinandergeraten.

Andererseits – konnte ich nicht ganz gut ein kaltblütiger Betrüger sein? Konnte ich vielleicht ein Vergewaltiger sein? Konnte ich nicht sogar ein Mörder sein? Die Antwort lautete auf alle Fragen ja, aber ich war bereits zuviele meiner Möglichkeiten. Was fehlte, würde kaum in einer weiteren Chance zum Leben erwachen. Es mußte mir vielmehr gelingen, wenigstens mit einer meiner Reaktionen bis zum Ende zu gehen. Bis zu irgendeinem Ende. Dort erst würde das Reale warten.

waschbaer

>>>Gamma sitzt auf dem schwarzen, wackeligen Stuhl am Küchentisch, wo sie immer sitzt, wenn sie mir bei meinem Abendessen gegen Mitternacht Gesellschaft leistet. Sie raucht nicht, weil mich das beim Essen stört, aber der verschließbare kugelförmige Aschenbecher, den sie letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hat, steht auf dem Tisch neben einer Vase mit (vermutlich selbstgeschenkten) blaßgelben Rosen. Das Licht der Deckenlampe kriecht über die halboffenen Knospen, macht einen großen weißen Fleck auf den Tisch und schafft es von dort bis zu ihren nackten dicken Oberarmen. Das Gesicht bleibt weitgehend im Dunkeln, die Züge verwischt.

Sie wirkt bedrückt, doch das mag an der Kamera liegen. Gibt es einen Kameramann, oder ist das Gerät in dieser Einstellung fixiert? Ihre Finger spielen mit den letzten Marzipankartoffeln, die ich bei meiner Abreise vor einem Jahr zurückgelassen habe. Die müssen hart wie Kieselsteine sein. Eine Männerstimme aus dem Off stellt die erste Frage. Berliner Akzent. Einer ihrer Waschbären, wie sie die Typen nennt, die sie irgendwann sitzengelassen haben und die sie noch liebt. Man merkt, daß er vom Blatt abliest.

Frage: Wie fühlst du dich jetzt?

Anwort: Och, geht so. Nix Besonderes im Büro (ironisch auf der ersten Silbe betont), und das ist eigentlich gut. Chef war freundlich, obwohl er den ganzen Tag vielleicht drei Sätze mit mir gewechselt hat. Die Chefeline hat mir zwischendurch anvertraut, daß er Anfang des Jahres die nächste Operation hat, und danach wird er sechs Wochen, ja, volle sechs Wochen gar nicht arbeitsfähig sein, und wir haben die Einreichungen für alle wichtigen Filmförderungen im März. Na, und jetzt bist du da und stellst Fragen, was natürlich den Höhepunkt des Tages darstellt, wenn nicht der letzten Wochen.

Frage: Was ist zur Zeit dein schwierigstes Problem im Leben?

Antwort (nach längerem Nachdenken): Einsamkeit.

Frage: Worauf bist du am meisten stolz?

Antwort: Auf welche Leistung in der letzten Zeit..., müßte es eigentlich heißen. Ja, worauf? Darauf, daß ich mit Michaels Abwesenheit relativ gut zurechtkomme. Er ist natürlich immer hier, der werte Herr – in der geruchsdichten Verschlossenheit dieses Aschenbechers, in all den Dingen, die er hier zurückgelassen hat und die ich natürlich sorgsam hege und pflege... Aber es hat mich jetzt nicht sooo schlimm mitgenommen, wie ich befürchtet hatte. Weißt du, ich werde ja immer in Situationen psychotisch, wo es ums Abschiednehmen geht, ja. Das erste Mal damals mit Verwoert. Im Grunde hat er mich in den Wahnsinn getrieben, als wir zusammen waren, mit diesen widersprüchlichen Signalen, die mich unentwegt zwischen den Rollen der Begehrten und der Verabscheuten hin und her geschubst haben. Aber ausgerastet bin ich amüsanterweise erst, nachdem er weg war. Wie bei einem Migräneanfall, der einsetzt, wenn die Durchblutungsstörung im Gehirn vorbei ist und das Blut wieder strömt.

Frage: Wie hoch ist zur Zeit die Tablettendosis, die du nimmst?

Antwort: Mit der Grunddosis bin ich bei zweihundert Miligramm täglich. Man kann sie bis auf hundertfünfzig reduzieren – das habe ich kurze Zeit getan, damit wurde es aber schlechter. Und sechshundert sind das Maximum, was man sich selbst verabreichen kann. Wenn die nichts mehr helfen, geht es in die Klinik. Dann gibt es noch Extrapillen, die nehme ich, wenn ich merke, daß es mir nicht gut geht und die Dinge so anfangen zu schwimmen, weißt du...wenn es anfängt, so an einen Trip zu erinnern, von dem man nicht wieder runterkommt...>>>

Ich spulte ein Stückchen vor. Im Zeitraffer fiel auf, daß Gamma beim Reden ziemlich heftig auf ihrem Stuhl herumruckelte. Sie trug ein khakibraunes Unterhemd, und bei manchen Bewegungen rutschte ihre linke Brust unter dem Träger heraus und baumelte halb im Hellen, halb im Dunkeln.

Fortsetzung folgt

waschbaer2
Sonnenschutz Ingo (Gast) - 3. Jul, 16:14

...

Hi

in deinem Blog werden bei mir sämtliche Umlaute als komische Zeichen dargestellt. Anstatt einem o mit Pünktchen steht nur so was da wie "ö"...

Ist da was mit deiner Zeichensatzcodierung im Blog durcheinander gekommen, oder liegt das eventuell an meinem Rechner?

Ingo

allesfliesst - 3. Jul, 22:20

Hm...seltsam, höre ich zum ersten Mal, habe leider auch keine Ahnung, woran das liegt. Die Texte sind aus 'ner Word-Datei kopiert, was aber eigentlich kein Problem sein sollte. Vielleicht mal mit einem anderen Browser angucken?

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