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Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 16

reiskocher1

Roman von Anfang an lesen

„Reiskocher“, lautete das Wort, mit dem Satoko mich zu Hause empfing. Sie hockte auf den Fersen vor der Glastür zum Garten. Das Zimmer lag im Dunkeln. Mit der winzigen Taschenlampe im Anhänger ihres Handys leuchtete sie in den einsamen Innenhof des Hauses hinaus.

Ich trat neben sie und preßte meine Nase an die Scheibe. Der Abend war kalt. Ihr dünner zittriger Lichtfinger ertastete einzelne Steine, die wie schlafende Reptilien aus dem Moos aufragten und leise zu atmen schienen. Die Oberfläche des Teiches wurde von unsichtbaren Insektentritten gespannt.

„Du wolltest wissen, was ich am liebsten mag. Ich glaube, es sind Reiskocher. Findest du das doof?“

Auf einmal machte das Handy ein kurzes Geräusch, der Anfang eines bekannten Klavierstücks, aber nicht einmal der ganze erste Takt. Es erschreckte mich, als sei die Lampe heruntergefallen.

„Eine E-Mail.“ Sie bat um Verzeihung. „Ich schalte es immer auf laut, aus Angst, ich könnte...jemanden verpassen. Mein Bruder.“ Sie drückte wiederholt auf eine Taste, und durch das grüne Quadrat huschten Kanji. „Er fragt, ob ich morgen abend mit ihm auf ein Konzert gehen will. Im Liquid Room in Shinjuku. Ist es schlecht für ein Baby, wenn die Mutter, äh – hüpft?“ Sie machte eine Kaugummiblase und ließ sie zerplatzen.

„Es wird völlig plemplem von dem Gerüttel“, antwortete ich lachend und stapfte mit meinen Taschen in die Küche. „Und nachher muß es kotzen, und du hast dann die Grütze im Bauch!“

Ihr schrilles, spitzes Kichern drang herüber. Wir lachten beide mehr, als notwendig gewesen wäre, jeder in seinem eigenen Raum. Niemand wollte dieses erste bißchen Wärme zwischen uns verschenken.

„Was symbolisiert ein Reiskocher für dich?“ fragte ich Satoko, die mir schnell gefolgt war, ehe die Heiterkeit verflog. „Ich meine, abgesehen davon, daß er mit deinem Vater verknüpft ist. Als Symbol scheint er mir eher etwas Mütterliches zu sein.“

Satoko nickte lebhaft, und ich staunte, daß ihr diese psychoanalytische Sicht so einleuchtete. Aber in einer Kultur, deren Sprache für Mutterkomplex sogar eine eigene Abkürzung hatte und in der verheiratete junge Männer sich als „homosocial“ (Tomo) bezeichneten, als sei der Begriff aus der Titelstory der neuen GQ, war die Popularisierung Freuds wahrscheinlich sogar noch weiter vorangeschritten als bei uns. „Meine Mutter hat natürlich immer das neueste und beste Modell zu Hause“, sinnierte sie schmatzend und nahm jetzt auf dem Küchenstuhl die alte Hockstellung ein. „Manchmal streitet sie sich mit meinem Vater, weil sie den alten Reiskocher behalten will und er schon wieder einen anderen anschleppt. Er ist immer der Techniker, und sie ist die Hausfrau. Sie liebt die Dinge in ihrer Küche. Sie sagt, sie kennt die Töpfe, das Geschirr und die Instrumente, mit denen sie täglich umgeht, wie ihre Familie, aber für meinen Vater sind es nur seelenlose Maschinen.“

Sie tippte nebenbei eine Antwort an ihren Bruder. Der Inhalt der dritten Tüte paßte nicht mehr in den Kühlschrank. Ich nahm alle Dosen und Gläser wieder heraus und untersuchte die Etiketten nach dem Haltbarkeitsdatum und dem Hinweis auf Konservierungsstoffe.

„Ja, vielleicht lieber als Reiskocher mag ich alte Reiskocher“, sagte Satoko mit einem kurzen Flackern in ihrer Stimme, nachdem die Nachricht abgeschickt war. „Ein alter Reiskocher – das ist ein Symbol für die Liebe. Ziemlich kindisch, was?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe übrigens keinen. Ist dir wahrscheinlich schon aufgefallen.“

Sie nickte und spuckte den Kaugummi in das Loch ihrer oben geöffneten Faust.

Fortsetzung folgt

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