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Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 15

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Roman von Anfang an lesen

3.

Der penetrante Lärm des Telefons quälte mich aus dem Vormittagsschlaf. S.‘s Stimme klang warm und freundlich wie immer. Er entschuldigte sich allerdings nicht.

„Bist du aufnahmefähig? Ich habe eine Bitte. Sie betrifft das Haus.“

***

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Die Geschichte setzte sich nach und nach bei einer Tasse Kaffee zusammen, die ich gegen meine Gewohnheit in winzigen Schlückchen trank. Eine sehr junge Kollegin aus der Buchhaltung war schwanger geworden. Schon im siebten Monat angekommen, ohne daß bislang jemand etwas gemerkt hatte, war sie ihrem Chef gestern abend auf dem Dachgarten des Firmenhochhauses aufgefallen, wie sie mit einer Unkrautschere am Drahtnetz der Sicherheitsumzäunung herumschnippelte. Nach mehreren Gläsern Whisky gestand die Frau schließlich, sie habe vorgehabt, sich umzubringen, weil es unmöglich werde, ihren körperlichen Zustand länger geheimzuhalten, und andererseits für eine Abtreibung viel zu spät sei. Der Vater, ein verheirateter Mann aus derselben Firma, dessen Namen sie nicht preisgab, hatte sie über ein halbes Jahr hingehalten – versprochen, sich von seiner Frau zu trennen, ihr eine Existenz im Verborgenen nahegelegt, taktiert, ihr Verliebtsein und ihre Unerfahrenheit ausgenutzt, um sein Doppelspiel zwischen Ehe und einer weiteren Geliebten auf die Spitze zu treiben. Dann hatte er sich plötzlich ins Ausland versetzen lassen und das arme, völlig verängstigte Mädchen mit einem bösen Abschiedsbrief zurückgelassen, in dem er drohte, für ihre Entlassung zu sorgen, falls sie jemandem von der Affäre erzähle. Nun saß sie da mit einem dicken Bauch und konnte weder zur Arbeit noch zu ihren Eltern, bei denen sie wohnte, zurück. Ob es in Ordnung sei, ihr für die Zeit bis zur Entbindung das freie Zimmer zu geben, fragte S. Ja, das Teezimmer. Inzwischen werde er sich um ein kleines billiges Apartment kümmern und ihr einen Telearbeitsplatz verschaffen.

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Satoko stand noch am selben Abend vor der Tür. S war beim Haus ihrer Eltern vorbeigefahren, hatte die Mutter beruhigt, vermutlich diskret die Möglichkeit ins Spiel gebracht, daß er nicht nur der Chef, sondern auch der heimliche Geliebte der Tochter und der angehende Schwiegersohn sei, die Verwirrung ausgenutzt und ein paar Sachen für die nächste Zeit in eine große Sporttasche gepackt. Das jedenfalls erzählte er später. Das erste, was ich sah, waren Satokos schiefe Schultern – die Tasche stellte ein zu großes Gewicht dar. Das sanfte Scharren, das sich hinter den Pinien der Nachbargärten entfernte, schien mir zu S.‘s Mercedes zu gehören. Satoko trug einen schwarzen Mantel. Ihre Hände hingen schlaff an den Gelenken. Der Kopf war gesenkt. Es sah jämmerlich aus. Wahrscheinlich hatte sie nicht einmal selbst auf die Klingel gedrückt.

Es dauerte einen Augenblick, bis sie meiner Aufforderung folgte und eintrat. Ich lachte ein bißchen und schimpfte auf S. – er hätte sich wirklich die Zeit nehmen können, uns einander vorzustellen, usw. Sie sagte ernst und und beinahe feierlich, er habe ein Geschäftsessen und sich bereits verspätet. Sie schäme sich deswegen. Dann folgten eine Menge Entschuldigungen an meine Adresse. Und dann weinte sie und hörte wieder auf.

Satoko ließ sich aus dem Mantel helfen und auf einen Stuhl eskortieren. Sie war wie eine durchschnittliche, langweilige Angestellte gekleidet. Sie verhielt sich auch so. Unter Aufbietung all meiner japanischen Konversationskenntnisse mühte ich mich während der ersten Stunde unseres Zusammenwohnens, ein Gespräch über Allerweltsthemen am Leben zu erhalten, während wir uns am Küchentisch gegenübersaßen und mein Abendessen teilten. Sie war in einem kleinen Ort in Kansai in der Nähe von Nagoya geboren und mit sechs Jahren nach Tokyo gekommen. Ihr Vater arbeitete als Verkäufer in einem großen Warenhaus für Elektrogeräte. Sie hatte zwei ältere Schwestern und einen jüngeren Bruder, der davon träumte, Sänger zu werden, und die Eltern mit schlechten Zeugnisses quälte. Sie war siebzehn Jahre alt.

„Kochst du gern?“

Sie schüttelte entschuldigend den Kopf.

Keine besonderen Hobbys. Kein Interesse an Literatur. Abends nach dem Büro sah sie fern oder blätterte in Illustrierten. Kino war ihr ein bißchen zu teuer. Im ersten Jahr verdiene sie noch nicht soviel. Wieder Tränen, wieder eine kleine, überschaubare Portion.

„Was magst du am liebsten?“ fragte ich resigniert, so allgemein wie möglich, in der schwachen Hoffnung, vielleicht irgendetwas in der Weite unsres Universums zu entdecken, an das sie einen Hauch von Begehren knüpfte.

Satoko leerte ihr Schälchen mit Sesamgemüse sorgsam bis zum letzten Spinatblatt und trank auch den verbliebenen Saft. Die Augen, die über dem blauen Rand auftauchten, verrieten Hunger. Natürlich, sie war schwanger. Ich bot an, noch einmal zum Convenience Store zu gehen, sofern sie inzwischen ihr neues Zimmer inspizieren und vielleicht im Wandschrank nach Futons und Bettzeug sehen wollte. Sie willigte dankend ein.

„In welchem Sinne mögen?“ hielt sie mich auf der Türschwelle zurück – und wie sie langsam die enge Treppe heruntergestakst kam, mit dicken, wackligen Beinen, denen man die Last der letzten Wochen ansah, ein Laken beschnupperte, ganz unbewußt, als suche eine verdrängte Hoffnung in ihr nach dem vertrauten Geruch eines Mannes, wurde mir auf einmal seltsam warm und behaglich zumute. Ich hatte nie daran gedacht, eine Familie zu gründen. Solche Pläne lagen mir auch jetzt völlig fern, aber für eine gewisse Zeit würde es zwangsläufig so sein, als ob dieses Mädchen und ich die Eltern wenn nicht des Kindes in ihrem Leib so zumindest eines Problems wären, das der gemeinsamen Pflege bedurfte. Ihre Verlassenheit, ihr seelisches Elend, das wie überdehnte Haut in Falten hängende Mittelmäßige des schon verbrauchten Teenagerlebens war geradezu mit Händen zu greifen. Doch es fühlte sich irgendwie weich und ganz interessant an – etwas eklig, etwas, als ob man Pizzateig knetet. Mal sehen.

027m

Satokos stille Verzweiflung, schien mir, war nur eine etwas intensivere Trägheit. Es lag etwas häuslich Gemütliches in ihrem Leiden. Während ich den Einkaufskorb mit Eiern, eingelegten Gurken, Thunfisch aus der Dose, Schokoladenriegeln und so ziemlich allem füllte, worauf eine Schwangere in meiner Phantasie Appetit bekam, sah ich uns beide vor dem Fernseher liegen, schwachsinnige Spielshows gucken und fressen. Mit einem leisen Rülpser fischte Satoko die letzten Cheese-and-onion-Chips aus der Rolle. Ihre hochgerutschte Bluse entblößte dabei den sonderbarsten Nabel, der mir je begegnet war. Der Junge an der Kasse mußte zweimal die Summe ausrufen. Es handelte sich in der Tat um eine Begegnung – der Anblick verwirrte mich wie ein Wasserstrudel, der sich in die falsche Richtung dreht. Der Unterschied war zu gering, um aufzufallen, aber da ich ihn versehentlich bemerkt hatte, schien er auf einmal die Welt aus den Angeln zu heben.

Fortsetzung folgt

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