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Die Verbindungen mit »no«




Die wörtliche Übersetzung dieser Formulierung laute „der
Geschmack der ersten Liebe“, sagte Herr Nakayama, der japanischere der beiden Japanischlehrer.

Sie machten ihm Spaß, diese etwas anzüglichen oder romantischen Scherze. Die Gruppe wußte es mittlerweile. Wir lachten. Frau Schump, die älteste unter den Teilnehmern und die mit den größten Problemen beim Lernen, stimmte wie immer am lautesten ein.

Herr Nakayama zupfte das grüngrau gemusterte Seidentuch zurecht, das sorgfältig gebunden in seinem Hemdkragen steckte, während er den Erfolg der Pointe genoß. Er warf seinem Kollegen einen raschen Seitenblick zu. Herr Miyahira bestätigte den Inhalt oder den Effekt der Bemerkung mit einem ebenso routinierten Nicken. Dann ging der Unterricht weiter.

„Die Partikel no verbindet zwei beliebige Substantive“, erklärte Herr Nakayama und kehrte zu den regulären Beispielen im Lehrbuch zurück: jûgyô no owari, das Ende der Lehrveranstaltung; chûshoku no jikan, die Zeit zum Mittagessen; taikutsu no musô, der Tagtraum aus Langeweile...

„Wie Ihnen auffällt, gebraucht man im Deutschen den Genitiv oder ganz verschiedene Präpositionen, die jeweils die Beziehung zwischen dem einen Wort und dem andern genau definieren. Im Japanischen bleibt die Beziehung dagegen unbestimmt. A no B – das kann alles Mögliche bedeuten. Manchmal wird es aus dem Kontext klar, aber oft interessiert es die Japaner auch gar nicht. Für Nichtjapaner ist das verwirrend.“

Ich war nicht verwirrt. Jedenfalls nicht von der Unbestimmtheit. Mir fiel auf, daß die meisten Beispiele in unserm Sprachlehrbuch sich mit der Sehnsucht des Schülers verschworen, von den lästigen und frustrierenden Mühen des Lernens befreit zu werden. Ob es eine bewußte, anbiedernde Geste der Autoren war – ein zwanzig Mann starkes Expertenteam aus Tsukuba, das dem Vorwort zufolge sieben Jahre geforscht hatte, um die neue Einführung in realistisches Alltagsjapanisch zu entwickeln? Oder ein Symptom ihres eigenen inneren Widerstands gegen diese Dummheit, in die das Üben einer Fremdsprache erwachsene, des Denkens fähige Menschen einschließt, wenn es sie zwingt, mit dem Vokabular eines dreijährigen Kindes um etwas zu essen, ein paar Briefmarken, eine Wegbeschreibung zu bitten? Es war mir von Anfang an peinlich gewesen, diese aufmüpfigen Beispielsätze zu lesen. Und noch peinlicher, selber welche erfinden zu müssen, denn wir alle verfielen, wenn die Reihe an uns kam, fast zwanghaft auf denselben Typ von mehr oder weniger albernen Unverschämtheiten. Wir gaben Beispiele unserer Unlust an dem, was wir hier seit zwei Wochen freiwillig taten. Die Studenten zumindest.

Herr Nakayama und Herr Miyahira ließen sich davon nicht aus der Rolle bringen. Sie waren Profis als Lehrer und Profis als Japaner. Die Internet-Communities zum Thema Weiterbildung priesen ihre Intensivkurse während der Semesterferien als das Beste, was man für Geld bekommen konnte. Und tatsächlich bildeten der kleine Mann mit der weißen Strähne im Haar, dem eleganten dunkelblauen Anzug (immer demselben), den schlanken Fingern und dem leisen, wie Papier raschelnden, manchmal nur gehauchten Japanisch und sein untersetzter, normalerweise karierter Kollege nicht nur ein kurioses, faszinierend widersprüchliches Paar – sie bearbeiteten uns von zwei Seiten auf sehr wirksame Weise, formten mit den Worten, die sie jeden Dutzende von Malen wiederholen ließen, Haltungen und Gesten, die ich niemals zuvor an mir beobachtet hatte. Am Abend des dritten Tages erwischte ich meinen Oberkörper dabei, wie er sich am Telefon beim Nennen meines Namens verbeugte. Die Dame am anderen Ende (eine Sekretärin der Abteilung, in die ich im Herbst versetzt werden würde) stutzte – wohl bloß überrascht, von einem Ausländer in ihrer Landessprache begrüßt zu werden, aber es schien mir, als habe sie den Ruck durch meine Wirbelsäule wie ein Flackern im Rauschen des Äthers bemerkt.





„Wie hat die erste Liebe denn geschmeckt?“, fragte Sebastian.

Herr Nakayama blätterte in seinen Unterlagen zum Dialogtext zurück, um uns die Verbindungen mit no darin noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Dadurch blieben einige Sekunden nach dem Abklingen des Lachens unbesetzt. Sebastians Frage war nicht laut, er stellte sie eher sich selbst, langsam, fast wartend, als müßte da noch etwas hinterherkommen, dem er nicht weglaufen wollte. Aber das Dahergesagte sank mir ins Bewußtsein wie ein warmer Tropfen, der in einer langen feinen Spur die Kehle hinunterrinnt. Ich – Karsten – Regina – Frau Schump – der Juniorchef – und Ken, der deutsche Japaner: wir hatten es nicht nur gehört, wir alle wurden nach dieser Frage von einem physischen Wohlbehagen durchrieselt. Oder Unbehagen. Wie hatte die erste Liebe geschmeckt? Selbst Herr Miyahira blickte von dem Lehrerheft hoch, legte den Kopf schräg, schwieg und schien auf Deutsch oder Japanisch nach irgendetwas diesseits von Worten zu fahnden.

Es ist befremdlich, dachte ich, daß man sich an vergangene Gefühle präzise erinnert, ohne sie noch zu empfinden. Und noch befremdlicher, wenn Empfindungen noch da sind, ohne sich erinnern zu lassen. Der Geschmack? Ich wechselte die Suchbegriffe: Das...Aroma meiner ersten Liebe – Mirja...? Der Duft, ihre Schärfe – sie schmeckte...

„Nach Zigaretten“, beantwortete Sebastian die eigene Frage, nachdem noch einmal Zeit für drei oder vier Beispiele mit no verstrichen war.

Das Gelächter, das diesmal folgte, unterschied sich erschreckend deutlich von dem über Nakayamas Scherz. Es fiel an Heftigkeit ab, noch ehe es recht eingesetzt hatte, und nahm erst im Abklingen eine gewisse hartnäckige Prägnanz an. Doch vor allem war es keine gemeinsame, chorische Reaktion. Jeder schien mit seinem Lachen etwas anderes zu meinen. Sogar Frau Schump.

Lachen ist doch bloß ein Reflex, wollte ich mich wundern. Hatte ein Reflex, etwas aus Mundwinkeln und Zwerchfellkontraktionen, Macht, um Menschen derart voneinander wegzudrehen, jeden in sein eigenes, den andern unbekanntes Vergessen? Meine Augen suchten Regina. Sie polierte kopfschüttelnd die Brille und registrierte mich nicht.

Trotzdem (oder deshalb) hallte dieses Lachen lange in mir nach. Vor dem Wechsel ins Sprachlabor, als wir auf dem Korridor des Philosophenturms die japanische Radiogymnastik nachturnten, patzte ich kichernd bei den seitlich versetzten Sprüngen (was mir einen Extradurchgang mit Nakayamas Kommandos eintrug). Am Mensatisch, während Sebastian und Karsten studentisch moralisch über das Kyoto-Protokoll debattierten, rutschten Fetzen meines Putenschnitzels aus dem Mund, als sei die Unterlippe vom Zahnarzt betäubt, und beim Abschied auf dem toten, windgepeitschten Campus fragte Ken, was mich eingefleischten Gähner und Genervtausseher so fröhlich mache. Noch im Einschlafen kroch ein Echo jenes Lachens mit der ruhigen, abwartenden Gründlichkeit der Worte, die es ausgelöst hatten, von den Zehenspitzen her meine eiskalten Beine entlang. Es begleitete mich durch einen Traum, wo ich auf einer panischen Flucht durch vergaste U-Bahnschächte und von Kakerlaken wimmelnde Abwassertunnel immer wieder den Namen Mirja Moderson summte. Mirja Moderson war meine erste Liebe gewesen, und ihr erster und einziger Kuss hatte nach einer komischen schwedischen Zahnpastamarke geschmeckt. Was nicht stimmte, wie ich sofort nach dem Aufwachen erkannte.





So verewigte Sebastian seinen ungleich bedächtigeren Rhythmus des Fragens und Antwortgebens in meinem Leben: ein weißblonder Ethnologiestudent mit grauen Augen, abrasierten Brauen und langen, aufgerollten Fingernägeln, von denen man eigenartigerweise nichts merkte, bis er einen berührte. Sebastian flog überraschend vor mir nach Japan. Er studierte zwei Semester in Nagoya, während meine Firma zunächst einen Kollegen nach Tokyo schickte, und als ich schließlich die nächste frei gewordene Stelle in der japanischen Vertretung bekam, packte er schon wieder die Koffer.

„Du lebst dich schon noch ein“, sagte er mehrmals an dem zähen, für einen Neuanfang zu kurzen Nachmittag, an dem wir uns dann doch trafen. Sebastians Maschine nach Frankfurt ging am selben Abend, und wir hievten in einer Spielhalle nahe dem Hauptbahnhof von Nagoya stundenlang mit einem Kran Plüschtiere aus labyrinthischen Dschungellandschaften, bis sie irgendwann an einem Ast hängenblieben und wieder herunterplumpsten. Nebenan konnte man dasselbe mit lebenden Krebsen versuchen.

„Hast du einen von den andern aus dem Kurs hier wiedergesehen?“, fragte ich. „Die Fremde ist ja angeblich klein.“

„Den Juniorchef – letzten Dezember. Er hockte mit ein paar japanischen Kollegen in einem Restaurant. War wohl ’ne Art Weihnachtsfeier. Konnte kein Wort Japanisch, aber er schien sich wohl zu fühlen. Die waren alle sehr besoffen, sangen White Christmas und hatten viel Spaß.“


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