Song Sory #7: Fabulöse Muskeln

Es gibt zwei Arten von Dystrophinopathien (Muskelschwund): Duchenne und Becker-Kiener. Duchenne geht schneller, bei Becker-Kiener können manche mit vierzig noch selber laufen. D hatte eine schleppende Variante von Duchenne. Die Ärzte unterstellten zunächst, es sei Becker-Kiener, und er amüsierte sich die ersten Jahre seiner Pubertät damit, an jedem Samstagmittag abzuschätzen, über wieviele Frauen er bis vierzig noch rüberkäme. Aber als mit vierzehneinhalb klar wurde, dass es Duchenne war, lohnte es sich nicht einmal, die Prognosen noch nach unten zu korrigieren.
Der Tag mit der Entjungferung des Spaniels war kurz vor oder kurz nach dieser endgültigen Diagnose. Kurz davor oder kurz danach – die Ereignisse ändern ihre Bedeutung, je nachdem, wie man sie terminiert. A würde das Wort terminiert gut gefallen. Er mag Exaktheit, auch in persönlichen Dingen. Ich versuche, diesmal so exakt wie möglich zu schreiben: um seinetwillen, und weil da offenbar diese starke Ähnlichkeit zwischen mir und D ist, wenn ich ihm glaube - so stark, daß ich hätte dabeigewesen sein können.
Robin feierte seinen vierzehnten Geburtstag – oder besser, er wurde gefeiert, denn ohne Wissen ihres Sohnes, der erst seit kurzem auf das Vorstadtgymnasium ging und nicht gewagt hätte, jemanden einzuladen, hatten seine Eltern alle Jungen aus der Klasse angerufen, deren Namen ihm in den vergangenen Wochen entschlüpft waren. Was eine explosive Mischung ergab: Man erzählt von denen, die man mag, denen, die man haßt, und versehentlich von denen, vor denen man Angst hat. D gehörte eigentlich in keine der Gruppen. Er wohnte zufällig um die Ecke. Robins Schwester hatte die beiden auf dem Rückweg beim Nebeneinanderherschlendern entdeckt und das als sich anbahnende Kameradschaft weitergemeldet.
A konnte man dagegen am ehesten von allen als Robins Freund bezeichnen. Oder als das, was man noch sein kann, wenn ein anderer alle tiefen und intensiven Gefühle von Freundschaft ausschließlich für sich reklamiert. D war wohl gekränkt (er war immer schon einmal vorsichtshalber gekränkt und überließ es seinem Gegenüber, ihn davon zu überzeugen, daß es keinen Grund dazu gab). Doch es lag nicht in seinem Wesen, einfach dagegen zu protestieren, daß A sich mit Robin einließ. Er dachte sich etwas Phantasievolleres und Gemeineres aus.
Geburtstagspartys, die Eltern ausrichten, pflegen Vierzehnjährige in einen Abgrund von Peinlichkeit zu stürzen. Robins Mutter hatte zweifellos getan, was eine wohlmeinende (und gar nicht altmodische) Mutter in dieser Sache zu tun vermochte. Zwei sehr unterschiedliche Kuchen teilten sich den auf beiden Seiten ausgezogenen Eßzimmertisch – ein eher „kindlicher“ mit einem Häppie Börsdäh aus Smarties, Zuckergußkringeln und Kerzen und ein „erwachsener“, aus dessen herrenschokoladenbraunen Rillen eine bittere Flüssigkeit triefte. Die Thermoskanne war mit Kaffee gefüllt, während sich der Pfefferminztee unauffällig neben dem Geschenkberg versteckte. Jeder trug ein T-Shirt mit einem Foto, wo Robin die Zunge rausstreckte (Bilder im Copyshop auf Klamotten drucken zu lassen war damals der letzte Schrei) – und für sich und ihren Mann, der gegen sieben von der Arbeit heimkam, hatte die Frau mit einer geradezu heroischen Demut Plätze in einem Cabaret reserviert.
Doch bis dahin vergingen vier Stunden, in denen Robin ein paar Dutzend Tode starb. Mit auf die Brust geklemmtem Kopf saß er stumm am Ende der Tafel, gab, wenn seine Mutter ihn direkt ansprach, patzige Antworten und trug dazu bei, daß die Fröhlichkeit der Gäste wider Willen einen aggressiven Charakter annahm. Als Robins Vater, noch im Angestelltenanzug, eine Videocassette in den Rekorder schob und ein paar „hübsche Szenen aus den Tagen, wo er noch ein süßer kleiner Engel war“ versprach, legte D dem heulenden Geburtstagskind die Finger um den Hals und zog ihn zu sich heran.
„Ich persönlich bin nur gekommen, um dich nackt auf dem Wickeltisch zu sehen“, hauchte er Robin ins Ohr.
Robin lief rot an und trat versehentlich dem Cockerspaniel auf die Pfote, der sich unter seinem Stuhl zusammengerollt hatte. Mit einem Winseln sprang das Tier auf und flitzte aus dem Zimmer. Nebenan hörte man ein scharfes Scharren auf dem Kachelboden der Küche. Dann ein Bellen, schon draußen oder mehrere Zimmer entfernt.
Die Babyfilme, von Super-8 auf VHS kopiert, waren eher belanglos: Kleinkind gleicht Kleinkind, bis auf ein paar winzige Differenzen in der Verteilung der Niedlichkeiten. Die unübersehbare Langeweile des Publikums schien Robin weiter zuzusetzen, aber wirklich wütend wurde er, als die Dokumentation plötzlich einen Sprung machte und ein neun- oder zehnjähriger Blondschopf in Unterhose auf seinem zu klein gewordenen Kinderbett mit Hanteln trainierte. Das johlende Gelächter, das ausbrach, riß den Rest Selbstbeherrschung zwischen seinen verspannten Schultern heraus.
„Mach das aus, verdammt nochmal!“ herrschte er seinen Vater an, der sich wenig beeindruckt zeigte.
Auf dem Rücken liegend, halb in die butterweiche Matratze versunken, mit angezogenen Beinchen, stemmte der vergangene Robin die Gewichte in die Höhe. Er blies dabei die Backen auf, als ob es ihn enorme Anstrengung koste. Die violetten Hanteln waren außen aus Plastik. Sie mochten leicht oder schwer sein.
„Geil“, murmelte D und rückte mit dem Stuhl dichter an den Bildschirm heran.
„Guckt mal, seine unglaublichen Bizepse“, hänselte irgendwer.
D, der wie hypnotisiert das Auf und Ab des ernsthaft pumpenden, zwischendurch manchmal schräg zur Seite lachenden Möchtegernathleten verfolgte, drehte sich irgendwann um, packte Robin wieder auf dieselbe seltsame Art am Hals und zischte ihm etwas zu. A behauptet, es als einziger verstanden zu haben. Er meint, es sei auch hauptsächlich für ihn gedacht gewesen. A war das eigentliche Sport-As der Klasse und unter den zögernd reifenden Körpern der Jungen der mit den ausgeprägtesten Muskeln und der männlichsten Stimme. Ich gebe daher seine Überlieferung der Worte wieder – sie klingen, so direkt aufgeschrieben, wie ein rauhes, obszönes Gedicht:
Verbrenn mich, nachdem du auf meine Lippen abgespritzt hast,
Honigjunge. Pack die Asche in einer Vase
unter deine Workout-Bank!
Man kann es der Wirkung des Cognacs im Kuchen zuschreiben (von dem Smartiesexemplar war mehr als die Hälfte übriggeblieben). Oder dem Verschwinden der Eltern, das so deutlich merkbar wurde, weil sie es selbst offen aussprachen: „Wir lassen euch jetzt allein.“ Robins Mutter fügte noch hinzu: „Tut nichts, was ich nicht auch tun würde!“ Das lange Schweigen, das ihr Abgang mit einem Streif Parfüm in der Eingangshalle zurückließ, war angefüllt mit Spekulationen darüber, was diese bemerkenswerte Frau in ihrem Samtrock und den hohen Stiefeln zu tun imstande sein würde.
Robins Schwester nutzte die Gelegenheit und verzog sich mit einem „Na, dann“ auf ihr Zimmer. Lediglich der Hund traute sich vorsichtig in die Mitte der Jungen, die ratlos, irgendwie objektlos aufgeregt auf den kalten Fliesen herumstanden. Niemand unternahm etwas, als D sich auf ihn stürzte. Alle waren wie gelähmt. Auch das Tier verstand lange Zeit nicht, worum es ging. Tiere verfügen ja angeblich über scharfe Instinkte, die ihnen verraten, was ein anderer im Schilde führt, auch wenn sie die Umstände nicht verstehen. Aber dieser Spaniel – er hieß Maurice oder Morris – war entweder trottelig oder einfach zu zahm.
„Wir zwei machen jetzt zusammen einen wichtigen Schritt im Leben“, sagte D, während er Maurice oder Morris mit den Armen vom Boden aufhob und an seine Brust drückte. Er warf Robin einen vielsagenden Blick zu. „Du und ich – ich bin mir unsicher, aber ich fürchte, daß es heute einfach passiert.“
Damit trug er den Hund aus dem Raum, die Treppe neben dem Durchgang zur Küche hinauf. Die Gruppe reagierte erst, als oben eine Tür zuschnappte und ein Schlüssel sich zweimal im Schloß herumdrehte und sich laut dagegen wehrte, noch weiter gedreht zu werden.
„Das war die Klotür“, sagte Robin in einem erklärenden Tonfall.
„Laß mal hochgehen“, warf A ein, nachdem die allgemeine Unschlüssigkeit sich in ein Gebrabbel auflöste und Worte wie „Irrer...“, „..jedesmal...“, „...Flasche“, „...Schränke“ die Kontrolle übernahmen. Die meisten schlichen ihm nach in die obere Etage, wo sie sich einen überraschend schmalen Flur entlangzwängten. Vom Ende her drangen ihnen gedämpfte Musik und das Klappern von Tasten entgegen. Ehe Robin „Da! – die mit dem Schild mit dem Leuchtturm und der kackenden Möwe!“ rufen konnte, sagte Ds Stimme von links etwas wie nein oder rein oder Bein, und es jaulte leise.
„Seid ihr da drin? Bist du da mit dem Köter drin?“ A drückte die Wange an die Tür.
„Offensichtlich“, kommentierte ein Kicherer von hinten.
A klopfte. „Mach mal auf. Mach keinen Scheiß – hörst du?“
Wenn das D war, der sprach, schien er jedenfalls nicht mit ihnen zu sprechen. Das Licht ging aus, und alle spitzten reflexartig die Ohren. Sein Wispern kroch in Bodennähe wie auf der Suche nach einem Artgenossen umher. Diese Sanftheit – sie konnte kaum etwas anderes als den Auftakt oder das zärtliche Verwischen von etwas Brutalem bedeuten.
Das Licht ging wieder an. A hämmerte mit dem Ellenbogegen gegen das Holz, worauf das Porzellanschild mit dem Leuchtturm und der Möwe herunterfiel. Ihr Zerspringen lieferte den übrigen eine Rechtfertigung, auf einmal alle möglichen, mehr oder weniger sinnlosen Dinge zu tun: Mehrere Fäuste kamen As Arm zur Hilfe – Drohungen und gut gemeinte Ratschläge wurden durcheinandergerufen – jemand versuchte den Schlüssel mit einem Kaugummidocht zu bewegen – jemand säuselte lockend den Namen des Hundes... Die Hysterie der Gruppe verselbständigte sich wie eine riesige Version des Weberknechts, der unter dem Türspalt hervorgekrabbelt kam und den ein nackter Fuß mit angeekelt hochgezogenen Zehen zertrat. Er gehörte Robins Schwester.
„Was zum Teufel ist denn hier los?“
Wie zur Antwort auf die Frage oder die plötzlich entstandene Stille drehte sich langsam der Schlüssel im Schloß.
Als ins Badezimmer platzte, wer reinkam, lag D auf dem Boden, der Reißverschluß seiner Hose stand offen. Der Hund wetzte kläffend zwischen den Beinen durch und davon.
„Halt’s Maul, hat’s Maul, halt’s Maul“, flüsterte A fast unhörbar.
D schüttelte sachte den Kopf.
„Ich fühle mich wie etwas, was nur aus Flügeln besteht. Vorsicht – nicht die Balance zwischen oben und unten verschieben!“
Ein irrsinniges Grinsen zog sein Gesicht über alle Maßen ins Schräge. Oder wenn er einen Irren imitierte, gelang ihm das deutlich zu gut.
„Wo ist der Hund?“ schnauzte A ihn an, obwohl ihm klar sein mußte, daß D darauf keine Antwort zu geben hatte. Die Frage wurde wie unter Soldaten weitergegeben, aber es klang wie Stille Post, und als es von unten heraufschallte, er sei nirgends zu finden, hätte man wetten wollen, daß sie dort nach etwas ganz anderem suchten, einem Ding, das wie die entstellte Version des Wortes Hund hieß, und ich erschauderte unter der Vorstellung eines Wesens, das aussah wie ein verunstaltetes Wort.
Jemand reichte mir die Cognacflasche. Ich hockte mich neben D. Er schlug den Hals weg und bespuckte lachend meine Hand.
„Er soll mich tränken.“
Er zeigte auf A.
„Gib her!“
A ließ sich die Flasche geben und führte die Öffnung an das spöttische Oval, über dem ein paar Härchen sich schimmernd im Spiegelschranklicht aufstellten. Kurz bevor der Glasrand dazwischen verschwand, zog D mit einem Ploppen den Kopf zurück.
„Nicht so.“ Er schenkte uns anderen ein theatralisch schamhaftes Blinzeln, als gebiete der Anstand, die beiden allein zu lassen. Er sagte zu A: „Mit dem Mund.“
A war nie ein besonders geduldiger Mensch. Ich habe ihn gegenüber einem Mädchen mal als jemanden beschrieben, der ständig kurz davor ist, sich selbst zu überholen, und nur nie richtig an seinen breiten Schultern vorbeikommt. Aber es gibt Augenblicke, in denen sein Geduldsfaden mit einer Heftigkeit reißt, die so explosiv ist, daß sie fast einstudiert wirkt. Wie er hart klackend den Flaschenhals ansetzte, einen tiefen Schluck nahm, sich vornüberbeugte, mit der freien Hand D am Hals packte und seine Lippen auf die des Freundes preßte – wie er das brennende Zeug bis zum letzten Tropfen in Ds zurückgebogene Gestalt hineinpumpte und erst abließ, als dessen halbgeschlossene Fäuste ihn auf die Ohren zu schlagen begannen – ich (und wohl nicht nur ich) hatte den Eindruck, er führe etwas aus, was seit langen Jahren in ihm gewartet haben mußte. Niemand zeigte das geringste Zeichen der Verblüffung. Der einzige Überraschte war D.
„So, und jetzt komm hoch, Memme!“
„Ich kann nicht.“
„Natürlich kannst du, du Spinner.“
„Meine Beine gehorchen mir nicht.“
Es folgte eine zähe Verhandlung, bei der bald niemand mehr einschätzen konnte, was glaubhaft und was unglaubhaft war. D beharrte auf seiner Behauptung, er sei unfähig aufzustehen. A versuchte herauszufinden, zu welchen Bedingungen er sie aufgeben würde. Schließlich ging es nur noch darum, irgendetwas zu tauschen – ein paar Zentimeter Richtung Tür gegen das Versprechen, ihm nie wieder zu wenig Beachtung zu schenken, ein paar vernünftige Worte gegen einen zweiten Kuß (ohne Cognac), ein Stück von der Wahrheit über die Aktion mit dem Hund gegen As T-Shirt, das nach seinem sauerscharfen Schweiß roch und große dunkelrote Flecken unter den Achseln hatte.
Da alles nichts half und D an der absurden Steigerung ihrer Gebote so sehr Gefallen fand, daß er verlangte, der Hund müsse auch mitspielen, erteilte A den Befehl, ihn aufzuheben und nach unten zu tragen.
Robin, der plötzlich neben mir auftauchte, faßte mit an, A selbst griff unter die andere Schulter, und zusammen zogen sie ihn hoch, bis seine Knie auf den Kacheln aufsetzten. D leistete keinerlei Widerstand. Er zappelte nicht, sondern spreizte nur die Finger wie jemand, der erstaunt ist, daß das Gefühl langsam in seine tauben Glieder zurückkehrt. Aber die Beine blieben schlapp, und er mochte oder konnte nicht laufen.
„Du hast es nicht anders gewollt“, sagte A. Dann schleppten sie den Körper durch die schmale Gasse der anderen, die ihre Rücken an die Wand und ans Geländer drückten, zur Treppe.
„Gehst du die Stufen?“ fragte A.
„Ich glaube, ich habe ihn wirklich gefickt“, sagte D. „Ich könnte niemals eine solche arme, wehrlose Kreatur ficken – dachte ich. Bis heute.“ Er grinste. „Buddha ist ein getrockneter Haufen Scheiße auf deinem Weg.“
Seine Knie und Füße polterten furchtbar über die hölzernen Treppenstufen, als sie ihn hinunterschleiften.
Die Eltern fanden den Spaniel bei ihrer Rückkehr in der Garage. Er hatte sich an der Rückwand schlafen gelegt, und im grellen Schein der holpernden Scheinwerferkegel sprang seine gelbe Silhouette ihnen entgegen wie das Spiegelbild eines Vampirs, den die Sonne verbrennt.
allesfliesst - 9. Nov, 14:48



