Ich bin nicht allein #1 - eremit

af: schellenengel. ich habe sechs anläufe gebraucht, um dieses wort zu tippen.
eremit: kann passieren.
af: schelelenegel sschnelelegle. schellenegel. schlengelel. scheellenegel. schellenegel. es geht immer wieder schief.
eremit: ;-D
af: großartige flügel.
eremit: ja, finde ich auch.
af: und zwei davon.
eremit: klar. warum?
af: seltsamerweise taugt ein flügel zu gar nichts. ein flügel ist sogar schlimmer als gar kein flügel.
eremit: *g* stimmt.
af: ein flügel stört einfach nur.
eremit: *gg* was bist du denn für ein typ? du bist das merkwürdigste, was mir heute passiert. das ist nicht böse gemeint.
af: wenn man einem engel halb ähnlich ist --- das sieht einfach nur grotesk aus und fällt enorm lästig beim laufen.
eremit: und beim schlafen.
af: und wenn man in den bus einsteigt. fährst du immer mit der linie 48? ja, tust du.
eremit: äh – wer hast du gesagt wer du bist?
af: ein mensch mit einem flügel. das ist wie ein tänzer, der großartig fallen kann, aber nicht springen.
eremit: warst du auch beim twe-workshop? vielleicht kennen wir uns daher.

af: ein halber engel. entschuldige, wenn ich damit nicht aufhören kann. lange habe ich geglaubt, ich sei nicht obsessiv, sondern eher ein verwöhnter Spaziergänger, der nie zweimal an denselben ort zurückkehrt, schon weil ihm das zu langweilig wäre, aber in letzter zeit häufen sich die tage, an denen ich immer und immer wieder dasselbe denke, dasselbe sage, manchmal dasselbe schreibe. ängstigt es dich, dass ich bei dir hängen geblieben bin?
eremit: ist generell okay. mir hat an dem workshop auch am besten die übung gefallen, wo wir uns dreißig minuten keinen Milimeter von der stelle bewegen durften und mit diesem winzigen aktionsradius das herz unseres nachbarn in der faust greifen und so weit an uns heranziehen sollten, bis er ernsthaft die den Schmerz gemerkt hat.
af: niemand auf der welt weiß, dass du schwul bist?
eremit: wenn man es so formuliert, klingt es komisch.
af: niemand HIER UNTEN weiß, dass du schwul bist?
eremit: was ich in meinem profil an der stelle wo ich geschrieben habe, dass ich meine sprunghaftigkeit und meine feigheit in bezug auf meine sexualität an mir nicht mag und dass das ein innerlicher prozess ist erstmal nur ein innerlicher, gemeint habe war ich bin mir sicher, dass alle um mich herum es ahnen, dass meine freunde es wissen, dass meine mutter es vermutet, aber es gibt jemanden in mir selbst, der davon nichts wissen will, und solange dieser jemand nicht die augen aufschlägt, bleibt mein mund verschlossen. da ist irgendwie gar nichts zu machen.
*lol* was für ein satz.
af: das hast du sehr schön gesagt.
eremit: ich liebe tanz, weil man da nicht reden muss. man kann den körper sprechen lassen.
af: das ist ein dummes klischee. aber das davor hast du sehr schön gesagt.
eremit: ich finde nicht, dass das ein klischee ist. hast du mal getanzt?

af: verzeih, dass es mit der antwort so lange gedauert hat. ich hoffe, du bist noch da. ich hatte erst ein wortreiches geständnis getippt und dann sehr sorgfältig die tippfehler korrigiert, weil ich nicht wollte, dass es spontan aussieht. dann erschien es mir zu gewaltsam, dich mit dieser sehr unangenehmen geschichte zu belasten. dann habe ich eine kurze, nüchterne version davon versucht, in der mein körper einfach versagt, ehe es überhaupt dazu kommt, dass eine bewegung missrät und von anderen mit einem lächeln quittiert wird. dann ist mir etwas obszönes in die tasten geschlüpft, was mit den leberflecken in deinem gesicht und an deinem hals zu tun hat. dann klingelte das telefon und meine mutter war dran, weil ich den geburtstag ihres freundes vergessen hatte. sie konnte es zum glück so einrichten, dass er glaubte, der anruf käme von mir, und wir haben uns eine weile über das altern und den tod und die geschenke unterhalten (er ist 81 geworden). dann musste ich pissen und bin für einige minuten auf dem klo eingeschlafen. ich glaube, ich habe von der frau mit dem verhärmten gesicht geträumt, die nach dem training immer neben dir im bus auf den behindertenplätzen sitzt und sich ihre rosa haarklammern herausnimmt, während sie von übungen und immer weiteren übungen erzählt und dabei mit den schultern ruckt und das becken verdreht – ich glaube es, aber ich pflege meine träume sofort nach dem erwachen restlos zu vergessen. dann, endlich, bin ich mit einem klaren plan an den rechner zurückgekehrt, um...nicht das hier zu schreiben. sondern dass
af: chattest du mit jemand anderem?
af: ich verstehe. schenkst du mir trotzdem noch ein, zwei repliken?
af: ich komme nicht gern auf dieses thema mit der buslinie zurück. aber du lässt mir leider keine wahl.
af: ich gehe jetzt schlafen. mir will so gar nicht einleuchten, warum du dich eremit nennst. ist mir vorhin gar nicht aufgefallen, wie unpassend das ist – jemand, der so leidenschaftlich teil eines CORPS ist, der sich so im einklang mit dem sternenbild der andern fallen lässt.
af: eremit. ich gehe jetzt schlafen.
af: schlaf gut, schellenengel. gute nacht.
Dies war eine Fiktion!

allesfliesst - 29. Jun, 00:26



