Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 1

Ich werde den Berg hinauf getragen. Am Anfang gibt es noch eine Straße, auf der uns sogar ab und an ein Auto überholt. Dann endet die Zufahrt in einer Reihe von mondän, aber verlassen aussehenden Anwesen und einem kleinen Parkplatz für Wanderer. Bei diesem Wetter ist auch er natürlich leer. Wir zweigen nach links ab - ab hier müssen die Träger einen schmalen, in scharfen Serpentinen zwischen Pinien hin und her schießenden Höhenweg erklimmen, dessen schwarze Erde von Schnecken glitscht. Ich kann es unter ihren nackten Sohlen schmatzen hören. Die Sänfte beginnt ein wenig zu wackeln, doch die Kraft und Geschicklichkeit dieser Männer ist wirklich erstaunlich. Nicht einmal der kalte Rest Tee in meiner Schale schwappt über.
Wir gelangen in immer höhere und abgelegenere Gefilde. Ich stelle mir den aufgeweichten matschigen Boden vor, die Wurzeln und spitzen Felsen, über die meine Leute nun steigen müssen. Links von uns verschwindet das Tal langsam unter einer weichen grauen Regendecke. Ich kneife die Augen zusammen und suche den Bahnhof mit dem gigantischen Einkaufsforum. Er ist irgendwo dort in der Mitte, mit seinen Waben aus Metall und Glas kaum ahnbar gegen den naßgrauen Himmel. Der Rest ein träges Meer aus Schieferwellen (lediglich die wuchtig breiten Dächer des Higashi-Honganji ragen auf wie ein ärgerliches, mit der Stadt nicht einverstandenes Objekt).
An einer besonders steilen Stelle, nicht mehr weit vom Gipfel, halten wir an. In kurzen seitlich versetzten Trippelschritten tasten die Träger sich an den Abgrund heran, bis es nicht mehr weiter geht, ohne daß wir alle hinunterstürzen würden. Ein prüfender Blick: nichts als Tiefe. Es wird Zeit für mein Frühstück. Ich reiße die Vorhänge ab, um das Panorama im vollen Format zu genießen - ein großes graues Rechteck, in dem eine vom Rest kaum zu unterscheidende Nässe unablässig herunterläuft, als sei das die einzig mögliche Bewegung auf der Welt.
Ich wickle das vorbereitete Kästchen aus der doppelt gefalteten Decke, breite sie über meinen Beinen aus und öffne mit einer leichten Unruhe den Deckel. Der Koch hat ganze Arbeit geleistet. Wunderschön zubereitet liegen einige Scheiben Sashimi aufgefächert in einem langen rechteckigen Feld. Nebenan ein Quadrat mit Reis, von jenem vollkommenen (nicht strahlenden, sondern sickernden) Weiß, das man nur hier in Japan findet. In einem der Eckfelder steht ein rundes dunkelrotes Lackgefäß, dessen Deckel ich eilig öffne. Eine Wolke von Dampf quillt heraus, und der Duft von weißer Misosuppe verbreitet sich augenblicklich im Innern der Sänfte. Vermutlich werden auch die Männer draußen es gleich riechen.
Die Sänfte in dieser Stellung zu halten muß eine Tortur für sie sein. Wenn ich ganz ruhig verharre, die Schale mit der heißen Suppe an den Lippen, die Augen schließe und mich konzentriere, spüre ich das Zittern ihrer Knie. Wie eine Linie, die, von einiger Entfernung aus betrachtet, schnurgerade aussieht, sich bei näherem Hinsehen als ein feines Krickelkrakel herausstellt, wird das Zittern immer deutlicher, je näher ich die Aufmerksamkeit meiner Haut an die Konturen dieses hölzernen Gehäuses dränge. Als Kind hat mir Markus, der Nachbarsjunge, erklärt, daß man so aus der freien Hand eine gerade Linie zeichne – krickelnd, nicht glatt (er hatte das von seinem Großvater, der malte). Am Tag darauf war er beim Versuch, für das Freischwimmerabzeichen eine Viertelstunde durchzuschwimmern, jämmerlich gescheitert. Markus war ohne Mühe geschwommen, solange niemand die Zeit gemessen hatte, aber nun, da man ihm sagte, daß es eine Viertelstunde werden mußte, und im Rücken die Uhr lief, schlug er voller Panik an den Beckenrand an.
Nachdem ich mit dem Frühstück fertig bin, schlage ich die Vorhänge zur anderen Seite zurück. Das Mädchen, das dort gewartet hat, spannt seinen Schirm auf, so daß ich aussteigen kann. Es hätte vielleicht ein Papierschirm sein sollen. Es handelt sich um ein Exemplar aus Plastik – ein transparentes immerhin, was mich freut. Vor dem bleifarbenen Himmel sammelt die aufgespannte Plane des Schirms das Licht wie ein dünne Wolke, in deren Schutz die Sonne bis knapp über unsere Köpfe herabgesunken ist.

Das Mädchen begleitet mich einige Schritte bis zu einem Fleck, wo man stehen kann, ohne abzurutschen, und wo sich ein großer moosglatter Stein befindet – einer von der Art, die man für einen Zen-Garten gebrauchen könnte: ein zugleich unverwechselbarer und nichtssagender Stein. Sie selbst wird unterdessen naß. Sie trägt ein weißes Regencape mit einer großen Kapuze, die jedoch die feinen Wasserfäden nicht davon abhält, sich wie eine farblose Schraffur über ihr hübsches flaches Gesicht zu legen. In den Nasenwinkeln hängen winzige Tröpfchen, und ihre Lippen, ungeschminkt, wie ich es angeordnet habe, scheinen durch die Feuchtigkeit unfreiwillig zu lächeln.
Ihre Füße stecken in weiten Gummistiefeln, in die das Wasser munter hineinplätschert. Ansonsten sollte sie unter dem Mantel nackt sein. Es ist für die Jahreszeit nicht besonders kalt. Wenn auch die Morgenfrische etwas Feindseliges hat.
Den Blick ins Tal gerichtet, hocke ich mich hin und ziehe die Schöße meiner Yukata auseinander. Ich korrigiere mich: es ist doch überraschend kühl. Mein Sack zieht sich beim Kontakt mit der Oberfläche des Steins um die Eier zusammen. Die Soyabrühe löst im Körper eine Woge der Entspannung aus. Ich verfolge den Impuls durch das Labyrinth meines Darms – dieses langen, irgendwo da drinnen aufgerollten Schlauches, der sich langsam lockert und mir von Sekunde zu Sekunde länger vorkommen will. Das Mädchen bleibt dicht neben mir. Ich halte mich an ihrem Bein fest und streichle die rauhe, von den Tatami aufgescheuerte Stelle an ihrem Knie, während mein Arschloch sich weitet. Es wird schwieriger, immer schwieriger, solche Tatami-Kinder zu finden, da ich darauf bestehe, daß die Mädchen nicht älter als neunzehn sind, und wir uns damit an der Grenze zu jener Generation von Japanern befinden, die schon in westlich möblierten Wohnungen aufgewachsen sind und auf Stühlen an Tischen gesessen haben, anstatt wie ihre Vorfahren seit Hunderten von Jahren über den Boden zu rutschen. Dieses Mädchen kommt wahrscheinlich vom Land. Sie hat stramme, glatte, rustikale Beine. Sie wackelt mit dem Schirm, als meine Finger sich in ihren Oberschenkel krallen. Mit einem wunderbaren Gefühl der Erleichterung fluscht es heraus.
Es weht ein leichter Wind, den ich vorher überhaupt nicht bemerkt hatte. Er ist zu schwach, um die wasserschweren Gräser und Blätter zu bewegen, aber er streicht an meiner Rosette entlang und trägt den Geruch meiner Scheiße in sanften Schleifen davon. Ich drücke den ersten Haufen ganz auf den Stein und setze gleich einen zweiten dazu. Es ist noch mehr drin. Ich hebe die Yukata höher, so daß der Saum nichts vom Dreck abbekommt. Ich beeile mich nicht damit, fertig zu werden.
Das Mädchen reicht mir ein weißes Taschentuch, das sie aus einer Falte ihres Capes zieht, damit ich mir den Hintern abwischen kann. Anschließend gebe ich es ihr zurück, und sie steckt es wieder ein. Ich erhebe mich, streiche den dicken weichen Baumwollstoff glatt, ziehe den Gürtel nach und nehme ihr dann zum Zeichen den Schirm ab.
Sie quittiert es mit einem kaum merklichen Nicken. Durch die klobigen Stiefel ein wenig behindert, aber zielstrebig wie eine gute Schülerin nimmt sie ihre Position ein – stellt sich breitbeinig genau über den Stein, einen Fuß links, einen Fuß rechts davon im Morast verankert. Ich gebe ein kurzes Grunzen von mir, um meiner Zufriedenheit Ausdruck zu verleihen. Sie öffnet langsam, einen nach dem anderen, die Druckknöpfe des Capes.
Mit klammen Fingern geht das gar nicht so einfach. Unter der Öltuchplane kommt ihr ansehnlicher Bauernmädchenkörper zum Vorschein. Kleine Brüste, mit großen braunen Höfen und vor Kälte (oder Angst) steifen Warzen. Noch ein wenig Babyspeck um die Hüften. Dickes schwarzes, wie ein Grasbüschel abstehendes Haar.
Ich erwische mich bei einem Lächeln, als ich das jetzt sehe. Sie winkelt die Knie an und muß nach dem Gleichgewicht suchen. Mit vibrierenden Oberschenkeln läßt sie sich wie in Zeitlupe nieder. Auf dem Stein thront dampfend mein doppelter Fladen. Seine Größe, seine gleichmäßige dunkle Farbe und die glatte feste Oberfläche erfüllen mich mit einem primitiven kindlichen Stolz. Immer weiter senkt sie ihr Geschlecht der Miniatur eines Berges entgegen. Der Regen scheint für die Zeit dieser Handlung zugleich intensiver und leiser zu werden. Der frische Geruch nach nassem Gras und halbaufgelöstem Lehm ringsum bekommt etwas Strenges. Sie blickt konzentriert zu Boden. Gleich ist es soweit.
Als die Spitzen ihres Schamhaars die vom Regen überglänzte, immer noch nicht gänzlich abgekühlte Spitze des Haufens berühren, durchzuckt etwas ihr Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde schließt sie die Augen fest, und die weißen Kugeln scheinen unter dem Lid kurz zu pochen. Aber dann gehen sie wieder auf. Nicht nur die Augen – die Nasenlöcher, der Mund, alles scheint sich zu öffnen. Doch, ich meine zu erkennen, wie sogar der Spalt ihrer krausen braungrauen Lippen weiter und sehnsüchtig wird. Und als sie sich mit einem entschlossenen kleinen Ruck in die Scheiße setzt, dringt die Substanz, meine...Substanz wie eine Zunge tief in sie ein.
Wäre das ein Traum, ich würde an dieser Stelle mit dem Wort "Substanz" auf den Lippen erwachen.

allesfliesst - 10. Mrz, 23:15



