Romananfänge #3: Christel

Nachdem sie jetzt alle drei unter der Erde lagen, war sie vermutlich wieder allein.
Zum Glück hatte sie es nicht aus der Nähe mitanhören müssen – im Gegensatz zu meiner Mutter, die begütigend auf meinen Opa einzureden versuchte, während sie Kaffee nachschenkte und ihm ohne zu fragen ein zweites Stück Pflaumenkuchen auf seinen Teller legte:
„Jetzt sei nicht unfair, Papa. Du hattest zwei gute Frauen in deinem Leben. Mama war die erste. Aber Christel war die zweite. Was hättest du in den letzten zehn Jahren ohne Christel gemacht?“
Opa starrte schweigend in die Tannen. Er hatte aufgehört, sich zurückzulehnen, sondern saß vorn auf der Kante, auch während des Essens mit der linken Hand auf seinen Stock gestützt. In seinen mißtrauischen Augen hockte unter fast gesenkten Lidern eine panische Angst davor, erneut in Ohnmacht zu fallen.
„Ich bin zufrieden“, grummelte er schließlich. „Der liebe Gott hat dafür gesorgt, daß ich und meine Familie den Krieg überlebten. Er hat uns genug zu essen gegeben, daß wir nicht verhungern mußten. Und er hat mir gezeigt, was die Liebe ist, und mir eine wunderbare Frau gegeben, daß ich nicht allein bleiben mußte.“ Er bohrte den Gummipropfen des Stockes ins Gras. Der Ring mit dem glatten schwarzen Onyx schien zu eng für seinen Mittelfinger geworden. „Meine liebe selige Ehefrau Anita.“
„Es ist noch mehr Kuchen da“, sagte meine Mutter.
Auf den Fotos in dem schweren grünen Album, das im alten Arbeitszimmer meines Vaters stand, trug und führte meine Oma mich durch einen Garten, der wenig Ähnlichkeit mit dem gegenwärtigen hatte: Eine japanische Kirsche blühte im Hintergrund meiner ersten Krabbelversuche. Die tiefroten Blätter des Ahorns zogen sich hinter dem schreiend gelben Hemd und dem braunen Pullunder, mit dem man mich ausstaffiert hatte, in einen herbstlichen Nebel zurück. Es hatte zwei Birken gegeben (ich erinnerte mich an die Diskussionen, weil unter dem giftigen Birkenlaub nichts anderes wachsen wollte), einen Strauch, dessen Name mit „Gold...“ anfing, sogar eine phantastisch verdrehte, verkrüppelte Kiefer. Anfang der achtziger Jahre ließen meine Eltern sämtliche Bäume fällen und durch eine Mauer aus Tannen ersetzen, die sich zu drei Seiten blickdicht um das Haus zog. Tannen oder Fichten – sie fielen durch ein besonders stumpfes, lichtschluckendes Grün auf, und von den dreien, die den Platz der Birken übernommen hatten, verdorrten regelmäßig zwei: die Nadeln wurden braun und fielen ab, und meine Mutter zerkratzte sich die Arme beim Versuch, alle kranken Äste abzusägen, bis mein Vater irgendwann resigniert den Gärtner anrief und zwei neue bestellte.
Meine Oma starb relativ jung, mit dreißundsechzig Jahren, an Krebs. Irgendetwas an ihrem dünnen krausen Haar und den schwabbelnden Oberarmen (sie trug selbst im Winter ärmelfreie Kleider) schien dieses Ende in aller unmißverständlichen Härte vorwegzunehmen. So liebenswert sie mir im Gedächtnis geblieben war, ihr Körper versammelte alles Ungesunde an einem deutschen Kleinbürgerleben: eine Art biologischer Häßlichkeit, für die Krebs kaum eine Krankheit, sondern eher die konsequente Fortsetzung war. Wenn ich mir ihre Geschwulst vorzustellen versuchte, glich sie dem graubraunen Inneren einer Kohlroulade.
„Laß man“, murmelte Opa noch immer. „Ich bin zufrieden.“
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allesfliesst - 24. Feb, 10:28



