Song Story #6: Cindy von tausend Leben
Um den Song herunterzuladen, hier klicken.

„Er kann niemals wieder dorthin zurückkehren.“
„Außer in Albträumen.“
Floyd lachte oder versuchte, es nicht zu tun. Er hielt sich die Hand vor den Mund, um kein halbaufgelöstes Popcorn über die Lehne der Vorderreihe zu spucken.
„Ich verbiete dir, Witze zu reißen, während ich kaue“, zischte er durch die weiß behandschuhten Finger. Die Brandsalbe brannte selbst wie Feuer, nachdem der Kühlungseffekt nachließ. Irgendwie absurd oder...tief, dachte er: das Wesen von Gegensätzen.
„Und du redest nicht mit vollem Mund, das tut man nicht“, gab sein dummer Partner zurück.
Auf der Leinwand ereignete sich ein weiterer Bruch. Die tote Hauptdarstellerin (gleich zu Beginn in ihrer Theatergarderobe von einem Unbekannten mit einem indianischen Amulett stranguliert) kaufte ein Flugticket nach Paris am Schalter. Während die Angestellte von Air France mit langen Nägeln unbekannte Wörter in die Tastatur ihres Computers tippte, skeptisch auf den Bildschirm schielte, zögerte, um schließlich wie zu einer Frage die Lippen zu öffnen, nestelte die Schauspielerin nervös am Bügel einer übergroßen schwarzen Sonnenbrille.
„Stimmt was nicht?“
„Ich weiß nicht“, sagte die Dame am Schalter. Das leise Klicken einer Maus punktierte ihr starres, auf eine anonyme Art schönes Gesicht. „So was hatte ich noch nie auf dem Schirm...“
„Ich weiß auch nicht“, raunte Floyds Nachbar. „Ich verstehe eigentlich schon lange nicht mehr, worum es geht. Du?“
Floyd beugte sich nach rechts und prüfte, wie weit die Drei am Rand zwei Reihen vor ihnen waren. Die Männer hatten das Mädchen zwischen sich eingeklemmt. Einer von ihnen faßte das Haar – man konnte nicht erkennen, ob er ihr den Nacken kraulte oder sie festhielt.
„Hoffentlich kommen die Würmer nicht nochmal vor“, sagte der andere, da Floyd keine Antwort gab. „Würmer und sowas sind mir einfach zu eklig. Gewalt, okay – solange keine Innereien spritzen, bin ich dabei, aber alles Glitschige, Sabschige, Breiige...“
„Hör auf!“ Floyd griff nach der Colaflasche in dem Halter, der ihn ärgerte, weil er nicht wußte, ob er zu seiner Armlehne oder zu der des andern gehörte. Man hätte ganz am Anfang nachschauen müssen. „Daß der Film so wirr ist, liegt vielleicht daran, daß das Drehbuch auf einen Song zurückgeht, dessen Text wiederum von einem Roman inspiriert wurde.“
„Ich dachte, von einem Gedicht.“
„Nee, der Songtext ist praktisch das Gedicht. Der Roman...“
„Was machen die da vorn?“ unterbrach der andere Floyds Erläuterungen. „Ist es wirklich das, was es scheint, Mann?“
Floyd erlaubte dem Colaschaum, langsam seine Speiseröhre hinaufzuklettern. Als er an der Schwelle eines Rülpsens war, begann er schnell zu sprechen: „Wenn ich mich nicht sehr irre, hält der eine sie fest, während der andere ihr den Finger reinsteckt. Oder die ganze Hand oder was weiß ich. Wahrscheinlich...“
„Brennt’s noch?“ fragte der andere, als habe bereits der Ansatz zu einer detaillierteren Beschreibung sein Interesse an dem, was ein paar Meter entfernt von ihnen geschah, zur Gänze erschöpft.
„Wie Hölle“, seufzte Floyd. Er streckte beide Hände mit gespreizten Fingern von sich, um eine Geste zu machen. Dann ließ er sie theatralisch fallen.
Die Ängstlichkeit seiner Bekannten war immer das größte Problem. Allein traute er sich nicht, aber zusammen mit einem dieser Wichser schien die Angst sich zu verdoppeln statt zu halbieren. Im Gegensatz zu Kurt (und Frank und Ben und wie sie alle hießen) hatte er zumindest das Foto eines Mädchens in seiner Brieftasche stecken, das lebte, dessen geisterhafte Existenz sich für die Dauer eines Vormittags in einer Bar am Strand von Las Palomas zu einer körperlichen Berührung zusammengeballt hatte. Das Bild zeigte sie nicht besonders deutlich (ein fetter Alkoholiker hatte es machen müssen, weil er zum Beweis unbedingt neben ihr mit drauf sein wollte) – aber selbst die Finsternis eines Ortes, an dem nur die Spielautomaten zu leuchten schienen, konnte ihr Lachen nicht völlig verschlucken. Es war dagewesen, dieses Lachen, und es hatte ihm gegolten, dem Kitzeln seines Atems an ihrem Hals oder einem dreckigen Witz, den er ihr im Moment, da der andre endlich auf den Auslöser drückte, wie ein 'ich liebe dich' zugeraunt hatte.
„Warum will sie jetzt schon wieder durch dieselbe Tür?“ wollte Kurt wissen.
„Fick doch den elenden Film!“
Die unterdrückten Schreie kamen nicht von der Leinwand. Er mußte fast aufstehen, um es zu sehen (er befürchtete, sein Schatten würde im Bild erscheinen) – der dickere der beiden Asiaten preßte dem Mädchen die Hand aufs Gesicht. Da war Bewegung in der Gruppe: es ruckelte, die Vibrationen setzten sich durch den uralten Bretterboden bis hierher fort. Jetzt – er meinte für den Bruchteil einer Sekunde den nackten Arm in der Luft zu sehen – drehten sie das Mädchen in eine halb liegende Stellung. Einer zog ihr wohl das Höschen aus. Floyd entdeckte den weißen Fleck auf dem dünnen, ausgetretenen Teppich, als er kniend vor seinem Sitz unter den Reihen hindurchspähte. Er wünschte sich so, sie wären mutiger gewesen und hätten sich direkt hinter das verdächtig aussehende Trio gesetzt.
„Soll ich dir was gestehen?“ flüsterte Kurt.
Die Schauspielerin mit der Sonnenbrille öffnete zum dritten Mal die Tür. Das Flugticket steckte in ihrer Trenchcoattasche. Der Koffer, dessen rechte Rolle defekt zu sein schien, schrammte über den Teppich und hinterließ eine Spur. Eine unpassend traurige Musik setzte ein. Die Frau weinte (eine dicke Filmträne löste sich vom schwarzen Rand der Brille, sie kullerte glitzernd die Wange herunter). Dann verließ sie das Apartment, und jenseits der Tür befand sich nicht der ungepflegte Vorgarten mit den Würmern, wie die Kamera ihn viele Male durchpflügt hatte, sondern ein bedrückend häßlicher Korridor mit flackernden Leuchtstoffröhren und einer absurden Reihe von drei, vier...Floyd zählte sieben Feuerlöschern an der Wand.
„Ich habe vor dem Gehen meinen Schuh rausgestellt“, sagte Kurt.
„Deinen Schuh?“
„Ja, für morgen früh, falls es heute spät wird und ich es vergesse.“
„Sie stöhnt, oder?“
Das Mädchen stöhnte, oder sie erstickten immer noch die Schreie, und das Resultat klang wie eine japanische Variante von Lust. Oder vietnamesische, das war wahrscheinlicher. Der Ellenbogen des über sie gebeugten Mannes arbeitete.
Plötzlich ließ der zweite Mann den Kopf nach hinten sinken. Floyd zuckte beim Anblick seiner zusammengebissenen Zähne.
„Morgen ist Nikolaus“, sagte Kurt.
„Nikolaus“, murmelte Floyd, der sich tief in seine Sitzschale drückte und die Augenlider verengte, um schärfer zu stellen. Er spürte eine bleierne Müdigkeit in den Beinen. Eine angenehme Müdigkeit, wie wenn man nach einem Marsch durch die Winternacht in sein überheiztes Wohnzimmer kommt und in Schuhen und Mantel halb einschläft.
„Kriegst du was zum Nikolaus?“
Floyd schwieg. Der erste Asiate stand auf.
„Wenn nicht ein Geist mit Süßigkeiten vorbeikommt, ...wohl kaum.“
Kurt brummte zustimmend. Der zweite Asiate begleitete das Mädchen zu dem unscheinbaren Seitenausgang, wo sich die Toiletten des Kinos befanden. Sie humpelte und knickte unterwegs um. Der Mann schloß seine Faust um ihren Hals und schob sie hinaus.
„Nikolaus, Nikolaus“, sagte Kurt. „Warum heißt der Film eigentlich Cindy? Ist die Frau Cindy? Bislang hat sie niemand angesprochen, wir wissen es nicht. Oder ist irgendeine von den tausend anderen Cindy? Warum wimmelt dieser Film so von Frauen?“
„Du bist ein entsetzlicher Feigling.“
„Letztes Jahr hat meine Exfrau mir zum Nikolaus was in den Stiefel gesteckt. Heimlich. Nein, vorletztes.“
„Wir machen Schere-Stein-Papier, und wer gewinnt, folgt den beiden auf die Toilette“, sagte Floyd. Er unterdrückte ein Gähnen.
„Nein, wer verliert.“
„Gut. Meinetwegen.“
Kurt machte Schere.
Floyd machte Papier.
Die Lyrics zum Song gibt es hier

„Er kann niemals wieder dorthin zurückkehren.“
„Außer in Albträumen.“
Floyd lachte oder versuchte, es nicht zu tun. Er hielt sich die Hand vor den Mund, um kein halbaufgelöstes Popcorn über die Lehne der Vorderreihe zu spucken.
„Ich verbiete dir, Witze zu reißen, während ich kaue“, zischte er durch die weiß behandschuhten Finger. Die Brandsalbe brannte selbst wie Feuer, nachdem der Kühlungseffekt nachließ. Irgendwie absurd oder...tief, dachte er: das Wesen von Gegensätzen.
„Und du redest nicht mit vollem Mund, das tut man nicht“, gab sein dummer Partner zurück.
Auf der Leinwand ereignete sich ein weiterer Bruch. Die tote Hauptdarstellerin (gleich zu Beginn in ihrer Theatergarderobe von einem Unbekannten mit einem indianischen Amulett stranguliert) kaufte ein Flugticket nach Paris am Schalter. Während die Angestellte von Air France mit langen Nägeln unbekannte Wörter in die Tastatur ihres Computers tippte, skeptisch auf den Bildschirm schielte, zögerte, um schließlich wie zu einer Frage die Lippen zu öffnen, nestelte die Schauspielerin nervös am Bügel einer übergroßen schwarzen Sonnenbrille.
„Stimmt was nicht?“
„Ich weiß nicht“, sagte die Dame am Schalter. Das leise Klicken einer Maus punktierte ihr starres, auf eine anonyme Art schönes Gesicht. „So was hatte ich noch nie auf dem Schirm...“
„Ich weiß auch nicht“, raunte Floyds Nachbar. „Ich verstehe eigentlich schon lange nicht mehr, worum es geht. Du?“
Floyd beugte sich nach rechts und prüfte, wie weit die Drei am Rand zwei Reihen vor ihnen waren. Die Männer hatten das Mädchen zwischen sich eingeklemmt. Einer von ihnen faßte das Haar – man konnte nicht erkennen, ob er ihr den Nacken kraulte oder sie festhielt.
„Hoffentlich kommen die Würmer nicht nochmal vor“, sagte der andere, da Floyd keine Antwort gab. „Würmer und sowas sind mir einfach zu eklig. Gewalt, okay – solange keine Innereien spritzen, bin ich dabei, aber alles Glitschige, Sabschige, Breiige...“
„Hör auf!“ Floyd griff nach der Colaflasche in dem Halter, der ihn ärgerte, weil er nicht wußte, ob er zu seiner Armlehne oder zu der des andern gehörte. Man hätte ganz am Anfang nachschauen müssen. „Daß der Film so wirr ist, liegt vielleicht daran, daß das Drehbuch auf einen Song zurückgeht, dessen Text wiederum von einem Roman inspiriert wurde.“
„Ich dachte, von einem Gedicht.“
„Nee, der Songtext ist praktisch das Gedicht. Der Roman...“
„Was machen die da vorn?“ unterbrach der andere Floyds Erläuterungen. „Ist es wirklich das, was es scheint, Mann?“
Floyd erlaubte dem Colaschaum, langsam seine Speiseröhre hinaufzuklettern. Als er an der Schwelle eines Rülpsens war, begann er schnell zu sprechen: „Wenn ich mich nicht sehr irre, hält der eine sie fest, während der andere ihr den Finger reinsteckt. Oder die ganze Hand oder was weiß ich. Wahrscheinlich...“
„Brennt’s noch?“ fragte der andere, als habe bereits der Ansatz zu einer detaillierteren Beschreibung sein Interesse an dem, was ein paar Meter entfernt von ihnen geschah, zur Gänze erschöpft.
„Wie Hölle“, seufzte Floyd. Er streckte beide Hände mit gespreizten Fingern von sich, um eine Geste zu machen. Dann ließ er sie theatralisch fallen.
Die Ängstlichkeit seiner Bekannten war immer das größte Problem. Allein traute er sich nicht, aber zusammen mit einem dieser Wichser schien die Angst sich zu verdoppeln statt zu halbieren. Im Gegensatz zu Kurt (und Frank und Ben und wie sie alle hießen) hatte er zumindest das Foto eines Mädchens in seiner Brieftasche stecken, das lebte, dessen geisterhafte Existenz sich für die Dauer eines Vormittags in einer Bar am Strand von Las Palomas zu einer körperlichen Berührung zusammengeballt hatte. Das Bild zeigte sie nicht besonders deutlich (ein fetter Alkoholiker hatte es machen müssen, weil er zum Beweis unbedingt neben ihr mit drauf sein wollte) – aber selbst die Finsternis eines Ortes, an dem nur die Spielautomaten zu leuchten schienen, konnte ihr Lachen nicht völlig verschlucken. Es war dagewesen, dieses Lachen, und es hatte ihm gegolten, dem Kitzeln seines Atems an ihrem Hals oder einem dreckigen Witz, den er ihr im Moment, da der andre endlich auf den Auslöser drückte, wie ein 'ich liebe dich' zugeraunt hatte.
„Warum will sie jetzt schon wieder durch dieselbe Tür?“ wollte Kurt wissen.
„Fick doch den elenden Film!“
Die unterdrückten Schreie kamen nicht von der Leinwand. Er mußte fast aufstehen, um es zu sehen (er befürchtete, sein Schatten würde im Bild erscheinen) – der dickere der beiden Asiaten preßte dem Mädchen die Hand aufs Gesicht. Da war Bewegung in der Gruppe: es ruckelte, die Vibrationen setzten sich durch den uralten Bretterboden bis hierher fort. Jetzt – er meinte für den Bruchteil einer Sekunde den nackten Arm in der Luft zu sehen – drehten sie das Mädchen in eine halb liegende Stellung. Einer zog ihr wohl das Höschen aus. Floyd entdeckte den weißen Fleck auf dem dünnen, ausgetretenen Teppich, als er kniend vor seinem Sitz unter den Reihen hindurchspähte. Er wünschte sich so, sie wären mutiger gewesen und hätten sich direkt hinter das verdächtig aussehende Trio gesetzt.
„Soll ich dir was gestehen?“ flüsterte Kurt.
Die Schauspielerin mit der Sonnenbrille öffnete zum dritten Mal die Tür. Das Flugticket steckte in ihrer Trenchcoattasche. Der Koffer, dessen rechte Rolle defekt zu sein schien, schrammte über den Teppich und hinterließ eine Spur. Eine unpassend traurige Musik setzte ein. Die Frau weinte (eine dicke Filmträne löste sich vom schwarzen Rand der Brille, sie kullerte glitzernd die Wange herunter). Dann verließ sie das Apartment, und jenseits der Tür befand sich nicht der ungepflegte Vorgarten mit den Würmern, wie die Kamera ihn viele Male durchpflügt hatte, sondern ein bedrückend häßlicher Korridor mit flackernden Leuchtstoffröhren und einer absurden Reihe von drei, vier...Floyd zählte sieben Feuerlöschern an der Wand.
„Ich habe vor dem Gehen meinen Schuh rausgestellt“, sagte Kurt.
„Deinen Schuh?“
„Ja, für morgen früh, falls es heute spät wird und ich es vergesse.“
„Sie stöhnt, oder?“
Das Mädchen stöhnte, oder sie erstickten immer noch die Schreie, und das Resultat klang wie eine japanische Variante von Lust. Oder vietnamesische, das war wahrscheinlicher. Der Ellenbogen des über sie gebeugten Mannes arbeitete.
Plötzlich ließ der zweite Mann den Kopf nach hinten sinken. Floyd zuckte beim Anblick seiner zusammengebissenen Zähne.
„Morgen ist Nikolaus“, sagte Kurt.
„Nikolaus“, murmelte Floyd, der sich tief in seine Sitzschale drückte und die Augenlider verengte, um schärfer zu stellen. Er spürte eine bleierne Müdigkeit in den Beinen. Eine angenehme Müdigkeit, wie wenn man nach einem Marsch durch die Winternacht in sein überheiztes Wohnzimmer kommt und in Schuhen und Mantel halb einschläft.
„Kriegst du was zum Nikolaus?“
Floyd schwieg. Der erste Asiate stand auf.
„Wenn nicht ein Geist mit Süßigkeiten vorbeikommt, ...wohl kaum.“
Kurt brummte zustimmend. Der zweite Asiate begleitete das Mädchen zu dem unscheinbaren Seitenausgang, wo sich die Toiletten des Kinos befanden. Sie humpelte und knickte unterwegs um. Der Mann schloß seine Faust um ihren Hals und schob sie hinaus.
„Nikolaus, Nikolaus“, sagte Kurt. „Warum heißt der Film eigentlich Cindy? Ist die Frau Cindy? Bislang hat sie niemand angesprochen, wir wissen es nicht. Oder ist irgendeine von den tausend anderen Cindy? Warum wimmelt dieser Film so von Frauen?“
„Du bist ein entsetzlicher Feigling.“
„Letztes Jahr hat meine Exfrau mir zum Nikolaus was in den Stiefel gesteckt. Heimlich. Nein, vorletztes.“
„Wir machen Schere-Stein-Papier, und wer gewinnt, folgt den beiden auf die Toilette“, sagte Floyd. Er unterdrückte ein Gähnen.
„Nein, wer verliert.“
„Gut. Meinetwegen.“
Kurt machte Schere.
Floyd machte Papier.
allesfliesst - 12. Dez, 23:24



