Song Story #5: Mädchensänger
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Wenn man dich aufschlitzte, käme wenigstens nicht dieser übliche Dreck zum Vorschein. Eine wie dich...würde ich sogar heiraten, aber wie falsch das klingt, dieses erste Wort schon: Eine...
Verzeih mir, wenn ich heute zu müde bin, um das noch umzuformulieren. Mein Geld reicht nicht mehr für Hotels, nicht einmal mehr für die schäbigen, nach Vertretern stinkenden Pensionen am Stadtrand, von denen man mit Bussen stundenlang bis zu den Clubs fährt, in denen du auftrittst (diese Clubs – das ist wie ein zufälliges Muster, eine halb entsetzliche, halb sympathische Fratze, die man auf einer Korktapete entdeckt – liegen immer in einem Viertel nordöstlich des Zentrums).
Ich werde nie lernen, auf den absurd gewölbten Sitzschalen der Nachtzüge richtig zu schlafen. Dein Name auf dem Ticket für morgen erscheint durch den Schleier der Übermüdung mit sonderbaren Serifen versehen. Und er ist tatsächlich – ist das möglich? – doch, er ist tatsächlich kleiner als der Preis. Zweiunddreißig Euro für ein Konzert. Ist das nicht Wahnsinn? Dürftest du selbst einen Preis nennen, den diejenigen zu entrichten hätten, die dich live erleben wollen (was für ein Wort!) – ich bin mir sicher, es wäre eine weit bescheidenere Summe. Du würdest...jedenfalls nicht mehr verlangen als den einen Schein und die paar Münzen, die sich noch in meiner Brieftasche befinden. Du wärst wahrscheinlich sogar damit zufrieden, daß wir Naturalien tauschen: daß ich dich nach dem Auftritt in deinem engen, stickigen, aus der ehemaligen Toilette gebastelten Backstageraum ficke.
Aber erst einmal heute. Der Nachtzug erreicht die Kleinstadt (ich erspare uns den Namen) um 5 Uhr 31. Der Karte nach liegt sie am Meer. Ich spaziere in aller Ruhe den unkrautgesäumten Bahnsteig entlang und bin entzückt, neben dem Ausgang des offenen Häuschens einen Kaffeeautomaten zu finden. Die stille, milde aggressive Hitze in der Hand, der Duft des Nescafés (der sicher scheußlich schmeckt) und die eisige Frische des Morgens in meinen Nasenlöchern – ich genieße diese ersten Stunden des Tages mittlerweile fast mehr als die letzten dreißig Minuten, bevor zu die Bühne betrittst. Früher war das die aufregendste Zeit überhaupt. Gegen Mittag erfaßt mich oft ein Schwindel, eine säuerliche Mischung aus Hunger und Langweile, und ich warte in einer kompakt zusammengekauerten Haltung am Rande des Parkplatzes, wo der Tourbus steht und deine Managerin, eine eklige haarige Lesbe, ab und zu vorbeikommt und mir mitleidig zunickt. Drei- oder viermal habe ich den Anfang des Konzertes in dieser Hocke verpennt.
Jetzt dagegen geht es mir gut. Mit Kaffeebecher und Rollkoffer folge ich den Schildern, die Richtung Strand und Kurzentrum weisen. Die Straßen sind menschenleer, die Rolläden der Häuser zugezogen. Vor den meisten stehen Tafeln mit der Aufschrift Fremdenzimmer oder Belegt.
Sonderbarerweise geht es aufwärts. Daß der Bahnhof etwas außerhalb nahe der Bundesstraße angelegt wurde, kann man auf dem Ausdruck der Umgebungskarte erkennen, aber in meiner Vorstellung müßte ein Weg zum Meer bergab oder wenigstens auf gleicher Ebene verlaufen. Die engen, von alten Kastanien noch enger zusammengedrängten Gassen winden sich immer weiter hinauf, und mir fällt das Gehen mit dem Gepäck schon so schwer, daß ich etwas von dem Kaffee über meine Hand geschüttet habe. Ohne richtig anzuhalten, lecke ich die braune, jetzt saure Flüssigkeit ab.
Zu meiner Linken blinken durch Gebüsch und einen hohen Gitterzaun die grellen Farben der Umgrenzung von Minigolfbahnen. Ich bleibe doch stehen, um Atem zu schöpfen. Mein Rücken juckt, was auf einen bevorstehenden Schweißausbruch schließen läßt. Irgendwo weiter oben (es muß noch viel, viel weiter nach oben gehen) kurvt ein Moped knatternd in Intervallen. Das Blut pocht in den Schläfen. Der Geruch nach alten Pommes strömt aus einer nahen Mülltonne hinter dem Gitter herüber. Du jagst währenddessen über die Autobahn und schaukelst mit zusammengekniffenen Augen in deiner Koje. Ich habe mal durch Zufall mitgekriegt, wie du schläfst: die Lider so fest heruntergedrückt, daß es brutal aussieht, so wie andere Menschen die Zähne zusammenpressen.
Die Bahn mit den zwei gegeneinander versetzten Loopings: Man muß den Ball so mittig in den ersten spielen, daß er genau am Anfang des zweiten herauskommt, und mit ordentlich Schwung, um im zweiten nicht hängenzubleiben. Natürlich ist es eine Schande, daß eine wie du in solchen lausigen Strandbädern auftritt. Obwohl ich es auch wieder sympathisch finde, wenn du dir für die Menschen abseits der Zentren nicht zu schade bist, wenn du den Weg zu deinen Fans suchst, auch zu armen Losern, deren Alltag darin besteht, in einem Thermalbad für Renter beim Imbiß zu kellnern. Andererseits ist mir das entschieden zuviel Sympathie für das Jämmerliche auf dieser Welt.
Einmal, in Braunschweig, habe ich dir wirklich einen Heiratsantrag gemacht. Und du hast angenommen. Es war kein guter Abend gewesen. Du wolltest dich mit mir trösten. Sehr wahrscheinlich sah ich damals auch noch wie jemand aus, der Trost spenden könnte. Ich bin dir nicht böse deswegen. Wir zwei haben uns für das Weitermachen entschieden. Ich drehe die Karte. Doch, die Richtung stimmt: Parkplätze, Geschäfte, Strand, Meer. Ich sage das ganz gelassen und nicht zur Strafe: Deine Schale mag mit den Jahren Risse bekommen haben – innen drin bist du noch immer ein verdammt hübsches Ding. Und du rockst wie ein Junge.
Bis später.

Wenn man dich aufschlitzte, käme wenigstens nicht dieser übliche Dreck zum Vorschein. Eine wie dich...würde ich sogar heiraten, aber wie falsch das klingt, dieses erste Wort schon: Eine...
Verzeih mir, wenn ich heute zu müde bin, um das noch umzuformulieren. Mein Geld reicht nicht mehr für Hotels, nicht einmal mehr für die schäbigen, nach Vertretern stinkenden Pensionen am Stadtrand, von denen man mit Bussen stundenlang bis zu den Clubs fährt, in denen du auftrittst (diese Clubs – das ist wie ein zufälliges Muster, eine halb entsetzliche, halb sympathische Fratze, die man auf einer Korktapete entdeckt – liegen immer in einem Viertel nordöstlich des Zentrums).
Ich werde nie lernen, auf den absurd gewölbten Sitzschalen der Nachtzüge richtig zu schlafen. Dein Name auf dem Ticket für morgen erscheint durch den Schleier der Übermüdung mit sonderbaren Serifen versehen. Und er ist tatsächlich – ist das möglich? – doch, er ist tatsächlich kleiner als der Preis. Zweiunddreißig Euro für ein Konzert. Ist das nicht Wahnsinn? Dürftest du selbst einen Preis nennen, den diejenigen zu entrichten hätten, die dich live erleben wollen (was für ein Wort!) – ich bin mir sicher, es wäre eine weit bescheidenere Summe. Du würdest...jedenfalls nicht mehr verlangen als den einen Schein und die paar Münzen, die sich noch in meiner Brieftasche befinden. Du wärst wahrscheinlich sogar damit zufrieden, daß wir Naturalien tauschen: daß ich dich nach dem Auftritt in deinem engen, stickigen, aus der ehemaligen Toilette gebastelten Backstageraum ficke.

Aber erst einmal heute. Der Nachtzug erreicht die Kleinstadt (ich erspare uns den Namen) um 5 Uhr 31. Der Karte nach liegt sie am Meer. Ich spaziere in aller Ruhe den unkrautgesäumten Bahnsteig entlang und bin entzückt, neben dem Ausgang des offenen Häuschens einen Kaffeeautomaten zu finden. Die stille, milde aggressive Hitze in der Hand, der Duft des Nescafés (der sicher scheußlich schmeckt) und die eisige Frische des Morgens in meinen Nasenlöchern – ich genieße diese ersten Stunden des Tages mittlerweile fast mehr als die letzten dreißig Minuten, bevor zu die Bühne betrittst. Früher war das die aufregendste Zeit überhaupt. Gegen Mittag erfaßt mich oft ein Schwindel, eine säuerliche Mischung aus Hunger und Langweile, und ich warte in einer kompakt zusammengekauerten Haltung am Rande des Parkplatzes, wo der Tourbus steht und deine Managerin, eine eklige haarige Lesbe, ab und zu vorbeikommt und mir mitleidig zunickt. Drei- oder viermal habe ich den Anfang des Konzertes in dieser Hocke verpennt.
Jetzt dagegen geht es mir gut. Mit Kaffeebecher und Rollkoffer folge ich den Schildern, die Richtung Strand und Kurzentrum weisen. Die Straßen sind menschenleer, die Rolläden der Häuser zugezogen. Vor den meisten stehen Tafeln mit der Aufschrift Fremdenzimmer oder Belegt.
Sonderbarerweise geht es aufwärts. Daß der Bahnhof etwas außerhalb nahe der Bundesstraße angelegt wurde, kann man auf dem Ausdruck der Umgebungskarte erkennen, aber in meiner Vorstellung müßte ein Weg zum Meer bergab oder wenigstens auf gleicher Ebene verlaufen. Die engen, von alten Kastanien noch enger zusammengedrängten Gassen winden sich immer weiter hinauf, und mir fällt das Gehen mit dem Gepäck schon so schwer, daß ich etwas von dem Kaffee über meine Hand geschüttet habe. Ohne richtig anzuhalten, lecke ich die braune, jetzt saure Flüssigkeit ab.
Zu meiner Linken blinken durch Gebüsch und einen hohen Gitterzaun die grellen Farben der Umgrenzung von Minigolfbahnen. Ich bleibe doch stehen, um Atem zu schöpfen. Mein Rücken juckt, was auf einen bevorstehenden Schweißausbruch schließen läßt. Irgendwo weiter oben (es muß noch viel, viel weiter nach oben gehen) kurvt ein Moped knatternd in Intervallen. Das Blut pocht in den Schläfen. Der Geruch nach alten Pommes strömt aus einer nahen Mülltonne hinter dem Gitter herüber. Du jagst währenddessen über die Autobahn und schaukelst mit zusammengekniffenen Augen in deiner Koje. Ich habe mal durch Zufall mitgekriegt, wie du schläfst: die Lider so fest heruntergedrückt, daß es brutal aussieht, so wie andere Menschen die Zähne zusammenpressen.

Die Bahn mit den zwei gegeneinander versetzten Loopings: Man muß den Ball so mittig in den ersten spielen, daß er genau am Anfang des zweiten herauskommt, und mit ordentlich Schwung, um im zweiten nicht hängenzubleiben. Natürlich ist es eine Schande, daß eine wie du in solchen lausigen Strandbädern auftritt. Obwohl ich es auch wieder sympathisch finde, wenn du dir für die Menschen abseits der Zentren nicht zu schade bist, wenn du den Weg zu deinen Fans suchst, auch zu armen Losern, deren Alltag darin besteht, in einem Thermalbad für Renter beim Imbiß zu kellnern. Andererseits ist mir das entschieden zuviel Sympathie für das Jämmerliche auf dieser Welt.
Einmal, in Braunschweig, habe ich dir wirklich einen Heiratsantrag gemacht. Und du hast angenommen. Es war kein guter Abend gewesen. Du wolltest dich mit mir trösten. Sehr wahrscheinlich sah ich damals auch noch wie jemand aus, der Trost spenden könnte. Ich bin dir nicht böse deswegen. Wir zwei haben uns für das Weitermachen entschieden. Ich drehe die Karte. Doch, die Richtung stimmt: Parkplätze, Geschäfte, Strand, Meer. Ich sage das ganz gelassen und nicht zur Strafe: Deine Schale mag mit den Jahren Risse bekommen haben – innen drin bist du noch immer ein verdammt hübsches Ding. Und du rockst wie ein Junge.
Bis später.

allesfliesst - 9. Dez, 19:26



