Song Story #2: Der Mädchenanachronismus
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Man darf ihr keine Aufmerksamkeit schenken, das ermutigt sie nur.
Sie hat sich geweigert, Geige zu lernen. Sie wollte unbedingt ein Klavier. Ihre erste Lehrerin, eine japanische Studentin vom Konservatorium mit feuchten, schief unter den Lippen hervorstehenden Zähnen, kündigte mit der Behauptung, von der Achtjährigen sexuell belästigt worden zu sein. Nach zwei Jahren mit einem schwulen Russen konnte sie ein Stück von Skrjabin perfekt und sonst nichts und brachte sich den Rest selber bei (ihre Technik beeindruckt, sieht aber monströs aus, als ob jemand die Tasten bestrafe). Mit zwölf verschwand sie von einem Spielplatz am Rand von Frohnau, um nach sieben Jahren zur Beerdigung ihrer Mutter zurückzukehren. Eine Pflegerin, die sie begleitete, glitt auf dem nassen Laub aus und wäre fast in die Grube gerutscht. Die Frau, heißt es, machte auch sonst einen unzuverlässigen Eindruck, wesentlich verwirrter als ihre Patientin.
Das Problem sind die drei Kinder, raunt die Ärztin mir zu. Hätte sie nicht innerhalb von zwei Jahren drei Kinder bekommen, hätten wir sie einfach hier behalten, aber wir sind eine Klinik, kein Kindergarten. Es ist sowieso unglaublich, wie sie es geschafft hat, schwanger zu werden. Es muß draußen passiert sein...
Norma lächelt. Ihre Bandagen sitzen locker, um die Schenkel leicht verrutscht, und sie – oder jemand – hat, wie zum Spott, eine Packung Condome auf dem Aluminiumnachttisch plaziert.
Wie stehen Sie eigentlich miteinander? will die Ärztin wissen. Sind Sie verwandt?
Norma knabbert auf einer Ameise, während sie nickt. Mit verschwörerischem Kinderblick zieht sie mich zu sich herunter: Aber wir sagen ihr nicht wie, okay? Es ist zu kompliziert – es ist so irrsinnig kompliziert, daß es keinen regulären Namen dafür gibt, wir haben uns bemüht herauszufinden, wie man es nennt, wir haben ihre Großmutter (meine Tante väterlicherseits) gefragt, ihre Mutter (meine Cousine), ihren Vater (mit dem ich nichts gemeinsam habe). Wir haben uns Namen ausgedacht, da die Gesellschaft keinen vorgesehen hatte: Schwousin, Vetter in der zweiten Potenz, fraktaler Schwager... Jedenfalls war unser Verhältnis ernst, nur nicht intim genug, so daß ich das Zimmer verlassen mußte, als die beiden Typen sie besuchten und auf der Matratze wippend nicht mit den obszönen Blödeleien aufhörten. Oder bin ich aus eigenem Antrieb geflohen?
„Sie ist schön“, sagt Norma und nickt in Richtung Ärztin.
Ich bestätige das.
„Sie wollte Historikerin werden, aber in ihrer Familie sind alle Männer Ärzte und alle Frauen Hausfrauen oder Kunstlehrerinnen, deshalb hat sie Medizin studiert.“
„Schade“, sage ich. „Obwohl die Geschichte, glaube ich, überschätzt wird.“
Norma hat schon immer alles schön gefunden. Das war, wenn man so will, ihr Problem: Morrisey war schön, und Herman van Veen war schön (zwei Menschen, die einander ausschlossen: Schönheit war einfach der Aspekt, der das Unvereinbare kompatibel erscheinen ließ, und Norma stürzte sich in diese Illusion einer allesversöhnenden Schönheit wie in die Vorbereitungen für ein prächtiges Fest zur Feier des universalen Waffenstillstands, während rings um sie die Schlacht tobte und sie mit schönem Blut und schönen Gedärmen bespritzte). Der Arsch eines Freundes war sehr schön (er hatte bei einer Art verschärftem Flaschendrehen die Hose runterziehen und sich etwas hineinstecken lassen müssen), und der abgebrochene Zahn von Luisa, einer Liebhaberin von Nutellabroten mit Zwiebeln, war hinreißend schön (ja, das war er). Meine Hände waren schön, und der Rauhhaardackel der Nachbarn war schön. Eine stadtbekannte Drag-Queen war schön, und der querschnittgelähmte Freund, der uns zu ihrer Show fuhr (ein gerammter Lkw hatte sein Rückenmark knapp über dem Becken durchtrennt), war überhaupt die Schönheit des Abends: Norma beschwor den erotischen Reiz seiner tauben Beine so suggestiv, daß schließlich zwei Skinheads mit dem Rollstuhl und seinem Inhalt auf der Toilette verschwanden. Ihre Oma (meine Tante) als fünfzehnjähriges Mädchen war schön.
Die drei Kinder sind auf drei Heime verteilt. Sie prozessiert dagegen, daß man sie ihr weggenommen hat, und es sieht aus, als könne sie zumindest in einem oder zwei der Fälle recht bekommen. Die Ärztin schweigt dazu. Sie zeigt mir Fotos von den drei Mädchen. Vier und fünf Jahre. Wie sie ihr ähnlich sehen.
„Als ob ich mich durch Zellteilung vermehrt hätte, nicht?“
Eine Schwester kommt mit einem Tablett voller Medikamente. Es ist Zeit zum Abschied. Normas große dunkle Kulleraugen betrachten mit einer Mischung aus Neugier und Ekel die verschiedenfarbigen Pillen und die milchigtrübe Flüssigkeit in der Ampulle. Sie spuckt das zerkaute Insekt ins Wasserglas und langt sich an den Hals, um unter den Binden zu kratzen.
„Ich muß Pipi!“ Sie kichert. „Nein, nur ein Scherz, nur um mit euren Erwartungen zu spielen.“
Während die Schwester ihren Arm freimacht, schaut sie ein letztes Mal zu mir herüber, nachdenklich, als ob sie im Geist eine Liste durchgeht und nach etwas Übersprungenem sucht.
„Versuch mal, mich zu finden“, sagt sie schließlich, das Gesicht für den Bruchteil der Sekunde, in dem die Nadel die Epidermis durchsticht, zu einer Leidensgrimasse verzerrt. „Du kannst im Telefonbuch nach meinem Nachnamen gucken. Ich glaube, ich war kurz mit einem von den Typen verheiratet, die mich geschwängert haben, aber es ist zumindest nicht ausgeschlossen, daß ich wieder meinen Mädchennamen angenommen habe und jetzt in einer eigenen Wohnung lebe. Die Freude am WG-Chaos ist ja auch irgendwann mal vorbei. Oder du könntest versuchen, meinen Vater ausfindig zu machen. Dessen Name ist schließlich derselbe, und er ist so mittelselten, da hast du eine reelle Chance. Vielleicht würde es auch ausreichen, einfach durch die Straßen zu spazieren, die wir miteinander entlanggeschlendert sind, die Cafés und Bars und Cabarets zu besuchen. Bei aller Unstetigkeit bin ich doch ein Gewohnheitstierchen. Wer weiß – womöglich sitze ich immer noch dort und schaue mir mit derselben naiven Begeisterung dieselbe alte Tuntenshow an. Also, wenn du mal nichts besseres zu tun hast...“
„Ja“, sage ich. „Mir ist irgendwie nostalgisch zumute, wenn ich an dich denke. Aber es ist eine unheimliche Nostalgie. Trotzdem – bis bald!“
„Haarch, Verschwinden juckt!“, sagt sie, ehe die Injektion zu wirken beginnt und das Pharmakon sie mit sanften Tritten zurück in die Gegenwart schickt.

Die Lyrics zum Song gibts hier.

Man darf ihr keine Aufmerksamkeit schenken, das ermutigt sie nur.
Sie hat sich geweigert, Geige zu lernen. Sie wollte unbedingt ein Klavier. Ihre erste Lehrerin, eine japanische Studentin vom Konservatorium mit feuchten, schief unter den Lippen hervorstehenden Zähnen, kündigte mit der Behauptung, von der Achtjährigen sexuell belästigt worden zu sein. Nach zwei Jahren mit einem schwulen Russen konnte sie ein Stück von Skrjabin perfekt und sonst nichts und brachte sich den Rest selber bei (ihre Technik beeindruckt, sieht aber monströs aus, als ob jemand die Tasten bestrafe). Mit zwölf verschwand sie von einem Spielplatz am Rand von Frohnau, um nach sieben Jahren zur Beerdigung ihrer Mutter zurückzukehren. Eine Pflegerin, die sie begleitete, glitt auf dem nassen Laub aus und wäre fast in die Grube gerutscht. Die Frau, heißt es, machte auch sonst einen unzuverlässigen Eindruck, wesentlich verwirrter als ihre Patientin.
Das Problem sind die drei Kinder, raunt die Ärztin mir zu. Hätte sie nicht innerhalb von zwei Jahren drei Kinder bekommen, hätten wir sie einfach hier behalten, aber wir sind eine Klinik, kein Kindergarten. Es ist sowieso unglaublich, wie sie es geschafft hat, schwanger zu werden. Es muß draußen passiert sein...
Norma lächelt. Ihre Bandagen sitzen locker, um die Schenkel leicht verrutscht, und sie – oder jemand – hat, wie zum Spott, eine Packung Condome auf dem Aluminiumnachttisch plaziert.
Wie stehen Sie eigentlich miteinander? will die Ärztin wissen. Sind Sie verwandt?
Norma knabbert auf einer Ameise, während sie nickt. Mit verschwörerischem Kinderblick zieht sie mich zu sich herunter: Aber wir sagen ihr nicht wie, okay? Es ist zu kompliziert – es ist so irrsinnig kompliziert, daß es keinen regulären Namen dafür gibt, wir haben uns bemüht herauszufinden, wie man es nennt, wir haben ihre Großmutter (meine Tante väterlicherseits) gefragt, ihre Mutter (meine Cousine), ihren Vater (mit dem ich nichts gemeinsam habe). Wir haben uns Namen ausgedacht, da die Gesellschaft keinen vorgesehen hatte: Schwousin, Vetter in der zweiten Potenz, fraktaler Schwager... Jedenfalls war unser Verhältnis ernst, nur nicht intim genug, so daß ich das Zimmer verlassen mußte, als die beiden Typen sie besuchten und auf der Matratze wippend nicht mit den obszönen Blödeleien aufhörten. Oder bin ich aus eigenem Antrieb geflohen?
„Sie ist schön“, sagt Norma und nickt in Richtung Ärztin.
Ich bestätige das.
„Sie wollte Historikerin werden, aber in ihrer Familie sind alle Männer Ärzte und alle Frauen Hausfrauen oder Kunstlehrerinnen, deshalb hat sie Medizin studiert.“
„Schade“, sage ich. „Obwohl die Geschichte, glaube ich, überschätzt wird.“
Norma hat schon immer alles schön gefunden. Das war, wenn man so will, ihr Problem: Morrisey war schön, und Herman van Veen war schön (zwei Menschen, die einander ausschlossen: Schönheit war einfach der Aspekt, der das Unvereinbare kompatibel erscheinen ließ, und Norma stürzte sich in diese Illusion einer allesversöhnenden Schönheit wie in die Vorbereitungen für ein prächtiges Fest zur Feier des universalen Waffenstillstands, während rings um sie die Schlacht tobte und sie mit schönem Blut und schönen Gedärmen bespritzte). Der Arsch eines Freundes war sehr schön (er hatte bei einer Art verschärftem Flaschendrehen die Hose runterziehen und sich etwas hineinstecken lassen müssen), und der abgebrochene Zahn von Luisa, einer Liebhaberin von Nutellabroten mit Zwiebeln, war hinreißend schön (ja, das war er). Meine Hände waren schön, und der Rauhhaardackel der Nachbarn war schön. Eine stadtbekannte Drag-Queen war schön, und der querschnittgelähmte Freund, der uns zu ihrer Show fuhr (ein gerammter Lkw hatte sein Rückenmark knapp über dem Becken durchtrennt), war überhaupt die Schönheit des Abends: Norma beschwor den erotischen Reiz seiner tauben Beine so suggestiv, daß schließlich zwei Skinheads mit dem Rollstuhl und seinem Inhalt auf der Toilette verschwanden. Ihre Oma (meine Tante) als fünfzehnjähriges Mädchen war schön.
Die drei Kinder sind auf drei Heime verteilt. Sie prozessiert dagegen, daß man sie ihr weggenommen hat, und es sieht aus, als könne sie zumindest in einem oder zwei der Fälle recht bekommen. Die Ärztin schweigt dazu. Sie zeigt mir Fotos von den drei Mädchen. Vier und fünf Jahre. Wie sie ihr ähnlich sehen.
„Als ob ich mich durch Zellteilung vermehrt hätte, nicht?“
Eine Schwester kommt mit einem Tablett voller Medikamente. Es ist Zeit zum Abschied. Normas große dunkle Kulleraugen betrachten mit einer Mischung aus Neugier und Ekel die verschiedenfarbigen Pillen und die milchigtrübe Flüssigkeit in der Ampulle. Sie spuckt das zerkaute Insekt ins Wasserglas und langt sich an den Hals, um unter den Binden zu kratzen.
„Ich muß Pipi!“ Sie kichert. „Nein, nur ein Scherz, nur um mit euren Erwartungen zu spielen.“
Während die Schwester ihren Arm freimacht, schaut sie ein letztes Mal zu mir herüber, nachdenklich, als ob sie im Geist eine Liste durchgeht und nach etwas Übersprungenem sucht.
„Versuch mal, mich zu finden“, sagt sie schließlich, das Gesicht für den Bruchteil der Sekunde, in dem die Nadel die Epidermis durchsticht, zu einer Leidensgrimasse verzerrt. „Du kannst im Telefonbuch nach meinem Nachnamen gucken. Ich glaube, ich war kurz mit einem von den Typen verheiratet, die mich geschwängert haben, aber es ist zumindest nicht ausgeschlossen, daß ich wieder meinen Mädchennamen angenommen habe und jetzt in einer eigenen Wohnung lebe. Die Freude am WG-Chaos ist ja auch irgendwann mal vorbei. Oder du könntest versuchen, meinen Vater ausfindig zu machen. Dessen Name ist schließlich derselbe, und er ist so mittelselten, da hast du eine reelle Chance. Vielleicht würde es auch ausreichen, einfach durch die Straßen zu spazieren, die wir miteinander entlanggeschlendert sind, die Cafés und Bars und Cabarets zu besuchen. Bei aller Unstetigkeit bin ich doch ein Gewohnheitstierchen. Wer weiß – womöglich sitze ich immer noch dort und schaue mir mit derselben naiven Begeisterung dieselbe alte Tuntenshow an. Also, wenn du mal nichts besseres zu tun hast...“
„Ja“, sage ich. „Mir ist irgendwie nostalgisch zumute, wenn ich an dich denke. Aber es ist eine unheimliche Nostalgie. Trotzdem – bis bald!“
„Haarch, Verschwinden juckt!“, sagt sie, ehe die Injektion zu wirken beginnt und das Pharmakon sie mit sanften Tritten zurück in die Gegenwart schickt.

Die Lyrics zum Song gibts hier.
allesfliesst - 30. Jul, 15:02
tante.trude - 17. Jul, 00:23
oooh .. danke, danke für das "aufmerksammachen".
es gibt so viele tolle blogs auf twoday, bei denen es ob der überzahl der user, einfach nicht möglich ist, sie zu finden ..
die geschichte und dein gesamter blog sind genau nach meinem geschmack.
vielen, vielen dank nochmal. (:
liebste grüße,
tyche
es gibt so viele tolle blogs auf twoday, bei denen es ob der überzahl der user, einfach nicht möglich ist, sie zu finden ..
die geschichte und dein gesamter blog sind genau nach meinem geschmack.
vielen, vielen dank nochmal. (:
liebste grüße,
tyche

und toll zu lesen
Entjungferung