[>>]

Song Story #1: Die Leben anderer Leute

n002


Die Leben anderer Leute sind interessanter, weil sie nicht meins sind, dachte Maus.

Der einzige Ausweg bestand offensichtlich darin, das eigene Leben loszuwerden oder das loszuwerden, was machte, daß er sein eigenes Leben als seins empfand, aber das letztere wirkte kompliziert und wenig aussichtsreich, und daher ließ er sich in den fellbespannten Fahrersitz des alten Opel fallen, setzte rückwärts mit zu früher Kupplung aus der Garage und fummelte am Radioregler.

Einer der weniger furchtbaren Sender spielte Musik für die Autobahn („Das ist Highway-Emocore!“ – er drehte lauter), also schlug er den Weg Richtung Autobahn ein und profitierte so zum ersten Mal seit vierzehn Jahren davon, nah an einer Autobahnauffahrt zu wohnen.

Die Autobahn lag leer und regennaß unter einem eher beliebigen Himmel. Maus war es recht. Er trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch, ließ den Tempomat einrasten, kreuzte die Beine im Schneidersitz, riß die Nackenstütze heraus, legte den Kopf zurück, schloß seine Augen und begann entspannt von Hundert rückwärts zu zählen. Seine Jugendliebe N. aus San Diego nannte das curve intuition (es gab ein gleichnamiges Computerspiel, das bei schlechter Intuition einen erhabenen Crash produzierte: der Spieler konnte auf dem Bildschirm sehen, wie sein Körper in metallisch schimmerndem 3D inmitten eines Splitterregens durch die Windschutzscheibe hochgeschleudert wurde, er stieg dreißig Meter über die Straße, überschlug sich in der Luft, schwebte für ein Rückenatmen wie ein zwischendurch vergessener Gedanke über den explodierenden Trümmern des Wagens, fand mit einem hübschen kleinen uiirp den Anschluß an die Schwerkraft wieder und stürzte in einem grandiosen Finish durch Wolken aus ölschwarzem Rauch in die lodernden Flammen – es war fast unmöglich, auf Gewinn zu spielen, weil die Grafik beim Verlieren einfach zu sehr faszinierte).

Maus fühlte also die Straße mit ihren sanften Schwüngen und kurzen Unebenheiten. Seine Ohren sogen durch den Fensterspalt das Wuong!-Wuong!-Wuong! des Windes ein, der sich an der Lärmdämmung brach und das Wageninnere in Rückkopplungswellen durchpulste. Wie ein Echolot zeigten die feinen Veränderungen in der Vibration den Verlauf der Fahrbahn. Maus gelang das Blindfahren so gut, daß er anfing, mit den Füßen zu lenken. Das war nicht so schlecht. Es machte das Leben nicht unbedingt lebenswert (es blieb beispielsweise diesseits eines richtigen Orgasmus und ganz sicher diesseits von Liebe), aber es versprach, die Sache kurzweilig und rasch zu Ende zu bringen, und wenigstens gab es hier um drei Uhr nachts auf einer Autobahn, die nach Nevada oder zur dänischen Grenze führte, keine anderen, deren Leben seinem in die Quere kam. Maus fühlte sich angenehm von Vergleichen befreit und war kurz davor einzuschlafen, als das Geräusch des Motors plötzlich verschwand.

***

burnout_revenge_14_500


„Du hast Glück, daß ich auch ’nen guten alten Diesel fahre“, sagte der Typ, während er sehr geschickt mit einem Gerät, dessen Namen Maus nicht kannte, den besagten Treibstoff aus dem Tank seines Vans in einen gelben Kanister pumpte.

Er hätte nicht gewagt, das Gerät Pumpe zu nennen. Es war auch nicht nötig, ihm einen Namen zu geben. Der Typ redete selbst unaufhörlich. Er schien nicht einmal Wert darauf zu legen, daß sein Gegenüber (oder Nebenbei) die Geschichte von seiner Zeit bei der Armee mit Lauten der Aufmerksamkeit und des Interesses unterbrach.

„Du darfst ja niemandem erzählen, daß du dir dein Kapital für deine Agentur als Drogendealer für die Jungs in der Kompanie verdient hast. Aber jeder fängt mal irregulär an, sag ich immer. Möchte nicht wissen, wie Bill Gates seine ersten Zwanzigtausend aufgetrieben hat. Die erste Million, ja – aber die ersten Zwanzigtausend. Manchmal ärgere ich mich – hätte ich ’ne Booking-Agentur für Rockbands, wäre das eine geniale Gründungslegende. Aber nicht bei Rentnern. Egal. Die Kohle steckt gegenwärtig bei den Senioren-Events, und wenn ich mir die Krawatte umbinde, die da hinten über dem Bügel hängt, dann denkst selbst du, ich bin der nette junge Mann von nebenan, den du gern mal deiner Enkelin vorstellen würdest.... Das müßte reichen.“ Er zog den Stutzen bis zur Spitze heraus und schüttelte ihn ab. „Wohin mußt du zurück?“

Maus fiel auf, daß in seinem Opel noch immer das Radio spielte. Das gedämpfte Plärren eines abgekämpften Sängers bildete den Soundtrack zu dieser demütigendsten aller Versionen von „Glück im Unglück!“, wie Pete, der Typ, noch einmal bekräftigte, ehe er den Inhalt des Kanisters in den toten Opel ausleerte.

„Übrigens würde ich an deiner Stelle schnellstens mal das Radio abstellen. Sonst gibt nämlich auch deine Batterie den Geist auf, und dann kannst du sehen, wie du hier wegkommst. Ich habe nämlich nicht vor, auf diesem Abschnitt des Kontinuums zu übernachten.“

Maus wartete darauf, daß er etwas hinzusetzen würde. Und er tat es:

„Auf mich wartet nämlich noch ’ne Muschi.“ Er hustete. „Obwohl mein Kumpel mir erzählt hat, daß man nicht mehr Muschi sagt.“

Der Song im Radio dauerte unglaublich lange. Ein wahrhaftes Progrock-Format, aber die Gitarren klangen irgendwie anders verzerrt.

„Was sagt man denn jetzt?“ fragte Maus. Er war auf einmal wirklich neugierig geworden. So armselig es mit dem Ende des Lebens gelaufen war – nun würde man doch noch etwas erfahren. Die verrückte Tour mit der ollen Schrottkiste, das Selbstmordspiel, der peinliche Treibstoffmangel, der Wagen auf dem Seitenstreifen, der Typ mit seinem selbstbesprühten Van und seiner protzigen Geschichte – man konnte es doch bei aller Absurdität als eine etwas aufwendige Methode betrachten, um zu dieser Information zu gelangen. Der Wert einer Information bemaß sich nach den Strapazen, die es kostete, in ihren Besitz zu kommen. Und diese Information würde unendlich wertvoll sein.

Maus spürte, wie seinen müden, schon dem Rettungsdienst vermachten Körper ein erregendes Kribbeln durchlief. Die langen Schnurrbarthaare zitterten, und er bemerkte, beinahe bestürzt, wie intensiv er nach Schweiß stank. Gut, daß Pete keine Anstalten machte, ihm nahezurücken.

„Was sagt man denn heute – statt Muschi?“, wiederholte Maus seine Frage mit mäßig gespielter Unschuld. Die Leben anderer Leute waren nicht nur interessanter, sondern auch unschuldiger als seins. Alle anderen, selbst die Schlitzohren, handelten mit einer unwiderstehlichen Naivität, die ihnen das Recht gab, das zu tun, was sie taten. Oh, scheiße! dachte Maus.

„Frauen“, sagte Pete. Er machte eine Spannungspause, ehe er selber anfing zu brüllen vor Lachen. „Man nennt sie jetzt Frauen! Ist das nicht groß!“

Manchmal reagiert man auf eine Enttäuschung schon eine Sekunde oder eineinhalb Sekunden, bevor sie eintritt, dachte Maus. Es gibt da eine eigenartige Antizipation – ein besonderes Sensorium dafür, daß gleich etwas kommt, was einem den letzten Rest Boden unter den Füßen wegziehen wird. Und interessanterweise ist diese prophetische Gabe vollkommen unnütz. Sie steigert nur im nachhinein den Ärger, weil man weiß, daß man es zumindest hätte vermeiden können, überrumpelt worden zu sein.

mcmahon1267

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

In denselben Fluss

Erzählungen, Kurzgeschichten, Roman in progress...

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Das Neutrum (1)
Nachdem ihre ältere Schwester nach oben gegangen...
allesfliesst - 17. Dez, 16:25
Der weiße Führer
Der weiße Führer Zeitreisen In eine ferne Trägheit,...
allesfliesst - 11. Okt, 14:04
Oeynhausen
knochiges Wasser; das Rattern mittelgrau zwischen den...
allesfliesst - 4. Okt, 23:36
Geistesgeschichte (Romanprojekt)...
Roman von Anfang an lesen An Satoko gab es weiterhin...
allesfliesst - 28. Jul, 00:43
Ihre Ausbildung
Zu einer Idee durften wir uns besonders gratulieren:...
allesfliesst - 8. Mai, 13:10

Suche

 

Status

Online seit 1251 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 17. Dez, 16:34

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB


Weblog Suche im Netz

Directory of Photo Blog Blogs

Literature blogs



bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Blogverzeichnis

blog-o-rama.de

Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen

kostenloser Counter