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Mittwoch, 16. April 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 19

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Roman von Anfang an lesen


An diesem Abend wurde im Hafen von Tokyo, am Ufer von Odaiba, unweit der Rainbow Bridge, ein grausamer Mord an einer schwangeren Vierzehnjährigen begangen. Sieben Jugendliche stopften eine Mitschülerin gefesselt in den Kofferraum eines Nissan, der dem Vater von einem der Jungen gehörte, und transportierten sie nach Einbruch der Nacht an den verwaisten Strand.

Das Mädchen war unter ungeklärten Umständen schwanger geworden. Gerüchte nannten den Vater oder sogar einen der Lehrer als Verantwortlichen; fest stand, daß irgendein gräßliches Geheimnis um die Sache lag. Gegen das Drängen von Eltern, Schuldirektorin und Freunden hatte die Minderjährige sich offenbar geweigert, einer Abtreibung zuzustimmen. Sie wollte das Kind bekommen – die Yomiuri Shimbun vom übernächsten Tag zitierte einen Psychologen mit der Ansicht, es habe sich bei ihrer uneinsichtigen Entschlossenheit wahrscheinlich um einen stummen Protest gehandelt: »Sie wollte, daß ein Beweis des furchtbaren Verbrechens existierte, das man ihr angetan hatte. Da sie es selbst nicht hinausschreien konnte, sehnte sie das Kind als lebendige Anklage gegen den Vater herbei.«

Seltsamerweise hatte dieser Protest die anderen Mädchen in ihrer Klasse so erzürnt, daß sie eine berüchtigte Jungsgang aus dem Jahrgang über ihnen zu einer Entführung aufstachelten. Die Jungen zerrten die im fünften Monat Schwangere aus dem Auto und legten das strampelnde Paket in den Sand. Das indirekte, verschämte Japanisch der Zeitungsmeldungen in den folgenden Passagen stand im auffälligen Kontrast zur Ausführlichkeit der Beschreibung:
Jemand löste die Schnüre mit einem Messer und zerschnitt die Bluse ihrer Schuluniform (sie war nach der letzten Stunde mit zu einer Freundin gefahren, um dort Hausaufgaben zu machen, hatte den Rest des Nachmittags vor dem Fernseher verbracht, verbotene Videos gesehen, Zitronencremetorte gegessen und war dann mit Hilfe eines starken Schlafmittels in ihrer Cola betäubt worden).

Die Gruppe machte anzügliche Witze über ihre dicken, angeschwollenen Brüste. Während zwei oder drei Jungen sie am Boden festhielten, drückten die Mädchen die Brustbeutel mit den Fingern zusammen und versuchten Milch herauszuquetschen, und als nichts kam, hackten sie mit den Absätzen ihrer Schuhe und dem Messer darauf herum.

Danach wurde das Opfer mit zugehaltener Nase gezwungen, den Urin und das Menstruationsblut eines anderen Mädchens zu trinken, das gerade seine Tage hatte. Einige der Jungen vergewaltigten sie, vaginal und anal, und daraufhin entwickelte sich die Sache offenbar zu einem irrsinnigen, kindisch hemmungslosen Spiel, in dessen Verlauf man ihr alle möglichen Sachen in die Scheide steckte – Steine, Sand, abgebrochene Zweige, Ameisen, Eisstiele, Zigarettenkippen... Der obduzierende Mediziner hatte sogar die Überreste eines toten Vogels in der Bauchhöhle gefunden. Das Ganze war mit solcher Gewalt und vermutlich mit Hilfe eines dicken langen Astes in das wehrlose Mädchen hineingestopft worden, daß es den Gebärmutterhals förmlich zerfetzte.

Zum Abschluß hatte man ihr den Schädel eingetreten. An der resultierenden Gehirnblutung war sie schließlich gestorben, obwohl ein wenig Wasser in ihrer Lunge darauf hinwies, daß der Kreislauftod erst eingetreten war, nachdem ihr verwüsteter Körper schon eine Weile durchs Meer glitt.

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Die bereits am nächsten Vormittag festgenommenen Täter gaben an, am Tatort auch miteinander Sex gehabt zu haben, während die Leiche von der Strömung abgetrieben wurde. Im Rausch des Mordes hatten sich die beiden Mädchen bereitwillig allen hingegeben, und sogar die Jungen hatten sich aufeinander gestürzt. Diese Szene war von einem heimkehrenden Liebespaar beobachtet worden, die Leiche einen halben Kilometer entfernt im Yachthafen angeschwemmt. Der Vater hatte zu diesem Zeitpunkt schon die Polizei alarmiert und sein Auto als gestohlen gemeldet. In der Schule lief die Nachricht von der Tat am nächsten Morgen als offenes Geheimnis um.

Die Zeitungen brachten Fotos von fünf der Beteiligten, den beiden Mädchen und drei sehr ähnlichen, hübsch und ein bißchen dumm aussehenden Jungen. Darunter faßten jeweils wenige Zeilen zusammen, was das japanische Erziehungssystem von ihrem Leben bisher mitbekommen hatte: durchschnittliche Schüler, gut in Sport, gut bis sehr gut in Musik (Chor, Trompete, eine Auszeichnung in japanischer Flöte); Rügen wegen Rauchens und gefärbter Haare.

Zwei Wochen danach erschien in der Asahi Shimbun noch ein ironischer Nachtrag: Eins der beiden Mädchen war von einem der Mittäter in dieser Nacht schwanger geworden. Und auch sie weigerte sich standhaft, den Fötus preiszugeben. In einem kurzen Interview erzählte sie, daß sie das Baby im Jugendgefängnis zur Welt bringen und dort mit ihm leben wolle. Ihr Anwalt rechnete mit der Überführung in eine psychiatrische Klinik. Über die Chancen, dort ein Kind großzuziehen, herrschte Uneinigkeit.

Fortsetzung folgt

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