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Mittwoch, 12. März 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 18



Roman von Anfang an lesen


Das Erdgeschoß war dem Verkauf von Handys vorbehalten, da sich hier, mit einem Vorbau, der weit auf die Straße reichte, und einem abstellkammergroßen Service-Point hinter der Treppe, der Ansturm der Masse noch am ehesten bewältigen ließ. In der ersten Etage warteten Reiskocher.

Ich fragte mich, ob es Satoko Freude machen würde, wenn wir auch einen der klotzigen Apparate zu Hause hätten, ohne die Reis, egal wie gut er schmeckte, nicht als echt japanisch zubereitet galt. Genauer gesagt, war ich sicher, daß sie mit ihren fünfundsiebzig Kilo einen Luftsprung vollführen würde, überlegte aber, ob sie im derzeitigen Stadium unserer Annäherung ein solches Geschenk verdiente.

Ein Sonderangebot für tausendzweihundert Yen überzeugte mich ansatzlos. Der zwinkernde Mann mit der dicken Brille, der mir in seinem schnellen, durch die aufwändig höflichen Formen schwer verständlichen Angestelltenjapanisch die technischen Details erklärte, hätte vom Alter her Satokos Vater sein können. Er verströmte jenen herben, bräunlichen Geruch, den alle älteren Männer hier hatten, und seine Firmenuniform, eine weinrote Weste zum weißen Hemd und eine merkwürdig glitzernde Chintzhose, schien den Schweiß und die schlechte Luft der vielen Dienstjahre in diesen vollgestopften gelbgrauen Fluren aufgesogen zu haben. Ich stellte ein paar Fragen, die er vermutlich schon lange beantwortet hatte, um den Vortrag zu verlängern. An der Oberlippe, nahe dem linken Nasenloch, hatte er beim Rasieren ein paar Bartstoppeln übersehen. Die Zähne waren gelb und ungepflegt. Ob er ahnte, was mit seiner Tochter geschah?





An billigen Computern, Digitalkameras und Klimaanlagen vorbei gelangte ich über zwei weitere Etagen zur TV-Abteilung. Bei den Videorecordern gab es nur ein einziges Modell, das europäische Bänder akzeptierte, was die Sache kurz und schmerzlos machte. Bei einem Telefonat mit der Hauptkasse erfuhr der Verkäufer, daß ich bereits einen Reiskocher erstanden hatte, und teilte mir strahlend mit, daß das Kaufhaus mir fünf Prozent Rabatt auf beide Geräte gewähre. Obwohl die Scheckkarte in meiner Tasche S. gehörte und es mir vollkommen egal sein konnte, wieviel der Kram kostete, tat ich angemessen erfreut. Ich fragte den jungen Mann, der sich offenbar noch in der Ausbildung befand und den sein eigener Eifer euphorisierte, was denn sein Traum im Leben sei.

Er stockte beim Ausfüllen des Lieferscheins. Sein Haar war auftoupiert, er trug ein hochgeschlossenes schwarzes Hemd unter der obligatorischen Weste, und auf seinem bleichen Gesicht schien eine Schicht Puder zu liegen. Ich warf ein, er spiele vielleicht in einer Band.

„Du erinnerst mich an die Jungs von The Jesus and Mary Chain. Gehörten in den Achtzigern zu meinen Lieblingsbands.“

Ein geschmeicheltes Grinsen huschte durch sein Gesicht, verschwand aber sofort wieder und hinterließ ein unkoordiniertes Nebeneinander widersprüchlicher Züge.

„Ich mache gern Musik, aber ich möchte kein Star werden“, sagte er ohne Unterbrechung, als sei dies das schlimmste Klischee, das es sofort auszuräumen galt.

„Es geht dir um die Musik – nicht ums Berühmtsein“, probierte ich.

„Jeder kann heute berühmt werden, als Musiker oder Schauspieler oder Künstler.“ Er schaute mich skeptisch an, ob ich auch diesen zweiten Gedanken verstand. „Ich glaube, Berühmtwerden ist ein eigener Beruf, nicht anders als Verkäufer auch, nur viel anstrengender. Ich glaube, es zehrt einen auf, weil man seine ganze Kraft verbraucht, um zu beweisen, daß man da ist. Es geht immer nur darum, da zu sein, und mehr ist am Ende nicht übrig. Ich bin vielleicht nicht da, aber ich mache Musik. Das gefällt mir besser.“

Damit drückte er mir den Durchschlag in die Hand und verabschiedete sich höflich.

Fortsetzung folgt

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