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Donnerstag, 6. März 2008

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 17




Roman von Anfang an lesen


Satoko teilte mir mit, daß der Postbote ein Paket für mich abgeliefert hatte. Es lag neben der Couch im Wohnzimmer, wo sie eine Kochsendung verfolgte. Ein junger Star, den ich nicht kannte, offenbar ein Schauspieler, versuchte ungeschickt, der Moderatorin bei einem französischen Gericht zur Hand zu gehen. Er verstand gar nichts vom Kochen und hackte sich beim Karottenschneiden beinahe den Nagel ab. Das Kichern der modernen jungen Hausfrau mit der gestreiften Bluse war schwer zu ertragen. Schließlich überließ er das Gemüse ihr und spielte den kleinen Jungen, der verschiedene am Rand der Arbeitsplatte aufgereihte Töpfchen öffnete, um mit dem Finger den Inhalt zu kosten. Sein dicker weißer Finger glänzte schmerzhaft im Scheinwerferlicht, und selbst das Einstippen vollzog er so plump, daß man Angst hatte, er werde durch den Boden des Gefäßes stoßen.

Das Paket war an meine alte Hoteladresse geschickt worden und von dort aus nach Deutschland zurückgegangen. Es war ein weiteres Mal an dieselbe Adresse geschickt worden, größer, fetter und mit kindlich runden Buchstaben beschriftet, und diesmal hatte man sich im Hotel die Mühe gemacht, meine neue Anschrift in Tokyo zu recherchieren. Zwischen dem Datum der ersten Poststempels und dem aktuellen lagen drei Wochen. Der Absender war überklebt.

Das Paket stammte von Gamma und enthielt eine Videocassette. Der beiliegende Brief verriet, daß es sich um den Modellversuch eines Interviews handelte. Ihr Film über das Wesen der Psychose sollte auf zwölf solchen Interviews basieren, in denen sie sich im Abstand von zwei Monaten von verschiedenen Personen aus ihrem Leben dieselben Fragen stellen ließ. Es ging darum, die Kontinuitäten, Verschiebungen und Sprünge bei den Antworten zu dokumentieren. Ich bewunderte, daß jemand sich soviel Zeit für ein Projekt nehmen konnte. Ich hätte immer Angst gehabt, Ende nächster Woche tot zu sein oder im folgenden Monat nicht einmal den Sinn der Fragen mehr zu verstehen. Ich hätte immer Angst gehabt, ein zu kleines Fragment meiner selbst zu hinterlassen. Gamma war da cooler. Oder einfach träger, schwer zu sagen.

Satoko protestierte, als ich die Cassette in den Recorder schob. Ihre Sendung näherte sich dem Höhepunkt – das Gemüse brutzelte in der Pfanne, die gestreifte Hausfrau schüttete mit tänzerischer Ausgelassenheit weiße und schwarze Pulver hinein, und der Schauspieler rührte so heftig um, daß ein Teil des Inhalts zischend in der Gasflamme verbrannte.

„Bloß noch fünf Minuten!“

Ich drückte auf PLAY.

Es funktionierte nicht. Der japanische Recorder akzeptierte das deutsche Tape nicht. Die Systeme waren inkompatibel, wie ich im Grunde auch wußte. S. würde mir einen neuen, euro-asiatischen Videorecorder schenken müssen.

„Du hast Glück“, sagte ich, ließ mich auf den Rücken fallen und schaltete wieder um.

Der Werbeblock ging gerade zu Ende, und da waren sie wieder (eine lustig klingelnde Musik). Das Gericht lag fertig auf dem Teller – aber es war nicht zu identifizieren, jedenfalls für mich nicht. Das Gemüse war dunkelgrau geworden und mit einer Flüssigkeit gesprenkelt, die ich in Verdacht hatte, Soyasauce zu sein. Dazwischen anonyme hellbraune Flecken. Ich fragte Satoko, worum es sich handle, aber der französische Name, der in japanischer Aussprache über ihre Lippen kam, blieb mir ebenso unverständlich. Sie wiederholte ihn zweimal, dreimal. Keine Ahnung.

„Ratatouille?“ Satoko schüttelte den Kopf.

Fortsetzung folgt

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