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Montag, 4. Dezember 2006

Song Story #3: Nichtabsorbierend

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Foto: Cormac Scanlan


Er war sich nicht sicher, ob der andere ihn genauso sah, wie er ihn sah.

Er mußte sich eingestehen, daß er so gut wie nichts über die Gesetze der Reflexion wußte. Ein dummes „Einfallwinkel gleich Ausfallwinkel“, das zögernd die grüne Innenkante eines Billardtisches entlangtippte, blieb alles, was sein Gedächtnis zu diesem delikaten Thema an die Oberfläche beförderte. Leonie hatte ihn mit der Behauptung, wenn man zwei Kerzen vor einem Spiegel aufstelle, werde es doppelt so hell, in Verlegenheit bringen können. Oh, doch, er hatte das, zum Vergnügen der anderen Gäste, tatsächlich geglaubt, zumindest zu lange, um ihnen mit einer satten Pointe zuvorzukommen.

Was ihn an dem anderen irritierte, war, daß der sich scheinbar der Ecke zugekehrt hatte, auf jeden Fall in der Ecke neben dem Fenster hockte, ohne sich zu rühren. Der offenstehende Flügel des Fensters mußte den einen Teil der Spiegelung erzeugen. Die Weiterleitung verdankte sich dem schmalen hohen Anziehspiegel der Garderobe im Flur. Schon weil es hier dunkler war als hinten im Schlafzimmer (das Bettzeug lag nicht auf dem Bett), würden die Sichtverhältnisse sehr unterschiedlich ausfallen. Er stellte für den anderen vermutlich nur einen Fleck dar, etwas Beiges oder Schwarzes zwischen der überstraff verschnürten Mülltüte und den alten (nach Fuß riechenden) Schuhen.

Aber warum zog der Mann, der auf einen Sturmangriff gefaßt sein mußte, sich in den schwächsten Winkel der Wohnung zurück und wandte sogar das Gesicht ab? Hatte er Angst vor einem Schläfenschuß? Warum wartete er nicht bei seiner Geisel? Wo überhaupt steckte das Mädchen? (im Arbeitszimmer, im Bad? – er preßte unwillkürlich das freie Ohr an die Tür neben sich...) Und vor allem – warum verlangte dieser Durchgeknallte nach ihm?

Während ihrer gemeinsamen eineinhalb Jahre beim Grenzschutz hatten sie kaum ein paar Worte miteinander gewechselt. K., der Mann, der in der Ecke hockte, dessen gebrochene Reflexion ihm eine weinrote Schulter zudrehte, eine Schulter, über der wie ein zerknülltes Tempotaschentuch ein schneeweißer Hemdkragen lag – K. war unter den Kollegen unbeliebt, ja gehaßt und gefürchtet gewesen. Wenn er sich unter Kontrolle hatte, kommunizierte er überwiegend mit Nicken und Brummen, versah den Dienst gewissenhaft, war eher der Pedant – doch irgendwann, es konnte zwei, drei Monate dauern, manchmal bloß Tage, brach es aus ihm heraus: ein obszöner Redeschwall voller sinnloser dreckiger Wörter – die Zähne gefletscht, die Lippen zu einem überheblichen Grinsen verzogen, schien es ihn bis an den Rand des Irrsinns zu erheitern, wie seine Kaskade von Negerfotzen, Nuttenwichsen, Witwenficker, Rannehmen, Rosettensprengen selbst die Hartgesottenen aus der Einheit schockierte. Man hatte ihn zweimal abgemahnt und dann ratlos entlassen. Den Vorschlag, eine Therapie zu machen und einstweilen unbezahlten Urlaub zu nehmen, hatte er entrüstet zurückgewiesen.

„Frank?“

Es hatte keinen Sinn, noch länger auszuharren. Je mehr Zeit verstrich, ohne daß er wenigstens erfuhr, wo die Kleine versteckt war, desto zittriger wurden ein Dutzend Finger am Abzug auf dem Dach gegenüber. Aus dem Ohrenstöpsel sickerten durch ein verwinkeltes Rauschen die Stimme des Einsatzleiters und die einer mit starkem polnischen Akzent sprechenden Frau, die, wie er wußte, Franks Ex-Freundin war, aber nicht die Mutter des Kindes.

„Frank? Ich bin hier. Kannst du mich sehen?“

Stille.

„Kannst du mich sehen, Frank? Ich kann dich sehen. Siehst du mich genauso wie ich dich?“

Wieder Stille. Aber die Schulter verzog sich – sie teilte sich und gab etwas frei, was er mit Entsetzen als den blutigen, mit schwarzen Haarbüscheln bestückten Preis für sein Vergessen erkannte.

„Ich sehe mehr als du“, kam es aus der Zimmerecke zurück. „Siehst du das hier? Siehst du, was ich halte?“

„Mein Gott – Frank!“

„Gib nicht mir die Schuld, ich war bloß derjenige, der es tut. Schau her, was ich getan habe! Und das alles nur, weil du...“

Nein!

Dieser Schrei ist so machtlos wie eine Attacke auf seinen eigenen Schatten, aber er entfährt mir einfach, er ist so laut, daß das Gespräch in meinem Ohr abbricht – ich höre die Spannung im Rauschen, das Stocken, das Knistern, ich höre den geflüsterten Befehl, und ich höre die Echos, die Kette der Echos, die sich rings um den Wohnblock verzweigt und bis drüben aufs Dach zieht. Es dauert keine zehn Sekunden, bis der Kugelhagel losgeht und die alten Doppelfenster in zigtausend Splitter zerlegt.

"Hey, ich bleibe diesseits der Linie", höre ich mich über das Kristallmeer der Matratze brüllen, in einem lächerlich beschwörenden Tonfall. "Weißt du, daß ich immer nur allein sein wollte?"

"Wir können nicht allein sein. Keiner von uns."

"Diese Linie hier, Frank!"

"Die Linien wie die meisten. Glaubst du ernsthaft an das, was du willst?"

Ich...denke nach oder etwas bleibt stehen.

"Ich will das glauben. Ich kann nicht. Frank?"

„Helmut?“ Das ist der Einsatzleiter. Seine rauhe Männersorge wärmt mich. „Helmut? Bist du okay? Wir gehen rein, Helmut. Mach den Weg im Flur frei, damit die Jungs durchkommen! Weg von der Tür!“

Ich weiche mechanisch zur Seite, als ein endloser Strom von breiten, munitionsgepanzerten Soldaten in die Wohnung einmarschiert, um genau in dem Moment, da das Feuer aufhört, sein Schlafzimmer zu besetzen. Ich sehe nichts mehr. Die Silhouetten der Einsatzkräfte versperren den Blick. Der Garderobenspiegel ist zur Hälfte von einem schwarzen Mantel verhangen. Ein massiver Schatten, der in zwanzig oder dreißig Stiefelpaaren steckt, füllt das Apartment bis zum Rand.

Ich finde mich im Bad wieder. Der Rest des Mädchens liegt dort in der Wanne, aber das stört mich jetzt nicht. Was mir nicht mehr aus dem Sinn will, ist die Zeit, die wir verloren haben: die Zeit – die Zeit – die Linie - das Alleinseinwollen - diese Linie... Wie konnte ich das denn vergessen?


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Nachtrag: Der Beamte N. (auf eigenes Ersuchen bleibt sein Name vorerst geheim) gibt an, die Geisel sei bereits tot gewesen, als er die Wohnung betrat, und der Täter habe nicht vorgehabt zu verhandeln. Er weist auch darauf hin, daß bei einer Verhandlung niemand sehen kann, was der andere sehen kann (das sog. Black Box-Phänomen), beide Parteien jedoch hypothetisch davon ausgehen, es gebe etwas, was sie beide gleichermaßen sehen können und was ihrer beider Ansichten zumindest reflektiert. Insofern beruht die erfolgreiche Strategie eines Unterhändlers in einem Geiselfall darauf, ein solches ‚gemeinsames Objekt’ (N. verweist auf den entsprechenden Abschnitt im Lehrmaterial, das ihm jedoch erst nachher zugänglich gewesen sei) zu konstruieren. Das ‚gemeinsame Objekt’ ist sozusagen der Köder, den der andere schluckt. Die Verhandlung ist zunächst ihr eigenes Ziel – willigt der andere ein, sich auf die Form des Unterhandelns einzulassen, kommt das praktisch schon seiner Kapitulation gleich, aber in einigen wenigen Fällen (zu denen dieser gehöre) hat der andere die Szene der Begegnung im vorhinein manipuliert, so daß die Begegnung (O-Ton N.) „nur scheinbar stattfindet“.

N. ist vom Dienst suspendiert, da seine Rekonstruktion des Vorfalls auffällige Lapsi und Widersprüche aufweist. Er vermag auch nicht zu erklären, wie es möglich gewesen sein soll, den Geiselnehmer im 25 cm breiten Spiegel der Korridorgarderobe zu sehen. Zur Ecke, wo sich der Täter aufhielt, ist es ein ganz unmöglicher Winkel.


Die Lyrics des Songs gibts hier.

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