Song Story #4: Reitend
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An diesem Sonntag begleiteten sie ihren Vater freiwillig auf der Gitarre, wie sie es früher immer getan hatten. Phil, sein älterer Bruder, schlug die tiefen Akkorde, Shane, sein jüngerer Bruder, verzierte die Melodie mit den scharfen, kantigen Koloraturen, für die er in der Familie berühmt war, und er selbst spielte genau wie der Vater einfach das, was alle vier sangen, und es war schön.
An diesem Sonntag nahm der Vater Shane mit auf seinen Ritt, der ihn über die Felder bis hinauf zu jener schmalen Stufe im nördlichen Berghang führte, von wo man das ganze Anwesen mit seinen vierzig Hektar Weiden und Ackerland überblickte und wo einen niemand hörte und sah.
Nachdem die Mutter mit Sofia vom Gottesdienst zurück war, half die jüngere Schwester Phil beim Striegeln der Pferde und beim Füttern der Hühner. Die Mutter machte sich an die Vorbereitungen zum Mittagessen – man hörte das Krachen der schweren gußeisernen Pfannen, die schnellen Arpeggios des Messers auf dem Hackbrett und manchmal, wenn sie hinaushuschte, um Kräuter und Babytomaten zu pflücken, das Knarren der Gartentür, die nie jemand ölte, dieses Knarren, das zur Familie zu gehören schien wie die Schreie der Tiere und das Heulen des Windes und das Knirschen des Sandes unter den Stiefelsohlen, wenn man die Diele betrat.

Er saß eine Weile allein im verwaisten Wohnzimmer am offenen Fenster und ließ die Sonne wie ein Termitenvolk über seinen schmalen, mädchenzarten Nacken krabbeln. Ein Beobachter, der durch das Fliegengitter spähte, hätte einen intensiven Ausdruck der Freude auf seinen glatten, jugendlichen, ein wenig zu vollen Wangen bemerkt; aber es gab hier keine Neugierigen, es gab niemanden außer einer großen, ausgedehnten Familie, die in ganz gewohnter Weise ihren Ruhetag beging, und expressive Mienen waren schlichtweg überflüssig, denn jeder kannte den andern, jeder wußte, was der andere fühlte, jeder hatte alles erlebt, was den anderen widerfahren war und was aus ihnen die Menschen gemacht hatte, die sie nun waren.
Da die Stunde bis zu ihrer Versammlung an der Mittagstafel sich endlos in die Länge ziehen würde, kam er irgendwann doch auf die Beine, stieß eine Seitentür auf, überquerte den sengenden Kies und tauchte in einen der größeren Ställe, um seine bevorzugte Stute zu satteln. Das Tier schien ihn erwartet zu haben. Sie sparten sich die Begrüßung, und als er das erste Wort sagte, trabten sie schon eine Weile über den engen Pfad zwischen den Roggenfeldern, dessen gelben Lehm breite Hitzerisse durchzogen.
„Weißt du, wohin wir reiten?“ fragte er das Pferd, und das Pferd hob schnaubend den Kopf, zerrte nach rechts, und er ließ ihm die Zügel, damit es nach rechts ausbrechen konnte. Sie fielen in einen Galopp, denn die Stute wußte, daß er es eilig hatte; sie wußte, daß diese Stunde vor dem Mittag endlos sein würde, aber sie kannte ihn zu gut, um auf seine Geduld zu vertrauen, und sie wußte, wie er darauf brannte, es zu tun, jetzt, da es einmal entschieden war, daß es wieder passieren würde, jetzt, wo das Ziel feststand und sie nur noch den Weg dahin zurücklegen mußten. Und wirklich, er wurde unruhig, gab der Stute die Sporen, rieb ihr den Schweiß von den Flanken und schleuderte die Tropfen von den Fingerspitzen ins niedergetrampelte Feld wie ein Kind, das seine Hand in Farbe getaucht hat.
Und sie flogen an den Bergen vorbei, schnell und doch unendlich langsam im Verhältnis zu den kargen grauen Felsen und den blendendweißen Streifen, die sich wie die Saiten einer tausendsaitigen Gitarre gleichmäßig über die Ebene spannten. Lisa wartete im Eingang des verfallenen Schuppens, in dem sie hauste. Sie streckte ihren Kopf vorsichtig aus dem schützenden Schatten, um ihn besser zu sehen, wie er das Pferd mit links und rechts peitschendem Zügel über die Büsche und Zaunreste trieb, die einzigen Überbleibsel eines einstmals gepflegten, blühenden Gartens. Sie balancierte auf einem Fuß, um sich noch weiter nach vorne lehnen zu können, und es störte sie nicht, als ein Träger ihres Nachthemds von den Schultern rutschte, es störte sie nicht, als er vom Sattel sprang und sich auf sie warf wie auf einen Eindringling, der sich verbotenerweise auf dem Grundstück herumtrieb, es störte sie nicht, als er sie biß und stieß und ihre Haare mit Staub und mit Speichel vermengte, es störte sie nicht, als er ihr Hemd über den Beinen aufriß, es störte sie gar nichts von dem, was er tat.
„Du ißt zu wenig“, klagte er, als sie erschöpft nebeneinander auf dem Rücken lagen und der Rand des Daches über ihre nassen Körper kroch. „Du bist ganz mager geworden. Ich kann deine Rippen fühlen. Diese Gräser, die zu ißt, sind zu wenig zum Leben.“
„Ich bin lange tot“, erwiderte sie zärtlich und ohne Traurigkeit. „Mach dir keine Sorgen. Es ist okay hier in der Hölle. Es gibt bessere Orte als diesen. Aber auch schlimmere. Verflucht sein ist immer noch besser als am Tisch des Herren zu essen zusammen mit dem, der den Namen des Herren mit seinem Blut und seinem Samen und seiner Pisse und seinen Afterhaaren verunreinigt hat.“
„Gott ist, was wir aus ihm machen“, sagte er.
Dem widersprach sie nicht.

Sie waren zusammen groß geworden, und zusammen gingen sie ein – das war es, was die Geschichte von ihnen berichtete, und wenn du heute an den Lagerfeuern in den leeren Parkbuchten der Tiefgaragen, bei den Kläranlagen oder auf den Waffenmärkten einen singen hörst, und er singt von Lisa, Lisa und ihrem Zwillingsbruder, dann geh hin zu ihm, wirf eine große silberne Münze in seinen Koffer und frag ihn, was Gott ist. Und er wird in Ruhe seinen langen Song zu Ende singen, den dünnen Applaus abwarten, sich lächelnd verbeugen – und sagen: „Ich weiß nicht, wer dein Gott ist, Mann, aber ihr Gott – ihr Gott war das, was sie aus ihm machten.“
Und er wird ausspucken, vor Bewunderung, nicht aus Verachtung, sich die Lippen mit dem Rücken seiner tätowierten Hand abwischen, seine Kehle klären, wie man dort sagt, und dann irgendein anderes Lied singen. Ein langes oder ein kurzes, aber irgendein anderes Lied.

An diesem Sonntag begleiteten sie ihren Vater freiwillig auf der Gitarre, wie sie es früher immer getan hatten. Phil, sein älterer Bruder, schlug die tiefen Akkorde, Shane, sein jüngerer Bruder, verzierte die Melodie mit den scharfen, kantigen Koloraturen, für die er in der Familie berühmt war, und er selbst spielte genau wie der Vater einfach das, was alle vier sangen, und es war schön.
An diesem Sonntag nahm der Vater Shane mit auf seinen Ritt, der ihn über die Felder bis hinauf zu jener schmalen Stufe im nördlichen Berghang führte, von wo man das ganze Anwesen mit seinen vierzig Hektar Weiden und Ackerland überblickte und wo einen niemand hörte und sah.
Nachdem die Mutter mit Sofia vom Gottesdienst zurück war, half die jüngere Schwester Phil beim Striegeln der Pferde und beim Füttern der Hühner. Die Mutter machte sich an die Vorbereitungen zum Mittagessen – man hörte das Krachen der schweren gußeisernen Pfannen, die schnellen Arpeggios des Messers auf dem Hackbrett und manchmal, wenn sie hinaushuschte, um Kräuter und Babytomaten zu pflücken, das Knarren der Gartentür, die nie jemand ölte, dieses Knarren, das zur Familie zu gehören schien wie die Schreie der Tiere und das Heulen des Windes und das Knirschen des Sandes unter den Stiefelsohlen, wenn man die Diele betrat.

Er saß eine Weile allein im verwaisten Wohnzimmer am offenen Fenster und ließ die Sonne wie ein Termitenvolk über seinen schmalen, mädchenzarten Nacken krabbeln. Ein Beobachter, der durch das Fliegengitter spähte, hätte einen intensiven Ausdruck der Freude auf seinen glatten, jugendlichen, ein wenig zu vollen Wangen bemerkt; aber es gab hier keine Neugierigen, es gab niemanden außer einer großen, ausgedehnten Familie, die in ganz gewohnter Weise ihren Ruhetag beging, und expressive Mienen waren schlichtweg überflüssig, denn jeder kannte den andern, jeder wußte, was der andere fühlte, jeder hatte alles erlebt, was den anderen widerfahren war und was aus ihnen die Menschen gemacht hatte, die sie nun waren.
Da die Stunde bis zu ihrer Versammlung an der Mittagstafel sich endlos in die Länge ziehen würde, kam er irgendwann doch auf die Beine, stieß eine Seitentür auf, überquerte den sengenden Kies und tauchte in einen der größeren Ställe, um seine bevorzugte Stute zu satteln. Das Tier schien ihn erwartet zu haben. Sie sparten sich die Begrüßung, und als er das erste Wort sagte, trabten sie schon eine Weile über den engen Pfad zwischen den Roggenfeldern, dessen gelben Lehm breite Hitzerisse durchzogen.
„Weißt du, wohin wir reiten?“ fragte er das Pferd, und das Pferd hob schnaubend den Kopf, zerrte nach rechts, und er ließ ihm die Zügel, damit es nach rechts ausbrechen konnte. Sie fielen in einen Galopp, denn die Stute wußte, daß er es eilig hatte; sie wußte, daß diese Stunde vor dem Mittag endlos sein würde, aber sie kannte ihn zu gut, um auf seine Geduld zu vertrauen, und sie wußte, wie er darauf brannte, es zu tun, jetzt, da es einmal entschieden war, daß es wieder passieren würde, jetzt, wo das Ziel feststand und sie nur noch den Weg dahin zurücklegen mußten. Und wirklich, er wurde unruhig, gab der Stute die Sporen, rieb ihr den Schweiß von den Flanken und schleuderte die Tropfen von den Fingerspitzen ins niedergetrampelte Feld wie ein Kind, das seine Hand in Farbe getaucht hat.
Und sie flogen an den Bergen vorbei, schnell und doch unendlich langsam im Verhältnis zu den kargen grauen Felsen und den blendendweißen Streifen, die sich wie die Saiten einer tausendsaitigen Gitarre gleichmäßig über die Ebene spannten. Lisa wartete im Eingang des verfallenen Schuppens, in dem sie hauste. Sie streckte ihren Kopf vorsichtig aus dem schützenden Schatten, um ihn besser zu sehen, wie er das Pferd mit links und rechts peitschendem Zügel über die Büsche und Zaunreste trieb, die einzigen Überbleibsel eines einstmals gepflegten, blühenden Gartens. Sie balancierte auf einem Fuß, um sich noch weiter nach vorne lehnen zu können, und es störte sie nicht, als ein Träger ihres Nachthemds von den Schultern rutschte, es störte sie nicht, als er vom Sattel sprang und sich auf sie warf wie auf einen Eindringling, der sich verbotenerweise auf dem Grundstück herumtrieb, es störte sie nicht, als er sie biß und stieß und ihre Haare mit Staub und mit Speichel vermengte, es störte sie nicht, als er ihr Hemd über den Beinen aufriß, es störte sie gar nichts von dem, was er tat.
„Du ißt zu wenig“, klagte er, als sie erschöpft nebeneinander auf dem Rücken lagen und der Rand des Daches über ihre nassen Körper kroch. „Du bist ganz mager geworden. Ich kann deine Rippen fühlen. Diese Gräser, die zu ißt, sind zu wenig zum Leben.“
„Ich bin lange tot“, erwiderte sie zärtlich und ohne Traurigkeit. „Mach dir keine Sorgen. Es ist okay hier in der Hölle. Es gibt bessere Orte als diesen. Aber auch schlimmere. Verflucht sein ist immer noch besser als am Tisch des Herren zu essen zusammen mit dem, der den Namen des Herren mit seinem Blut und seinem Samen und seiner Pisse und seinen Afterhaaren verunreinigt hat.“
„Gott ist, was wir aus ihm machen“, sagte er.
Dem widersprach sie nicht.
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Sie waren zusammen groß geworden, und zusammen gingen sie ein – das war es, was die Geschichte von ihnen berichtete, und wenn du heute an den Lagerfeuern in den leeren Parkbuchten der Tiefgaragen, bei den Kläranlagen oder auf den Waffenmärkten einen singen hörst, und er singt von Lisa, Lisa und ihrem Zwillingsbruder, dann geh hin zu ihm, wirf eine große silberne Münze in seinen Koffer und frag ihn, was Gott ist. Und er wird in Ruhe seinen langen Song zu Ende singen, den dünnen Applaus abwarten, sich lächelnd verbeugen – und sagen: „Ich weiß nicht, wer dein Gott ist, Mann, aber ihr Gott – ihr Gott war das, was sie aus ihm machten.“
Und er wird ausspucken, vor Bewunderung, nicht aus Verachtung, sich die Lippen mit dem Rücken seiner tätowierten Hand abwischen, seine Kehle klären, wie man dort sagt, und dann irgendein anderes Lied singen. Ein langes oder ein kurzes, aber irgendein anderes Lied.
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Die Lyrics des Songs gibt es hier.
allesfliesst - 15. Aug, 19:17



