Skelette #1: Akirameru/Die Polizei

Der Ausgang der X-Station. Gefahr droht. Japan ist eine Militärdiktatur. Versuche eine Widerstandszeitung zu kaufen. Nieselregen, es ist kalt und dunkel in der Stadt. Gebäude ohne Licht in den Fenstern, Bürotürme, die seit langem niemand mehr benutzt oder nur diese Nacht.
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Gehe zum Vordereingang der Station zurück. Neben dem Eingang hell und strahlend das Foyer zum Y-Haus. Es gelingt mir im allgemeinen Durcheinander hineinzukommen, man verlangt keine Eintrittskarte am Eingang. Viele Menschen in Abendkleidung an der Garderobe, sie verstauen ihre roten Chips in den Jackettaschen, Ankommende wie Weggehende gleichermaßen. Kronleuchter, Tausende von glitzernden Papierschnipselchen.***
Wieder raus und weiter seitlich des Bahnhofsvorplatzes. Ein Eingang wie zu einem alten verwahrlosten Uni-Gebäude aus den 80ern – große Kunststofftüren, abgeblätterter roter Lack, innen die unverputzten Betonwände violett mit rotbraunen und ockergelben Streifen. Eine Treppe, die zu zwei Seiten eine Wendung in den ersten Stock macht (es scheint auf diesem Weg allein den ersten Stock zu gehen, alle übrigen sind nur durch kleine Fahrstühle zu erreichen).Ich folge einigen jungen Leuten nach oben, erstaunt, daß hier um diese Zeit noch etwas los ist. Es scheint eine Mensa zu sein. Menschen bringen Tabletts weg. Essensgeräusche, wohliges Schlürfen. Ich folge einfach den anderen, denke: In der Mensa muß man einfach den Studenten folgen, dann wird man für einen von ihnen gehalten.
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In einem holzgetäfelten Gang, der an die 50er Jahre erinnert, öffne ich eine Tür, in der die Frau vor mir verschwunden ist. Durch den Spalt sehe ich, daß Stühle auf die Tische gestellt und zugleich auf den Plätzen neue Gedecke aufgelegt werden, und ich frage mich: „Ist das schon für morgen, machen sie für heute Schluß, oder machen sie das immer so, und man bekommt noch was?“Plötzlich tippt mich jemand an die Schulter. Eine stille Frau mit Brille – sie weist mich auf das Schild über der Tür hin: Frauen. Murmelt hilflos verlegen etwas vor sich hin. Ich verstehe: Dies hier ist der Speiseraum für Frauen. Mein Blick gleitet an der Täfelung entlang, daneben ist eine – Abstellkammer – und daneben der Raum für Männer? Ich sage, mit einer gewissen Verzweiflung: „Gomen!“ (was „Entschuldigung!“ heißt) – und gehe weiter, allerdings am Männer-Raum vorbei wieder hinaus auf die Straße. Ich komme jedoch niemals draußen an.

Q. wacht aus diesem Traum auf. Er ist Comic-Zeichner und dokumentiert den Traum als Bildergeschichte, während er gleichzeitig versucht, den Sinn des Geträumten zu verstehen. Er hat nicht das Gefühl, völlig wieder daraus erwacht zu sein, und erzählt das seinen Freunden. Sie reagieren merkwürdig. Beim Wachwerden findet er ein länglich verdrehtes Stück Toilettenpapier in seiner Arschritze.
„Ist ja eklig! Müßtest du das auch noch zeichnen?“
„Ich frage mich, was dieses Detail bedeutet. Laut Freud sind es gerade die scheinbar nebensächlichen Details, die den Schlüssel zur Bedeutung eines Traumes bergen.“
„Aber das Teil stammt doch gar nicht aus dem Traum. Das hast du nachher beim Rumbohren in deinem Arsch gefunden, oder?“
„Eben das ist das Sonderbare. Ja, ich habe es gefunden. Ich habe es einen Augenblick lang betrachtet und dann fallen lassen. Es ist auf den Teppich gefallen. Ich habe es dort nicht wiedergefunden.“
„Wie groß war es?“
„Kleiner als ein Tampon. Und weiß mit zarten violetten Blüten. Es ist mit dem Teppichmuster verschmolzen.“
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„Mußtest du das auch noch zeichnen?“„Bitte?“
Ich war verblüfft über diese Reaktion. Mein Freund fragte ganz sonderbar leidenschaftlich verärgert, ob in meinen Comics um jeden Preis solche ekelhaften skurrilen Details vorkommen müßten. Ob ein Traum nicht ohne so etwas authentisch wäre.
„Es war nicht der Traum.“
Diesmal ist es an ihm, irritiert zu schauen.
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Der französische Philosoph J. R. schlägt vor, das meiste von dem, was wir üblicherweise als Politik bezeichnen, Polizei zu nennen, weil es darin nichts Politisches mehr gibt, sondern nur um die Regelung, Überwachung und Verwaltung unserer Gesellschaft geht: Wirtschaftspolizei, Sozialpolizei, Arbeitspolizei, Kulturpolizei. Du hattest den Eindruck, in einem Polizeistaat zu leben.„Aber warum Japan?“
„Weil es in Japan niemals wirklich Politik gegeben hat.“
Die Skelette sind erste Skizzen zu Erzählungen, noch fragmentarisch & ungeschliffen. Ich überlege, was aus ihnen werden kann. Wer Vorschläge, Assoziationen oder Kommentare dazu mitteilen möchte, ist herzlich eingeladen.
allesfliesst - 3. Aug, 00:30



