Romananfänge #1: Krankengeschichte

Im Spital Lorenz Böhler am Stadtrand von Wien liegt ein fast gesunder junger Mann zwischen zwei sehr kranken älteren Männern und nickt unter seinem Kopfhörer im Takt.
Er erholt sich gerade von einer doppelten Operation. Beim Fußballspielen, einem Freundschaftsspiel zwischen einer Mannschaft aus Künstlern und einer aus den Redakteuren einer Zeitschrift für Popkultur, hatte er sich durch das unglückliche Stolpern nach einem im Grunde harmlosen Foul einen Kapselriß zugezogen, war mit einem seitlich ausschlagenden Bein wie besessen vorangestürzt und mit dem Kopf so heftig gegen den Torpfosten gestoßen, daß die Abwehrspieler der gegnerischen Mannschaft beschwören, sie hätten ein Krachen wie von einer zerberstenden Glocke gehört. Jetzt nutzt er die Zeit, die er hier noch ans Bett gefesselt sein wird, um an seinem Laptop ein Musikstück für die Telefonwarteschleife des Krankenhauses zu produzieren. Im Austausch für erstklassige Behandlung hat sein Arzt, ein landesweit bekannter Neurochirurg, ihm das Versprechen abgenommen, bis zu seiner Entlassung mit diesem Auftragswerk fertig zu sein.
Der junge Mann denkt nicht eigentlich, indem er auf den Tasten weiche Hintergrundsounds mit Klavier und Percussion zusammenbastelt. Er hört, fühlt, ändert, plant, ändert, vergißt und hört wieder – aber während dieser Tätigkeiten, in den zerebralen Pausen, die sie zäsurieren, ohne daß es ihm zu Bewußtsein kommt, weil es sich hier sozusagen um das Betriebsprogramm des Bewußtseins handelt, fragt er sich, was er mit mir zu tun hat.
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allesfliesst - 31. Jul, 13:49



