Seither empfinde ich es als besonders unheimlich, für andere eine bleibende Erinnerung geworden zu sein. In sechs oder sieben Fällen ist das wieder passiert. Womöglich noch öfter, ohne dass ich es bemerken wollte – oder wo die Verdrängung im Anschluss besser gelang.
Ich spreche selbstverständlich nicht von denen, für die ich der Geliebte gewesen bin. Dass man im Leben seiner ehemaligen Partner einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, dass die eigenen Worte, Gesten, körperlichen Tics, ein Schlafgeruch oder so etwas wie ein eigenartiges Schmatzen beim Küssen im Gedächtnis der Verlassenen haften, sich in den Fasern ihrer neuen Beziehungen irgendwie mit weiter bewegen (und, wahrscheinlich, ihren Sinn verändern), das erscheint mir nur zu verständlich, das dürfte niemanden überraschen. Schließlich gibt es dieses Unvergessliche auf beiden Seiten, meistens jedenfalls. (Und wenn nicht – beweist das nicht nur, dass ihm, dem angeblich alles entfallen ist, der Mut fehlt, um sich zu erinnern: dass ihm das Gewesene zu viel bedeutet, als dass er die Kraft aufbrächte, sein Gedenken auf ein paar Details zu beschränken?) Was ich meine, ist etwas ganz anderes. Es ereignete sich nach meiner Premiere in der Kampnagelfabrik im September 1993.
Nach Damaskus, ein Traumspiel von August Strindberg – selten aufgeführt, und es war uns, glaube ich, geglückt, diese lange Reise eines Fremden in das Zentrum seiner Schuld (und auf demselben Weg zurück) in suggestiven, starken Bildern in Szene zu setzen. Um das Zeitgefühl des Publikums von der Normalität wegzurücken, hatte ich alle Bewegungen auf der Bühne langsamer oder schneller gemacht: Ein Bettler schleifte seinen platten, wie von einem Riesenfuß zerquetschten Unterleib in quälend gedehnten Zügen über einen sandigen Kirchplatz, während er über das Auseinanderfallen der Mittagsstunde lamentierte. Die Schwester eines Arztes trippelte mit akrobatischer Geschwindigkeit auf flaschenhohen Stöckelschuhen (den Hochzeitssandaletten meiner Mutter). Eine Alte, die ihr Leben über eine Waschschüssel gekrümmt verbrachte, fand sich von ihrer wild gestikulierenden Tochter umschwirrt. Gottesdienstbesucher rannten atemlos nach Hause, ein Leichenzug marschierte in eisernem Gleichschritt mitten hindurch.
Ich selbst hatte am Rand der zweiten Reihe gesessen und die Aufgabe des Souffleurs übernommen. Unser Budget erlaubte keinen echten, und da ich als Regisseur praktisch alle Rollentexte auswendig kannte, blieb mir nichts übrig, als dem Vorschlag meiner Assistentin Sara mit ihrem unwiderstehlichen Gespür für das Machbare zu folgen. Die Vorstellung war aber vollkommen glatt gegangen. Ohne ein einziges Mal laut werden zu müssen, hatte ich das Stück innerlich mitgesprochen, und vielleicht deshalb hatten sich die extremen Rhythmen der Sprache, die Verzögerungen und Beschleunigungen, die meine Anweisungen über Strindbergs Sätze verhängten, mir besonders eindringlich mitgeteilt. Der mehr als freundliche Applaus reichte nicht aus, um diese Wirkung zu unterbrechen. Als ich nachher im Foyer am Bartresen lehnte, die Gratulationen von Bekannten und Unbekannten entgegennehmend, nickend, ein paar herzliche Repliken murmelnd, vor allem wartend, dass J. F., der Intendant des T-Theaters, mit seiner Chefdramaturgin und seinem Bühnenbildner sich zu mir herüberbemühte – da hatte ich das Gefühl, mit sehr, sehr schleppenden Schritten auf ein draußen im Regen stehendes Pferd zuzulaufen.
Das Pferd war der einzige Regieeinfall, den ich schließlich nicht hatte durchsetzen können. Tiere auf der Bühne sind unberechenbar, wie Sara zutreffend einwandte, oder wenn sie es nicht sind, sehen sie zahm und unsäglich doof aus. Das Bild des Pferdes kam daher nicht unerwartet, aber dass es sich in seinem Kranz aus prasselnden Tropfen so natürlich bewegte, dampfend Luft aus beiden Nüstern stieß, die Mähne schüttelte, mit der Schwanzspitze eine spätsommerliche Mücke verscheuchte, wohingegen es mir unmöglich war, schneller voranzukommen, meine Beine in diesen Bleistiefelschritten gefangen blieben, außerstande, zu der lässigen Natürlichkeit des Tieres aufzuschließen – das versetzte mich in eine plötzliche Gereiztheit, eher schon Wut, und meine wutverzerrte Grimasse muss bei Stefanie den enthemmenden Schock ausgelöst haben. Obwohl sie eben nicht deren Ursache war.
Stefanie fragte, ob ich lieber ungestört sein wolle.
Ich sagte: „Grundsätzlich ja, aber du störst nicht. Hallo. Wir haben uns eine halbe Ewigkeit nicht gesehen.“
„Es sind drei Jahre und acht Monate her“, erwiderte sie.
„Hast du dir das Stück angesehen?“ fragte ich. „Danke. Fürs Kommen.“
Sie beglückwünschte mich zu der Inszenierung mit einem kurzen, die Nackenwirbel vorschiebenden Nicken. Dann schmunzelte sie breit, als sei sie froh, das hinter sich gebracht zu haben.
Aber das hatte sie nicht. Irgendetwas bewog sie, noch einmal neu anzusetzen. Es begann wiederum mit einem Kompliment – sie lobte die große Schlüsselszene im Kloster, das Kostüm der Äbtissin, ihre klaffende Kutte, die den Zuschauern einen steinernen, von grauen Falten und Geschwüren übersäten Rücken präsentierte.
„Es ist angelehnt an eine barocke Allegorie der Zeit“, erklärte ich. „Oder geklaut, wenn du so willst: Die Vorderseite der Zeit zeigt das schöne Gesicht einer jungen Frau. Ihre Kehrseite dagegen sind Verfall, Krankheit, Altern und Tod.“
„Ich weiß“, sagte Stefanie. „Ich bin Kunsthistorikerin. Schon vergessen?“
„Ich hoffe,
du warst es nicht, die mich auf das Foto mit der Zeitskulptur aufmerksam gemacht hat“, versuchte ich einen Scherz, der aber wenig erreichte. Also kramte ich in meinem Gedächtnis und förderte alles zutage, was ich von ihr und unsern paar Begegnungen noch wusste: „Es ist jammerschade, dass du nicht auch ans Theater gegangen bist. Wir beiden auf den Treppenstufen des Rheinhardt-Seminars in diesem grauenhaft verkitschten Schönbrunn, beim Warten auf das Urteil nach der letzten Runde der Aufnahmeprüfung. Wir waren beide so glücklich, dass sie uns nicht genommen haben.“
„Mich zurecht nicht“, entgegnete sie.
„Und das Zufallstreffen in der Hafenbar...“
„...war nicht ganz so zufällig. Du hattest in Wien erwähnt, dass du da gern hingehst.“
„Waren wir nicht auch später mal zusammen in meinem Apartment?“
Sie nickte.
„In der Parallelstraße? – Was für ein Name!“
Sie nickte.
„Und wir haben, warte..., die Kastrierten Philosophen gehört!“
Sie nickte lächelnd.
„Love Factory. Mit dem grandios deprimierenden Elvis-Cover.“ Ich hörte mich singen. „Feeling so lonely, baby. Feeling so lonely, baby. I could die.“
Der zweite Dramaturg vom T-Theater hatte sich drüben zu seinen Kollegen gesellt. Er grüßte in seiner verklemmten Art aus der Ferne, blätterte, ohne hineinzuschauen, im Programmheft, das größtenteils aus meinen Bühnenbildskizzen bestand.
„Du hast darauf bestanden, dass wir diese Platte hören. Du meintest, etwas anderes käme gerade nicht in Frage.“ Sie folgte meinem Blick und identifizierte die prominente Gruppe. „Du weißt immer sehr genau, was du willst.“
„Och, nein – im Theater. Im Leben keineswegs...“
Doch von da ab stürzte unsre Unterhaltung wie eine Gerölllawine in einen Abgrund. Einen Abgrund, der nur existierte, weil diese Lawine irgendwohin fallen musste. Ein aus dem Reflex geborener Abgrund, aber für mich wurde er binnen weniger Sekunden ebenso real wie für sie.
Stefanie machte erst Anstalten zu gehen – sie packte den Riemen ihrer Umhängetasche, zerrte einen Autoschlüssel daraus hervor. Sie flüsterte: „Ich sollte nicht in deiner Nähe sein, das ist gar nichts für mich“ – und drehte sich um. Doch dann sprudelte es auf einmal aus ihr heraus, ohne dass ihr flüchtender, mit allen freien Gliedern weg wollender Körper etwas dagegen ausrichten konnte: Wie sie seit drei Jahren und acht Monaten unausgesetzt an mich dachte. Wie sie meinen arroganten Jungencharme vergötterte und mich für mein beiläufiges Nettsein hasste. Wie meine Erfolge ihre Selbstachtung zerstörten. Wie sie beim Betrachten meines Bildes in der Taz masturbierte. Wie sie ernsthaft geplant hatte, mich wegen Vergewaltigung anzuzeigen, nur um ein Zeichen dieses verdammten Schmerzes hervorzubringen, den meine Missachtung ihr eingepflanzt hatte. Wie sie jeden Tag dasselbe Gespräch neu mit mir führte, nach den richtigen Worten suchte, die den Ausgang abändern würden.
„Ich glaube, meine dumme kleine Bemerkung über Robert Wilson hat damals die erotische Stimmung zerstört. Meinst du nicht? Dabei sollte es ein Scherz sein. Danach warst du rätselhaft nüchtern und desinteressiert...“
Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, dass ein Teil von mir aus der Zeit ihres Lebens bestand. Bewusst ist das falsche Wort – ich spürte diese Zeit leibhaftig in meinen Geweben vergehen, spürte, wie sie Eigenschaften an mir zum Verschwinden brachte, andere verwischte und noch andre mit der Knochenhärte einer fest geballten Faust umklammert hielt. Nicht ich, sondern sie da würde diesen Teil von mir ruinieren – sie würde ihn hinaus in den Regen schleifen, ihn durch Städte und Wüsten zerren, ihn abnutzen, ihn krank machen, ihn zu Tode pflegen und sich mit ihm begraben lassen. Als Stefanie endlich doch, als eine der letzten, die Premierenparty verließ, konnte ich mich selbst, den rätselhaften gleichgültigen Zwilling, an ihrer Seite durch das Fabriktor hinaushumpeln sehen. Mein linkes Bein schien mit ihrem rechten verwachsen. J. F., der uns beobachtet haben musste, zwinkerte mir durch seine dicken Brillengläser verschwörerisch zu. Er war ein alter Hase. Er schien solche Abgänge zu kennen.
allesfliesst - 6. Mrz, 14:27