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Donnerstag, 17. Dezember 2009

Das Neutrum (1)

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Nachdem ihre ältere Schwester nach oben gegangen war und die Bässe des Gesprächs mit ihrem Schwager dort allmählich verebbten, tat sie, was sie für angemessen hielt: Sie legte sich schlafen. Neben der Leiche roch es nach Weihrauch und Apfelsinen. Das Ohr an das Ohr der Mutter gelegt, hörte sie den Regen wie etwas auf der anderen, ihnen beiden, der Toten und der Lebenden, abgewandten Seite. Eine Weile steckten noch Ängste und Zweifel dort, wo ihr Körper den Boden berührte. Sie ruckelte vor und zurück und versuchte sich nicht zu sehr zu bewegen. Dann kam sie zur Ruhe.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Der weiße Führer

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Der weiße Führer
Zeitreisen
In eine ferne
Trägheit, wo die Kolonien
[S.7-12]
Der weiße Führer führt

Sonntag, 4. Oktober 2009

Oeynhausen

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knochiges Wasser; das Rattern mittelgrau zwischen
den Brückenpfeilern. Der erste Mann meiner Tante
erzählt mir, ich sei fünf Jahre alt gewesen.
Ich: »Hatte ich Angst?«

Dienstag, 28. Juli 2009

Geistesgeschichte (Romanprojekt) *** Teil 24

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Roman von Anfang an lesen


An Satoko gab es weiterhin nichts Bemerkenswertes außer der Angst, die wie eine transparente Art von Akne auf ihrem Gesicht lag und die Linien ihrer Lippen, die Nasenwinkel und die wassergrünen Ringe um die Augen mit einem strengen, häßlichen Ernst schraffierte. Da wir einander wenig zu erzählen hatten und unsere beiden Leben nur durch Mahlzeiten und Fernsehabende verknüpft waren, wollte ich wenigstens diese Angst besser kennenlernen. Ich stellte mir vor, daß ein Durchschnittsmensch auch eine durchschnittliche Angst empfinden müsse – eine kleine, fest zusammengepreßte Finsternis irgendwo am Rand der sonst gleichmäßigen teppichbeigen Helle des Alltäglichen, ein klebriger schwarzer Klumpen unter dem Sofa, eher jedenfalls als der Staub, der in meiner Welt auf den Oberflächen der Dinge glitzerte und mich mit dem Eindruck erschreckte, ein Briefumschlag, eine Uhr, ein Handschuh oder eine Klinke könne jeden Augenblick wie das gepuderte Lid einer alten Tunte nach oben fahren und das ädrige Weiß eines Blickes freilegen, der mich mit der ekelhaften Intensität des Begehrens fixierte.

Satoko setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, als ob sie befürchte, daß sich unter der nächsten Diele ein Loch auftat und sie mitsamt der Frucht ihres Leibes verschlang. Während sie nachmittags kurz aus dem Schlaf erwachte, redete sie einmal über einen Roman, in dem es um einen tiefen, dunklen, von Ratten und Schlangen bewohnten Brunnen ging. Sie lächelte beim Sprechen, und die schmalen Augenschlitze schienen vor Müdigkeit unendlich breit, aber ich nahm an, daß so für sie die Quelle des Grauens aussah: es gab da irgendwo im Garten einen Brunnen...

Am Ende der ersten Woche, die Satoko und ich zusammen wohnten, kam Tomo zu Besuch. Er trug ein großes braunes Paket mit Schlitzen, in dessen Innerem es kratzte. Er stellte es auf den Treppenabsatz und begann Jacke, Pullover und Sweatshirt auszuziehen.

„Sie ist da“, sagte ich leise und bohrte meinen großen Zeh in einen der Schlitze.

Tanjôbi omodetô “, platzte Tomo heraus. „Zum Geburtstag viel Glück!“

Schwere stampfende Schritte zeigten an, daß Satoko oben aufstand. Das Klingeln hatte sie vermutlich neugierig gemacht, oder sie mußte pissen. Sie trank und pißte ohne Unterlaß, solange sie nicht schlief.

„Geburtstag?“ Tomo strahlte. Er kniete sich auf eine Treppenstufe oberhalb des Pakets. „Ich habe im Juni Geburtstag. Wie kommst du darauf?“

Hinter den Schlitzen blitzte etwas Gelbes auf. Das Rascheln und Kratzen erstarb. Für eine Sekunde war es so still, daß der aufgedrehte Wasserhahn im Badezimmer in den Mauern widerhallte wie ein langgezogenes Stöhnen.

„Erinnerst du dich nicht mehr an unseren ersten gemeinsamen Abend?“ fragte Tomo, während er den Bewohner des Kartons mit kleinen schmatzenden Küssen anlockte.

„An das Kino?“ Es miaute, und das Kratzen setzte wieder ein, diesmal schneller und kräftiger, feindselig oder freudig erregt. „Wird langsam wild, das Teil.“

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Es war ein japanischer Film gewesen, und ich hatte von der Handlung nichts verstanden, was die unbekannten Darsteller nicht mit pantomimischer Deutlichkeit in einer internationalen Sprache der Gefühle von der Leinwand brüllten. Infolgedessen tauchte der cineastische Strang jenes Abends als eine zusammenhanglose Folge von übermenschlicher Trauer, Wut, Stolz, Romantik, Furcht und berstendem Gelächter aus meinem Gedächtnis auf – während das Nackenhaar meines verspannten Nachbarn immer noch ganz realistisch zwischen meinen Fingern knirschte und seine kaugummikauende Kußangst wie ein scharfer pfefferminziger Geschmack auf meiner Zunge lag. Aber eine Katze war dabeigewesen. Ich erinnerte mich an die wildentzückten Rufe aus dem Publikum: „Mite...neko – kawaiiii!“ War sie nicht am Ende das einzige Erbe gewesen, das die frischverliebte Tochter von ihrem bankrotten Vater erhielt?

Tomo bog die Pappen auseinander und holte das Geschenk heraus. Es war ein Katzenjunges – kaum ein paar Monate alt und so winzig, daß man es in zwei hohlen Händen verstecken konnte, wenn man dicke lange Finger wie mein Besucher hatte. Es miaute zum Herzerweichen. Selbst meins ächzte genervt.

Als wisse er genau, daß mich der bloße Anblick des Geschöpfs nicht hinreichend schwächte, ließ Tomo das Kätzchen entwischen. Ohne sich auch nur umzuschauen und über die neue Umgebung zu wundern, hüpfte es mit niedlichen, ein bißchen kurz gezielten Sprüngen rutschend und holpernd die Treppe hinauf.

„Hoppla“, sagte der Geburtstagsgratulant mit fünf Sekunden Verspätung. Babys und Kätzchen! Meine Liebhaber beschenkten mich. Fehlte nur noch ein Stricher, der mir Untersetzer häkelte.

Ich wußte nicht, was das sollte. Ich hatte nicht Geburtstag, und ich hatte mir keine Katze gewünscht. Ich mochte Katzen lieber als Hunde, aber nachdem ich Hunde haßte, bedeutete das für die Katzen kein besonderes Lob. Ich war grundsätzlich überhaupt nicht der Typ, um ein Haustier zu halten, und Tomo, der mich in mancher Hinsicht besser kannte als S., wußte das sehr gut.

Die Katze schaffte mit einem deutlich geschmeidigeren Sprung den Rest der Treppe, und einen angehaltenen Atemzug später hörten wir ihre Krallen über die Tatami schrappen.

„Was bitte hast du dir dabei gedacht, Tomo? Nimm die Katze wieder mit!“

„Welchen Namen willst du ihr geben?“

„Ich werde ihr gar keinen Namen geben.“

„Aber sie braucht einen Namen. Jedes Wesen auf der Welt verdient einen Namen.“ Er spielte mit seinem Handy herum.

„Ich werde sie Tomoko nennen. Und nun nimm sie bitte wieder mit und verschwinde.“

Ein spitzer Schrei unterrichtete uns, daß die Katze ihr Ziel erreicht hatte. Satokos Stimme überschlug sich. Wir hörten einen Rumms. Sie war, ohne an ihren empfindlichen Zustand zu denken, auf die Knie geplumpst. Weiche, schmeichelnde Katzenbabylaute imitierend, robbte sie über die Matten – das Kinn auf den Boden gesenkt, die platte Nase gegen die Spitze des Tieres drückend, Augenbrauen, Wangen, das ganze Gesicht hin zu diesem nya-nya-nyaaa...! zusammengezogen, für das sich japanische Frauen auch auf der Straße nirgends zu schade waren. Wir wußten beide, was geschah. Die Katze schnurrte. Satokos Fingerspitzen schlichen sich wie Wichtel unter ihren Bauch und hoben das kleine Ding zu seinem quietschenden Vergnügen hoch, hoch, hoch in die Luft...

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Ich ließ mich auf die Treppenstufe fallen und gab dem Karton einen Tritt. Tomo sah zerknirscht drein. Oben näherte das Spiel sich seiner wilden Phase. Satoko mutierte selbst zum Kind. Das andere in ihrem Bauch war völlig vergessen.

Nach einigen Gläsern Wein in der Küche, während der Geburtsbesuch im ersten Stock durch alle Ecken tobte, einigten wir uns darauf, daß Tomo die Katze bei sich zu Hause halten und ich ihn dort ab und zu besuchen kommen würde.

Er wirkte erleichtert, daß es so glimpflich ausging, und legte, vielleicht durch den Alkohol begünstigt, eine selbst für ihn beinah groteske Unterwürfigkeit an den Tag. „Du kannst mit ihr spielen, ohne Arbeit zu haben. Ich verstehe, daß dir die Arbeit lästig ist, das Füttern und der Dreck und die Schäden am Teppich. Es genügt mir, wenn ich dich ab und zu mit ihr spielen sehe.“

„Ich und Tomoko im Zoo.“

„Es fällt mir irgendwie leichter, deine Gegenwart zu ertragen, wenn da noch ein anderes Wesen ist, das zu dir gehört. Verzeihung...“

Weinte er? Er wischte mit dem Ärmel über seine Augen.

„Es ist nur, weil ich dich liebe. Ich denke ständig daran, daß du stirbst.“

Als Tomo sich verabschiedete und sein wackelndes Fahhrad mit dem kreischenden Karton bestieg, blieb Satoko lange in der Tür stehen und winkte. Ich sagte ihr, sie würde sich erkälten, aber ihre Hand fiel erst herab, nachdem der kleine rote Punkt des Rücklichts vom Verkehr der Hauptstraße verschluckt worden war. Danach ging sie wortlos zu Bett.


Fortsetzung folgt

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Freitag, 8. Mai 2009

Ihre Ausbildung

Blackguy


Zu einer Idee durften wir uns besonders gratulieren: sie zu Masseuren ausbilden zu lassen.

Van Flaak war zuerst dagegen gewesen. Er hatte ausgesprochen, was einige im Geheimen weiterhin befürchteten: Wenn sie erst etwas professionell beherrschten, über ein Diplom verfügten, wären die Tage ihres Gehorsams gezählt.

„Qualifikationen machen stolz, Janwillem. Und wer sich etwas einbildet auf das, was er kann...“

„Richtig“, fiel der eierschlürfende Van Wülmen ein, dessen hagere, an einen leeren Fahnenmast erinnernde Gestalt niemals jemand anders als in dem Feinripphemd mit den gelben Flecken gesehen hatte. „Stell dir vor, sie haben zu diesen...Körpern auch noch die Technik. Und die Selbstgewißheit. Sie ahnen doch jetzt schon, daß sie – daß sie uns mit ihrer superb modellierten Rückenmuskulatur... “

„Geben wir ihnen niemals einen Vertrag“, unterbrach Dr. van Hommelen den stockenden Beschreibungsversuch. „Was sie können, was sie wissen, was sie von sich selbst denken – das spielt kein Rolle, solange keiner von ihnen ein Dokument in der Hand hält, das ihm seinen Status schwarz auf weiß bescheinigt.“

Ich pflichtete ihm bei. Wie die meisten meiner kultivierteren Bekannten begann mich unsere Herrschaft zu langweilen. Es war reizlos, sie im Morgengrauen auf die Plantagen zu jagen, wenn da nicht ein kaltes Lüftchen Angst den Nacken hochkroch, während man sich im Bett umdrehte, um weiterzuschlafen. Ich pflegte gegen zehn aus einem wirren flachen Halbschlaf zu erwachen, den Geruch von Hundekot im Mund und das schweißnasse Laken, das ich anstelle einer Decke benutzte, bis über die Schenkel zurückgeschlagen. Ich blieb mindestens eine Viertelstunde so liegen und wartete, ob irgendetwas passierte. Ich stellte mir vor, daß Mowo, unser Hausboy fürs Grobe, in der offenen Tür stand und mit heruntergelassenen Hosenträgern den klebrigen Spalt zwischen meinen Backen begaffte. Ich packte irgendetwas vom Nachttisch, um es aus dem Fenster zu werfen. Beim Frühstück beschuldigte ich eins dieser Mädchen (sie konnten sich sogar gegenseitig nicht auseinanderhalten), sie habe in meine Müslischale gepinkelt, und ließ ihr mit der siebenschwänzigen Katze die Haut von den Schultern abziehen. Während der endlosen Zeit bis zum Sonnenuntergang pöbelte ich in einem Tonfall herum, der mir selbst albern vorkam. Viel schwieriger als ihren Haß zu bezähmen mußte es für unser Personal sein, nicht in lautes Lachen auszubrechen – diese Einsicht machte meine Trägheit, das Gefühl einer übermächtigen Schlaffheit, das meinen ganzen Körper in einen einzigen Hals zu verwandeln schien, noch schlimmer, noch erbärmlicher, noch mehr zu einem jener hohen schmalen Spiegel, vor die ich mehrmals täglich trat, um mich meiner Nacktheit zu schämen. Erfolglos natürlich auch das.

Daß ich zustimmte, eine Gruppe von ausgewählten Männern für drei Wochen aufs Festland zu einem Massage-Workshop zu schicken – daß van Hommelen und seine Anhänger von mir das eine Votum erhielten, das den Ausschlag hab, es lag einfach daran: Ich hätte anders keinen Monat länger durchgehalten, ohne mich erneut von einem dieser Tiere schwängern zu lassen. Und die Komplikationen beim letzten Mal reichen mir fürs Leben.

***

Als sie den schaukelnden Booten entstiegen, wurden ihre Bewegungen auf unserer Seite mit einem neuartigen Misstrauen verfolgt, das mich in Erregung versetzte. Nachdem jeweils drei oder vier ins flache Wasser gesprungen waren, sich das Tau zuwerfen ließen und den Bug mit Schwung die letzten Meter durch die Gischt den flachen Strand hinaufzogen, stapfte einer nach dem andern mit derselben lässigen Behändigkeit durch den weichen, brennenden Sand, die wir an ihnen kannten. Tänzerisch schwer hatte irgendwer (ich glaube, van Rout) als Ausdruck dafür geprägt. Und wirklich – es war keine Leichtigkeit, nicht wie das Trippeln unsrer Mädchen beim Ballettunterricht oder die virtuosen Hüpfer von van Pemmel und van Tannel, wenn sie mit ihren Autowäschern Tischtennis spielten. Das Geschmeidige ihrer Muskeln schien sich einem Pakt mit der Gravitation zu verdanken, einem geheimen Pakt, den ihre Leiber irgendwann nachts im Schatten eines Teufelsfelsens mit dem Mond geschlossen hatten. Man konnte förmlich sehen, wie der Mond die Meeresmassen über ihren gekrümmten Rücken zusammenschob und sie glitzernd wieder entließ als seine Geschöpfe.

Warum fühlt sich ihre schwarze Haut bei dieser gnadenlosen Sonne kühler an als deine weiße? hatte Hannah, die Tochter van Wülmens, mich einmal überraschend gefragt. Wir hatten beide mit angehaltenem Atem geschwiegen. Mir war unklar, in welchem Zusammenhang sie einen von ihnen angefaßt haben mochte – und warum sie mich anfaßte (sie starrte mich an und ließ nicht wieder los). Die Vorstellung von kalten schwarzen Armen in der Mittagsglut gewann in dieser eigenartigen Situation eine fast schmerzhafte Evidenz. Ich zweifelte keine Sekunde länger daran, daß es so war – daß sie kalt blieben bei ihrer Arbeit, daß der feuchte Glanz ihrer Nacken nur ein Trick war, um uns abzulenken, ein täuschender Schimmer des Mondlichts mitten am Tag. Ich zwang die gesamte Belegschaft, zweimal täglich in einem Bottich mit eiskaltem Wasser zu baden, um ihnen zu demonstrieren, daß ich sie durchschaute. Sie mußten eintauchen und warten, bis das Klappern ihrer Zähne mir zu schnell und regelmäßig erschien, als daß man es hätte vorspielen können.

Niemand jedenfalls bemerkte bei dieser Rückkehr von der Weiterbildung eine Veränderung an ihnen. Später behaupteten die üblichen Besserwisser, an der Art, wie sie fortan beim Antworten den Oberkörper wiegten, wie sie sich selbst während des Überlegens mit den Fingerspitzen in die feinen Fettpolster schnippten, die bei entspannter stehender Haltung hinten im Becken auftreten – an der Art vor allem ihres Lachens hätte man es wissen können, hätte denn jemand es wissen wollen. Aber nachträgliche Warnungen gehören immer dazu, wenn es darum geht, Geschichte zu machen. Eine Zeitlang wurde es sogar zu einem beliebten Spiel, in irgendetwas Beispiellosem die ersten Zeichen der bevorstehenden Revolution zu erkennen.

Monsignor van Ralf kam eines Vormittags zum Beispiel zu uns in den Laden gelaufen und berichtete mit hochrotem Kopf und fuchtelnden Händen, Gowo, sein Toilettenboy, einer der Auserwählten, habe auf Lateinisch In nomini Satani gemurmelt, während er ihm mit seinen Riesendaumen das geplagte Steißbein massierte.

Der Priester schien völlig außer sich. Er war offenbar geradewegs vom Massagetisch aufgesprungen, hatte das spärliche weiße Haar wirr in der Stirn und von den zahllosen Knöpfen seiner Soutane kaum ein Drittel geschlossen. Seine Erklärungen wirkten konfus, und je gründlicher wir nachfragten, desto heftiger verwickelte er sich in Widersprüche: Nein, Gowo habe die ketzerischen Worte rückwärts gesprochen, und er habe seine Stimme dabei so weit gesenkt, daß es gegenüber einem schläfrigen Patienten als Räuspern hätte durchgehen können – aber als Geistlicher verstehe er Latein auch von hinten nach vorn, und der Name Satans („Natas...“, murmelte ich) sei für einen Gottesmann in jeder Lautstärke wie ein durchdringender, markerschütternder Schrei.

Wir gaben ihm eine Tüte mit kandierten Ingwerstücken zum Naschen, was sehr dazu beitrug, ihn zu beruhigen. Daß er in drei andere Geschäfte in demselben Aufzug und mit derselben Entrüstung hereingestürzt war, machte die Sache zu einer liebenswerten komischen Anekdote. Es kursierten mehrere ähnliche Anekdoten. Die Menschen genossen den neuen Servicestand, auf den das Ausbildungsexperiment unser Städtchen gehoben hatte. Sie genossen, und da es ihnen schwerfiel, von ihrem Genießen zu sprechen (wer es doch versuchte, kam über wohlige Geräusche wie Aaaaah oder Uhuhuhuuu nicht hinaus), erzählten sie Geschichten, die den verbreiteten Ängsten irgendein phantastisches Gesicht verliehen. Ich selber dachte mir ein paar solcher wirklich grauenhaften Geschichten aus, behielt sie aber für mich.

***

Dann gab es eine Anekdote, bei der mir das Lachen verging.

Ich erfuhr sie an einem Sonntag. Der Rest der Familie war wie üblich zum Gottesdienst aufgebrochen, und für die ungestörte Stunde, die uns das bescherte, bestellte ich Nuwo nach oben ins Schlafzimmer, um die Zeit für eine Reflexzonenmassage zu nutzen. Unter allen Massagen, die wir ausprobiert hatten, war mir die Reflexzonenmassage die liebste.

...

Freitag, 6. März 2009

Wie sie mit mir lebte

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Seither empfinde ich es als besonders unheimlich, für andere eine bleibende Erinnerung geworden zu sein. In sechs oder sieben Fällen ist das wieder passiert. Womöglich noch öfter, ohne dass ich es bemerken wollte – oder wo die Verdrängung im Anschluss besser gelang.

Ich spreche selbstverständlich nicht von denen, für die ich der Geliebte gewesen bin. Dass man im Leben seiner ehemaligen Partner einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, dass die eigenen Worte, Gesten, körperlichen Tics, ein Schlafgeruch oder so etwas wie ein eigenartiges Schmatzen beim Küssen im Gedächtnis der Verlassenen haften, sich in den Fasern ihrer neuen Beziehungen irgendwie mit weiter bewegen (und, wahrscheinlich, ihren Sinn verändern), das erscheint mir nur zu verständlich, das dürfte niemanden überraschen. Schließlich gibt es dieses Unvergessliche auf beiden Seiten, meistens jedenfalls. (Und wenn nicht – beweist das nicht nur, dass ihm, dem angeblich alles entfallen ist, der Mut fehlt, um sich zu erinnern: dass ihm das Gewesene zu viel bedeutet, als dass er die Kraft aufbrächte, sein Gedenken auf ein paar Details zu beschränken?) Was ich meine, ist etwas ganz anderes. Es ereignete sich nach meiner Premiere in der Kampnagelfabrik im September 1993.

Nach Damaskus, ein Traumspiel von August Strindberg – selten aufgeführt, und es war uns, glaube ich, geglückt, diese lange Reise eines Fremden in das Zentrum seiner Schuld (und auf demselben Weg zurück) in suggestiven, starken Bildern in Szene zu setzen. Um das Zeitgefühl des Publikums von der Normalität wegzurücken, hatte ich alle Bewegungen auf der Bühne langsamer oder schneller gemacht: Ein Bettler schleifte seinen platten, wie von einem Riesenfuß zerquetschten Unterleib in quälend gedehnten Zügen über einen sandigen Kirchplatz, während er über das Auseinanderfallen der Mittagsstunde lamentierte. Die Schwester eines Arztes trippelte mit akrobatischer Geschwindigkeit auf flaschenhohen Stöckelschuhen (den Hochzeitssandaletten meiner Mutter). Eine Alte, die ihr Leben über eine Waschschüssel gekrümmt verbrachte, fand sich von ihrer wild gestikulierenden Tochter umschwirrt. Gottesdienstbesucher rannten atemlos nach Hause, ein Leichenzug marschierte in eisernem Gleichschritt mitten hindurch.

Ich selbst hatte am Rand der zweiten Reihe gesessen und die Aufgabe des Souffleurs übernommen. Unser Budget erlaubte keinen echten, und da ich als Regisseur praktisch alle Rollentexte auswendig kannte, blieb mir nichts übrig, als dem Vorschlag meiner Assistentin Sara mit ihrem unwiderstehlichen Gespür für das Machbare zu folgen. Die Vorstellung war aber vollkommen glatt gegangen. Ohne ein einziges Mal laut werden zu müssen, hatte ich das Stück innerlich mitgesprochen, und vielleicht deshalb hatten sich die extremen Rhythmen der Sprache, die Verzögerungen und Beschleunigungen, die meine Anweisungen über Strindbergs Sätze verhängten, mir besonders eindringlich mitgeteilt. Der mehr als freundliche Applaus reichte nicht aus, um diese Wirkung zu unterbrechen. Als ich nachher im Foyer am Bartresen lehnte, die Gratulationen von Bekannten und Unbekannten entgegennehmend, nickend, ein paar herzliche Repliken murmelnd, vor allem wartend, dass J. F., der Intendant des T-Theaters, mit seiner Chefdramaturgin und seinem Bühnenbildner sich zu mir herüberbemühte – da hatte ich das Gefühl, mit sehr, sehr schleppenden Schritten auf ein draußen im Regen stehendes Pferd zuzulaufen.

Das Pferd war der einzige Regieeinfall, den ich schließlich nicht hatte durchsetzen können. Tiere auf der Bühne sind unberechenbar, wie Sara zutreffend einwandte, oder wenn sie es nicht sind, sehen sie zahm und unsäglich doof aus. Das Bild des Pferdes kam daher nicht unerwartet, aber dass es sich in seinem Kranz aus prasselnden Tropfen so natürlich bewegte, dampfend Luft aus beiden Nüstern stieß, die Mähne schüttelte, mit der Schwanzspitze eine spätsommerliche Mücke verscheuchte, wohingegen es mir unmöglich war, schneller voranzukommen, meine Beine in diesen Bleistiefelschritten gefangen blieben, außerstande, zu der lässigen Natürlichkeit des Tieres aufzuschließen – das versetzte mich in eine plötzliche Gereiztheit, eher schon Wut, und meine wutverzerrte Grimasse muss bei Stefanie den enthemmenden Schock ausgelöst haben. Obwohl sie eben nicht deren Ursache war.

Stefanie fragte, ob ich lieber ungestört sein wolle.

Ich sagte: „Grundsätzlich ja, aber du störst nicht. Hallo. Wir haben uns eine halbe Ewigkeit nicht gesehen.“

„Es sind drei Jahre und acht Monate her“, erwiderte sie.

„Hast du dir das Stück angesehen?“ fragte ich. „Danke. Fürs Kommen.“

Sie beglückwünschte mich zu der Inszenierung mit einem kurzen, die Nackenwirbel vorschiebenden Nicken. Dann schmunzelte sie breit, als sei sie froh, das hinter sich gebracht zu haben.

Aber das hatte sie nicht. Irgendetwas bewog sie, noch einmal neu anzusetzen. Es begann wiederum mit einem Kompliment – sie lobte die große Schlüsselszene im Kloster, das Kostüm der Äbtissin, ihre klaffende Kutte, die den Zuschauern einen steinernen, von grauen Falten und Geschwüren übersäten Rücken präsentierte.

„Es ist angelehnt an eine barocke Allegorie der Zeit“, erklärte ich. „Oder geklaut, wenn du so willst: Die Vorderseite der Zeit zeigt das schöne Gesicht einer jungen Frau. Ihre Kehrseite dagegen sind Verfall, Krankheit, Altern und Tod.“

„Ich weiß“, sagte Stefanie. „Ich bin Kunsthistorikerin. Schon vergessen?“

„Ich hoffe, du warst es nicht, die mich auf das Foto mit der Zeitskulptur aufmerksam gemacht hat“, versuchte ich einen Scherz, der aber wenig erreichte. Also kramte ich in meinem Gedächtnis und förderte alles zutage, was ich von ihr und unsern paar Begegnungen noch wusste: „Es ist jammerschade, dass du nicht auch ans Theater gegangen bist. Wir beiden auf den Treppenstufen des Rheinhardt-Seminars in diesem grauenhaft verkitschten Schönbrunn, beim Warten auf das Urteil nach der letzten Runde der Aufnahmeprüfung. Wir waren beide so glücklich, dass sie uns nicht genommen haben.“

„Mich zurecht nicht“, entgegnete sie.

„Und das Zufallstreffen in der Hafenbar...“

„...war nicht ganz so zufällig. Du hattest in Wien erwähnt, dass du da gern hingehst.“

„Waren wir nicht auch später mal zusammen in meinem Apartment?“

Sie nickte.

„In der Parallelstraße? – Was für ein Name!“

Sie nickte.

„Und wir haben, warte..., die Kastrierten Philosophen gehört!“

Sie nickte lächelnd.

„Love Factory. Mit dem grandios deprimierenden Elvis-Cover.“ Ich hörte mich singen. „Feeling so lonely, baby. Feeling so lonely, baby. I could die.“

Der zweite Dramaturg vom T-Theater hatte sich drüben zu seinen Kollegen gesellt. Er grüßte in seiner verklemmten Art aus der Ferne, blätterte, ohne hineinzuschauen, im Programmheft, das größtenteils aus meinen Bühnenbildskizzen bestand.

„Du hast darauf bestanden, dass wir diese Platte hören. Du meintest, etwas anderes käme gerade nicht in Frage.“ Sie folgte meinem Blick und identifizierte die prominente Gruppe. „Du weißt immer sehr genau, was du willst.“

„Och, nein – im Theater. Im Leben keineswegs...“

Doch von da ab stürzte unsre Unterhaltung wie eine Gerölllawine in einen Abgrund. Einen Abgrund, der nur existierte, weil diese Lawine irgendwohin fallen musste. Ein aus dem Reflex geborener Abgrund, aber für mich wurde er binnen weniger Sekunden ebenso real wie für sie.

Stefanie machte erst Anstalten zu gehen – sie packte den Riemen ihrer Umhängetasche, zerrte einen Autoschlüssel daraus hervor. Sie flüsterte: „Ich sollte nicht in deiner Nähe sein, das ist gar nichts für mich“ – und drehte sich um. Doch dann sprudelte es auf einmal aus ihr heraus, ohne dass ihr flüchtender, mit allen freien Gliedern weg wollender Körper etwas dagegen ausrichten konnte: Wie sie seit drei Jahren und acht Monaten unausgesetzt an mich dachte. Wie sie meinen arroganten Jungencharme vergötterte und mich für mein beiläufiges Nettsein hasste. Wie meine Erfolge ihre Selbstachtung zerstörten. Wie sie beim Betrachten meines Bildes in der Taz masturbierte. Wie sie ernsthaft geplant hatte, mich wegen Vergewaltigung anzuzeigen, nur um ein Zeichen dieses verdammten Schmerzes hervorzubringen, den meine Missachtung ihr eingepflanzt hatte. Wie sie jeden Tag dasselbe Gespräch neu mit mir führte, nach den richtigen Worten suchte, die den Ausgang abändern würden.

„Ich glaube, meine dumme kleine Bemerkung über Robert Wilson hat damals die erotische Stimmung zerstört. Meinst du nicht? Dabei sollte es ein Scherz sein. Danach warst du rätselhaft nüchtern und desinteressiert...“

Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, dass ein Teil von mir aus der Zeit ihres Lebens bestand. Bewusst ist das falsche Wort – ich spürte diese Zeit leibhaftig in meinen Geweben vergehen, spürte, wie sie Eigenschaften an mir zum Verschwinden brachte, andere verwischte und noch andre mit der Knochenhärte einer fest geballten Faust umklammert hielt. Nicht ich, sondern sie da würde diesen Teil von mir ruinieren – sie würde ihn hinaus in den Regen schleifen, ihn durch Städte und Wüsten zerren, ihn abnutzen, ihn krank machen, ihn zu Tode pflegen und sich mit ihm begraben lassen. Als Stefanie endlich doch, als eine der letzten, die Premierenparty verließ, konnte ich mich selbst, den rätselhaften gleichgültigen Zwilling, an ihrer Seite durch das Fabriktor hinaushumpeln sehen. Mein linkes Bein schien mit ihrem rechten verwachsen. J. F., der uns beobachtet haben musste, zwinkerte mir durch seine dicken Brillengläser verschwörerisch zu. Er war ein alter Hase. Er schien solche Abgänge zu kennen.

Samstag, 10. Januar 2009

Dünnes Gebüsch (5)

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Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Weil er darum gebeten hat, habe ich angefangen, ihn zu treten. Weil er verlangt hat, dass ich mich nicht beirren lasse, wenn er versucht, mir einzureden, es sei genug, höre ich nicht damit auf.

Wir sind hier da, wo ich mich allein niemals hingetraut habe – am oberen Ende des Flüsschens, oberhalb selbst der oberen Brücke, auf einem Stück Pfad, das von der Brücke vielleicht bis zu jener Stelle führt, wo das Flüsschen in den Kanal mündet, wahrscheinlich aber vorher abbiegt, wohin auch immer. Wäre er nicht einem andern hinterhergegangen, wäre ich ihm nicht gefolgt. Es war dieser Dritte, der das hier möglich gemacht hat, ein Zufälliger, einer von denen, durch deren Kommen und Gehen die Vorsehung Dinge einfädelt. Er war dann hinter zwei sich aneinander reibenden Birken verschwunden und hatte seinen Leib in einen sauerscharfen Geruch aufgelöst.

Zuerst wollte er, dass ich mich auf seinen Bauch stelle. Er schob das Hemd hoch und machte die Hose auf wie beim Arzt. Obwohl er nicht dick war, wackelte es, und ich musste um mein Gleichgewicht kämpfen. Mag sein, dass es nur dazu diente, mich wütend zu machen. Je länger ich trete, desto besser verstehe ich, was für ein genialer Stratege er ist: jemand, der den Kontrollverlust mit der Präzision eines Schachgroßmeisters herbeiführt.

Sein Überraschungszug, als mir irgendwann doch Skrupel kommen, ist das schwule Äquivalent eines Damenopfers. Er dreht sich so überraschend um – ich rutsche ab und wäre gefallen, geht auf alle Viere wie ein Hündchen, wackelt mit dem Arsch und fordert mich auf, ihm mit voller Wucht in die Eier zu treten, bis nichts Männliches mehr übrig sei. Er nennt das Geschlechtsumwandlung. Er zeigt zwischen den gespreizten Beinen durch und sagt: „Mach das weg!“

Über das nachtglatte Wasser trippelt das Knirschen der oberen Brücke wie ein Schwarm hässlicher, aber leichtfüßiger Tiere. Es ist eine Hängebrücke, federnd. Wenn Männer auf und ab laufen, um einander im Mondschein aus dem Augenwinkel zu bewerten, entsteht jedes Mal so ein Schwarm.

Freitag, 28. November 2008

Dünnes Gebüsch (4)

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Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Ein Urinstrahl schwappt dampfend durch die Kälte. Der Morgen kommt.

Das erste Violett an den Rändern der Blätter hat noch kaum Kraft. Aber man ahnt, wie sich etwas verändert. Das Warten verliert seinen Sinn.

Das gute Dutzend Männer, das noch hinter dem Unterstand herumstreicht, wird von dem einsickernden Licht überrascht. Und wie Vampire bei der Berührung mit dem Tag zu Asche verbrennen, glüht auf ihren Schatten das Phantastische weg. Zurück bleiben Halsbänder, schwule Frisuren, mit Bartstoppeln gespickte Kinne, Hände in Jeanstaschen, mehrere Sorten von Karos, blutunterlaufene Augen.

Ein kreidesaurer Schweißgeruch umweht die Drei, von denen einer pisst, einer an den Wurzeln einer Buche hockt und den Mund aufsperrt, einer wichsend daneben steht und den Schluckenden spielerisch tritt.

Das wird vielleicht das Letzte gewesen sein, was sich für heute ereignet. Die anderen kommen näher, wie man etwas zugibt und es lieber direkt tut.

Der Schluckende ist der jüngste von allen. Mitte zwanzig. Das kurz geschorene Haar ohne dünnere Stellen. Sein Adidas-Tshirt und seine Turnhose werden nass. Fußballstrümpfe bis zu den Knien, sie kriegen ein paar Sprenkel ab. Und gar keine Schuhe: die dreckigen aufgerissenen Strümpfe – er ist die ganze Nacht so herumgelaufen...

Ich kriege einen Steifen.

Sein Gesicht gehört zu denen, die unfreiwillig immer ein bisschen ironisch dreinblicken. Es liegt an der Oberlippe. Oder am Mundwinkel. Oder der Stellung der Augenbrauen: dichte, haselnussbraune, wie mit der breiten Schönschreibfeder gedrückte und dann gezogene. Mit den geschlossenen Lidern das Schönste an ihm.

Während der Zweite die letzten Tropfen abschüttelt, ist der Dritte zum Organisator geworden. Er streckt die freie Hand nach denen aus, die nahe genug sind. Einer lässt sich von ihm die Hose aufmachen. Ein Weiterer macht es selber. Ein Kreis bildet sich. Dann ein Klumpen.

Am Wanderweg, in dem engen Bretterverschlag, hält die Nacht sich am längsten. Selbst in stockfinsteren Nächten ist es hier drinnen noch schwärzer, ein Darkroom mitten im Park, und die atembare Nähe des rauen, firnissgetränkten Holzes, der von den Tritten vibrierende Dielenboden, die Kanten der aus rohen Klötzen gezimmerten Tische, an denen Spaziergänger bei Regen belegte Brote verzehren – dieser ganze Kasten voll Materie, aus dem das Dunkel besteht, verleiht jeder Bewegung hier eine eigenartige Übergröße: als hätte man zwei oder drei Mal so viel Körper und ragte mit Armen, Knien und Haarspitzen zwei oder drei Mal so weit in den gemeinsamen Raum mit den andern hinein.

Die Ältesten und Hässlichsten unter den Cruisern machen sich dieses schwer kontrollierbare Wachstum der Leiber zunutze. Der Unterstand ist ihr Domizil. Wer unter das Dach taucht, muss darauf gefasst sein, von ledernen Händen in Beschlag genommen zu werden, Händen, die keine Scheu kennen, die alle Zurückhaltung abgelegt haben, deren Leben aus trial and error besteht. Es geht direkt an die Hose. Lediglich die Aftershaves und Duftwässerchen wirken wie eine Entschuldigung für das, was sie jetzt mit mir tun und mit jedem andern genau so getan haben würden.

Dünnes Gebüsch (3)

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Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Sein Meister hat ihn zwischen zwei Stämme gebunden.

Junge, schlanke Bäume. Jünger als er.

Er ist nackt. Bis auf die Stiefel und graue Strümpfe. Einige Meter entfernt, als ordentlicher Haufen auf einem Rucksack, liegt seine Wäsche.

Bist jetzt ist nichts passiert.

In diesem Teil des Parks sind die ausgetretenen Wege schmal und nicht sehr zahlreich. Die Männer streifen durch die dichte Laubschicht auf der Suche nach neuen. Sie gehen halb vorsichtig, tastend, halb wühlen sie die Blätter auf, um ihren Schritten einen souveränen Charakter zu geben. Dadurch entsteht dieses schrapp-schrapp-schrapp, das das Mondschattenraster des Waldes wie ein Netz von Signalen durchzieht, und dass so Viele sich so weit von den Gruppen wegbewegen, muss an der Sicherheit liegen, in der Hörenkönnen Menschen wiegt.

Eine etwas trügerische Sicherheit. Ab und zu hört man einen umkehren.

Es ist immer noch nichts passiert.

Der Angebundene wirkt klein. Drahtig. Trainiert, wenn auch ohne jene letzte Konsequenz, die einen Körper aus seiner gewachsenen Form in etwas Idealähnliches hebt. Unter der tätowierten Haut bleibt eine feine weiche Schicht wie ein symbolisches Reservoir der Trägheit. Das Spiel der Schultermuskeln, als er an den Seilen zerrt, gerät zugleich zu einer Pantomime dessen, was am Körper immer bloß herabsinken will und endgültig unten bleiben. Seine Beine sind wirklich sehr kurz.

Der Meister trägt Leder. Eine mehrschichtige Kombination, von der das Mondlicht nur die Kanten, Säume, Nähte und Reißverschlüsse erhellt. Etwa vier Meter hinter seinem Sklaven steht er. Er zieht an einem Zigarillo.

Nichts passiert.

Schwerer und mächtiger als der einer Zigarette, aber ohne die dickblättrige Süße von Zigarrentabak, verbreitet der eigentümliche Geruch des Rauches sich zwischen den Stämmen.

Jemand in einer glänzenden Bomberjacke tritt von vorn dicht an den Sklaven heran.

So weit das seine Fesseln erlauben, schiebt der Sklave sich ihm entgegen.

Der Meister rührt sich nicht. Das Ende seines Stumpens glüht auf, und man hat das Gefühl, dass er besonders langsam, besonders gleichmäßig einatmet, um jeden Verdacht auf eine Erregung gleich vorweg zu bestreiten.

Der Hinzugetretene mustert den Sklaven. Wäre es eine andere Situation, würde ich sagen: sie stecken die Köpfe zusammen. Ein irgendwie kritisches Dunkel verschluckt, was an der Brust probiert wird. Vielleicht ist es auch gar nichts – als der andere sich abwendet und ebenso verlangsamt davonraschelt, wie der Meister weiterhin raucht, ist der Gefesselte unverändert. Sein wurstiger Schwanz baumelt ohne Vorhaut. Die abgeschnürten Eier scheinen die Hauptsache zu sein. Überhaupt ist für eine Weile das ganze Kollektiv wie abgebunden. Angesteckt von einer Angst, wer sich jetzt normal schnell bewegte, verriete Schwäche, werden alle von derselben Stockung erfasst. Jemand, der mir auf dem sehr schmalen Pfad mitten durch einen Brennnesselstreifen entgegengewankt kommt, fällt fast, weil er die kleinen Rucke, mit denen man aneinander vorbei kommt, vermeidet. Eckiges und Spitzes ist verboten. Ob er es beabsichtigt hat oder nicht – der durch die Asche seines Zigarillos fahrende Atem des Meisters ist hier auf einmal Gesetz.

Nur der Sklave zappelt, wie es ihm gefällt. Und als er damit aufhört, geschieht es aus Müdigkeit oder Langeweile.

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