Freitag, 8. Mai 2009

Ihre Ausbildung

Blackguy


Zu einer Idee durften wir uns besonders gratulieren: sie zu Masseuren ausbilden zu lassen.

Van Flaak war zuerst dagegen gewesen. Er hatte ausgesprochen, was einige im Geheimen weiterhin befürchteten: Wenn sie erst etwas professionell beherrschten, über ein Diplom verfügten, wären die Tage ihres Gehorsams gezählt.

„Qualifikationen machen stolz, Janwillem. Und wer sich etwas einbildet auf das, was er kann...“

„Richtig“, fiel der eierschlürfende Van Wülmen ein, dessen hagere, an einen leeren Fahnenmast erinnernde Gestalt niemals jemand anders als in dem Feinripphemd mit den gelben Flecken gesehen hatte. „Stell dir vor, sie haben zu diesen...Körpern auch noch die Technik. Und die Selbstgewißheit. Sie ahnen doch jetzt schon, daß sie – daß sie uns mit ihrer superb modellierten Rückenmuskulatur... “

„Geben wir ihnen niemals einen Vertrag“, unterbrach Dr. van Hommelen den stockenden Beschreibungsversuch. „Was sie können, was sie wissen, was sie von sich selbst denken – das spielt kein Rolle, solange keiner von ihnen ein Dokument in der Hand hält, das ihm seinen Status schwarz auf weiß bescheinigt.“

Ich pflichtete ihm bei. Wie die meisten meiner kultivierteren Bekannten begann mich unsere Herrschaft zu langweilen. Es war reizlos, sie im Morgengrauen auf die Plantagen zu jagen, wenn da nicht ein kaltes Lüftchen Angst den Nacken hochkroch, während man sich im Bett umdrehte, um weiterzuschlafen. Ich pflegte gegen zehn aus einem wirren flachen Halbschlaf zu erwachen, den Geruch von Hundekot im Mund und das schweißnasse Laken, das ich anstelle einer Decke benutzte, bis über die Schenkel zurückgeschlagen. Ich blieb mindestens eine Viertelstunde so liegen und wartete, ob irgendetwas passierte. Ich stellte mir vor, daß Mowo, unser Hausboy fürs Grobe, in der offenen Tür stand und mit heruntergelassenen Hosenträgern den klebrigen Spalt zwischen meinen Backen begaffte. Ich packte irgendetwas vom Nachttisch, um es aus dem Fenster zu werfen. Beim Frühstück beschuldigte ich eins dieser Mädchen (sie konnten sich sogar gegenseitig nicht auseinanderhalten), sie habe in meine Müslischale gepinkelt, und ließ ihr mit der siebenschwänzigen Katze die Haut von den Schultern abziehen. Während der endlosen Zeit bis zum Sonnenuntergang pöbelte ich in einem Tonfall herum, der mir selbst albern vorkam. Viel schwieriger als ihren Haß zu bezähmen mußte es für unser Personal sein, nicht in lautes Lachen auszubrechen – diese Einsicht machte meine Trägheit, das Gefühl einer übermächtigen Schlaffheit, das meinen ganzen Körper in einen einzigen Hals zu verwandeln schien, noch schlimmer, noch erbärmlicher, noch mehr zu einem jener hohen schmalen Spiegel, vor die ich mehrmals täglich trat, um mich meiner Nacktheit zu schämen. Erfolglos natürlich auch das.

Daß ich zustimmte, eine Gruppe von ausgewählten Männern für drei Wochen aufs Festland zu einem Massage-Workshop zu schicken – daß van Hommelen und seine Anhänger von mir das eine Votum erhielten, das den Ausschlag hab, es lag einfach daran: Ich hätte anders keinen Monat länger durchgehalten, ohne mich erneut von einem dieser Tiere schwängern zu lassen. Und die Komplikationen beim letzten Mal reichen mir fürs Leben.

***

Als sie den schaukelnden Booten entstiegen, wurden ihre Bewegungen auf unserer Seite mit einem neuartigen Misstrauen verfolgt, das mich in Erregung versetzte. Nachdem jeweils drei oder vier ins flache Wasser gesprungen waren, sich das Tau zuwerfen ließen und den Bug mit Schwung die letzten Meter durch die Gischt den flachen Strand hinaufzogen, stapfte einer nach dem andern mit derselben lässigen Behändigkeit durch den weichen, brennenden Sand, die wir an ihnen kannten. Tänzerisch schwer hatte irgendwer (ich glaube, van Rout) als Ausdruck dafür geprägt. Und wirklich – es war keine Leichtigkeit, nicht wie das Trippeln unsrer Mädchen beim Ballettunterricht oder die virtuosen Hüpfer von van Pemmel und van Tannel, wenn sie mit ihren Autowäschern Tischtennis spielten. Das Geschmeidige ihrer Muskeln schien sich einem Pakt mit der Gravitation zu verdanken, einem geheimen Pakt, den ihre Leiber irgendwann nachts im Schatten eines Teufelsfelsens mit dem Mond geschlossen hatten. Man konnte förmlich sehen, wie der Mond die Meeresmassen über ihren gekrümmten Rücken zusammenschob und sie glitzernd wieder entließ als seine Geschöpfe.

Warum fühlt sich ihre schwarze Haut bei dieser gnadenlosen Sonne kühler an als deine weiße? hatte Hannah, die Tochter van Wülmens, mich einmal überraschend gefragt. Wir hatten beide mit angehaltenem Atem geschwiegen. Mir war unklar, in welchem Zusammenhang sie einen von ihnen angefaßt haben mochte – und warum sie mich anfaßte (sie starrte mich an und ließ nicht wieder los). Die Vorstellung von kalten schwarzen Armen in der Mittagsglut gewann in dieser eigenartigen Situation eine fast schmerzhafte Evidenz. Ich zweifelte keine Sekunde länger daran, daß es so war – daß sie kalt blieben bei ihrer Arbeit, daß der feuchte Glanz ihrer Nacken nur ein Trick war, um uns abzulenken, ein täuschender Schimmer des Mondlichts mitten am Tag. Ich zwang die gesamte Belegschaft, zweimal täglich in einem Bottich mit eiskaltem Wasser zu baden, um ihnen zu demonstrieren, daß ich sie durchschaute. Sie mußten eintauchen und warten, bis das Klappern ihrer Zähne mir zu schnell und regelmäßig erschien, als daß man es hätte vorspielen können.

Niemand jedenfalls bemerkte bei dieser Rückkehr von der Weiterbildung eine Veränderung an ihnen. Später behaupteten die üblichen Besserwisser, an der Art, wie sie fortan beim Antworten den Oberkörper wiegten, wie sie sich selbst während des Überlegens mit den Fingerspitzen in die feinen Fettpolster schnippten, die bei entspannter stehender Haltung hinten im Becken auftreten – an der Art vor allem ihres Lachens hätte man es wissen können, hätte denn jemand es wissen wollen. Aber nachträgliche Warnungen gehören immer dazu, wenn es darum geht, Geschichte zu machen. Eine Zeitlang wurde es sogar zu einem beliebten Spiel, in irgendetwas Beispiellosem die ersten Zeichen der bevorstehenden Revolution zu erkennen.

Monsignor van Ralf kam eines Vormittags zum Beispiel zu uns in den Laden gelaufen und berichtete mit hochrotem Kopf und fuchtelnden Händen, Gowo, sein Toilettenboy, einer der Auserwählten, habe auf Lateinisch In nomini Satani gemurmelt, während er ihm mit seinen Riesendaumen das geplagte Steißbein massierte.

Der Priester schien völlig außer sich. Er war offenbar geradewegs vom Massagetisch aufgesprungen, hatte das spärliche weiße Haar wirr in der Stirn und von den zahllosen Knöpfen seiner Soutane kaum ein Drittel geschlossen. Seine Erklärungen wirkten konfus, und je gründlicher wir nachfragten, desto heftiger verwickelte er sich in Widersprüche: Nein, Gowo habe die ketzerischen Worte rückwärts gesprochen, und er habe seine Stimme dabei so weit gesenkt, daß es gegenüber einem schläfrigen Patienten als Räuspern hätte durchgehen können – aber als Geistlicher verstehe er Latein auch von hinten nach vorn, und der Name Satans („Natas...“, murmelte ich) sei für einen Gottesmann in jeder Lautstärke wie ein durchdringender, markerschütternder Schrei.

Wir gaben ihm eine Tüte mit kandierten Ingwerstücken zum Naschen, was sehr dazu beitrug, ihn zu beruhigen. Daß er in drei andere Geschäfte in demselben Aufzug und mit derselben Entrüstung hereingestürzt war, machte die Sache zu einer liebenswerten komischen Anekdote. Es kursierten mehrere ähnliche Anekdoten. Die Menschen genossen den neuen Servicestand, auf den das Ausbildungsexperiment unser Städtchen gehoben hatte. Sie genossen, und da es ihnen schwerfiel, von ihrem Genießen zu sprechen (wer es doch versuchte, kam über wohlige Geräusche wie Aaaaah oder Uhuhuhuuu nicht hinaus), erzählten sie Geschichten, die den verbreiteten Ängsten irgendein phantastisches Gesicht verliehen. Ich selber dachte mir ein paar solcher wirklich grauenhaften Geschichten aus, behielt sie aber für mich.

***

Dann gab es eine Anekdote, bei der mir das Lachen verging.

Ich erfuhr sie an einem Sonntag. Der Rest der Familie war wie üblich zum Gottesdienst aufgebrochen, und für die ungestörte Stunde, die uns das bescherte, bestellte ich Nuwo nach oben ins Schlafzimmer, um die Zeit für eine Reflexzonenmassage zu nutzen. Unter allen Massagen, die wir ausprobiert hatten, war mir die Reflexzonenmassage die liebste.

...

Freitag, 6. März 2009

Wie sie mit mir lebte

damaskus


Seither empfinde ich es als besonders unheimlich, für andere eine bleibende Erinnerung geworden zu sein. In sechs oder sieben Fällen ist das wieder passiert. Womöglich noch öfter, ohne dass ich es bemerken wollte – oder wo die Verdrängung im Anschluss besser gelang.

Ich spreche selbstverständlich nicht von denen, für die ich der Geliebte gewesen bin. Dass man im Leben seiner ehemaligen Partner einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, dass die eigenen Worte, Gesten, körperlichen Tics, ein Schlafgeruch oder so etwas wie ein eigenartiges Schmatzen beim Küssen im Gedächtnis der Verlassenen haften, sich in den Fasern ihrer neuen Beziehungen irgendwie mit weiter bewegen (und, wahrscheinlich, ihren Sinn verändern), das erscheint mir nur zu verständlich, das dürfte niemanden überraschen. Schließlich gibt es dieses Unvergessliche auf beiden Seiten, meistens jedenfalls. (Und wenn nicht – beweist das nicht nur, dass ihm, dem angeblich alles entfallen ist, der Mut fehlt, um sich zu erinnern: dass ihm das Gewesene zu viel bedeutet, als dass er die Kraft aufbrächte, sein Gedenken auf ein paar Details zu beschränken?) Was ich meine, ist etwas ganz anderes. Es ereignete sich nach meiner Premiere in der Kampnagelfabrik im September 1993.

Nach Damaskus, ein Traumspiel von August Strindberg – selten aufgeführt, und es war uns, glaube ich, geglückt, diese lange Reise eines Fremden in das Zentrum seiner Schuld (und auf demselben Weg zurück) in suggestiven, starken Bildern in Szene zu setzen. Um das Zeitgefühl des Publikums von der Normalität wegzurücken, hatte ich alle Bewegungen auf der Bühne langsamer oder schneller gemacht: Ein Bettler schleifte seinen platten, wie von einem Riesenfuß zerquetschten Unterleib in quälend gedehnten Zügen über einen sandigen Kirchplatz, während er über das Auseinanderfallen der Mittagsstunde lamentierte. Die Schwester eines Arztes trippelte mit akrobatischer Geschwindigkeit auf flaschenhohen Stöckelschuhen (den Hochzeitssandaletten meiner Mutter). Eine Alte, die ihr Leben über eine Waschschüssel gekrümmt verbrachte, fand sich von ihrer wild gestikulierenden Tochter umschwirrt. Gottesdienstbesucher rannten atemlos nach Hause, ein Leichenzug marschierte in eisernem Gleichschritt mitten hindurch.

Ich selbst hatte am Rand der zweiten Reihe gesessen und die Aufgabe des Souffleurs übernommen. Unser Budget erlaubte keinen echten, und da ich als Regisseur praktisch alle Rollentexte auswendig kannte, blieb mir nichts übrig, als dem Vorschlag meiner Assistentin Sara mit ihrem unwiderstehlichen Gespür für das Machbare zu folgen. Die Vorstellung war aber vollkommen glatt gegangen. Ohne ein einziges Mal laut werden zu müssen, hatte ich das Stück innerlich mitgesprochen, und vielleicht deshalb hatten sich die extremen Rhythmen der Sprache, die Verzögerungen und Beschleunigungen, die meine Anweisungen über Strindbergs Sätze verhängten, mir besonders eindringlich mitgeteilt. Der mehr als freundliche Applaus reichte nicht aus, um diese Wirkung zu unterbrechen. Als ich nachher im Foyer am Bartresen lehnte, die Gratulationen von Bekannten und Unbekannten entgegennehmend, nickend, ein paar herzliche Repliken murmelnd, vor allem wartend, dass J. F., der Intendant des T-Theaters, mit seiner Chefdramaturgin und seinem Bühnenbildner sich zu mir herüberbemühte – da hatte ich das Gefühl, mit sehr, sehr schleppenden Schritten auf ein draußen im Regen stehendes Pferd zuzulaufen.

Das Pferd war der einzige Regieeinfall, den ich schließlich nicht hatte durchsetzen können. Tiere auf der Bühne sind unberechenbar, wie Sara zutreffend einwandte, oder wenn sie es nicht sind, sehen sie zahm und unsäglich doof aus. Das Bild des Pferdes kam daher nicht unerwartet, aber dass es sich in seinem Kranz aus prasselnden Tropfen so natürlich bewegte, dampfend Luft aus beiden Nüstern stieß, die Mähne schüttelte, mit der Schwanzspitze eine spätsommerliche Mücke verscheuchte, wohingegen es mir unmöglich war, schneller voranzukommen, meine Beine in diesen Bleistiefelschritten gefangen blieben, außerstande, zu der lässigen Natürlichkeit des Tieres aufzuschließen – das versetzte mich in eine plötzliche Gereiztheit, eher schon Wut, und meine wutverzerrte Grimasse muss bei Stefanie den enthemmenden Schock ausgelöst haben. Obwohl sie eben nicht deren Ursache war.

Stefanie fragte, ob ich lieber ungestört sein wolle.

Ich sagte: „Grundsätzlich ja, aber du störst nicht. Hallo. Wir haben uns eine halbe Ewigkeit nicht gesehen.“

„Es sind drei Jahre und acht Monate her“, erwiderte sie.

„Hast du dir das Stück angesehen?“ fragte ich. „Danke. Fürs Kommen.“

Sie beglückwünschte mich zu der Inszenierung mit einem kurzen, die Nackenwirbel vorschiebenden Nicken. Dann schmunzelte sie breit, als sei sie froh, das hinter sich gebracht zu haben.

Aber das hatte sie nicht. Irgendetwas bewog sie, noch einmal neu anzusetzen. Es begann wiederum mit einem Kompliment – sie lobte die große Schlüsselszene im Kloster, das Kostüm der Äbtissin, ihre klaffende Kutte, die den Zuschauern einen steinernen, von grauen Falten und Geschwüren übersäten Rücken präsentierte.

„Es ist angelehnt an eine barocke Allegorie der Zeit“, erklärte ich. „Oder geklaut, wenn du so willst: Die Vorderseite der Zeit zeigt das schöne Gesicht einer jungen Frau. Ihre Kehrseite dagegen sind Verfall, Krankheit, Altern und Tod.“

„Ich weiß“, sagte Stefanie. „Ich bin Kunsthistorikerin. Schon vergessen?“

„Ich hoffe, du warst es nicht, die mich auf das Foto mit der Zeitskulptur aufmerksam gemacht hat“, versuchte ich einen Scherz, der aber wenig erreichte. Also kramte ich in meinem Gedächtnis und förderte alles zutage, was ich von ihr und unsern paar Begegnungen noch wusste: „Es ist jammerschade, dass du nicht auch ans Theater gegangen bist. Wir beiden auf den Treppenstufen des Rheinhardt-Seminars in diesem grauenhaft verkitschten Schönbrunn, beim Warten auf das Urteil nach der letzten Runde der Aufnahmeprüfung. Wir waren beide so glücklich, dass sie uns nicht genommen haben.“

„Mich zurecht nicht“, entgegnete sie.

„Und das Zufallstreffen in der Hafenbar...“

„...war nicht ganz so zufällig. Du hattest in Wien erwähnt, dass du da gern hingehst.“

„Waren wir nicht auch später mal zusammen in meinem Apartment?“

Sie nickte.

„In der Parallelstraße? – Was für ein Name!“

Sie nickte.

„Und wir haben, warte..., die Kastrierten Philosophen gehört!“

Sie nickte lächelnd.

„Love Factory. Mit dem grandios deprimierenden Elvis-Cover.“ Ich hörte mich singen. „Feeling so lonely, baby. Feeling so lonely, baby. I could die.“

Der zweite Dramaturg vom T-Theater hatte sich drüben zu seinen Kollegen gesellt. Er grüßte in seiner verklemmten Art aus der Ferne, blätterte, ohne hineinzuschauen, im Programmheft, das größtenteils aus meinen Bühnenbildskizzen bestand.

„Du hast darauf bestanden, dass wir diese Platte hören. Du meintest, etwas anderes käme gerade nicht in Frage.“ Sie folgte meinem Blick und identifizierte die prominente Gruppe. „Du weißt immer sehr genau, was du willst.“

„Och, nein – im Theater. Im Leben keineswegs...“

Doch von da ab stürzte unsre Unterhaltung wie eine Gerölllawine in einen Abgrund. Einen Abgrund, der nur existierte, weil diese Lawine irgendwohin fallen musste. Ein aus dem Reflex geborener Abgrund, aber für mich wurde er binnen weniger Sekunden ebenso real wie für sie.

Stefanie machte erst Anstalten zu gehen – sie packte den Riemen ihrer Umhängetasche, zerrte einen Autoschlüssel daraus hervor. Sie flüsterte: „Ich sollte nicht in deiner Nähe sein, das ist gar nichts für mich“ – und drehte sich um. Doch dann sprudelte es auf einmal aus ihr heraus, ohne dass ihr flüchtender, mit allen freien Gliedern weg wollender Körper etwas dagegen ausrichten konnte: Wie sie seit drei Jahren und acht Monaten unausgesetzt an mich dachte. Wie sie meinen arroganten Jungencharme vergötterte und mich für mein beiläufiges Nettsein hasste. Wie meine Erfolge ihre Selbstachtung zerstörten. Wie sie beim Betrachten meines Bildes in der Taz masturbierte. Wie sie ernsthaft geplant hatte, mich wegen Vergewaltigung anzuzeigen, nur um ein Zeichen dieses verdammten Schmerzes hervorzubringen, den meine Missachtung ihr eingepflanzt hatte. Wie sie jeden Tag dasselbe Gespräch neu mit mir führte, nach den richtigen Worten suchte, die den Ausgang abändern würden.

„Ich glaube, meine dumme kleine Bemerkung über Robert Wilson hat damals die erotische Stimmung zerstört. Meinst du nicht? Dabei sollte es ein Scherz sein. Danach warst du rätselhaft nüchtern und desinteressiert...“

Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, dass ein Teil von mir aus der Zeit ihres Lebens bestand. Bewusst ist das falsche Wort – ich spürte diese Zeit leibhaftig in meinen Geweben vergehen, spürte, wie sie Eigenschaften an mir zum Verschwinden brachte, andere verwischte und noch andre mit der Knochenhärte einer fest geballten Faust umklammert hielt. Nicht ich, sondern sie da würde diesen Teil von mir ruinieren – sie würde ihn hinaus in den Regen schleifen, ihn durch Städte und Wüsten zerren, ihn abnutzen, ihn krank machen, ihn zu Tode pflegen und sich mit ihm begraben lassen. Als Stefanie endlich doch, als eine der letzten, die Premierenparty verließ, konnte ich mich selbst, den rätselhaften gleichgültigen Zwilling, an ihrer Seite durch das Fabriktor hinaushumpeln sehen. Mein linkes Bein schien mit ihrem rechten verwachsen. J. F., der uns beobachtet haben musste, zwinkerte mir durch seine dicken Brillengläser verschwörerisch zu. Er war ein alter Hase. Er schien solche Abgänge zu kennen.

Samstag, 10. Januar 2009

Dünnes Gebüsch (5)

AYOR_02_Siegessaeule

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Weil er darum gebeten hat, habe ich angefangen, ihn zu treten. Weil er verlangt hat, dass ich mich nicht beirren lasse, wenn er versucht, mir einzureden, es sei genug, höre ich nicht damit auf.

Wir sind hier da, wo ich mich allein niemals hingetraut habe – am oberen Ende des Flüsschens, oberhalb selbst der oberen Brücke, auf einem Stück Pfad, das von der Brücke vielleicht bis zu jener Stelle führt, wo das Flüsschen in den Kanal mündet, wahrscheinlich aber vorher abbiegt, wohin auch immer. Wäre er nicht einem andern hinterhergegangen, wäre ich ihm nicht gefolgt. Es war dieser Dritte, der das hier möglich gemacht hat, ein Zufälliger, einer von denen, durch deren Kommen und Gehen die Vorsehung Dinge einfädelt. Er war dann hinter zwei sich aneinander reibenden Birken verschwunden und hatte seinen Leib in einen sauerscharfen Geruch aufgelöst.

Zuerst wollte er, dass ich mich auf seinen Bauch stelle. Er schob das Hemd hoch und machte die Hose auf wie beim Arzt. Obwohl er nicht dick war, wackelte es, und ich musste um mein Gleichgewicht kämpfen. Mag sein, dass es nur dazu diente, mich wütend zu machen. Je länger ich trete, desto besser verstehe ich, was für ein genialer Stratege er ist: jemand, der den Kontrollverlust mit der Präzision eines Schachgroßmeisters herbeiführt.

Sein Überraschungszug, als mir irgendwann doch Skrupel kommen, ist das schwule Äquivalent eines Damenopfers. Er dreht sich so überraschend um – ich rutsche ab und wäre gefallen, geht auf alle Viere wie ein Hündchen, wackelt mit dem Arsch und fordert mich auf, ihm mit voller Wucht in die Eier zu treten, bis nichts Männliches mehr übrig sei. Er nennt das Geschlechtsumwandlung. Er zeigt zwischen den gespreizten Beinen durch und sagt: „Mach das weg!“

Über das nachtglatte Wasser trippelt das Knirschen der oberen Brücke wie ein Schwarm hässlicher, aber leichtfüßiger Tiere. Es ist eine Hängebrücke, federnd. Wenn Männer auf und ab laufen, um einander im Mondschein aus dem Augenwinkel zu bewerten, entsteht jedes Mal so ein Schwarm.

Freitag, 28. November 2008

Dünnes Gebüsch (4)

AYOR_04_Maerchenwald

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Ein Urinstrahl schwappt dampfend durch die Kälte. Der Morgen kommt.

Das erste Violett an den Rändern der Blätter hat noch kaum Kraft. Aber man ahnt, wie sich etwas verändert. Das Warten verliert seinen Sinn.

Das gute Dutzend Männer, das noch hinter dem Unterstand herumstreicht, wird von dem einsickernden Licht überrascht. Und wie Vampire bei der Berührung mit dem Tag zu Asche verbrennen, glüht auf ihren Schatten das Phantastische weg. Zurück bleiben Halsbänder, schwule Frisuren, mit Bartstoppeln gespickte Kinne, Hände in Jeanstaschen, mehrere Sorten von Karos, blutunterlaufene Augen.

Ein kreidesaurer Schweißgeruch umweht die Drei, von denen einer pisst, einer an den Wurzeln einer Buche hockt und den Mund aufsperrt, einer wichsend daneben steht und den Schluckenden spielerisch tritt.

Das wird vielleicht das Letzte gewesen sein, was sich für heute ereignet. Die anderen kommen näher, wie man etwas zugibt und es lieber direkt tut.

Der Schluckende ist der jüngste von allen. Mitte zwanzig. Das kurz geschorene Haar ohne dünnere Stellen. Sein Adidas-Tshirt und seine Turnhose werden nass. Fußballstrümpfe bis zu den Knien, sie kriegen ein paar Sprenkel ab. Und gar keine Schuhe: die dreckigen aufgerissenen Strümpfe – er ist die ganze Nacht so herumgelaufen...

Ich kriege einen Steifen.

Sein Gesicht gehört zu denen, die unfreiwillig immer ein bisschen ironisch dreinblicken. Es liegt an der Oberlippe. Oder am Mundwinkel. Oder der Stellung der Augenbrauen: dichte, haselnussbraune, wie mit der breiten Schönschreibfeder gedrückte und dann gezogene. Mit den geschlossenen Lidern das Schönste an ihm.

Während der Zweite die letzten Tropfen abschüttelt, ist der Dritte zum Organisator geworden. Er streckt die freie Hand nach denen aus, die nahe genug sind. Einer lässt sich von ihm die Hose aufmachen. Ein Weiterer macht es selber. Ein Kreis bildet sich. Dann ein Klumpen.

Am Wanderweg, in dem engen Bretterverschlag, hält die Nacht sich am längsten. Selbst in stockfinsteren Nächten ist es hier drinnen noch schwärzer, ein Darkroom mitten im Park, und die atembare Nähe des rauen, firnissgetränkten Holzes, der von den Tritten vibrierende Dielenboden, die Kanten der aus rohen Klötzen gezimmerten Tische, an denen Spaziergänger bei Regen belegte Brote verzehren – dieser ganze Kasten voll Materie, aus dem das Dunkel besteht, verleiht jeder Bewegung hier eine eigenartige Übergröße: als hätte man zwei oder drei Mal so viel Körper und ragte mit Armen, Knien und Haarspitzen zwei oder drei Mal so weit in den gemeinsamen Raum mit den andern hinein.

Die Ältesten und Hässlichsten unter den Cruisern machen sich dieses schwer kontrollierbare Wachstum der Leiber zunutze. Der Unterstand ist ihr Domizil. Wer unter das Dach taucht, muss darauf gefasst sein, von ledernen Händen in Beschlag genommen zu werden, Händen, die keine Scheu kennen, die alle Zurückhaltung abgelegt haben, deren Leben aus trial and error besteht. Es geht direkt an die Hose. Lediglich die Aftershaves und Duftwässerchen wirken wie eine Entschuldigung für das, was sie jetzt mit mir tun und mit jedem andern genau so getan haben würden.

Dünnes Gebüsch (3)

AYOR_03_Grunewald

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Sein Meister hat ihn zwischen zwei Stämme gebunden.

Junge, schlanke Bäume. Jünger als er.

Er ist nackt. Bis auf die Stiefel und graue Strümpfe. Einige Meter entfernt, als ordentlicher Haufen auf einem Rucksack, liegt seine Wäsche.

Bist jetzt ist nichts passiert.

In diesem Teil des Parks sind die ausgetretenen Wege schmal und nicht sehr zahlreich. Die Männer streifen durch die dichte Laubschicht auf der Suche nach neuen. Sie gehen halb vorsichtig, tastend, halb wühlen sie die Blätter auf, um ihren Schritten einen souveränen Charakter zu geben. Dadurch entsteht dieses schrapp-schrapp-schrapp, das das Mondschattenraster des Waldes wie ein Netz von Signalen durchzieht, und dass so Viele sich so weit von den Gruppen wegbewegen, muss an der Sicherheit liegen, in der Hörenkönnen Menschen wiegt.

Eine etwas trügerische Sicherheit. Ab und zu hört man einen umkehren.

Es ist immer noch nichts passiert.

Der Angebundene wirkt klein. Drahtig. Trainiert, wenn auch ohne jene letzte Konsequenz, die einen Körper aus seiner gewachsenen Form in etwas Idealähnliches hebt. Unter der tätowierten Haut bleibt eine feine weiche Schicht wie ein symbolisches Reservoir der Trägheit. Das Spiel der Schultermuskeln, als er an den Seilen zerrt, gerät zugleich zu einer Pantomime dessen, was am Körper immer bloß herabsinken will und endgültig unten bleiben. Seine Beine sind wirklich sehr kurz.

Der Meister trägt Leder. Eine mehrschichtige Kombination, von der das Mondlicht nur die Kanten, Säume, Nähte und Reißverschlüsse erhellt. Etwa vier Meter hinter seinem Sklaven steht er. Er zieht an einem Zigarillo.

Nichts passiert.

Schwerer und mächtiger als der einer Zigarette, aber ohne die dickblättrige Süße von Zigarrentabak, verbreitet der eigentümliche Geruch des Rauches sich zwischen den Stämmen.

Jemand in einer glänzenden Bomberjacke tritt von vorn dicht an den Sklaven heran.

So weit das seine Fesseln erlauben, schiebt der Sklave sich ihm entgegen.

Der Meister rührt sich nicht. Das Ende seines Stumpens glüht auf, und man hat das Gefühl, dass er besonders langsam, besonders gleichmäßig einatmet, um jeden Verdacht auf eine Erregung gleich vorweg zu bestreiten.

Der Hinzugetretene mustert den Sklaven. Wäre es eine andere Situation, würde ich sagen: sie stecken die Köpfe zusammen. Ein irgendwie kritisches Dunkel verschluckt, was an der Brust probiert wird. Vielleicht ist es auch gar nichts – als der andere sich abwendet und ebenso verlangsamt davonraschelt, wie der Meister weiterhin raucht, ist der Gefesselte unverändert. Sein wurstiger Schwanz baumelt ohne Vorhaut. Die abgeschnürten Eier scheinen die Hauptsache zu sein. Überhaupt ist für eine Weile das ganze Kollektiv wie abgebunden. Angesteckt von einer Angst, wer sich jetzt normal schnell bewegte, verriete Schwäche, werden alle von derselben Stockung erfasst. Jemand, der mir auf dem sehr schmalen Pfad mitten durch einen Brennnesselstreifen entgegengewankt kommt, fällt fast, weil er die kleinen Rucke, mit denen man aneinander vorbei kommt, vermeidet. Eckiges und Spitzes ist verboten. Ob er es beabsichtigt hat oder nicht – der durch die Asche seines Zigarillos fahrende Atem des Meisters ist hier auf einmal Gesetz.

Nur der Sklave zappelt, wie es ihm gefällt. Und als er damit aufhört, geschieht es aus Müdigkeit oder Langeweile.

Sonntag, 2. November 2008

Dünnes Gebüsch (2)

AYOR_07_Zitadellpark

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Er kniet auf dem Felsbrocken, hat seine Jeans bis auf die Knie heruntergelassen. Er reckt den Arsch in die Luft.

Wäre es dunkel gewesen, hätte man sagen können: er hält ihn hin. Und er hätte dann wahrscheinlich mehr Erfolg gehabt.

Es ist erst kurz vor acht. Auf der Straße sind Besucher, die in den Filmpalast strömen. Die Helligkeit des Sommerabends lässt das seltsam widersinnig erscheinen. Ich denke, dass der Film, in den sie wollen, etwas sehr Wichtiges sein muss.

Die Brücke, auf der man von der Bahnhofsseite her die sechsspurige Fahrbahn überquert, sieht auch merkwürdig aus.

Der Typ wackelt nicht mit seinem Hinterteil, was tatsächlich lächerlich wäre. Er kniet still, den Kopf hängend, das orangefarbene T-Shirt mit der Zahl Zwölf in dicken Falten auf den Nacken gerutscht, und wenn jemand zu lange oder zu provozierend vor ihm stehen bleibt, mit der Pose eines Museumsbesuchers, der eine Statue betrachtet, schaut er ihn aus großen brauenlosen Augen an, bis der andere abhaut. Ein Pärchen reißt Witze über ihn. Das ignoriert er. Es scheint ihm weder um Werbung noch ums Irritieren zu gehen. Er weigert sich, der Verfügbarkeit, die sein freigelegtes Loch demonstriert, die passenden Gesten oder Worte hinzuzufügen. Aber er hat auch keine Lust (oder kein Talent), widersprüchlich zu sein.

Ich frage mich, wie dieser große Stein wohl herkommt.

Was macht so ein Stein im Gebüsch? Die Ecke, gebildet aus der Rückwand des Kinos und dem Bahndamm, wo Züge zwischen Hauptbahnhof und Dammtor hin und her rattern, ist niemals dazu gedacht gewesen, dass Menschen sich einfinden. Außer im Winter, wenn die Äste kahl sind und der schmale, sich einen flachen Hang hinabziehende Hain vor Armut transparent wird, wäre sein Inneres für einen Passanten, der im Park auf einem der angelegten Wege spazierte, niemals zu sehen. Kann es sein, dass der Architekt das tonnenschwere Ungetüm für diesen kurzen, aus dem Augenwinkel kullernden Effekt hat herbeischleppen lassen: Plötzlich – aufgeschreckt durch etwas Fremdes in der Öde einer matschfarbenen Februarlandschaft, bleibt der Blick an diesem Menhir hängen – und der Menhir, wie durch Zauberwort dort abgelegt, scheint in der Waagerechte über der schrägen Erde zu schweben?

Jemand traut sich, den Arsch zu inspizieren. Schnell haben sich Fünf oder Sechs hinter ihm versammelt. Ich gehe auch hin.

Er ist rasiert. Nicht überraschend (aber in diesem Fall etwas enttäuschend). Die Rosette sieht normal aus. Wer von uns eine extreme Öffnung erwartet hatte, für den schweigt sie.

Wo ich einmal den Abstand überwunden habe, gehe ich um den Stein mit dem Mann drauf herum.

Für einen Augenblick überkommt mich die Erinnerung an die Flüstergalerie im Dom von St. Pauls, wo man ein leise gesprochenes „Fuck!“ von der andern Seite über dreißig oder vierzig Meter hört, als gehe der andere direkt neben einem. Ich muss dort dreizehn oder vierzehn gewesen sein. Das Absurde war, dass keiner von den Touristen es wagte zu flüstern. Wissend, was mit ihren zu privaten Stimmen passieren würde, lachten sie entweder oder husteten oder riefen ihre Kumpane wie in einer überfüllten Bahnhofshalle (worauf noch mehr und noch lauteres Lachen folgte). Die Stille um den Mann auf dem Stein hat entfernte Ähnlichkeit mit jener Stille. Es war gar keine richtige Stille. Aber doch Stille. Und sie hätte nicht sein sollen. Und hier ebenso, obwohl der Mann sie vielleicht heimlich genießt.

***


Wochen später, nachdem ein Regenschauer eben lange genug aufgehört hat, damit ein Abstecher sich lohnen könnte, sehe ich zufällig mit an, wie jemand denselben Mann fickt.

Mit Gummi. Der Türke, der aussieht, als ob er hier seine Mittagspause verbringe, bedauert vielleicht schon, sich darauf eingelassen zu haben. Der andere hat die Stirn auf die gekreuzten Unterarme gelegt, so dass seine Mimik versteckt bleibt.

Außer mir und ihnen ist niemand hier, und mir kommt es vor, als ob ich ihrem Treiben Sinn gebe: ein Zuschauer. Der Fickende, ein untersetzter Kerl mit dickem Brusthaar (er hat den Saum des Hemdes irgendwie festgesteckt), streckt den Bauch vor und versetzt seinem Partner einen neckischen Klaps, der mehr Ärger verrät, als er will. Er gibt sich Mühe, einen Rhythmus zu halten, ihn allmählich zu steigern.

Als zwischendurch seine Spannung nachlässt, nickt er mir zu und ruft: „Fick die Sau doch ins Maul!“

Ich bin unschlüssig. Im Grunde würde ich ablehnen.

Der Türke schenkt mir ein gequältes Lächeln.

Um den Mund zu mustern, muss ich das Kinn hochheben. Es ist schlecht rasiert, an einer Spitze glatt, daneben voller Stoppeln. Es gibt einen nachgiebigen Pickel. Da keine Reaktion erfolgt, drücke ich die Lippen mit zwei Fingern auseinander. Wie man ein Pferd auf einer Auktion prüft oder wie das Klischee davon.

„Ja – ja – ja – ja...!“

Er hat uns beobachtet. Er bringt sich in Fahrt. Anscheinend reicht ihm das schon. Ich warte.

„Geil – !“

Es dauert nicht lang, bis er kommt. Der krause Bauch wabbelt unter den Stößen.

Sein Gesicht glänzt, als er das Condom abzieht, wie bei der Karikatur eines Schlemmers, dem der fettige Dampf des Bratens das selige Lächeln poliert. Aber auch ich spüre die Nässe der Regenluft auf der Stirn und die mikroskopischen Veränderungen in meinen Haaren, die bewirken, dass sie sich kringeln.

Montag, 27. Oktober 2008

Dünnes Gebüsch (1)

AYOR_06_Zitadellpark

Foto: Jan-Holger Mauss, »AYOR«


Er entdeckt mich erst, als ein anderer mit mir fertig ist. Er trägt nur einen Herbstpullover, keine Jacke, und darauf einen Schal. Meine Fingerspitzen zupfen vorsichtig die Haarfransen in seinem Nacken über der straff geknoteten Wolle heraus (je länger wir uns umarmen, desto mehr scheint seine Frisur sich aufzulösen – nicht wie eine Ordnung, die durcheinander gerät, sondern wie eine Illusion).

Er hat ein weiches breites Gesicht, das zum Anschmiegen gemacht ist, und wir stehen lange so Wange an Wange, während er etwas an meinen Gürtelschlaufen versucht und Acht gibt, unten nicht zu schnell zu nahe zu kommen.

Obwohl es dunkel ist in dieser Nacht, erkenne ich das Muster seines Pullovers. Es kommt mir vertraut vor. Ein paar Jahre früher, und ich hätte einen ähnlichen gekauft.

Mehrere bleiben neben uns stehen, warten, ob das, was wir machen, sich öffnen wird. Als es sich nicht öffnet, bleiben sie erst recht stehen, schieben sich heran. Zwischendurch muss ich kichern, weil mein Rücken unten, wo er nackt ist, ihre Blicke spürt und die Mischung aus Neid und Misstrauen etwas Kitzelndes hat.

Was er missversteht – er fragt: „Was?“

So zärtlich wie möglich.

„Was ist?“

Diese hörbare Anstrengung, mich mit der Frage auf keinen Fall zu verscheuchen, ist zutiefst rührend. Ich hätte ihn beinahe geküsst oder tue es ein bisschen.

Nach einer Weile kriecht die Kälte durch die dünnen Jeans. Die Füße tun weh, und ich bin müde. Die Zeit ist ohne Symptome vergangen, solange mein Körper auf den Pfaden der andern hat mitwandern können; jetzt, wo er mich festhält, wird das schwer; meine Hüften kommen mir dünn vor.

Ein Vorüberstrauchelnder klatscht ihm auf den Arsch.

„Ich muss allmählich mal nach Hause“, flüstere ich.

Worauf er erst nicht reagiert.

Als ich kurz davor bin, es zu wiederholen, sagt er: „Nein.“ Leise. Wie ein Kind, das bereits weiß, wie wenig solche Widerworte bringen, aber nicht anders kann als sich zu weigern.

„Doch!“

Mein Lachen macht, dass unsere Brustkörbe einander abstoßen, in kurzen schnellen Intervallen, und als ich ihn wie eine Wiedergutmachung enger an mich heranziehe, fällt mir erst auf, dass er die ganze Zeit steif gewesen ist und die enge Hose fast platzt.

„Entschuldige.“

Jetzt lacht er.

Die restlichen Fragen werden nicht mehr gestellt. Er hätte wissen wollen können, wohin ich gleich gehen werde, wo ich wohne, ob wir nicht vielleicht an derselben Uni studieren, ob wir uns wiedersehen, ob ich öfter hier bin. Ich hätte Ausreden erfinden müssen oder ihn schweigend stehen lassen.

So trennen wir uns in etwas anderem als Schweigen. Etwas Besserem.

Ich gehe wirklich direkt nach Hause, nachdem er weg ist. Das tue ich selten.

Dienstag, 21. Oktober 2008

Haiku (10-21-2008)

Carpet


yellowed thoughts: the new
conference carpet scrunching
under my light step


a.f.

Freitag, 26. September 2008

Asian Stoner Boy


for Jared         

Need to make it to the end of this first line the end
Alone is safe with holes like him holes of black hair non
-Metaphorical holes that smoke although you know them
To be of room temperature, the bright furniture
Sticks queer lights to the tips of his eyelashes
Won’t a flame, if seen through the slit in its core, look like the orchid of
                                                                                          self?
‘Exactly so,’ he says.
Must by all means stay on the same step the contact
‘D be lost were he to trip up higher the higher he
Will go you will go and genitals if any have to wait
Inside the straight argument, the soft monument
Of one-and-a-half fingers at the zipper unfastens
Does the papercut, applied to human nature, not flatten the sex to a
                                                                                          both?
‘Most true,’ he says
As if naked from the waist.
And must seduction, hence, not be a property of the second you doubt?
‘At any rate,’ he says
Just as scraping.
And the beloved, need he not consent to what he cannot know he is?
‚Very well,’ he says
Before he grows tired of
his own end maybe?

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